Montag, 30. Dezember 2013

Radetzky an der schönen blauen Donau

Das Bremer Kaffeehaus-Orchester beim Konzert zwischen den Jahren

Ist es Pop mit Klassik-Appeal oder ist es Klassik mit Pop-Appeal? Auf alle Fälle bot das Bremer Kaffeehausorchester bei seinem Gastspiel im Kloster Walkenried ein umfangreiches Programm mit vielen Schmunzlern. Ein zufriedenes Publikum dankte mit viel Applaus für den Abend mit hohen Unterhaltungswert.
Dabei war der Start durchaus holprig, denn beim Adeste fideles stimmen die Machtverhältnisse im Quintett noch nicht. Johannes Grundhoff galoppiert kraftvoll am Klavier davon, so dass die anderen Mühe haben, ihm zu folgen. Doch schon beim Sleigh Ride von Leroy Anderson fügt sich das Ensemble in Harmonie. Die Querflöte von Klaus Fischer hüpft und tiriliert, dass die kleinen Ponys vor dem Schlitten vor dem geistigen Auge Wirklichkeit werden. Constantin Dorsch bildet dazu mit der Violine die klangliche Ergänzung, die diesem Abend bestimmen wird. Zwei so unterschiedliche Instrumente verschmelzen hier zu einer Einheit, die nicht mehr aufgelöst werden sollte.
Doch derRückschritt kommt schon im dritten Stück. Die Sinfonia aus dem Weihnachtsoratorium klingt flach und lässt jeglichen Höhepunkt vermissen. Gleiches gilt später für das Largo aus Vivaldis Winterepos.
Nur wenige Mitteleuropäer ahnen, wie viel Spaß
eine Vuvuzela bringen kann. Fotos: tok 
Die Stärken des Kaffeehausorchester liegen nicht im Barock, sondern im 19. Jahrhundert aufwärts, in der Verbindung von dem, was sich Hochkultur nennt und Humor und Schmunzeln, Kaffeehaus-Gefühl und leichte Muse halt. Mit dem weltberühmten Tango La Cumparsita ist alles wieder gut, dieHarmonie zwischen Künstler und Publikum wiederhergestellt. Und beim "Honey Pie" der Beatles können die Bremer groß auftrumpfen. Von McCartney und Lennon im Original schon mit jeder Menge Retro-Gefühl ausgestattet, gibt das Kaffeehausorchester noch einmal einen ordentlichen Schuss Ballroom-Feeling dazu und mit wenigen Takten findet sich das Publikum in einem Tanzpalast der 30er Jahre wieder. Es fehlt nur noch die Glitzerkugel unter der altehrwürdigen Decke. Diesen Kunstgriff behrrscht das Ensemble an diesem Abend gleich mehrfach.
Überhaupt scheinen die vier Jungs vom Ufer des Mersey dem Quintett vom Weserstrand sehr zu liegen. Das Kaffeehausorchester legt Seiten der Beatles frei, die man so noch nicht gehört hat. Violine und Querflöte ersetzen den Gesang gleichwertig und es wird deutlich, dass die Werke von Lennon und McCartney der E-Musik in Sachen Komplexität und Anforderung in nichts nachstehen. Damit liegt viel Klassik-Appeal in den Rockklassikern
Eine andere Stärke des Bremer Ensembles ist Wiens Musikwelt des 19. Jahrhunderts, die Walzer und die Polkas. An der schönen blauen Donau gerät zu einer musikalischen Hommage an die Seligkeit und den vergangenen Zauber der K.u.K-Metropole, bei der das gesamte Auditorium im sanften Wogen der Wellen dahinschwelgt. Butterweich und mit Schmäh strömen die Violinentöne von der Bühne und spülen Walkenried für 5 Minuten 30 an die Ufer der Donau.
Zum Schluss gibt es zufriedene Gesichter
 oben und unten, Applaus und Blumen.
Der Polka-Leidenschaft wird an diesem Abend gleich dreimal gehuldigt. Einmal mit Johann Strauss und zweimal mit Gustav Maria Bachpelz. Nie gehört? Es ist ein Pseudonym und dahinter verbirgt sich eben Constantin Dorsch. Seine Vuvuzela-Polka ist sicherlich eines der frechsten Stücke, das Männer im Frack spielen. Mitteleuropäer könnten sich bisher gar nicht vorstellen, welche Virtuosität mit diesem Instrument möglich ist und wie viel Spaß damit verbunden sein kann.
Die Zugabe bringt noch einmal die Beatles und den Beweis, dass das Kaffehaus-Orchester vielleicht die beste Cover-Band der Welt. Es hat ihnen aber wohl niemand gesagt. Bei "Hey Jude"wird dann richtig abgerockt. Johannes Grundhoff darf  seinen präzisen Anschlag und seine Dynamik zu Geltung kommen lassen und Gero John beweist endlich, dass an diesen Abend auch ein Cello mit dabei war.
Im Wiener Kaffeehaus-Jargon bezeichnet man die Mischung aus Heißgetränk, Milch und Zucker als Melange. Diese musikalische Melange war sicherlich nicht reizarm, mundete aber trotzdem.



Mehr Informationen zum Kaffeehausorchester hier.

Die Kreuzgangkonzerte in Walkenried

Sonntag, 22. Dezember 2013

Planeten ohne Zentralgestirn

Eine zeitlose Möwe im Deutschen Theater Göttingen

Fast 120 Jahre liegt die Uraufführung von Tschechow Stück zurück. Als Situationsbeschreibung des  spätzaristischen Russland konzipiert entlockt Mark Zurmühle bei seiner Neuinszenierung von "Die Möwe" dem Werk auch Aussagen zur Zeit. Desorientierung tötet. Sie frisst Seelen auf und sie tötet auf allen Ebenen.
Na, da hat sich ja eine feine Gesellschaft zusammengefunden. Wie in all den Jahren zuvor treffen sich auch in diesem Sommer Freunde und Verwandte auf dem  Landgut von Pjotr Nikolajewitsch Sorin. Zu der illustren Gesellschaft gehören neben dem ehemaligen Gerichtspräsidenten auch seine Schwester Irina Nikolajewna Arkadina und dessen Sohn Konstantin "Kostja" Treplew. Im Schlepptau hat die verwitwete Schauspielerin ihr jüngeren Geliebten, den Schriftsteller Boris Trigorin. Zu den Satelliten dieser Sommergesellschaft gehören noch Mascha Iljewna, Tochter des Gutsverwalter Ilja Schamrajew, Semjon Medwedenko, Lehrer, und Nina Saretschnaja, Tochter eines benachbarten Gutsbesitzers. Landarzt Jewgenij Dorn und Polina Schamrejewa, Frau des Verwalters, vervolllständigen das Teilnehmerfeld. Der Mikrokosmos ist komplett
Kostjas Theaterstück stößt auf Unverständnis
und wird damit zum Auslöser. Fotos: DT/Winarsch
Das Spiel des DT-Ensembles macht deutlich, dass dieses  Team an einem Widerspruch leidet. Jeder ist zur Stelle, aber keiner ist an seinem Platz. Keiner lebt das Leben, das er leben möchte. Sorin muss aus Geldnot auf dem Lande leben, die Stadt bleibt ihm verwehrt. Mit 60 Jahren muss er bekennen, dass er nie Jurist werden wollte, sondern Schriftsteller.  Lutz Gebhardt gibt dieser Melange aus Alterswut, Verzweiflung und Larmoyanz eine glaubwürdige Gestalt. Die multikausale Verhärmung ist ihm ins Gesicht und die Gestik geschrieben. Also projiziert Sorin seine Hoffnungen auf den Neffen Kostja. Immerhin schon 25 Jahre alt, weiß nun gar nicht, wohin es gehen soll, geschweige denn, wo sein Platz ist. Er weiß nur, dass es so und auf diese Art und Weise nicht weitergehen kann. Er möchte Dramatiker werden oder Schriftsteller, auf jeden Fall aber nicht in den alten Bahnen. Doch sein Theaterstück der neuen Form bleibt fleischlos weil es keine wirklichen Personen zeigt, weil das Neue einem hohlen Formalismus verhaftet bleib. Moritz Pliquet verdeutlicht dieses Nicht-Loskommen, dieses Steckenbleiben und er kann glaubhaft vermitteln, dass Kostja  der Zugang zur Realität, zur Welt da draußen verwehrt. Er leidet an seinem Umfeld, dass ihn als eigenständige Person nicht ernst nimmt. Aber er kann außerhalb des Mikrokosmos nicht existieren. Der einzige Entschluss, denn er in Gelassenheit vollziehen kann, ist die Beendigung seiner eigenen irdischen Existenz.
Damit ist Kostja ein Kind seiner Zeit. Die 1890er Jahre im Zarenreich waren eine bleierne Zeit, Jahres des Übergangs. Der revolutionäre Schwung der 1870er Jahre war verschwunden, der Terror der 80er Jahre vorbei, die Narodniki im Exil, im Gulag oder hingerichtet. Die Unruhen der 1900er Jahre, die Revolution von 1905 sind Äonen entfernt. Noch ahnt niemand, dass bald Sturm der Avantgarde durch die russischen Salons gehen wird, dass die russische Kunst einen Innovationsschub erfahren wird, wie es wohl keinen zweiten in der europäischen Kulturgeschichte gegeben hat und innerhalb weniger Jahre vom Mittelalter in die Moderne springen wird.
Auf dem Gut von Sorin (l.) hat sich eine illustre
Gesellschaft zusammengefunden. Foto: DT/Winarsch 
Solche bleiern Zeiten kehren immer wieder, dies ist die zentrale Aussage der Göttinger Inszenierung, das ist die Transferleistung in die Jetztzeit. Zurmühle verzichtet wohlweislich auf eine Zeitbindung, Der leichte Sommerdress ist nicht an Ort und Zeit gebunden, das trug auch die Boheme der 20er und der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, in diesem cremefarbenen Leinen spielte Adenauer Boccia in Cadenabbia. Vielleicht sind wir wieder in solch einer bleiernen Zeit?
Diese Sommergesellschaft adeligen Ursprung steht außerhalb der Regel der Bürgerlichkeit, das ist Boheme. Aber sie hat ihre eigenen Regeln und sie unterliegt ihren eigenen Zwängen und Konventionen. Verletzung auf Gegenseitigkeit gehört dazu. Ich tue dir weh, damit ich mich spüre, bei all dieser Lähmung. Andere Verhaltensmuster lässt die Langeweile und der Grusel vor der eigenen Nichtigkeit nicht zu, ist eine der Kernaussage dieser Inszenierung. Die Regeln bestimmt Irina Arkadina. Ihre Waffe ist die Drohung mit Liebesentzug und mit Eklat, symbolisiert in der vorzeitigen Abreise, genau kalkulierend, dass dies die Sommergesellschaft sprengen, atomisieren würde. Damit ist Angelika Fornell die starke Person in dieser Inszenierung. Sie gibt den Rhythmus vor und sie setzt die ganze Palette von gespielter Ahnungslosigkeit bis hin zu dosierter Bösartigkeit ein. Doch welche Kettenreaktion sie mit dem Eklat zur Premiere von Kostjas Stück in Gang setzt, das übersteigt auch ihr Fassungsvermögen. Selbst diese Ahnungslosigkeit nimmt Angelika Fornell ab.
Die einzige Figur, die als Gegenpol wirkte könnte, ist der Landarzt Jewgenij Dorn. Alle würde ihm gern die Rolle des Übervaters zuschreiben,doch er lehnt dankend. Einst Regelbrecher hat er sich gut eingerichtet in seiner Rolle des anerkannten Freigeistes. Als einziger erkennt er Kostja Talent und er anerkennt es auch als eigenständige Leistung. Aber Orientierung kann er ihm auch nicht bieten oder will er nicht geben. Das würde die eigene Bequemlichkeit beenden. Florian Eppinger lässt diese Figur so lebendig werden, dass man denken mag "Halt, das ist doch mein Nachbar zwei Häuser weiter". Auch das ist der Transfer in die Jetztzeit und dann bewältigt man, wenn man seine umfangreichen Mittel eben auch passend einsetzten kann.
Es scheint, als schlage Sorins
letzte Stunde. Foto: DT/Winarsch
Der stille Star an diesem Abend ist das Bühnenbild von Eleonore Bircher. Sie greift ein Thema weiter, das sie bereits be iShakespeares "Was ihr wollt" angewendet hat: Inseln in einem bühnenweiten See. Standen diese Inseln damals für die Vereinzelung der Akteure, sind sie hier eher die Fluchtburgen der Getriebenen, die sicheren Inseln in einem feindlichen Element. Sie drängen die Akteure zusammen, verstärken im positiven wie im negativen Sinne die Beziehungen zueinander, das direkte Mit-und Gegeneinander, das dem Anderen ausgeliefert sein, das dem Ganzen nicht entrinnen können und wollen. In der Möwe ist der See optisch noch weit bis hinter das Bühnenhaus verlängert. So überwindet die Gestaltung einen scheinbaren Widerspruch: Weite, Leere und Klaustrophobie. Dazwischen steht ein Birkenwald. Ist er Grenze? Ist er Versteck? Er ist vor allem der Ort, in dem die Bedrohung lauert, die Bedrohung in Form von Menschen, die heraufziehen, dich zu umringen.
Fast 120 Jahre liegt die Uraufführung von Tschechow "Die Möwe" zurück. Mit dieser Inszenierung hat Mark Zurmühle die Triebfedern in diesem Stück verdeutlicht. Weil es ihm gelingt, die Situation in das Jetzt-Dur zu transponieren, zeigt er auch, dass eben jene Triebfedern immer und vielleicht mehr denn je wirken. Langeweile und Selbstzweifeln führen zu Mobbing und fressen Seelen auf. Wer nicht weiß, wo er hinwill, wird unweigerlich in die Katastrophe getrieben. Damit betreibt Zurmühle mehr Gegenwartsanalyse als Historientheater, Gott sei dank.

