Dienstag, 22. Mai 2018

Ein starkes Finale

Galakonzert mit dem Christ Church Cathedral Choir in Göttingen

Erst verhalten dann jubilierend. Das Konzert mit dem Chirst Church Cathedral Choir  am Saamstag in der Stadthalle Göttingen hinterließ einen gemischten Eindruck. Doch zum Schluss löste sich alles in Jubel auf.

Für den ambivalenten Eindruck war auch die Auswahl der Werke verantwortlich. Dem allegorischen und fast schon philosophischen „The Choice of Hercules“ stellte Laurence Cummings nach der Pause das jubilierende „Te Deum for the victory of Dettingen“ gegenüber. Damit beleuchtet er Händels Antworten auf die verschiedenen Konflikte.

Dort ist Herkules innerer Konflikt und die fällige antwort auf die Frage „Wie soll es in meinem Leben weitergehen?“. Hier ist es der Jubelgesang nach der gewonnenen Schlacht. Dabei wird das Festpiel-Motto auch mal von einer anderen Seite bespielt.

Passt gut zusammen: FSG und CCCC.
Alle Fotos: Kügler

Die Schublade „Spätwerk“ wurde in der Spielzeit 2018 der Händel Festspiele häufig geöffnet. Doch beim Herkules trifft es das Prädikat wohl eindeutig. An einigen Ecken schimmert schon die Klassik durch und Händel nimmt bei den Streichern einiges vorweg, was 30 Jahre später zum Standard wurde. Er hat das barocke Korsett aus Thema – Variation – Thema – weitere Variation zumindest gelüftet.

Im pastoralen Accompagnato der ersten Szene setzt Fflur Wyn als Pleasure mit ihren jugendlichen Stimme den Kontrast, den sie in den anschließenden Arien noch ausbaut. Die weichen Holzbläser treffen hier auf ein prägnantes Vibrato.

Das Duett mit dem ChristChurch Cathedral Choir setzt diese Linie fort. Hier die kraftvolle Stimme der Freude und Vergnügungssucht, vertont im Sopran von Fflur Wyn, dort die Begleiter.

Doch diese zeigen sich hier unerwartet zurückhaltend. Die Lebensfreude des Chors scheint überschaubar. Dennoch zeigt der Christ Church Cathedral Choir, warum er zur Spitzenklasse gehört. Im transparenten Klangbild baut sich die der runde Sopran über den distinguierten Tenören auf.

Zur jugendlichen Elan von Wyn ist Rachel Kelly der Gegenentwurf. Sie legt ihre Rolle als Virtue wesentlich zurückhaltender an. Sie zeigt sie die eher lyrische Seite ihrer Stimmlage und im direkten Vergleich erschließt sich dem Publikum das Spektrum des Soprans.

Dennoch liefert Kelly in der zweiten Arie der zweiten Szene ein wahres Festivals an Koloraturen ab, doch gemäß der Rollenbeschreibung mit dem Verzicht auf jeglichen Pathos.

Diese drei Herren sollte man sich merken.
Hier ordnet sich auch Diana Moore in der Titelrolle ein. Ihr Mezzosopran intonisiert für die schwierige Situation, in der sich der gefallene Held gerade befindet, auf empfindsame Weise. Mit Synkope verzögert sie den Vortrag und erzeugt Spannung und macht die Entscheidungssituation des Herkules auch in der Arie deutlich.

Die Antwort eines Begleiters der Freude setzt hier einem dramaturgischen Punkt. Chorleiter Darlington und Cummings haben dazu den passenden Tenor aus dem Chor ausgesucht. Der junge Mann singt eine Arie, die voller Liebe zur Freude steht.

Damit ist das Terzett Herkules, Pleasuer und Virtue passend vorbereitet. In dieser Hopp-oder-Topp-Situation können Moore, Wyn und Kelly noch einmal ihre Positionen deutlich machen.

Doch die starken Schlusspunkt setzt der ChristChurch Cathedral Choir. Hat er im „Arise Arise“ seine Zurückhaltung aufgegeben, so wird der Schlusssatz zu einem wahren Festival des Chorgesangs. Alle vier Stimmlagen funktionieren für sich und auch gemeinsam und erzeugen ein Klangbild, das Gänsehaut erzeugt.

Das Dettinger Te Deum steht nach der Pause für die bekannte Seite Händelscher Jubelwerke. Viel Pauken und viel Blech leiten den Lobgesang auf den siegreichen Heerführer ein. Händel zitiert sich selbst und findet wohl Gefallen an seiner Wassermusik.

Mit druckvollem Gesang reiht sich der Chor jetzt in das Geschehen ein. Doch das Klangbild bildet weiterhin bei der brillanten Transparenz in der erstaunlichen Vielschichtigkeit. Im „Cherubim and Seraphim“-Satz steigern sich die Bässe über den Sopran hinweg, bis dann der Alt den starken Schlusspunkt setzt.

Zum guten Schluss gab es Applaus für alle.
Alle Fotos: Kügler
Als Bösewicht voller Tatendrang konnte CodyQuattlebaum schon in der Festspieloper „Arminio“ überzeugen. Hier führt er sich zurückhaltender ein. Seine Arie im Down Tempo kontrastiert den Drang nach Jubel mit einem Moment des Innehaltens.


Später wird er noch die Vouchsafe-Arie mit einem Lamento singen, dass aber nicht ins Weinerlich kippt sondern immer noch die Urgewalt seiner Stimme erkennen lässt.


Doch der tragende Pfeiler des zweiten Teils ist unbestritten der Chor. Das Bass-Tenor-Alt-Trio der drei Chorknaben ist der Höhepunkt des Abends und bestätigt den formidablen Eindruck, denn der Christ Church Cathedral Choir am Vorabend beim Konzert in Duderstadt hinterlassen hat.


Doch dazwischen darf DavidStaff noch ein Solo auf der Barocktrompete spielen, dass dem Jubelgesang in nichts nachsteht.


Das Terzett bietet Harmonie in Perfektion. Die drei Stimmen funktionieren allein und insgesamt. Sie legen die tiefe Freude, die sich hinter verhaltener Intonation verbirgt. Der Jubel mit angezogener Handbremse ist dem Thema durchaus angemessen.

