Sonntag, 18. Februar 2018

Ein Abend voller Kontraste

Zwei Choreographien der Gegensätze im Theater Nordhausen

Es ist faszinierend. In knapp anderthalb Jahren hat Ivan Alboresi Nordhausen zu einem Hotspot des deutschen Tanztheaters gemacht. Den Beweis dafür liefert der Doppelabend "Die Kraniche des Ibykus/In parts to gather". Es sind die vielfältigen Gegensätze, die die Choreographien zu einen Erlebnis machen. Premiere war am Freitag und es waren nicht weniger als gleich Welturaufführungen.

Schon der Ballettabend in der vergangenen Spielzeit konnte mit der Gegenüberstellung einer Choreographie aus der Tradition des Erzählballetts und reinem Tanz begeistern. Doch dieses Mal sind die Positionen vertaucht. Hatte Hausherr Alboresi noch im letzten Jahr die These untermauert, dass die Seele nicht erzähle sondern tanze, überlässt er in diesem Jahr diese Position dem Gast.

Der US-Amerikaner Kevin O'Day gehört derzeit zu den gefragtesten Choreographen weltwei. Dass er eine Einladung nach Nordhausen annimmt, ist ein Lob. Dass er hier die Uraufführung seiner neuen Bach-Choreographie platziert ist eine Auszeichnung.

Die Bühne bietet viel Platz für die raumgreifenden
Choreographie von O'Day.         Alle Fotos: TNLos!
O'Day hebt vertraute Grenzen auf, denn  der Abend beginnt schon lange bevor sich der Vorhang hebt. Musik empfängt das Publikum schon im Foyer. Vier Solisten spielen im Haus verteilt Variationen über Bach. Auf vermeintlichen Gästen werden Tänzer, die zwischen Eingang, Garderobe und Treppe ihre ersten Tanzschritte machen. So raumgreifend, dass mancher Besucher zwei Schritte nach hinten machen muss.

Der Vorhang ist gar nicht da. Auf der offenen Bühnen bewegen sich zwei Tänzer und aus den Lautsprechern klingt Vogelgezwitscher. Ist dies das Warm Up? Auf jeden Fall wird das hereinströmende Publikum zu einem Teil der Inszenierung und der Abend startet im Workshop-Ambiente.

Die Türen schließen sich und das Licht im Parkett erlöscht. Die Gäste bewegen sich wieder auf sicherem Boden. Die Musik erklingt, doch nicht aus dem Orchestergraben sondern aus dem Parkett. Eine einzelne Violine hat sich in den Rücken des Publikum geschlichen und eröffnet von dort den Reigen. Später wird ihr eine Viola aus der Loge antworten. Bach funktioniert also auch im Dialog.

Überhaupt ist es ein eher unbekannter Bach, den das Quartett an diesem Abend präsentiert. Er ist auf das Notwendige reduziert, aller barocken Pracht entlaubt und ungewohnt nur von Streicher gespielt. Streckenweise klingt er wie ein gezähmter Vivaldi.

Soli oder Duette in wechselnder Besetzung bestimmen die Musik. Die Spielorte ändern und erst zum Finale findet sich das Quartett im tutti im Bühnenhaus zusammen. Bach bekommt nun etwas bürgerlich Kammermusikalisches.

Kreisende Bewegungen und Tänzer, die den Raum durchmessen, bestimmt auch hier die Choreographie. Dazu kommen weit ausgreifende Arme, das Auge hat Schwierigkeiten, den Händen zu folgen. Es scheint, als wolle die Tänzerinnen und Tänzer jede Note zwei- oder gar dreimal tanzen bevor die nächste kommt.

Gruppenbild mit Dame. Foto: TNLos!
Doch der Kontrast zu den meist adagio oder largho vorgetragenen Musik funktioniert. Die Spannung zeigt keine Risse und Musiker und Tänzer scheinen sich immer wieder an vereinbarten Punkten zu treffen und sich erneut zu verabreden.

Der Verzicht auf jegliches erzählerisches Element öffnet dem Publikum den Raum für freie Assoziationen. Aber auch die Betrachtung ohne jeglich Intention ist möglich, pure Ästhetik und reiner Genuss eben.

Nur der wortspielerische Titel ist die Klammer: In Teilen und zusammen. Anfangs verlieren sich Elementarteilchen auf der Bühne, später wird der Pas de Deux zum vorherrschenden Modell. Dadurch wird die kühle Ästhetik durchaus um ein sinnliches Element erweitert. Höhepunkt ist ohne Frage die Hebefigur aus drei Tänzern und einer Tänzerin, die das Publikum gleich zweimal in Schönheit verstummen lässt.