Das Stück in Selbstbeschreibung
Der Spielplan

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Am Ende des Lebens ziehen Teppichfransen vorbei

Das TfN spielt schlechten Grusel auf hohem Niveau


Warum immer so hochgeistig? Trash kann doch so schön sein. "Das Geheimnis der Irma Vep" ist mit Absicht ein Stück zum Gruseln. Es hat alles, was Boulevardtheater aus macht: Geheimnisse, rasante Wendung, Verzweiflung, Happy End und jede Menge Türen, die auffliegen und zuknallen. Nicht umsonst war das Werk von Charles Ludlum die Nummereins auf dem Off-Broadway.  Das Theater für Niedersachsen (TfN) spielt die Horrorkomödie auf sehr hohem Niveau, aber ohne Schenkelklopfer.
Die Inszenierung von Tilo Esche lässt kein Klischee aus und spielt gekonnt mir unseren Erwartungen. Der Landsitz eines englischen Lords muss so aussehen wie er im Bühnenbild von Hannes Neumaier aussieht. Es ist alles da, was das kollektive Gedächtnis an Versatzstücken verlangt, eine Glastür in die weite Landschaft, ein Kamin und natürlich ein Portrait der verstorbenen Gattin. Ohne Frage trägt die Haushälterin Jane die weiße Haube zum schwarzen Kleid und Lord Edgar Tweed und Knickerbocker. Das Faktotum Nicodemus hat eine Vergangenheit, die im Dunkel verborgen bleibt, und Lady Enid war Schauspielerin, bevor Lord Edgar sie zur zweiten Frau nahm. Der Spaß kann losgehen.
Jane und Nicodemus ahnen, dass Lord Edgar den
den falschen Wolf erlegt hat. Foto: TfN/Hartmann
Für die Schauspieler ist "Das Geheimnis der IrmaVep" eine Herausforderung. Gotthard Hauschild und Martin Molitor müssen nicht nur acht Rollen bewältigen. Sie müssen auch absichtlich schlecht spielen und das machen sie gut, ohne Ausnahme. Das beginnt bei der überzogenen Art, die Worte zu artikulieren, und mit Sätzen voller Andeutungen, mit denen Jane und Nicodemus die Zuschauer in die Situation einführen. Molitor und Hauschild entpuppen sich als Meister des plastischen Rezitativs. Theaterdonner und Schüsse im Dunkel dürfen da nicht fehlen. Das weckt Erinnerungen an die Samstagabende mit dem Ohnsorg-Theater im Ersten und steigert den Spaß noch. Da ist das dunkle Geheimnis der ersten Lady, das Rätsel um einen zahmen Wolf und die Tragödie des toten Sohns und die Legende vom Werwolf. Das ist authentisch, denn vollgepackt bis oben hin und überladen gehört eben auch zum Boulevardtheater.
Was nach den Andeutungen kommt, das weiß der erfahrene Zuschauer. Der härteste aller Kritiker (siehe hier und siehe auch hier) weiß es nicht, hat aber trotzdem seinen Spaß. Wenn sie Abend noch etwas lehrt, dann die Geschwindigkeit mit der Schauspieler in eine andere Rolle schlüpfen können. Aus Nicodemus wird Lady Enid. Doch im Aufeinandertreffen mit Haushälterin Jane wird gleich deutlich: die beiden werden bestimmt keine beste Freundinnen. Die Gräben zwischen der Land und Stadt sind zu groß. Charles Ludlum hat hier einen Clash of Cultures geschaffen, lange bevor es den Begriff gab, aber eben auf unterhaltsame Art. Man ahnt sofort: Aus dieser Spannung wird noch Unheil erwachsen, man kann es gar nicht erwarten.
Klamauk auf Weltiveau : Walk-like-an-Epytian
vor dem roten Samtsteinvorhang. Foto: TfN
Das Warten ist das Problem. Nachdem alle Positionen schnell bestimmt sind, zieht sich der erste Akt doch hin. Hier gibt es noch Längen und Optimierungspotential. Außer Atem präsentiert sich hingegen der zweite Akt. Lord Edgar in Ägypten, auf der Suche nach Pev Amri, der Mumie, die seit 3.500 Jahren schlummert und auf die Wiedererweckung wartet. Gotthard Hauschild als Fremdenführer und Martin Molitor als erschöpfter Lord im Walk-like-an-Epyptian-Modus vor dem roten Samtsteinvorhang, eine köstliche Wortschöpfung und genialer Klamauk. Das muss mal sein, Trash kann ja so schön sein. Aber die schrille Komik einer Olivia Jones ersparen uns Esche und das TfN doch Regisseur sei Dank. Die Phantasien des Lords werden wahr und der Sarkophag muss natürlich nach England. Dort bringt er den Stein ins Rollen.
Nun überschlagen sich die Ereignisse fast und entwickeln sich doch logisch aus der schrägen Logik des Grusel-Genre. Die Gattin kehrt aus der Nervenheilanstalt zurück, der Werwolf treibt sein Unwesen, Jungfrauen müssen sterben und der  Hausherr erleidet Panikattacken. Der Schmerz wird körperlich und gewinnt Gestalt, wenn Martin Molitor als Lord Edgar auf dem Boden liegend nach Luft schnappt. Doch dann sagte er diesen herrlichen Satz ".. und am Ende des Lebens sieht man Teppichfransen vorüberziehen .." und alle Spannung löst sich in Lachen auf. Selbst der härteste aller Kritiker lacht mit.
So werdennach dem Spiel mit den Klischees diese popkulturellen Versatzstücke gleich wieder dekonstruiert. Nächstes Beispiel: Von einer Silberkugel getroffen setzt der Werwolf zu einem Lamento, zu einer schwülstigen und langatmigen Abschiedsrede an, bis er vom Mitspieler mit den Worten "Gotthard, du bist tot" unterbrochen wird. Dieser Wechsel von Spiel und Dekonstruktion ohne ins Schrille zu drehen, das ist vielleicht das wahre Geheimnis der Irma Vep. Deswegen gibt es am Schluss viel Applaus von allen Zuschauern.
Ach so, natürlich gibt es ein Happy End, aber mehr wird nicht verraten. Hingehen und selber lachen.


Irma Vep in der Selbstdarstellung

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Der Spielplan am TfN

TfN-Intendant Gade im Interview: Schlechtes Theater auf hohem Niveau

Sonntag, 8. Dezember 2013

Begeisterung vom ersten Akkord an

Viva Voce macht in Walkenried Lust auf das Fest


Am 7. Dezember gastierte die A-Cappella-Formation Viva Voce mit ihrem Programm "Wir schenken uns nix" im Kloster Walkenried. Zum Schluss ergeben sich zwei Möglichkeiten, darüber zu urteilen: eine kurze und knappe Version und eine ausführliche Besprechung.