Diese Linie halt die Aufführung bis zum Schlusschor durch. Somit endet das Oratorium in tiefer Friedfertigkeit. Futter für die Seele. Nach solch einem Konzert verzeiht man seinen ärgsten Feinden und sogar der eigenen Verwandtschaft.








Material #1: DerHerkules – Das Werk
Material #2: DettingerTe Deum – Das Werk

Material #3: DieHändel Festspiele – Die Website
Material #4: DieHändel Festspiele – Das Werk

Material #5: Christ ChurchCathedral Choir – Die Website
Material #6: DavidStaff – Die Website
Material #7: CodyQuattelbaum – Die Website







Donnerstag, 17. Mai 2018

Die Pop-Stars unter den Barockern

4 Times Baroque spielt bei den Händel Festspielen in Einbeck

Rotzfrech, aber das auf höchstem Niveau. 4 Times Baroque  sollen die Pop-Stars unter den Barock-Musikern sein. Das behauptet zumindest der SWR. Im Rahmen der Händel Festspiele spielten die Frankfurter am Mittwoch in Einbeck. Das Konzert in der Münsterkirche St. Alexandri war nicht nur erfrischend sondern auch unterhaltsam lehrreich. Das ausverkaufte Auditorium quittierte die Show mit viel Beifall.

Nach dem Konzert der London Handel Players war das Gastspiel des jungen Quartetts eine weitere Präsentation barocker Lebensfreude hin zu einer entspannten Rezeption alter Meister im rahmen eines ganzheitlichen Konzepts. Das Ensemble ist Teilnehmer des eeemering-Programms und in diesem Rahmen haben die vier Musiker Kunststudenten und KWS-Mitarbeiter bei einem Workshop in Bad Grund begleitet. Parallel zur Musik gab es in St. Alexandri Videosequenzen dieser Zusammenarbeit.

Schon in der Ouvertüre aus Händels Oper Rinaldo gibt die Blockflöte die Richtung vor. Jan Nigges agiert wie eine Ian Anderson der Barockmusik. Die Geschwindigkeit ist atemberaubend und das Ohr kommt kaum mit.

Zur Musik gab es Videos.
Alle Fotos: Kügler
Der weiche Holzbläser wird mit einer scharfen Geige kontrastiert. Jonas Zschenderlein setzt seinen Bogen hart und prägnant auf die Saiten. Das Klangbild erinnert an alte Musik, an sehr alte. Über dem Basso continuo bauen Nigges und Zschenderlein eine Spannung auf, die auch trägt.

Jan Nigges ist ein eloquenter Moderator, der das Publikum launig durch das Programm führt. Ganz nebenbei erklärt er Fehler der Musikgeschichte und er Kompositionskunst und erklärt, dass polnische Kneipen musikalisch wohl ein wahrer Schatz an Anregungen sind.

So vorbereitet starten Ensemble und Publikum in die Trisonate d-Moll von Pierre Prowo. Im Allegro nehmen Nigges und Zschenderlein gleich ordentlich an Fahrt auf. Flöte und Geige laufen freundschaftlich verbunden um die Wette oder vielleicht auch nur so zum Spaß. Auf jeden Fall sprudeln sie über vor lauter Tönen.

Das Adagio wirkt wie ein Vollbremsung. Über das Pizzicato der Violine legt die Blockflöte ätherische Linien. Alexander von Heißen untermauert dies mit kräftigen Akkorden am Cembalo. Verzögerung muss also nicht in Innerlichkeit ertrinken.

Ohne Bruch kommt der Wechsel zurück ins Allegro und das alte Thema taucht wieder. Mit dem tänzerischen und polnisch inspirierten Presto endet die Interpretation furios.

Jan Nigges ist Flötist und Moderator.
Foto: Kügler
Mit dem dreigeteilten Kammerkonzert F-Dur hat Antonio Vivaldi nicht nur einen Urtyp geschaffen und ein ganzes Genre geschaffen. 4 Times Baroque zeigen im Dreiklang von Flöte, Violine und Cello auch, was den besonderen Reiz barocker Musik ausmacht. Es ist die Improvisation über einem gemeinsamen Thema und das passgenaue Treffen an verabredeten Punkten. Wer will, der kann hier die geistige Verwandtschaft zum Jazz entdecken.

Im schleppenden Largo legt dann Karl Simko mit dem schroffen Cello den Grund, über dem die vogelgleiche Flöte fabuliert. Doch mit dem Cello-Solo erdet Simko die Flöte und das Publikum wieder.

Die Innerlichkeit wird mit einem rasanten Allegro beendet. Die Streicher erklingen im gewohnten Vivaldi-Sound. Zschenderlein steigert sich zu einem Violin-Solo, das den Rand des Erfassbaren erreicht. Der ganze Kirchenraum ist erfüllt mit Wohlklang im Up Tempo. Doch, das geht.

Als hätten sie nicht verabredet. Noch vor Wochenfrist hatten die London Handel Players beim Gastspiel in der Aula Göttingen bewiesen, dass barocke Musik und Tanz einst eine unlösbare Einheit waren. Nun kommt ihnen der Nachwuchs zur Hilfe. Er spielt auch Arcangelo Correli und dessen Sonate op. 5. Auch deren siebte Ausgabe ist eine Aufzählung einstiger Tanzkunst.

Die Corrente korrespondiert wunderbar mit dieser obigen These. Im Trio mit Cembalo und Cello setzt Zschenderlein die hüpfenden Töne, um in der Sarabande zu einer weichen Bogenführung zu finden. Für die Jazzer wäre das wohl der Blues.

Geige und Cembalo, ein schönes Paar.
Foto: Kügler
Doch der dauert nicht lang. In der Gige verbreitet der Wechselgesang von Violine und Cembalo wieder eine ausgelassene Stimmung.

„La Folia“ von Corelli gilt als epochales Werk. 4 Times Baroque machen daraus einen Parforceritt durch die Tempi. Alle acht Wechsel funktionieren präzise und ohne Übergang. Die Akkorde des Cembalos legen die Basis erst für die Solo-Flöte und im Allegro für das Cello. Im letzten Allegro nimmt Nigges die Herausforderung an und steigert sich noch einmal.