Die Bühne bietet genug Platz für die raumgreifenden Bewegungen. Vor einem schwarzen Vorhang im Bühnenhaus sind lediglich einige goldene Kugel im weiten Rund platziert. Ist es ein Hexenkreis oder handelt es sich dabei lediglich um vergessenes Spielzeug. Auf jeden Fall trifft Wolfgang Kurima Rauschning mit diesem reduzierten Bühnenbild genau den Geist der Choreographie.

Für das gelungene Gesamtpaket gibt es tosenden Beifall

Opulente Ballade


Ja, wie tanzt man eigentlich Schiller? So schwermütig und bedeutungsschwanger wie der Dichter seine Worte aneinandergeschmiedet hat. Zuerst lässt man sich von Christoph Ehrenfellner die Musik schreiben, erarbeitet eine opulente Choreographie mit vielen Massenszenen und entwirft dann ein prachtvolles Bühnenbild. Klingt ganz einfach, is'es aber nicht und genau deswegen ist Alboresis Choreographie zum "Die Kraniche des Ibycus" so überwältigend.

Die Kraniche machen Ibycus zu einem der ihren.
Foto: TNLos!
Musikalische orientiert sich Nordhausens Composer in Residence an der romantischen Programmmusik. Hinter den lieblichen Holzbläsern drohen immer Schlagwerk und Blech mit baldigem Unheil. Den Akteuren werden Eigenschaften per musikalischem Thema zugeordnet, die später immer wieder auftauschen. Die Musik wird so zu einem Träger der Handlung, drängt sich aber nie in den Vordergrund. So weit zur zweiten Uraufführung.

Während O'Day auf das Ensemble setzt, stellt Alboresi natürlich den Sänger Idycus in das Zentrum seiner Erzählung. Fast schon lyrisch setzt David Nigro in der Titelrolle sein Schritte. Er ist der Vergeistigte, der die Konfrontation mit der mörderischen Realität bis zum Schluss nicht ganz begreift. Joshua Lowe und Joseph Caldo hingegen strotzen in der Rolle der Mörder nur so vor Kraft und Urgewalt.

Auch ansonsten ist es eine Choreographie in der die Gegensätze auf einander treffen. Der Solist Ibycus wird von den Griechen auf Händen getragen. Er wird Teil des Schwarms der Kraniche. Es sind gerade diese wogenden Körper, die ein Gesamtes bilden. Ein Oh-Moment reiht sich an den anderen. Zu dem Erstaunen kommt die neue Deutung und Alboresi  erweitert Schiller um nicht nur eine Ebene.

In seinen bisherigen Aufführungen in Nordhausen konnte Alboresi mit einer Mischung aus klassischen Elementen und Modern Dance überzeugen. Hier verzichtet er völlig auf Klassik, dafür stecken einige Spurenelemente an Jazz Dance in seinen Massenszenen.

Diese Casting-Show endet tödlich.
Foto: TNLos!
Nur einmal setzt er einen Rückgriff in die Vergangenheit des Ausdruckstanz. Wallende Gewänder bestimmen den Auftritt der Erinnyen und auch die Musik gleitet ins Expressionistische. Dabei ist die Bühne mit einem starken Rot bedeckt, das sich im Gegenwind wiegt. Die Batterie an Scheinwerfer erzeugt eine Fernsehstudio-Atmosphäre, doch diese Casting-Show geht tödlich aus für den Kandidaten. Leblos bleibt er im Staub liegen und wird wie Müll entsorgt.

Dies ist sicherlich nur eins von vielen starken Bildern in dieser Choreographie. Aber durch die dominanten Farben, die so im Gegensatz zu den ansonsten gedeckten Tönen stehen, prägt sie sich doch deutlich ein.

Zwei Uraufführungen, die mit Gegensätzen arbeiten und die Gegensätze des Tanztheaters zeigen, damit spannen Alboresi und O'Day an einem einzigen Abend den gesamten Bogen über das zeitgemäße Ballett. Die Begeisterung des Publikum ist der verdiente Lohn dafür.







Material #1: Friedrich Schiller - Die Biographie
Material #2: Die Kraniche des Idycus - Der Text
Material #3: Die Kraniche - Die Erläuterung

Theater Nordhausen #1: Der Spielplan
Theater Nordhausen #2: Der Ballettabend
Theater Nordhausen #3: Ivan Alboresi
Theater Nordhausen #4: Wolfgang Kurima Rauschning
Theater Nordhausen #5: Composer in residence Christoh Ehrenfellner


Kevin O'Day #1: Die offizielle Homepage
Kevin O'Day #2: Farewell in Mannheim bei youtube
Kevin O'Day #3: Kammerspiel in Mannheim bei youtube
Kevin O'Day #4: Othello in Mannheim bei youtube