Die kurze und knappe Version

Geil,so macht Weihnachten wieder Spaß. Viva Voce hauchen dem Fest wieder Leben ein, frei nach dem Motto, dass Tradition nicht das Hüten der Asche sondern das Bewahren der Flamme ist. Die fnf Franken schauen musikalisch mit einem deutlichen Augenzwinkern auf unser aller Erwartungen und Erinnerungen an das größte Fest des Jahres. Sie amüsieren sich nicht darüber, sie machen es nicht lächerlich, sie schmunzeln und wir mit ihnen. Und dann lachen wir manchmal doch über uns selbst, wenn Basti davon singt, wie schwer es ist, sich an das Versprechen "Wir schenken uns nix" zu halten.
Nix ist sicher vor den fünf
Franken. Foto: Band
Kein Stil ist vor den fünf ehemaligen Mitgliedern des Windsbacher Knabenchor sicher. Da gibt es Anklänge an Gregorianik und Madrigalgesänge, es gibt Choräle und jede Menge Barber-Shop und Pop, es wird gefunkt und zum Schluss gibt es "Ich steh an deiner Krippe" als Bossa Nova. Genial.
Die Weihnachtsbotschaft von Viva Voce ist ganz einfach: Freue dich, oh Christenheit.
Am 22. Februar 2014 und am 23. Februar sind VivaVoce in Wolfenbüttel und in Wolfsburg zu hören. Hingehen.

Mehr Informationen zur Band hier.

Die Kreuzgangkonzerte in Walkenried

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Die ausführliche Besprechung

Das erlebte man auch selten.Vom ersten Akkord an herrschte im Kreuzgang in Walkenried Freude und Begeisterung. Das fränkische A-Cappella-Kommando Viva Voce war gekommen und brachte die Freude am Weihnachtsfest zurück. Das Programm "Wir schenken uns nix" lässt nichts aus und zeigt einen offen und humorvollen Blick auf unser aller Festgewohnheiten.
Mein Vorbehalt gegen A Cappella war immer der Verdacht der musikalischen Limitierung. Fünf Jungs und ohne Instrumente, das riecht verdammt nach Barber-Shop. Weit gefehlt. Viva Voce haben an diesem Abend fast keinen Stil ausgelassen. Da wird gejammt und gejazzt und gefunkt, was die Stimmenbänder hergeben. Weihnachtslieder können auch in R'n'B-Manier gesungen werden. Als die fünf Franken in der zweiten Zugabe dann "Ich stehe an deiner Krippe" als Bossa Nova singen, das ist dann die Krönung. Wer hat sich das zuvor getraut?
Freue Dich, oh Christenheit, lautet
die Botschaft. Foto: Band
Doch Weihnachten ist nicht nur Spaß. Das Fest ist auch Besinnung und die beherrschen Viva Voce gleich mehrfach. Zu Weihnachten darf man auch Plattitüden bemühen: In solchen Momenten trägt die glockenreine Stimmen von David und Mate in jede Ecke, der Chor sorgt für die Basis und das Publikum versinkt in Andacht und Stille. Das sind die Momente, in denen die Mystik der Gregorianik und die tiefe Empfindung der Madrigalgesänge in das 21. Jahrhundert transformiert werden. In diesen Teilen wird deutlich, dass alle fünf einst beim Windsbacher Knabenchor eine gründliche Ausbildung erhalten haben. Solche stimmlichen Leistungen sind ohne ordentliche Fundamente gar nicht möglich. Beweis gefällig: Jörg und Heiko zeigen, wie man mit Mikro und Stimme eine komplette Rhythmus-Gruppe machen. Mit einem Wort: großartig. Das beste Schlagzeug-Solo der Rockgeschichte, ohne Schlagzeug wohl gemerkt.
Besinnung, Humor und Schmunzeln, Viva Voce haben viele Perspektiven auf das Fest aller Feste. Bei aller Augenzwinkerei weiß das Quintett, dass die eigenen Erinnerungen jedem einzelnen Wichtig sind. Dafür ist ihnen das Publikum den ganzen Abend über dankbar. Die Franken lächeln über so manche Weihnachtsangewohnheit, ohne über das zeitgeistige Versprechen, nix zu schenken, aber sie machen unsere Erwartungen und Erinnerungen nicht lächerlich. Deshalb funktioniert auch der Kontakt zum Publikum.
Bei aller Besinnung und allem Humor haben Vive Voce eine Botschaft: Freue dich, oh Christenheit. Zu Weihnachten muss man nicht in Ehrfurcht erstarren und man muss sich auch nicht mehr vor "Last Christmas" fürchten.

Mehr Informationen zur Band hier.

Die Kreuzgangkonzerte in Walkenried

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Freitag, 22. November 2013

Wirklich alles unter Kontrolle?

Dokumentationstheater "Wegschließen, und zwar für immer" zeigt ungeschönten Blick

Sicherungsverwahrung ist ein heikles Thema. Das Deutsche Theater Göttingen hat sich dieser Herausforderung gestellt. Der Gewinner ist das Publikum. Mit "Wegschliessen und zwar für immer" legen Nico Dietrich und Inken Kautter ein Stück Dokumentationstheater vor, das es versteht, Fakten auf emotionale und intelligente Weise zu vermitteln. In einer Rübe-ab-Atmosphäre der öffentlichen Diskussion setzten sie ein Zeichen und sagen: "Halt, so einfach ist das nicht!"
Ob nun Gefängnis oder Sicherungsverwahrung, letztendlich geht es um Kontrolle über das Individuum. Am Einlass verkünden Meinolf Steiner und Thomas Hoffmann die Regeln in einer Haftanstalt. Dann folgen Taschenkontrolle und Leibesvisitation. Der schroffe Beginn macht deutlich: Hier geht es um Realität und eine JVA ist nun mal keinPuppenhaus. Das Publikum spielt mit.
Es folgen viele Szenen, die ein Schlaglicht auf alle Aspekte der staatlich verordneten Freiheitsberaubung werfen sollen. Somit ist Theater eigentlich konstruiert, aber es gibt zwei rote Fäden. Da ist die Geschichte des Umzugs der Sicherverwahrten aus der JVA Celle in die JVA Rosdorf im Sommer 2013.
Thomas Hoffmann macht deutlich, dass auch ein
Täter ein Mensch bleibt
. Foto DT/I. Winarsch
Die andere Klammer ist Rudi, ein Sexualstraftäter, der eben diesen Weg mitmacht. Thomas Hoffmann gelingt es, dem Publikum die verschiedenen Seiten eines Täters, diese Mischung aus Reue, Hilflosigkeit der eigenen Tat gegenüber, Lakonie, Trotz und Selbstbewußtsein zu vermitteln. Seine Soli gehören ohne Frage zu den intensiven Momenten an diesem Abend und das Publikum dankt es mit Stille. Hoffmann legt alle Schichten dieser Figur frei und macht deutlich, dass der Täter keine Bestie, ein Mensch mit allen Facetten ist und bleibt. So transportiert er ein Einzelschicksal in die Allgemeingültigkeit.
Die  Stärke von "Wegschliessen und zwar für immer" liegt in der Betrachtung fast aller Ebenen. Dietrich und Kautten haben auf schwarz und weiß verzichtet, auf einfache Schuldzuweisungen und auf Sozialromantik.Sie zeigen Ausschnitte, Puzzleteile einer komplexen Realität und die Zuschauer dürfen sich den Leim selbst machen. Jeder ist zum Mitdenken aufgefordert und darf seine Schlüsse selbst ziehen. Niemand wird der Freiheit seiner Gedanken beraubt. Die Akteure in "Wegschliessen und zwar für immer" stehen für viele Perspektive auf diesem Thmenkomplex,doach auf die Opfer-Perspektive verzichten Dietrich und Kautten. Das ist konsequent und mutig. Aber sie machen sich auch nicht mit den Täter gemein, "Wegschliessen und zwar für immer" ist ein Faktenreport mit den Mitteln des Theaters. Vielleicht sorgte gerade dies für die Ent-Emotionalisierung eines heiß diskutierten Themas? Wenn dem so ist, dann kann man den Autoren nur danken.
Gisela (Imme Beccard) kümmert sich ehrenamtlich
um Strafgefangene und weiß nicht so recht warum.

Foto: DT/Isabel Winarsch
Die Sprache tut es allemal. Dietrich und Kautten beschränken sich auf das Vokabulare der Technokraten. Da wurde ein Eigentumsdelikt begangen und da ist von mehreren Sexualstraftaten die Rede. Das böse Wort mit V, das böse Wort Vergewaltigung fällt nur einmal. Es ist ein Verzicht auf Kraftausdrücke und damit einhergehend der Verzicht auf die Romantisierung dessen, was nicht romantisiert werden kann. Aber es ist auch der bewußte Umgang mit Euphemismem. Die Zelle wird nun Appartement genannt, um den Abstand zwischen Sicherheitsverwahrten und Sträfling einzuhalten. Die Kontrolle über die Freiheit beginnt bei der Kontrolle über die Sprache.
Zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler betreten an diesem Abend die Bühne in wechselnden Rollen. Alle vier haben  ihre starken Momente. Doch als Ensemble brennen sie sich schon in der dritten Szene ein. Auf der dunklen Bühne nur vom Licht ihrer Smartphones beschienen tragen sie Kommentare aus Netzwerken vor. Das ist Hass, blanker Hass in konzentrierter Form, Allmachts- und Gewaltphantasien derjenigen, die draußen sind und sich moralisch überlegen fühlen. Mit wenigen Griffen gelingt es den Autoren und dem Schauspielern, zu verdeutlichen, dass die wirklichen Perversen ganz woanders sitzen.