Vivaldi als musikalischer Visionär liegt dem Frankfurter Ensemble wohl besonders am Herzen. Sie präsentieren den Venezianer als Erfinder dessen, was 150 Jahre später als Programmmusik die europäischen Bühnen beherrschen wird. Sein Concerto „La Notte“ steckt voller allegorischer Klänge, die im Kopfkino die Bilder eines Venedigs mit geheimnisvollen Gassen und dunklen Plätzen hervorruft.

4 times Baroque, ihre Interpretationen und das Beiwerk gehen über das hinaus, was von einem barocken Konzert erwartet wird. Doch der freche Vortrag auf höchstem Niveau überzeugt und begeistert das Publikum. Viele sind neugierig geworden und finden an diesem Abend nach dem Konzert den Weg in die KWS Art Lounge. Dort sind die Ergebnisse des Workshops in Bad Grund zu bestaunen. So präsentieren die Händel Festspiele zum zweiten Mal in einer Spielzeit Barock als Gesamtkunstwerk und als Lebenseinstellung. 





Material #1: HändelFestspiele - Die Website
Material #2: HändelFestspiele  - Das Konzert

Material #3: eeemerging-Programm  - Die Website
Material #4: 4 Times Baroque  – Das Quartett

Material #5: KWS Art Lounge – Das Konzept







Dienstag, 15. Mai 2018

Alles nur aus Liebe

Sidler inszeniert einen empfindsamen Helden bei den Händel Festspielen

Berührend und begeisternd, so zeigte sich die diesjährige Festspieloper  bei den Händel Festspielen. Die Musik war das Maß aller Dinge Bei der Premiere am Samstag gab es dafür donnernden Applaus.

"Arminio" gehört wohl zu den wenigen Werken von Händel, die unter einer chronischen Unterschätzung leiden. Mitten in die Londoner Krise der Oper hineingeboren  verschwand das Singspiel um den germanischen Nationalhelden nach nur fünf Vorstellungen in der Versenkung. Von dort tauchte es 1937 erst wieder in Leipzig auf.

Dieses Schicksal hat "Arminio" wahrlich nicht verdient. Es scheint, als ob Händel hier noch einmal alles geben wollten, um sich gegen das Ende der Opera seria zu stemmen. Das Stück ist eine durchkomponierte Aneinanderreihung wunderbarer Arien. Ein letztes Highlight bevor am Convent Garden Theatre die Lichter ausgingen.

Arminio ist gefangen und Segeste und Tullio haben
so ihre Pläne mit ihm.   Alle Fotos: IHFG Göttingn
Musikalisch kommt der Germanenfürst gar nicht so heldenhaft daher. Händel schlägt hier ehr die zurückhaltenden Töne an. Immerhin hat Arminio auch gerade eine bittere Niederlage erlitten und er ist dabei, seinen Kopf auf dem Richtblock zu verlieren.

Laurence Cummings versteht es, diese Stimmung durchgängig zu halten. Sein Dirigat reduziert sich auf die entscheidenden Stellen, weil das FestspielOrchester Göttingen nicht nur seins der besten seiner Art ist. Es ist nicht nur ein wunderbar funktionierender Klangkörper, sondern hat auch die Vorstellungen seines Leiters verinnerlicht, geht damit konform und setzt diese Leitlinien überzeugend um.

Der Klang ist wieder einmal dieser einmalig poetische. Zurückhaltend in der Instrumentierung schaffen Cummings und das FestspielOrchester erneut eine feines Gespinst. Jede Instrumentengruppe ist klar zu erkennen und jeder Ton kommt zu seinem Recht. Das ist Liebe zur Musik.

Mit Eric Sidler scheint Cummings auf einen Bruder im Geiste getroffen zu haben. Der Intendant des Deutschen Theaters liegt mit seiner ersten Oper eine Inszenierung vor, die vor allem mit Zurückhaltung und Respekt vor dem Werk überzeugt. Weder musikalisch noch theatralisch wird das Publikum überrannt und zu Boden gerungen. Jedem Zuschauer und jeder Zuhörerin bleibt genug Raum, um sich im dem Intrigen- und Gefühlsgewühl zurecht zu finden. Auch das ist Liebe zur Musik und Respekt vor dem Publikum.

Sidler verzichtet auf die großen Gesten, auf das Monumentale, das sich bei diesem Thema ja geradezu anbietet. Das Spiel ist auf das Nötigste reduziert und jede Geste scheint wohl überlegt. Raumgreifendes bleibt alleion dem Bösewicht vorbehalten. Damit bleibt Raum, um die Musik wirken zu lassen. Diese scheint im Vordergrund und das ist durchweg wohltuend.

Er ergänzt den Heldenepos um weitere Ebenen. Da ist nicht nur die Abhängigkeit des Arminio von seiner Gattin und das Dilemma des Sigismondo, der nur dem Vater oder der Geliebte die Treue halten kann. Es geht auch und vor allem um den Respekt dem Unterlegenen gegenüber.

Tusnelda hält Arminio auf Kurs.
Foto: Internationale Händel-Festspiele
Es sind schon Szenen mit Kloss-im-Hals-Faktor, wenn Segeste den Gefangenen wie ein Tier umher führt und ihn wie einen Affen im Käfig präsentiert  füttert oder die Kunststudenten den Exoten zeichnen. ERniedrigung pur und deren Anklage mit einfachen theatralischen Mitteln. Die Liebe zur Musik wird durch die Liebe zum Menschen ergänzt.

Nach den Ausstattungsopern der letzten Jahre verzichtet Arminio auf jeglichen Pomp. Das Bühnenbild von Dirk Becker ist auf drei große Kuben und wenige Requisiten reduziert. Das ist ein bestimmender Teil des Konzept. Die minimale Ausstattung stellt Gesang und Musik in den Mittelpunkt. Auch die Kostüme von Renée Listendal passen sich ein. Arminio wirkt in seiner operettenhaften Ausstattung wie ein Freizeit-Admiral auf dem Trockenen.