Karl erzählt aus 32 Jahren
Knastkarriere. Foto: DT/Winarsch
Imme Beccard glänzt an diesem Abend zweimal. Erst ist sie Gisela, die als Ehrenamtliche  Strafgefangene in der Gesprächs- und Bibelgruppe betreut und nicht vermitteln kann, warum sie das macht. Und sie ist Karl, der nach 32 Jahren Gefängnis entlassen wurde. Das Soli mit unwirklichem Licht symbolisiert nicht nur die Härten der erlittenen Isolationshaft sondern steht auch für die Künstlichkeit eines Lebens hinter Mauern.
Die Kommunalpolitik und lokale Vergangenheitsbewältigung darf nicht fehlen. Meinolf Steiner überzeugt als Bürgermeister, dem es gelang, die JVA ohne Widerstand in seiner Kommune zu errichten, der vom Erfolg seines Handelns überrascht wurde und sich nun diebisch freut, dass er es besser gemacht hat als der große Nachbar. Da ist diese Mischung aus Großspurigkeit und Überraschung, die sich in fahrigen Bewegungen ausdrück und in abgebrochen und wieder aufgenommenen Sätzen Bahn bricht.
Sibille Helfenberger bleibt es in der Rolle einer Landgerichtsrichterin überlassen, dem Publikum den Spiegel vorzuhalten, auch dem liberalen Bürgertum eine Sankt-Floriansmentalität nachzuweisen. Es gibt nur deswegen eine JVA Rosdorf, weil Göttingens Bürger die JVA Göttingen verhindert haben.
Es sind die einfachen Mittel, die diese Inszenierung so eindringlich machen. Das Klebeband auf dem Boden markiert die Größe einer Zelle. Umzugskarton verdeutlichen die Größenverhältnisse zwischen der Menge der Strafgefangenen und der Anzahl der Sicherheitsverwahrten. Ein Turm aus Kartons zeigt Baustein für Baustein die Geschichte der Sicherungsverwahrung seit ihrer Einführung 1933 bis zum Abriss durch dasEuGH. Dies Aussage ist an dieser Stelle deutlich: Sicherungsverwahrung ist die Abkehr vom Schuldbezug hin zum reinen Verdachtsmoment, ist der Entzug der Freiheit begründet mit einem "Es könnte sein, dass", die totale Kontrolle über etwas,was vielleicht gar nicht kontrolliert werden kann. Somit schaffen Dietrich und Kautten  Faktenvermittlung ohne Belehrung, ohne Zeigefinger.
Mit "Wegschließen und zwar für immer" ist dem Deutschen Theater und den beiden Autoren ein Stück Theater gelungen, das aus einem Akt der Verwaltung, aus der Umsetzung vieler Gerichtesentscheide einen  intensiven Abend in der dichten Atmosphäre des DT-Studios macht, neue Perspektiven eröffnet und dem Zuschauer die Möglichkeit gibt, sich selbst scheinbar bereits beantwortete Fragen neu zu stellen. Mehr davon!


Das Stück in der Selbstdarstellung
Der Spielplan im DT

Die Sicherungsverwahrung im Überblick

Sonntag, 10. November 2013

Es gibt immer eine Sturmwarnung

Peter Grimes findet keinen Platz beim TfN


Benjamin Britten feiert im November 100. Geburtstag. Aus diesem Anlass hat  das Theater für Niedersachsen die Oper "Peter Grimes" neu inszeniert. Die Premiere am 9. November zeigte ein Verdrängungswettbewerb um Moral und Schuld und einen Wettbewerb um den Platz des Einzelnen in der Gemeinschaft. Die TfN-Inszenierung siedelt dieTragödie in der klaustrophobischen Atmosphäre eines Fischer-Nest an, in dem jeder jedem kennt und kontrolliert. 
Jeder hat seinen Platz gefunden und
ve
rteidigt ihn auch. Alle Fotos: TfN/Hartmann
Den Auftakt macht die Requisite Stuhl. Die Symbolik ist eindeutig. Die Dorfgemeinschaft trifft sich zur Verhandlung "Das Volk gegen Peter Grimes". Jeder bringt seine Sitzgelegenheit mit, denn jeder hat seinen Platz in dieser Gemeinschaft. Nur eben Peter Grimes nicht.
Der Angeklagte muss den Platz einnehmen, der ihn zugewiesen wird, die Anklagebank. Wie der Lehrling William ums Leben, das wird wohl nie eindeutig geklärt, das ist. Aber Grimes scheint nicht ohne Schuld zu sein. Es gibt keine Verurteilung, nur den Ratschlag, künftig auf Lehrjunge zu verzichten zu verzichten und stattdessen auf erwachsene Gehilfen zu bauen.
Doch Grimes kann diesen Ratschlag nicht annehmen, denn er ist auf Krawall gebürstet. In der Regie von Frank Van Laecke zeigt Hans-Jürgen Schöpflin in der Titelrolle zwei Seite derselben Person und die eine ist eben stocksteif, mit durchgedrückten Armen und immer im oberen Bereich der Lautstärke. Peter Grimes gilt als eine der schwersten Rollen im Musiktheater weil der Rolleninhaber ständig gegen alle anderen ansingen muss. Das gelingt Hans-Jürgen Schöpflin fraglos.
Grimes wird von seinen
Erinnerungen geplagt.
Die andere Seite des Peter Grimes in dieser Inszenierung ist die eines Mannes, der an seiner Verzweiflung verzweifelt. Immerhin hat er ein Kind auf dem Gewissen und das lässt ihn nicht mehr los. Van Laecke bedient sich karger aber eindrucksvollen Bildern und der Wiederholung. Erinnerung wird zur Tretmühle und Schöpflin zeigt die Gewissenqualen eines Mannes, der sich die Absolution nicht selbst erteilen kann, der aber über seine Schuld auch nicht sprechen kann. Er sucht Erleuchtung, Erlösung, doch das Licht, das Streichholz, das er anzündet bringt keine Helligkeit. Letztendlich werden es diese Geister sein, die den Delinquenten Grimes auf sein nasses Schaffott führen
Ach, hättest du geredet, Grimes. Er macht sich auch selbst zum Außenseiter, denn er scheint zu keiner friedvollen Kommunikation fähig. Selbst zu Ellen Orford kann er keine echte Beziehung aufbauen. Deswegen bleibt Isabell Bringmann in der Rolle der Dorflehrerin meist eine Randfigur. Einzig am Beginn des zweiten Aktes darf sie ihre Seele zeigen und ihr Können ausspielen. Eine gemeinsame Zukunft für den Fischer und die Frau kann man sich unter diesen Umständen kaum vorstellen. Hier wirkt Grimes doch arg eindimensional. So wird Potential verschenkt und hier wird nicht herausgearbeitet, warum Grimes so eklatant gegen die Schwarmintelligenz und alle gute gemeinten Ratschläge verstößt. Ihm geht es schlicht und um jeden Preis um die Verwirklichung seiner persönlichen Zukunftsvorstellungen. Dafür hetzt er auch den nächsten Lehrjungen in den Tod. In tragischer Tradition läuft die Inszenierung auf die Katstrophe zu, aber sie verzichtet auf  das schwarz-weiß Schema, hier die böse Meute der Heuchler und hier der gehetzte Grimes, sondern sie zeichnet grau in grau gegenseitige Verstrickungen in einem menschen- und vor allem kinderverachtenden Labyrinth. In diesem Bühnenbild von Phillipe Meisch gibt es kein Entrinnen. Überall sind Mauern.
Ellen und Peter können keine Beziehung
finden,die von gegenseitiger Achtung
geprägt ist.
Fotos: TfN
Die Welt der Fischer ist eine Männerwelt und es ist eine gewalttäige Welt. Die einzige Frau, die hier bestehen kann, ist Tantchen, die Wirtin. Doch Frank Van Laecke zeigt sie uns nicht als Pub-Chefin, sondern unmissverständlich als Puffmutter, als Puffmutter der resoluten und der taktierenden Art. In dieser Rolle setzt Christina Baader einen Gegenpol zu dem leidenden Frauen dieser Oper.
Peter Grimes ist die erste und wohl auch wichtigste Oper von Benjamin Britten. Damit gelang ihm 1945 die Erneuerung des Musiktheaters. Bei aller Erneuerung stand ihm die ganze Schatztruhe europäischer Musiktradition zur Verfügung. Und das TfN-Orchester bringt unter der Leitung von Leif Klinkhardt diese Juwelen zum Leuchten, Im Sinne der Programmmusik wird deskriptiv getrillert, operettenhaft geschwelgt in den kurzen retardierenden Momenten. Da wummern die Pauken, dröhnen die Bläser und sägen die Streicher, wenn neues Unheil heraufzieht. Und dann fegt auch schon mal ein Orkan aus dem Orchestergraben, als wäre Britten der Erfinder der Wall of Sound gewesen.
Aber der heimliche Star des Abends ist das Kollektiv. Dieser Chor kommt daher wie ein Sturm,wie eine tosende See. Dieser Chor kann es in Sachen Dynamik und Volumen mit allen Anderen aufnehmen, selbst mit dem TfN-Orchester. Achim Falkenhausen hat hier großartige Arbeit geleistet. Mit solch einem Chor legt man sich besser nicht an, Grimes. Aber diese Erkenntnis kommt zu spät.


Peter Grimes in der Selbstdarstellung

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Der Spielplan am TfN

Zum Vergleich: Peter Grimes am Theater Nordhausen

Sonntag, 3. November 2013

Ein Heim, das nicht immer funktioniert

Das steptext dance project zeigt den Körper als ein Zuhause

Der Körper ist die Urform des Zuhauses. Es kann ein harmonisches Heim sein, das Verhältnis kann aber auch gestört werden. Dies zeigt das Tanztheaterstück  "Homescape" des steptextdance project beim "Neue Heimat"-Festival am Deutschen Theater in Göttingen. Das Werk des Österreicher Helge Letonja erlebte zusammen mit "The House That Never Walked" am 2. November die Premiere als Doppelvorstellung.
Das steptext dance project ist eine gemeinsame Arbeit von sengalesischen und europäischen Tänzern, die sich im letzten Jahr zu ersten Mal in der École des Sables und in Bremen trafen. Ihr Thema ist das Zuhause, die Migration, der Austausch der Kulturen und der Dialog in den Formen des zeitgenössischen Tanztheaters. Während sich das Werk von Opiyo Ockach dem externen Aspekten des Heimat widmet, der Interaktion der Beheimateten und der Heimatlosen, sagt Letonja: Es gibt immer eine Heimat und das ist der eigene Körper.

Noch ist der Tanz bei "Homescape" ein Gottesdienst
für den Körper.
Foto: Merit Esther Engelke
Ein schwacher Spot beleuchtet auf einer schwaren Bühne einen einzelnen Tänzer. Man ahnt ihn mehr, als dass man ihn sieht. Er bewegt sich schnell und rhythmisch. Das Auge des Betrachter kann gar nicht allen Figuren folgen. Die Bewegungen scheinen Selbstzweck zu sein, aber sie sind fließend und rund. Das ist Harmonie, dieser Körper bleibt im Lot, strahlt keine Hektik aus, sondern hat in seiner Bewegung einen Ruhezustand gefunden. Bei allem Stauen muss man doch zugeben: Das ist keine Hexere, das ist reine Mittelstufen-Physik, nur eben in einer ästhetischen Version.
Im dreiviertel Dunkel ziehen nun acht Figuren über die Bühne. Sie stampfen einen Rhythmus. Ist das eine Hommage an ostafrikanische Tänze, an den Steptanz amerikanischer Baumwollsklaven oder schimmert hier ein alpiner Schuhplattler durch? Die Antwort ist zweitrangig, denn Tanz ist ein interkulturelles Gut. Rhythmus ist ein Urprinzip und eint die Menschen über Grenzen hinweg. Das ist die Aussage und sie ist verständlich umgesetzt.
Mit Kapuzen bekleidet gleicht die Prozession einem Zug gregorianischer Mönche. Nun beginnt der Gottesdienst für die Möglichkeiten, die ein Körper an Ausdruckmöglichkeiten bietet.
Alle Tänzerinnen und Tänzer tragen den selben Dress, fließenden Stoff, der die runden Bewegungen unterstützt. Helge Letonja verzichtet in diesem Teil auf eine klare Rollenzuweis und Uta Heiseke setzt dies mit den Kostümen um. Der erste Teil vom "Homescape" kennt keine Soli. Freude ist allgemein und eint die Menschen, vor allem, wenn man sie die eigene Freude mit anderen teilen kann.
Stärker als im "The House That Never Walked" setzt das Licht von Laurent Schneegans und Frauke Richter einzelne Akzente.
Der Schmerz ist eine Störung des
Körpergefühls.
Foto: Merit E. Engelke
Dann gibt es den klaren Schnitt. Das Bild wandelt sich. Ein grelles Neonlicht beleuchtet eine Bühne in Krankenhaus-Optik. Eine gekrümmte Figur links hinten weckt Gummizellen-Assoziationen, das Rot .
Jenny Ecke betritt die Bühne und zeigt einen Körper, der nicht mehr so will, wie er soll. einen Körper, dessen Besitzerin ihn erst zur Bewegung überreden muss. Mit der linken Hand führt sie den rechten Arm, auch die Beine wollen wohl nicht so recht. Das ist keine Harmonie mehr, das Verhältnis Mensch-Körper ist gestört, die Klangkollage von Michael Grebil wird zur Säge, die Nerven trennt . Hier tanzt der Schmerz, das ist eindeutig. Leiden macht einsam. Aus dem Kollektiv, nun sind alle Tänzerinnen und Tänzer zu unterscheiden. Jeder und jede tanzt ihr Form des Leidens. Virgina Gimeno Folgado versagt die Zunge, ihr fehlen die Worte, die Kommunikation ist gestört.
Doch Letonja lässt keinen Raum für Verzweiflung. Da ist immer eine helfende Hand, Menschen stützen einander, machen sich gegenseitig wieder mobil.Wer nicht mehr kann, der wird getragen.
Wo wir uns zuhause fühlen, das ist zweitrangig. Erst wenn wir in uns selbst beheimatet, dann finden wir eine Heimat auch im Äußeren. Das zeigen das steptext dance project und Helge Letonja. Das Publikum dankt für diese Weisheit und ihre eindringliche Inszenierung mit tosenden Beifall. Zu Recht.


Teil 1: "The House That Never Walked"


Die École des Sables  im Web

Das steptext dance project im Web

Das Deutsche Theater in Göttingen




Beim Tanzen lernen

steptext dance project zeigt die Gemeinsamkeiten des Tanzes


Ein Zuhause hat viele Bedeutungen und alle kann man so tanzen, dass sie sich dem Publikum erschließen. Dies zeigte das steptext dance project beim "Neue Heimat"-Festival am 2. November im Deutschen Theater Göttingen. Der Doppelabend mit "The House That Never Walked" und "Homescape" erlebt dabei eine Uraufführung. Es bleibt abermehr als die Gewißheit, dass Tanztheater auf diesem Niveau neugierig macht auf mehr.

Das steptext dance project ist eine gemeinsame Arbeit von sengalesischen und europäischen Tänzern, die sich im letzten Jahr zu ersten Mal in der École des Sables und in Bremen trafen. Ihr Thema ist das Zuhause, die Migration, der Austausch der Kulturen und der Dialog in den Formen des zeitgenössischen Tanztheaters. Der Anspruch von Choreograf Opiyo Okach ist es, in "The House That Never Walked" zuhause als soziale Architektur zu zeigen. Dies gelingt ihm und der Kompanie, ein Zuhause ist nicht nur ein Gebäude, sondern ein mehrschichtiges Gefüge aus Personen, deren Rollen und Vorstellungen, der Interaktion und der Interdependenzen.

Im Solo von Ibrahima Biaye steckt das Zuhause wohl
in dieser Schüssel. Foto:
Merit Esther Engelke
Acht Requisiten, darunter ein Fahrrad verkehrt herum, und neun Tänzer, fünf Afrikaner, vier Europäer, bevölkern zu Beginn die Bühne. Sieben gehen, zurück bleiben das Fahrrad, Ida Biemoubon Faho und Kokou Gbakenou Al'nuzan. Während sie sich in wilden Bewegungen ausdrückt, bearbeitet er in Ruhe das Fahrrad. Sind das die zwei Gesichter Afrikas, wie wir Europäer sie uns vorstellen? Exotik und Gelasenheit.
Dann betreten die Europäer die Bühne und die unterschiedliche Tanztradition wird deutlich. Die Expressivität der puren körperlich trifft auf getanzt Geometrie, auf Schritte, auf Kreise, wie mit dem Zirkel gezogen und mit dem Skalpell geschnitten. Doch der Abend ist ein Abend des gemeinsamen Lernens voneinander. Das Nebeneinander wird immer mehr zum Miteinander, die Tänzer führen sich gegenseitig, aber auch hin bis zum Versuch, einander zu beherrschen.
"The House That Never Walked" ist sicher kein Ballett im europäischen Sinne, keine stringente Geschichte, die mit Tanz und Musik untermalt wird. Es ist eine Abfolge von Szenen, auch ein Miteinander, die bindenden Glieder werden nur angedeutet. Aber das ist eben die Stärke dieser Chroreografie. Man darf und man muss sich die Geschichten zwischen den Einzelteilen selbst erfinden. Der Dialog findet nicht nur auf der Bühne statt, sondern auch zwischen den Künstlern und ihrem Publikum.
Deutlich wird dies im Solo von Robert Bell. Aus dem humpelnden Eleven wird nach vielen Bahnen ein Täzer, dem alle nacheifern. Somit hat das Stück von Opiyo Okach auch den nötigen Optimismus für den Austausch der Stand-und Tanzpunkte.

In der Eifersucht des Flamencos
zeigt sich die Emotionalität
der Europäer.
Foto: M. E. Engelke
Der eindrucksvollste Moment an diesem Abend voller neuer Eindrücke ist sicher das Solo von Ibrahima Biaye. Seine Erinnerung an Zuhause steckt in einer Schüssel, das ist alles, was ihm geblieben ist. Er behütet sie und er lässt sich davon behüten. Die Erinnerung ist sein Zentrum und seine Basis. Da dieser Körper ist Einsamkeit, ist Sehnsucht, ist Verzweiflung pur und an sich. Besser geht das nicht. Das Publikum versteht es und antwortet mit einem Moment  Ergriffenheit. Der Moment der Stille ist so tief, dass man sogar die Lüftung hören kann, atemlose Stille.
Auch Europäer stecken voller Emotion und Ausdruck, wenn Virginia Gimeno Folgado und Bienard Azizay ihren Tribut an den Flamenco, an Stierkampf und Eifersucht tanzen. Doch der Moment interkulturellen Klatschens kippt schnell in Bitterness, wenn Jenny Ecke ihrem Partner Serge Nepke diese Emotionalität aufzwingen will, wenn die Europäerin dem Afrikaner ihre Vorstellung von Zuhause vrmitteln will und doch nicht kann. Der neue Kolonialismus hat auch eine sexuelle Seite.
Mit "The House That Never Walked" ist Opiyo Okach und dem steptext dance project ein solch unverfassender und Mut machender Kommentar zu Migration und Austausch gelungen, so dass das Publikum noch lange sitzen bleibt und sich an die starken Bilder erinnert.


Teil 2 des Abends: Homescape

Die École des Sables  im Web

Das steptext dance project im Web

Das Deutsche Theater in Göttingen




Mittwoch, 30. Oktober 2013

Auf der Fahrt ins Unglück nirgendwo ankommen

Peter Grimes am Theater Nordhausen klärt die Schuldfrage nicht wirklich

Prolog: Es gegebenen Anlass hier noch mal die Rezension zur Inszenierung von Peter Grimes am Theater Nordhausen im Frühjahr 2012.