Mit Christopher Lowrey trifft das Publikum auf einen alten Bekannten. Der Countertenor konnte schon 2014 in „Faramondo“ überzeugen und 2016 in „Susanna“ begeistern. Mit seiner lyrischen Interpretation gibt er einen Germanenfürsten, der vor allem erst einmal ein Geschlagener ist und nur durch die Liebe seiner Frau Tusnelda aufrecht gehalten wird. Das Duett in der ersten Szene des ersten Aktes setzt hier schon die Zeichen.

Mit der Arie in der dritten Szene überzeugt Lowrey zum ersten Mal, es folgen noch weitere Beispiele der Harmonie auch mit dem FestspielOrchester. Die Todesarie in Szene neun des zweiten Aktes ist zum Dahinschmelzen schön. Hören und sterben, mag man leichtfertig formulieren. Aber das ist auch keine Lösung, dann würde man ja viele Höhepunkte in dieser Oper verpassen.

Auch die Tusnelda Anna Devin war bereits 2014 in „Faramondo“ zu hören. Diese Mal überzeugt sie von Beginn an. Wirkte sie vor vier Jahren anfangs noch ein wenig überredet, so lässt sie dieses Mal ihre ausgearbeitete Stimme wirken. Die zurückhaltende Regie scheint ihr gut zu tun.

Arminio ist endlich auf dem rechten Weg.
Foto: Internationale Händel-Festspiele
Nicht mit großen Gesten sondern mit Überzeugung und der Kraft ihrer ausgearbeiteten Stimme hält sie den gestrauchelten Gatten in der Spur. Dabei kann sie auch viel Verzweiflung in das Spiel bringen, wie der Schluss des zweiten Aktes zeigt.

Paul Hopwood wirkt als Varo hingegen schon etwas sehr zurückhaltend. Ein wenig mehr Geste stünde dem erfolgreichen Feldherren durchaus gut zu Gesicht. Dieser Varo erinnert in seiner Anlage stark an den Salzburger Julius Cäsar von 2012.  Dafür kann der Tenor aber mit Gesang überzeugen. Die Koloraturen seiner Arien in der zweiten und dritten Szenes des ersten Akts sind ganz große Sangeskunst.

Bei solch einem distinguierten Spiel ist es wohltuend, dass sich doch jemand für die Rolle des Bösewichts findet. In diesem Falle ist es Codey Quattlebaum als Segeste. Dem reduzierten Spiel seiner Gegenüber setzt er nicht nur große und raumgreifende Gesten und eine gewalttätige Mimik entgegen. Der Bass-Bariton verfügt auch über ein erstaunliches Volumen und ein beeindruckende Dynamik, die er hier voll ausspielen kann. Unter all den Feingeistern ist er der Rocker, das wirkt erfrischend.

Laurence Cummings und Eric Sidler schaffen es, der durchkomponierten Oper mit ihren unzählig schönen Arien ein gemeinsames Konzept bei Seite zu stellen, in dem vor allem die Liebe zur Musik oben an steht. Den How-Effekten und Erbsenzählereien anderer Händel-Inszenierungen stellen sie eine Aussage entgegen und das ist gut so.




Material #1: Arminio - Die Oper
Material #2: Georg Friedrich Händel -  Die Biografie

Material #3: Händel Festspiele - Die Website
Material #4: Händel Festspiele - Das Stück

Material #5: Laurence Cummings - Die Biografie
Material #6: Eric Sidler – die Biografie










Montag, 14. Mai 2018

Frische Stimmen im Oratorium begeistern

Mischung aus jung und erfahren spielt „Alexander Balus“ in der Nicolaikirche

Die Händel Festspiele waren am Sonntag zu Gast in Herzberg. In der Nicolaikirche stand das Oratorium „Alexander Balus“ auf dem Programm. Ort, Orchester, Solisten und vor allem der Chor: Das Gesamtpaket überzeugte in allen Belangen. Dafür gab es vom Publikum schon zur Pause begeisterten Applaus.

„Alexander Balus“ gehört zu den Jubelarien, die Georg Friedrich Händel 1747 und 1748 für seinen König geschrieben hatte. Dieser hatte gerade den Jakobitenaufstand niedergeschlagen und den Protestanten die Vorherrschaft über Großbritannien gesichert. Wie schon im Oratorium „Judas Maccabaeus“ griff seine Librettist Thomas Morell dabei auf eine biblische Geschichte zurück.

Gemeinhin gilt „Alexander“ als die narrative Fortsetzung des „Judas“, der schon am Donnerstag in der Stadthalle Göttingen auf dem Programm stand. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten, beide Werke stehen für sich allein.

Dramaturgisch gesehen ist das Folgewerk fast schon ein Gegenentwurf zum Erstling. Während „Judas Maccabaeus“ verhalten startet, um dann im Triumph zu enden, läuft der Spannungsbogen des „Alexander“ gegenläufig. Am Ende stehen nur Tod und Verzweiflung.

Die Harfe setzt die Akzente.
Alle Fotos: Kügler
Auch musikalisch nimmt diese Oratorium eine Sonderstellung in Händels Schaffen ein. Er verzichtet hier weitgehend auf Selbstzitat, bietet Neues und sorgte mit einer außergewöhnlichen Instrumentierung für ungewohnte Klangfarben. Die streckenweise Dominanz der Blechbläser erinnert an Johann Sebastian Bach und die Streicher klingen im zeitweilige Stakkato wie bei Vivaldi. Kontrastiert wird dies mit den weichen Holzbläsern. Doch die bleibenden Akzente setzt die Harfe.

Jörg Straube am Dirigentenpult lässt das Ensemble Musica Alta Ripa furios beginnen. Alles jubelt und frohlockt. Erst die Oboen und die Fagotte, dann stimmen die Blechbläser in den Jubel mit ein. Die Pauke untermauert den Triumph. Gerade hat sich Alexander Balus zum König von Syrien gemacht. Das musste sein Vorgänger Demetrius mit dem Leben bezahlen. Trotz aller Dynamik und allen Jubels bleibt das Klangbild transparent. Die Instrumentengruppen sind deutlich voneinander zu unterscheiden.

Der Wahl des Spielorts erweist sich als weise Entscheidung. Das Orchester füllt die Halle und das weite Rund trägt den transparenten Klang ohne Qualitätsverlust durch den gesamten Kirchenbau. Die aufwärts strebende Architektur der Nicolaikirche ist eine wunderbare Ergänzung zu den hochfliegenden Plänen des Titelhelden.

Dann setzt der Landesjugendchor Niedersachsen ein und prägt gleich mit dem ersten Strophen den Abend. Das Ensemble bringt jugendliche Frische mit sich. Die Dynamik der Stimmen wird durch ein filigranes Klangbild ergänzt. Die Sängerinnen und Sänger greifen das Tempo des Orchesters auf und werden so zur treibenden Kraft in dem Ränkespiel um den Thron von Syrien.

Marcjanna Myrlak schlägt in der Titelrolle deutlich leisere Töne an. Nicht nur der Auftakt ist verhalten, auch im Laufe des Abends wird sie eher ruhigere Töne setzen. Den Alexander Balus entgegen der Vorlage mit einer Mezzosopranistin zu besetzen ist durchaus konsequent, denn der König der Syrer ist alles andere als ein strahlender Held. Die Ambivalenz seiner Person korrespondiert durchaus mit der lyrischen Vortragsweise von Myrlak.

Eine Kirche, eine Bühne, fünf Talente.
Foto: Kügler
Da ist doch William Wallace als Jonathan stimmlich ein anderes Gewicht. Der Tenor steht für Kraft und Glanz und somit der klare Sieger im Ränkespiel. Seine Koloraturen in den Arien des dritten Aktes begeistern mit Brillanz. Im Accompagnato am Ende des zweiten Akts gelingen ihm und dem Landesjugendchor ein Wechselgesang der Extraklasse.

Arianna Ventidelli beginnt als Cleopatra mit belegter Stimme ihr erstes Rezitativ. Doch schon in der Arie der ersten Szene zeigt sie ihr Potential. Sie und das Orchester legen eine Leistung vor, die in die Kategorie „optimale Ergänzung“ einzureihen ist. Ventidelli ist wohl eine Teamplayer. Im Duett mit Aspasia entwickelt sie Harmonie im Gesang und Brillanz in der Stimme. Das Liebesduett mit Alexander am Ende des zweiten Aktes ist wahre Poesie. Beide schmelzen vor Liebesglück dahin und mit ihnen auch das Publikum.

Neben dem Landesjugendchor ist Guilia Bolcato die zweite Überraschung des Abends. In ihren jungen Karriere hat sie schon einige Auszeichnungen einsammeln können und dies auch zu Recht, wie ihr Vortrag in der Nicolaikirche zeigt. In der Arie der Aspasia in der dritten Szene begeistert sie nicht nur mit ein passgenauen Wechseln mit dem Orchester. Sie brilliert zudem mit Koloraturen der Sonderklasse. Dabei geht sie an die Grenze der Stimmlage ohne ins Schrille zu kippen. Das ist Belcanto wie er sein muss.

Aber auch das andere Fach beherrscht die Sopranistin. Die zeigt ihre Arie in der zweiten Szene des zweiten Aktes. Auf einmal ist alles weich und rund und lieblich.

Mischung aus erfahren und jung: Musica Alta Ripa
und der Landesjugendchor Niedersachsen. Foto: Kügler
Soviel Poesie und Liebreiz muss Martin Achrainer den Kontrapunkt setzen. In der Rolle des Ägypterkönigs Ptolemäus entwickelt sich der kräftige Bass zum treibenden Motor der Erzählung.

Doch wie schon vor der Pause setzt wieder der Landesjugendchor den beeindruckenden Schlusspunkt. Das Ensemble überzeugt mit einem Kanon, in dem jeder Stimmlage klar erkennbar ist, zu ihrem Recht kommt und trotzdem ein harmonisches Ganzes ergibt.

Die Besetzung des Oratoriums mit einem Orchester, das auf jahrzehntelange Erfahrung in Sachen historischer Aufführungspraxis zurückblickt, und zahlreichen jungen Stimmen im Chor und als Solisten war nicht ohne Risiko. Doch es hat sich mehr als gelohnt. Wenn die Begeisterung des Publikums abebbt, wird die Gewissheit bleiben, dass man in der Nicolaikirche Sängerinnen und Sänger erlebt hat, den eine große Karriere bevorsteht.





Material #1: Händel Festspiele - Die Startseite
Material #2: Händel Festspiele - Das Werk

Material #3: Landesjugendchor Niedersachsen - Die Website
Material #4: Guilia Bolcato - Die Daten


Material #5:  Alexander Balus  - Das Oratorium







Sonntag, 13. Mai 2018

Ein Abend voller barocker Lebensfreude

London Handel Players verabschieden Cummings mit einem Feuerwerk der guten Laune

Von wegen knochentrocken und steif. Das Barock ist vor allem Lebensfreude. Das bewiesen die London Handel Players bei ihrem Gastspiel in der Aula der Universität Göttingen. Für einen Wermutstropfen sorgte einzige der Abschied von Laurence Cummings. Doch auch der löste sich zum Schluss in lautes Lachen auf.

Musik und Tanz gehören ja eigentlich zusammen. Nur irgendwann zwischen damals und heute hat man diese Einheit aufgelöst. Dabei muss es wohl um Seriosität gegangen sein. Im ihrem Programm "Musik für einen König" heben die London Handel Players diese Trennung wieder auf und das mit Gewinn für alle Beteiligten.

Am Hofe Ludwig XIV. waren Musik und Tanz allgegenwärtig. Nicht nur Musiker, auch Choreografen gehörten zu den höfischen Angestellten. Damit prägte der Sonnenkönig das Lebensgefühl einer ganzen Ära. In den Bezeichnungen Courante, Bourée, Sarabande oder Passepied haben Relikte dieser Verbindung überlebt.

Barocker Tanz ist athletisch.
Alle Fotos: Thomas Kügler 
Die London Handel Players greifen dieses Lebensgefühl wieder aus. Immerhin trägt ihr Programm den englischen Titel "A Celebration of Baroque Dance". Neben den Instrumenten haben sie such zwei Tänzer im Gepäck.