Der Vorhang geht nicht auf. Das Ensemble wartet auf das Publikum, Peter Grimes steht am Rande. Die Fronten sind klar: Hier kämpft einer gegen die Masse. Der, der am Rande steht, gegen die, die Bühne beherrschen. Deswegen gilt die Rolle des Fischer Grimes als eine der anstrengendsten in der zeitgenössischen Oper. Ständig muss ergegen jemanden ansingen. Aber Joshua Farrier in der Titelrolle kann das, er hat genug Stimme dafür.
Was das Auge beim zweiten Blick fesselt, das ist das Bühnenbild. Karg und variabel wird es vom Wasser beherrscht. Mal kämpft Grimes gegen das Element, als Anti-Held in Ölzeug, mal ist die Wasserfläche der Spiegel der verzweifelten Seele und Ort der Sehnsucht. Die Bühne ist auch Weite und Leere, Haltlosigkeit und Verlorenheit. Ohne Umbau dient die Bühne mal als Gerichtssaal, mal als Hafenspelunke, ein anderes Mal als Kirche oder als Fischerhütte. So werden die klaustrophobischen Bedingungen eines ostenglichen Fischernest verbaut, in dem sich - wie in allen Käffern der Welt - immer wieder die selben Menschen um die selben Orte drehen. Wirklich, hier ist Wolfgang Kurima Rauschning ein großer Wurf gelungen.
Man sitzt über Peter Grimes (Joshua Farrier, links)
zu Gericht. alle Fotos: Theater NDH/ Tilmann Graner

Es wird über Peter Grimes verhandelt. Der Fischer soll schuld sein am Tode seines Lehrjungen. Von Misshandlung ist die Rede, aber Grimes übersteht die Verhandlung ohne Strafe. Doch es ergeht der weise Rat, dass er künftig auf einen Lehrling verzeichten soll. Doch dies heieß für Grimes, auf seinen Traum von einer gesichertern Existenz und die Ehe mit der Lehrerin Ellen Orford zu verzichten. Wie weit darf eine Gemeinschaft die Lebensentwürfe ihrer Mitglieder kontrollieren? Welches Glück des Einzelnen ist höher zu bewerten? Der zwielichte Apotheker Ned Keene besorgt dem Fischer einen Lehrling aus dem Waisenhaus. Der Junge wird verschachert wie ein Stück Vieh. Sein Leid muss er klaglos ertragen. Wieland Lemke versteht es, alle Aspekte dieses scheinbaren Ehrenmannes Keene zu beleuchten.
Ellen Orford trifft auf John und überall sind
Wasser und Schiffe. Foto: Tilmann Graner
Ihren stärksten Auftritt hat Sabine Mucke als Ellen Orford am Beginn des zweiten Aktes, als sie Spuren der Mißhandlungen an Grimes Lehrling John   feststellt. Alle Hoffnungen auf eine wundersame Wendung fahren dahin. Gegen das Beharrungsvermögen des Geliebten kommt sie nicht an. Einen Neuanfang anderswo will und kann Grimes nicht wagen, den ersten Ratschlag seines Freundes Balstorde will er nicht akzeptieren. Die Präsenz des Gastsänger Kay Stiefermann ist beeindruckend, seine kurzen Auftritte beherrschen die Szene. Durchsetzen kann er sich trotzdem nicht. Wie in der griechischen Tragödie kann der Weg nur in den Abgrund führen. Dieser ist erreicht, als John zu Tode kommt.
Wenige Andeutungen der Witwe Sedley reichen, um den Mob zu wecken. Die Menge will mit Lynchjustiz Sühne erzwingen. Grimes entgeht diesem Schicksal nur, weil Balstrode den Konflikt lösen kann. Der Fischer fährt mit dem Boot hinaus, um nirgendwo anzukommen. Alles, was bleibt, ist ein einsames Papierschiff; dieses Schlussbild prägt sich ein
Der Mob sinnt auf Lynchjustiz. Foto: Graner
Auch die Rolle der neurotischen Witwe Sedley ist mit Jie Zhang hervorragend besetzt. Sie bringtalle Facetten kleinbürgerlicher Bigotterie zu glänzen. Am November wird die vielfache prämierte Sängerin in der selben Rolle am Theater für Niedersachsen in Hildesheim zu sehen sein.
Es ist ein herausragendes Merkmal dieser Inszenierung von Toni Burkhardt, das alle Positionen bis in den Chor hinein auf hohem Niveau ausgefüllt werden. Nicht einzige Rolle fällt gegen einen anderen Part ab. Einzel- und Kollektivleistungen ergänzen einander.
Mit der Uraufführung im Jahre 1945 fällt die Oper von Benjamin Britten in die Glanztage der Massengesellschaft. Dennoch bleibt die Auseinandersetzung zwischen dem Einzelnen und den Anderen nicht bei einfachen Schuldzuweisung stehen. Nach 30 Jahren Ego-Gesellschaft erscheint die Auseinandersetzung eher wie das Aufbrausen des Sturrkopfs gegen die Schwarmintelligenz. Doch das Opfer ist der stimmlose John.


Die Website von Toni Burkhadt
Die Besetzung
Die Website von Wolfgang Kurima Rauschning
Das Theater Nordhausen

Premiere am 9. November: Peter Grimes am TfN in der Selbstdarstellung
Zum Vergleich: Besprechung zu Peter Grimes in Hildesheim

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Der Flut nicht ganz freiwillig entkommen

TfN und Kinderchor inszenieren Brittens Noah

Zwischen den Oper-Titanen Wagner und Verdi wird Benjamin Britten in diesem Jahr fast zerrieben. Wenigstens das Theater für Niedersachsen setzt einen eigenen Schwerpunkt zum 100. Geburtstag des Erneuerer des Musiktheaters . Auftakt der Britten-Tage in Hildesheim war am 19. Oktober die Inszenierung der Kinderoper "Noah und die Flut" in der Lamberti-Kirche. Die Koproduktion von TfN, TfN-Kinderchor und Musikschule Hildesheim schafft den Spagat zwischen altersgerecht, ansprechend und anregend. Der härteste aller Kritiker, sieben Jahre alt, theateraffin und theatererprobt, bestätigt das Urteil.
Die Einführung in das Werk macht der musikalische Leiter Achim Falkenhausen. Er erzählt von Brittens Absicht, auch das Publikums beziehungsweise die Gemeinde aktiv in das Stück einzubinden. Bei der Premiere 1958 sicherlich ein Novum. Falkenhausen verweist noch auf die mittelalterlichen Mysterienspiele als Vorlage, die dem unbelesenen Volk die Geschichten der Bibel näher bringen sollten. Das muss als Einführung reichen. Der härteste aller Kritiker ist zufrieden. "Ich mag es nicht, wenn die Leute am Anfang so viel reden", ist seine Begründung. Die sollten lieber gleich zur Sache kommen und die Zuschauer nicht vom Zuschauen abhalten.
Der Schöpfer erscheint Noah und dem ist
wohl schwindelig. Fotos: Hartmann/TfN
Es erscheint der Schöpfer, aus der Tiefe des Kirchenraums, begleitet von schwarzen Engeln. Er beginnt sein Werk,wirft die Gestirne an die Bühnenwand und bläst den Erdenball auf. Die Animation erzählt in einfachen, fast kindlichen Bildern biblische Geschichten im Zeitraffer vom Sündenfall bis zum Tod Christi. Der Kritiker schaut fasziniert zu und versteht sofort. Doch der Herr schlüpft aus dem Rauschgewand und legt den Bart ab, denn es kommt ein Rollenwechsel. Nun ist er nicht mehr der gütige Schöpfer, sondern ein Dompteur, ein Lebemann und ein Gott der Rache angesichts der menschlichen Verfehlungen. Dieter Wahlbuhl grantelt sich so richtig in Rage, dass es eine wahre Freude ist, ihm beim Ärgern zuzuschauen.
Herr und Frau Noah treten auf den Plan, Gott sei dank nicht in Sack und Asche gewandet, sondern gekleidet wie ein Paar von nebenan, wie gute  Nachbarn eben. Levente György beweist in der Titelrolle von Beginn an Stimmgewalt, schließlich gilt es die gotische Hallenkirche auch bis in die letzte Sitzreihe auszufüllen. Das wird an diesem Abend nicht allen gelingen. György Stimme ist klar und deutlich, während Theresa Hoffmann sich erst im Laufe der Veranstaltung an den ungewohnten Veranstaltungsort heransingen muss.
Wer vom Herr auserwählt wird, zumindestens einen Teil der Schöpfung zu retten, der reagiert angesichts der Größe der Aufgabe verständlicherweise mit einer ordentlichen Portion Skepsis. Diese Reaktion und den Unglauben des Noahs an die eigene Leistungsfähigkeit vermittelt Levente György in der Regie von Sascha Mink glaubwürdig. Als er zu Handeln beginnt, zeigt sich hier die Einsicht in die Notwendigkeit. Auch diesen Wandel kann Levente György dem Publikum vermitteln.
Frau Noah (Theresa Hoffmann, Mitte) möchte der
Einladung zur Schiffsreise nicht folgen.
Der Glaube an die Alternativlosigkeit, der geht fehlt der Gattin völlig ab. Ihre Weigerung ist aber nicht die Suche nach einer anderen Lösung, sondern ist das Beharren in alten Verhaltensmustern, selbst angesichts der Katastrophe, die sichtbar am Horizont aufzieht. Vielleicht auch, weil die Gewohnheiten Schuld sind an der Rache des Herrn. In der Rolle der widerspenstigen Gattin lebt Theresa Hoffmann sichtbar. Es ist aber auch der Anreiz für die Erwachsenen, aber über das eigene Verhalten zu reflektieren. Hier liegt das Besondere dieser Inszenierung. "Noah und die Flut" ist kein Singspiel nach biblischen Motiven. Sascha Mink und Dramaturgin Bettina Braun zeigen  Spannungen und machen Konflikte deutlich. Das erwachsene Publikum hat etwas zum Nachdenken, das junge Publikum versteht es auch. Das ist die Stärke dieser Aufführung. Deswegen schaut der härteste aller Kritiker gebann zu und möchte auch nicht gestört.
Schon die räumliche Trennung macht diese Distanz deutlich. Statt auf der Hauptbühne im Mittelschiff mit der Familie am Bau der Arche zu arbeiten, trifft sich Frau Noah lieber mit den schwarzen Damen auf der Nebenbühne im linken Kirchenschiff zum Kaffeeklatsch. Dabei taucht das Licht die Szenerie in ein mystisches Lila und zeichnet monströse Schatten an die Wand.
Währenddessen arbeiten Sem, Ham, Jaffet und ihre Frauen frohgemut am Bau des Rettungsbootes. Als Chor funktionieren David Hauschild, Christopher Schreiber,Claudio Gottschalk-Schmitt, Rebecca Faider, Marie Krieger und Ruth Wilken erstaunlich gut. Gerade die drei jungen Damen singen ihre Tatkraft überzeugend in den großen Raum.
Dieses Boot ist eindeutig voll.
Theater für Kinder braucht keine naturalistische Darstellung. Besser als Erwachsene verstehen sie symbolisches Handeln und die Bededutung der Requisiten. Dies ist keine neue Erkenntnis, aber es ist schön, sie in dieser Aufführung wiederzutreffen.
Auch das Zusammenspiel zwischen den Profimusikern des TfN und den Nachwuchskräften der Musikschule Hildesheim funktioniert reibungslos. Mit Dynamik unterstreicht das Ensemble die dramatischen Momente. Dabei  übertönt das Orchester im Sturm selbst die Sänger. Dies ist aber geplant und wurde von Achim Falkenhausen zu Beginn angekündigt. Deswegen bat er die Gemeinde um stimmliche Unterstützung.
Bei der Ankunft der Tiere zeigt sich kein Zug der Verdammten. Der Reigen der Passagiere erinnert eher an einen Karneval der Tiere, das liegt sicher auch an dem ungewöhnlichen Instrumentarium Brittens, in dem auch eine Teetasse schon einmal eine Rolle übernehmen darf. Alle Beteiligten strahlen puren, wunderbaren Optimismus aus. Trotz aller Gefahren wartet ja am Ende des Regenbogens ein neues, reines, unbeschwertes Leben auf die Überlebenden. Dies ist eine weitere Gewissheit aus dieser Aufführung.
Kühe brauchen keine Hörner, um als Rindviecher erkannt zu werden. Es reichen ein paar Kuhflecken in schwarz-weiß. Die einfache Symbolik der Kostüme von Elisabeth Benning lädt die Zuschauer viel mehr zu einer Erkundungstour ein. Der härteste aller Kritiker nimmt diese Einladung gern an und macht dabei viele Entdeckungen.
Sein Fazit fällt kurz und knapp aus. "An diesem Stück gibt es nichts auszusetzen", lautet dasUrteil des härtesten aller Kritiker. Somit ist es dem TfN gelungen, Brittens Versuch, das junge Publikum an das Musiktheater heranzuführen und es damit auf natürlichem Wege zu erneuern, 55 Jahre nach der Uraufführung zeitgemäß fortzuführen.