Ihr Programm starten sie mit dem Marsch aus Händels Scipio. Was erst gravitätisch daherkommt gewinnt immer mehr Leichtigkeit. Dafür ist vor allem Rachel Browns Spiel an der Barockflöte verantwortlich. Dann treten die Tänzerin und der Tänzer auf Parkett.

Das hatte man zuvor freigeräumt, die ersten Reihen aus der Querordnung gebracht und längs neu sortiert. Der Dancefloor ist also bereit. Gepaart mit den geschichtsträchtigen Kulisse Aula kommt ein höfisches Gefühl auf, als die Zuschauer auf dem Rang sich frische Luft zufächern. Gesamtpaket nennt man das heute. Wer will, kann sich der Illusion hingeben.

Die erste Überraschung: barocker Tanz ist leicht und locker und durchaus verspielt, aber auch athletisch. Der Tanz hat nichts gemeinsam mit dem steifen Geschreite, dass die Perücken- und Piratenfilme der 40er und 50er als historisch ausgeben. Mary Collins und Steven Player drehen sich oft und gelegentlich springen sie. Gerade Player zeigt artistische Fähigkeiten und höfische  Rituale brechen sich in lebensfrohen Schritten.

Gleich sechs Tänze finden sich in der Suite Nr. 2 h-Moll von Johann Sebastian Bach. Auch hier verzaubert der Tanz durch seine gelebte Freude und den Verstoß gegen die Etikette. Tanz ist nicht Bewegung. Im Tanz kann man wortlose Geschichten erzählen, einzig mit dem Körper, mit Mimik und Gestik. Und das machen Collins und Player jetzt auch. Es ist ein Geschichte vom Umwerben, vom Stolz und Zurückweisung und Kränkung und trotzdem bleibt sie leicht und komödiantisch.

Aber Bach ist  Bach und eben nicht Händel. Doch das ficht die Londoner nicht an. Sie schaffen den Übergang nahtlos. In ihrem Solo entfaltet Rachel Brown den weichen Klang ihre Holzintruments im vollen Umfang.

Butterfield und Player in er musikalischen Corrida.
Foto: Kügler
Für Barock mit Folklore steht die Sonate op. 5 Nr. 12 d.Moll von Arcangelo Correlli. Immerhin wird sie ja auch "L Folia" genannt. Auf alle Fälle kommt sie recht spanisch daher. Doch zu Anfang darf Adrian Butterfield zu einem Geigen-Solo durch alle Register ansetzen.

Auf einmal hat sich Steven Player in einen Musiker verwandelt. Erst schlägt er auf der Barockgitarre Akkorde, dann zupft er eine Melodie und schreitet stolz einher wie ein Torero. Der Dancefloor verwandelt sich in einer Arena und Butterfield und Player liefern sich mit ihre Instrumenten eine musikalische Corrida. Diese kennt drei Sieger: Geige, Gitarre und Publikum.

Das Konzept scheint aufzugehen. Musiker un Tänzer werden mit Jubel in die Pause entlassen. Allen Zuschauern ist ein glückseliges Lächeln ins Gesicht geschrieben. So viele Lebensfreude gab es in diesem altehrwürdigen Mauern selten. Schon in der Pause dämmert die Erkenntnis, dass Performance wohl eine französische Erfindung des 17. Jahrhunderts sein muss.

Dann wird es historisch. Seit der Gründung des Ensemble war Laurence Cummings Mitglied der London Handel Players. In diesen 18 Jahre wurde das Ensemble zu einem der weltbesten wenn es um historische Aufführungspraxis geht. Das Gastspiel in Göttingen ist nun der Schlusspunkt. Cummings verabschiedet sich von den London Handel Players.

Barocke Maxime: Keine Party ohne Harlekin.
Foto: Kügler
Er tut dies mit der Suite C-Dur von Louis Couperin, mit jenem Stück, dem er nach eigenen Worten die Liebe zum Cembalo zu verdanken hat. Das merkt man. Er scheint die Tasten zu streicheln, als er Ton an Ton zu einer feinen Kette reiht. Feinste Melodielinien schweben feenhaft durch das Auditorium, das andächtig schweigt. Poesie in Noten.

Doch bevor die Stimmung in Wehmut umschlägt wandeln sich in der Passacaille die feinen Gespinste in kräfige Akkorde, die eine Rhythmus ergeben, einen Beat gewissermaßen. An manchen Ecken scheint sogar das "Lean on  me" von Bill Withers durchzuschimmern.

Nach diesem emotionalen Moment zeigen die London Handel Players, dass Musik und Tanz im Barock durchaus klassenübergreifend waren. In den sieben folgenden Stück volkstümelnd es deutlich, alle Werke sind von der Folklore geprägt. Die These von Rachel Brown, dass im Barock alle tanzten, Könige, Fürsten, Kaufleute, Handwerker und Bauern, wird hier untermauert.

Im "Chaconne d'Arlequin par M. de la Montague" darf Steven Player noch einmal sein komödiantisches Talent unter Beweis stellen. Sein Auftritt als Harlekin hätte dem Händel sicher gefallen.

Mit dem programmatischen Werk "Les Caractères de La Dance" von Jean-Féry Rebel endet das Programm. Nicht weniger als zwölf Tänze hat der Komponist hier versammelt. Gewissermaßen der Schnelldurchlauf.

Trotz Abschied hat er gut lachen.
Foto: Kügler
Die Wehmut über Cummings Abschied löst sich in Albernheit auf. Jeder küsst jeden und das Publikum applaudiert begeistert.

Mit diesem Abend haben Cummings und seine Mitspieler noch einmal ein Zeichen gesetzt. Barock ist vor allem Lebensfreude, mal leis, mal etwas lauter. Sie haben die alte Einheit von Musik und Tanz wiederhergestellt. Damit haben sie nicht nur einen wichtigen Kontrapunkt zur schwermütigen Ernsthaftigkeit späterer Generationen gesetzt, sondern auch eine wichtige Randnotiz für die Musikwissenschaft geschrieben. Damit wandeln sich die Händel Festspiele wieder einmal von einem Musikfestival zu einem ganzheitlichen Barockfestival.