"Noah und die Flut" in der Selbstdarstellung

Der Spielplan im Theater für Niedersachsen

Brittens "Peter Grimes" am TfN

Zur Bildergalerie

Was der härteste aller Kritiker sonst noch zu sagen hat

Sonntag, 13. Oktober 2013

Das Leben wohnt im Herz

Dominique Horwitz liest Momo im Kreuzgang


Man kann eine Geschicht  mit Musik erzählen und man kann diese Geschichte mit Musik auch mal ganz anders erzählen als alle anderen. Dies stand am Ende des Momo-Abends mit Dominiqaue Horwitz und dem David Orlowski Trio im Kloster Walkenried am 12. Oktober. Für die neue Sicht auf den Kindebuchklassiker bedankte sich das Publikum mit anhaltendem Applaus.
Dominique Horwitz liest Momo, lautete die Ankündigung. Dominique Horwitz las aus Momo,wäre richtiger. Das Konzept des Abend ist nicht das chronologische Vortragen eines allseits bekannten Textes. Schließlich ist Momo von Michael Ende seit 40 Jahre das Manifest der Entschleunigung, auch wenn es diesen Begriff in den 70er Jahren noch nicht gab. Anstatt also Kapitel an Kapitel zu reihen konzentrierte sich Horwitz auf drei Passagen, die exemplarisch für Handlung und Botschaft des Werkes stehen. Da ist das Eindringen der grauen Herren in die unbekümmerte Gemeinschaft, der Versuch des Friseur Fusi durch den Vertrag mit der Zeitsparkasse dem eigenen Leben Bedeutung zu verleihen und das Treffen vom Momo und Meister Secundus Minutius Hora.
Selbst das Licht spielt eine Rolle
in dieser Lesung. Fotos: tok
Auf diesen drei Pfeiler kann jeder die Geschichte weiterspinnen. Ach ja,in der Zugabe erklärt Dominique Horwitz noch die Besonderheit des Mädchen Momo. Weil sie so gut zuhören kann, erzählt ihr jeder mal als er eigentlich wollte. Merke: Zur gelungenen Kommunikation gehört auch das Zuhören.
Zuhören kann man Horwitz gut. Der Mime hat eine angenehme Stimme, deren Breite sich durch die Akustik im Kreuzgang erst richtig erschließt. Fünf Rollen liest Horwitz an diesem Abend, aber alle mit einer Stimme. Er hat nicht für jede Figur eine eigene Tonlage, wie manch anderer Vorleser. Er variiert seine eine eigene Stimme mit feinen Nuancen. Und er ist der Meister der Kunstpause. Er schafft dort Lücken zum Nachdenken, wo andere im Text weitergehen würde. So hat der Zuhörer nicht nur die Gewißheit, dass das Leben im Herzen wohnt, sondern dass das Abenteuer im Kopf stattfindet.
In diese Lücken stößt das David Orlowsky Trio. Es bereitet nicht nur den Klangteppich, auf dem Horwitz und das Publikum ihre Sicht von Momo auslegen können. Es greift den Faden auf und erzählt die Geschichte mit seinen Mitteln weiter, lenkt sie sogar in eine andere Richtung.
Diese Lesung ist keine Veranstaltung der Gattung: Künstler liest aus einem Buch, das auf einem Tisch ausgebreitet ist. Es gibt keinen Tisch und keine Schranken. Das Ensemble ist gleichberechtigter Partner. Ihm bleibt auch der Auftakt vorbehalten. Noch bevor ein Wort gelesen ist, haben David Orlowsky, Jens-Uwe Popp und Florian Dohrmann deutlich gemacht, dass sie nicht vorhaben, dieses Manifest der Toskana-Fraktion mit musikalischer Larmoyanz zu untermalen. Es geht gleich ab. Orlowskis Klarinette hetzt durch alle Tempi des Klezmer, sie brummelt in den Bässen und kreischt in den Höhen, angetrieben von Popp an der klassischen Gitarre. Sind das nun drei Jazzer, die Klezmer spielen oder drei Klezmatiker, die gerade jazzen. Egal! Beide Musiken funktionieren nach dem selben Muster: Man einigt sich auf ein Thema, auf Phrasen, die in ausgiebigen Soli variiert und ausgebaut werden, und am Ende treffen sich alle wieder. Deswegen taucht das Motiv des ersten Lied zum Schluß eben noch einmal auf.

Zum Schluss gab es Blumen für alle
Leider sind diese Solo-Anteile sehr ungleich verteilt. David Orlowski lässt seinen Mitspieler kaum Raum, sich selbst zu entwickeln. Fast meint man, er ist bestrebt, die anderen unnötigerweis an die Wand zu spielen. So ist doch Jens-Uwe Popp ein hochprämierter Mann an den Saiten.
Doch warum Klezmer? Nein, es ist nicht der Versuch, die mediterrane Handlung in ein osteuropäisches Stetl zu verlegen. Klezmer ist Trotz. Klezmer ist die Musik, die angesichts aller widrigen Umstände sagt: Es geht auch anders und das Leben macht Spaß. Damit ist das David Orlowski Trio ein bestimmender Teil dieser überraschenden Interpretation eines Werkes, das immer wieder gelesen oder gehört werden sollte.

Die Kreuzgang-Konzerte.

Die offizielle Horwitz-Website.

Das David Orlowsky Trio.
 

Samstag, 12. Oktober 2013

Desdemona hat nicht geredet, aber getanzt

Ballettkompanie Nordhausen zeigt Shakespeare, wie er hätte auch sein können

William Shakespeare und Prince haben Gemeinsamkeiten. Sowohl der Theater-Titan aus dem frühen 17. Jahrhundert und der Pop-Gott aus dem späten 20. Jahrhundert kennen diese schwere Enttäuschung, die in tiefe Verzweifelung mündet. Beide können sie so ausdrücken, das auch jeder sie versteht, und beide kennen sich mit theatralischen Momenten aus. Das ist nur eine Gewißheit aus "Shakespeare. Ein Ballett". Diese Eigenproduktion der Ballettkompanie Nordhausen sprüht vor Ideen aus der Kategorie "Es hätte auch so ausgehen können". Doch die Erzählung mit vielen Wendungen und Überraschungen glänzt auch mit humorvollen Seiten und mit Bildern voller Klarheit und Optmismus. Bei der Premiere im Theater Nordhausen bedankte sich das Publikum mit langanhaltenden Applaus.

Shakespeare und seine Figuren bleiben sich
anfangs
fremd. Fotos: Tilmann Graner/Theater Ndh
Zu den bekannte und unbekannten Seite des Mannes aus Stratford-upon-Avon und seines Schaffens stellt Jutta Ebnother  eine Choreographie, die viele  Möglichkeiten des Tanztheaters nutzt. Michael Ellis Ingram ergänzt das gemeinsame Werk mit einer Musikauswahl, die Shakespeare durch die Jahrhunderte transportiert, von den varocken Klängen des Henry Purcell bis zur Polyrhythmik eben jenes Prince Rogers Nelson. Somit ist klar: Der Mann aus dem elisabethanischen Zeitalter wirkt noch heute.
Das Bühnenbild ahmt das legendäre Globe-Theatre nach, auch ein  Balkon darf nicht fehlen. Die Bühne erinnert an eine Stierkampf-Arena und liegt damit nicht so falsch. Shakespeare heißt immer Kampf und meist endet dieser tödlich. Auch der Titelheld wird bald in den Kampf gegen das Eigenleben seiner Figuren treten.
Das Duett von Romeo (David Roßteutscher) und Julia
(Irene Lópes Ros) ist Hingabe pur
. Foto: Graner
Für ihre Hommage an den großen Dramatiker hat sich Jutta Ebnother auf sechs seiner Werke und dessen Hauptfiguren konzentriert. Aus den Büchern befreit, entwickeln die elf Figuren Handlungen, die so nicht im Skript stehen und die sicht der SChöpfer auch ganz anders gedacht hat. Da wird gemobbt und gefoppt, gefightet und  gerungen, geliebt und geliebt, wie wir es bisher noch nicht kannten. Anfangs wirkt Shakespeare wie Goethes Zauberlehrling, der den Kampf mit den Geistern, die er rief, nicht gewinnen kann. Nur sind es eben nicht die Geister sondern die Helden seiner Werke, die ein Eigenleben entwickeln. Doch Shakespeare wächst mit seinen Aufgaben. Wird er anfangs noch zum Esel aus dem Sommernachtstraum gemacht, beherrscht er Stück für Stück das Geschehen immer, kann seine Figuren hin- und herschieben und die letztendlich die Geister, die er rief, auch wieder wegschicken. Da ist es logisch, dass Shakespeare der einzige ist, der zum abschließenden Hochzeitsmarsch von Mendelssohn Bartholdy noch die Hosen anhat.
András Dobi gelingt es in der Titelrolle, all diese Wandlungen im Laufe des Stückes auch glaubwürdig umzusetzen. Er ist Geck, Grübler und Geschichtenlenker in einem oder auch hintereinander. Bester Ausdruck der zurückgewonnen Souveränität ist Dobis letztes Solo. Die Lichtführung erlaubt ihm die Zwiesprache mit seinen eigen Schatten. Wer mit dem Licht spielen kann, der wird auch mit seinen eigenen Erfindungen fertig.
Das hat der Dichter nich gewollt: Jago
und Petruccio streiten um Ophelia.
Zum einen verbleibt "Shakespeare. Ein Ballett" in bekannten Mustern: Die Romanze von Romeo und Julia endet in einem Duett, dass an Hingabe und Liebe kaum zu übertreffen ist, trotz eines zwischenzeitlichen Zickenkriegs. Kirill Kalashnikov ist ein Puck, der das Treiben der schwermütigen Menschen um sich herum nicht ernst nehmen mag.
Zum anderen entwickeln Ebnother und Dramaturgin Anja Eisner Szenen, die durch den unkonventionellen Umgang mit den Vorlagen überzeugen. Hamlet kommt eher per Zufall an seine berühmte Requisite, weil weder Shakespeare noch Puck eine Verwendung für einen Schädel haben. Es ist Titania und nicht Oberon, die anderen die Eselmaske aufsetzt. Romeo und Ophelia tanzen dermaßen verliebt, dass man denken mag "Mädel, nimmt lieber den Jungen aus Verona und nicht den schwindsüchtigen Dänen-Prinz. Dann bekommt die Geschichte vielleicht doch ein glückliches Ende." Doch alles Hoffen hilft nichts, denn Shakespeare hat Ophelia schon zuvor in der "When Doves Cry"-Szene zum Leiden ausgewählt.
Zum Schluss ist Shakespeare wieder der Herr im Haus.
"Shakespeare. Ein Ballett" ist keine Hommage im herkömmlichen Sinne, sondern eine Auseinandersetzung mit sechs Werken des Dramatikers und mit seiner Person. Doch die Auseinandersetzung verbleibt nicht im Historismus. Kreative stehen immer noch vor demProblem, dass ihre Kreaturen ihnen eines Tages über den Kopf wachsen. Die Frage, ob ein Autor wirklich alle Aspekte seines Werke überblicken kan, ist ja auch ein rhetorische Frage. Wer aber alle Zitate und alle Gegenentwürfe verstehen will, der muss in diesem Konzentrat des Shakespeareschen Werkes schon mit den Grundlinien vertraut sein. Wer sich da unsicher fühlt, kann vor der Aufführung von "Shakespeare.Ein Ballett" die Einführung im Rangfoyer nutzen.

Das Stück in der Selbstdarstellung.

Der Spielplan im Theater Nordhausen.

Hamlet in Nordhausen.

Othello bei den Domfestspielen Gandersheim.

Der Sommernachtstraum im Jungen Theater Göttingen

Shakespeare mal im Marx-Brothers-Modus gespielt.

Dienstag, 1. Oktober 2013

Goethe in mächtigen Bildern

Zurmühle zieht alle Register beim kompletten Faust

Für Johann Wolfgang von Goethe war der Faust in wahrsten Sinne sein Lebenswerk. Die Legende vom Doktor Faustus, der an seinen eigenen Ansprüchen scheiterte, begleitete den Dichterfürst  über 60 Jahre lang von  1770 an. Schließlich sollte es das Stück sein, welches das Leben, das Universum und den ganzen Rest erklärt. Aus der Erkenntnistragödie wird die Gretchentragödie und die wird zur Menschheitsparabel, fürwahr ein ambitioniertes Programm.

Von ähnlichen Ambitionen muss Mark Zurmühle getragen worden sein. Zum Schluss seiner Intendanz am Deutschen Theater in Göttingen fasste er den kompletten Faust komplett in eine Neuinszenierung.Auch das ist fürwahr ein ambitioniertes Projekt, daswohl allen Beteiligten viel abverlangt. Die Premiere in der Lokhalle beeindruckte mit monumentalen Bildern, die manchmal den Blick auf die Schauspieler verstellen.
Selbst am  Ostersonntag gelingt Faust und Wagner der
Kontakt mit der einfachen Freude nicht. Fotos: DT
Faust ist immer noch das meistgespielte Werk an deutschen Bühnen, aber beide Tragödien hintereinander zu spielen, dieses Wagnis gehen nur wenige ein. Die inhaltlichen Differenzen sind nicht ohne weiteres glattzubügeln. Beide Werke an einem Abend zu spielen ist ein gigantisches Vorhaben, dass die herkömmlichen Räume des Theaters sprengt. Damit ist die Verlegung in die Weite der Lokhalle nur logisch. Vier Stätten können dort bespielt werden, das Publikum muss Platz und Perspektive wechseln und so wird die Halle selbst und der Gang durch die Räume zum festen Bestandteil der Inszenierung. Aber die intelligent Lichtführung setzt die Akzente, rückt in den Fokus, verhindert das Verlieren im Endlosen,konzentriert sich aus das Wesentlich und bewahrt das Publikum vor der Dominanz der Architektur. Trotzdem hält sich Eleonore Bircher angenehm zurück. Der Verzicht auf die Möglichkeiten und die Reduktion auf das Notwendig erleichtert dem Publikum die Konzentration auf das Wesen. Doch wie sieht dieses Wesen aus? Was wird transzendiert?

Faust (oben) läßt sich vom
Pudel den Kern erklären.
Für das "Ich erkläre euch alles und die ganze Welt dazu"-Stück hat Mark Zurmühle  das ganz große Besteck ausgepackt und serviert alles, was das Theater des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Der Regisseur übernimmt die Logik des Autors und setzt die Vorlage konsequent um. Albrecht hat den Soundtrack für dieses Theater geliefert und er lotet alles aus zwischen den Polen "still und besinnlich" und "bombastisch und erdrückend". Dies verstärkt die Bilder, die bleiben, und Ziepert rundet so die Göttinger Inszenierung in der dritten Dimension konsequent ab.
 Goetthe griff auf den Knittel- und den Madrigal-Vers des ausgehenden Mittelalters zurück, um Anachronismen zu nutzen. Warum Zurmühle bei aller Jetzt-Zeitigkeit der Mittel sprachlich fünf Jahrhundert nach hinten verfällt, ist nicht schlüssig, bleibt ein unmotiverterKontrast, der nicht aufgelöst wird. In diesem Punkt verharrt die Inszenierung auf der Stelle und verschenkt Entwicklungspotential.
Der Auftakt erfolgt in Studio-Ambiente.Es gibt keine Bühne, das Publikum wird auf Papphockern platziert und sitzt im Prolog zu Füßen des Gottes.Mittendrin statt nur dabei erlaubt eine ungewöhnliche Perspektive. Andreas Jeßling spielt den Alten als Moderator eines überirdischen Meetings, eines Briefings zum Stand der menschlichen Glückseligkeit. Selbst die Wette mit Mephistopheles erledigt er zwischen Tür und Angel. Der Vorstandsvorsitzende des Universums hat offensichtlich kein Interesse mehr an seinen Mitarbeitern.
Szenenwechsel = Sitzplatzwechsel, das Ensemble sagt es an und wird damit zum Weggefährten  des Publikum oder auch zu den Steward bei allen Wechseln an diesem Abend. Die Trennung zwischen Künstler und Zuschauer wird im Ansatz aufgehoben. Das Studierzimmer ist keine enge Klause. Der blanke Beton versprüht den Charme einer Turnhalle, in der Faust seine rastlosen Runden drehen kann. Doch zuvor muss er erst von seinem Podest hinabsteigen und im Grund genommen hat er schon beim Bodenkontakt verloren. Denker, wärst du doch in deiner Stube bgeblieben, mag man da sagen.
Die Wanderungen durch die Szenen wird zur Führung durch das Labor des Lebens. Das ist auch eine Form des An-die-Hand-nehmens. Doch der Faust verleirt sich in der Weite des Lokhallens-Foyers und er verliert sich in seiner eigenen Trübseligkei.Florian Epppinger spielt einen Faust, der an seiner Verzweifelung verzweifelt und sich selbst nicht die Chance gibt, aus seinem Jammertal aufzusteigen. Selbst in den kurzen Augenblicken des Glücks lauert immer noch die Larmoyanz unterhalb der Bettkante.  
Faust kann sein Gretchen nicht erreichen.
Ähnlich ergeht es Marie-Kristin Heger als Margarete. Sie scheint nie so recht von dieser Welt und eben dieser Welt steht sie nur staunend gegenüber und Verzweifelung scheint ihr zweiter Vorname zu sein. Einzig der Entschluss, nicht mit Faust zu flüchten und doch dne Weg aufs Schaffot zu gehen, ist ihr einziger freier Entschluss. Beide zusammen ergeben eine permanentes Verzweifelungsniveau jenseits der 150 Prozent.
In dem Duo Faust - Mephistopheles, dass auch diese Inszenierung dominiert, ist Meinolf Steiner als Teufel ohne Frage der stärkere Part. Gegen die ständige Verteidigungshaltung von Florian Eppinger als Faust setzt Steiner souveräne und ruhige Momente, wenn er die Stimme herunternimmt. Dennoch ist er jederzeit der Herr der Lage. Somit bleibt es Jeßling und Steiner vorbehalten, neue Nuancen im Altbekannten herauszuarbeiten.
Mit diesem Faust I und II hat Zurmühle in Göttingen eine Inszenierung in die Lokhalle gestellt, die den gigantischen Anspruch des Autors mit gigantischen Bildern weiterentwickelt. Doch dieser Monolith droht auch, die Schauspieler und das Publikum mit vorgefertigten Deutungsmustern zu erschlagen.


Das Stück in der Selbstdarstellung.

DT Göttingen, der Spielplan.

Zum Vergleich:

Der Faust in Hildesheim.
Der Faust bei den stillen hunden.