Material #1: London Handel Players - Die offizielle Website
Material #2: Laurence Cummings - Die Biografie

Material #3: Steven Player - Der Tänzer
Material #4: Mary Collins - Die Tänzerin

Material #5: Internationale Händel Festspiel - Die Website
Material #6: Musik für einen König - Das Programm






Freitag, 11. Mai 2018

Ein prachtvolles Gloria

FestspielOrchester eröffnet Händel Festspiel in Göttingen

Nach dem Pre Opening kam an Christi Himmelfahrt das Grand Opening. Mit "Judas Maccabaeus" gab das FestspielOrchester den Startschuss zum Hauptprogramm 2018. Am Ende des Konzerts blieb die Erkenntnis; Propaganda kann auch was Schönes sein.

Mit dem Oratorium "Judas Maccabaeus" konnte Händel in seinem Spätwerk ein deutliches Ausrufezeichen setzen. Neben den zu erwartenden Selbstzitaten überrascht das Œuvre mit vielen zurückhalten Passagen, die mit den durchaus vorhandenen Pathos einen spannungsreichen Kontrast bilden. Prachtbarock trifft hier auf Lyrik.

Das erfüllt durchaus seinen Zweck. Aus dem tiefen Tal zum umjubelten Sieg, so lautet das Konzept. "Judas Maccabaeus" gehört zu den Jubelarien, die Händel einst für seinen König Georg II. Dieser hatte gerade die aufständischen Jakobiten besiegt und den Protestanten die Vorherrschaft in Großbritannien gesichert.

Große Erwartungen vor dem Start.
Alle Fotos: Kügler
Als Vorlage diente die Geschichte des gleichnamigen jüdischen Herrführers, der für die religiöse Freiheit seines Volkes kämpfte. Dass die historische Vorlage 1746 vom Librettisten Thomas Morell  arg gebogen wurde, entspricht nicht nur dem damlaigen Zeitgeschmack. Damit ist dieses Werk, wie auch der nachfolgende "Alexander Balus", Propaganda in Noten. Aber eben wohlklingen und wohltuende.

Aus dem Tutti  der Ouvertüre  entwickelt Laurence Cumming zusehends eine filigranes Geflecht. Sein Dirigat ist gewohnt reduziert und Tempo und Lautstärke verbleiben im mittleren Bereich. Wunderbar, das selbst hier alle Instrumente klar erkennbar bleiben und gleichberechtigt miteinander klingen. Cummings legt die lyrische Seite barocker Tonkunst frei. Die unerwartete Zurückhaltung bereitet auf die schwierige Lage des israelitischen Volkes vor. 

Der NDR Chor schließt sich der Vorgabe nahtlos an. Getragen aber ohne Larmoyanz trägt das Ensemble die missliche Situation des israelischen Volks vor. Das ist schon jetzt zum Ende hingedacht, denn so wird der Sieg umso glanzvoller.

Gleich mit ihrem Auftritt setzt Sophie Harmsen die erste Marke. Die Mezzosopranistin lotet die Stimmlage aus und bleibt doch weich und rund im Ansatz. Sie setzt jeden Ton klar und deutlich.

Schon jetzt zeigt sich die Harmonie im Wechselgesang mit der Sopranistin Deanne Breiwick. Die beiden Damen lassen die Melodien nebeneinander herlaufen, um sich dann doch an den entscheidenden Stellen punktgenau zu treffen. Das "Komm, süße Freiheit"-Duett ist ein Moment höchster Verzückung, von dem man hofft, dass er nie zu Ende geht.

Harmonie und Verzückung: Deanne Breiwick und Sophie
Harmsen. 
Schon kurz zuvor konnte die amerikanische Sopranistin mit der "O Freiheit du"-Arie einen Höhepunkt setzen. Lediglich von der erstklassigen Phoebe Carrai am Cello und dem ebenbürtigen David Tayler an der Theobe begleitet kann sie ihr den klaren Klang ihrer Stimme zur Geltung bringen. Ihre Koloraturen sprudeln mit der Geschmeidigkeit eines Bachlaufs. Manche nennen das Liebreiz, für andere ist es Verzückung.

Mit der reduzierten Instrumentierung dieser Passage bleibt Cummings dem lyrischen Ansatz seiner Interpretation treu. Es scheint ein empfindsames Volk zu sein, dass sich dort gegen die Unterdrückung wehren wird.

Die starke Figur an diesem Abend ist João Fernandes. Vor drei Jahren als Claudio in der Festspieloper "Agrippina" ist der portugiesische Bass zumindest optisch kaum wieder zu erkennen. Aber heute wie damals entwickelt er eine Dynamik, die man in dieser Stimmlage selten antrifft. Klar und deutlich und ohne Geknödel präsentiert er auf wunderbare Weise die Koloraturen seiner Arien.

Nicht ganz so souverän startet Kenneth Tarver in der Titelrolle in den Abend. Der Tenor wirkt anfangs ein wenig verhalten. Erst im Accompagnato und im Wechsel mit dem FestspielOrchester legt er seine Scheu ab. Das Stakkato macht deutlich, dass hier eine Entscheidung ansteht. Tarver weiß die "Jetzt oder nie"-Situation zu nutzen.

Der NDR Chor stimmt hier passgenau mit ein. Der Dreiklang von Orchester, Solist und Ensemble macht deutlich, dass musikalische Höchstleistungen bei den Göttinger Händel Festspielen zum Standardrepertoire gehören. Mit "Judas Maccabaeus" ist der Start in das Hauptprogramm gelungen und um ein Floskel zu bemühen: Dieses Oratorium macht Lust auf noch mehr "Konflikte".






Material #1: Händel Festspiele - Die Startseite
Material #2: Händel Festspiele - Das Werk
Material #3: Händel Festspiele - Die Künstler

Material #4:  Judas Maccabaeus - Das Oratorium
Material #5:  Judas Maccabaeus - Die wahre Geschichte




Sonntag, 6. Mai 2018

Ein ganzer Kosmos an einem Abend

Viva Voce eröffnet die 35. Spielzeit der Kreuzgangkonzerte

Diese Jungs trauen sich was. In ihrem aktuellen Programm "Ein Stück des Weges" vereinen Viva Voce U2, Metallica und die Väter der Kirchenmusik und das klappt sogar. Deshalb gab es bei der Spielzeiteröffnung im Kloster Walkenried am Sonnabend jede Menge Applaus.

 Die ersten leisen Töne kommen gar nicht von vorne. Das Quintett hat sich im Rücken des Publikums aufgebaut, singt Gregorianik und macht dann eine Prozession durch die Sitzreihen zur Bühne. Das ist zwar nicht neu, sorgt aber für einen erste Aha-Effekt. Aber aller Besinnlichkeit und Weltvergessenheit überzeugt der Vortrag mit einer kraftvollen Darbietung.

Diese Herren haben ein Faible für stimmungsvolle
Sakralbauten.                   Alle Fotos: Kügler
Ohne Ankündigung gibt es einen Sprung um 800 Jahre nach vorne. Die Gregorianik geht ansatzlos in U2 Klassiker "I still haven' found what I'm looking for". Dieser Trick wird dem ganzen Abend beherrschen. Viva voce kreieren Kombinationen, die man auf den ersten Blick befremdlich findet, und der Vortrag macht dann deutlich, dass es Parallelen und sogar Gemeinsamkeiten gibt. Hier ist es die Suche nach dem Verlässlichem. Das mach die anschließende poppige Eigenkomposition "Ein Stück des Weges" deutlich. Später wird es um Beistand, Liebe und auch um Vergänglichkeit gehen.

Dann geht der Parforceritt durch die Genre weiter. Mit "Gentle Sheppard" steht ein Gospel auf dem Programm, doch anders als erwartet. Es gibt kein Schubbi-Doh-Bop und Körper, die sich ekstatisch wiegen. Es gibt Besinnung unplugged. Die fünf Sänger legen die Mikrofone beiseite und vertrauen ganz auf die Kraft ihrer Stimmen. Die erklimmen die höchsten Höhen im gotischen Gemäuer, um von dort auf das Publikum zu perlen.

Dafür wurde einst der Kreuzgang gebaut und Viva Voce weiß das gleich mehrfach bei diesem Konzert zu nutzen. Wie versprochen erwecken sie das Gemäuer und machen es zum Klangraum, der zum Teil der Inszenierung wird. Aber es ist auch der Beweis, dass Intendant Thomas Krause mit seiner Entscheidung, Chorgesang zum Schwerpunkt der Spielzeit 2018 zu machen, schon jetzt richtig liegt.

Nach dem Ausflug in die Einsamkeit des Daseins und in die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz kommt wieder ein Bruch.Das macht den Reiz des Programms aus. Gerade hat man sich auf ein Thema eingelassen, macht das Quartett einen Quantensprung. So arbeitet es in einem einzigen Konzert ein ganzen musikalischen Kosmos ab.

Heiko Benjes ist der Bass und der Intellektuelle in
der Gang.         Foto: Kügler
Auf jeden Fall ist nun Jörg Schwartzmanns mit seinem Solo dran und das beinhaltet mehr als Beat boxen. Eine komplette Schlagzeug-Batterie lässt er allein mit Mund und Kehlkopf vor dem geistigen Auge des Publikum erklingen. Beim letzten Kreuzgang-Gastspiel im Herbst 2013 hat er das Kunststück schon vollbracht. Aber offensichtlich hat er sein virtuelles Schlagwerk noch einmal ausgebaut.

Die Einführung übernimmt Heiko Benjes mit Augenzwinkern und mit satirischen Vokabeln aus der Abteilung "Pseudowissenschaftlich". Auch das ist ein Teil des Viva-Voce-Konzepts:Im Spiel mit dem Publikum erfüllt jeder eine Rolle. Heiko Benjes ist der Satiriker, Schwartzmanns der Mystiker, David Lugert ist der Sunnyboy und Charmeur und Basti Hupfer macht den Kaspar. Nur Matthias Hofmann muss  als neues Gang-Mitglied noch seine Rolle finden.

Dann kommt der Moment, in dem der ganze Kreuzgang swingt. Viva Voce überrascht mit Stevie Wonders "For once in my Life" und sie schaffen es, die ganze Leichtigkeit des klassischen Funk in das alte Gemäuer zu schütten. Das Publikum schnippt mit den Fingern, wippt mit den füßen und einige wagen es sogar, mitzusingen.

Schwupps, schon kommt der nächste Bruch. Zu "Die Pfade des Herrn " werden die Mikrofone ad acta gelegt, er Psalm 25 verlangt nach gregorianischen Ambiente. Jörg Schwartzmanns platziert sich im Rücken des Publikums, die anderen bleibe auf der Bühne. Der Solist stößt einen Dialog mit dem Chor an und der Wechselgesang lässt musikalische Ornamente durch den hohen Raum ziselieren. Das verlangt Perfektion und Harmonie auf höchstem Niveau.

Dann führt der Fahrstuhl wieder in die Abteilung "Soul-Klassiker". Marvin Gayes Song "Ain't no Mountain high enough" ist eine Rhythmus-Explosion und Viva Voce schaffen es, den treibenden Beat ganz ohne Musik umzusetzen. Jetzt sind die Grenzen der Genres überschritten. Der Saisonauftakt der ehrwürdigen Kreuzgangkonzerte wird zum Popkonzert. Egal. Das Thema ist eine Liebe, die alle Widerstände überwindet. Das ist auch ein Form, den Herren zu lobpreisen und damit ist dieser Song auch ein einem ehemaligen Kloster richtig platziert.

Basti Hupfer ist der Spaßvogel bei Viva Voce.
Das Publikum zeigt sich unbeeindruckt von solch theologischen Überlegungen. Es hat seinen Spaß. Als man meint, dass sei nicht mehr zu steigern, setzten Viva Voce noch eins drauf. Wohl zum ersten Mal in der 35-jährigen Geschichte der Kreuzgangkonzerte erklingt hier ein Song der Schwermetaller Metallica. Das Licht wird heruntergefahren und Jörg Schwartzmanns präsentiert das massenkompatible "Nothing else matters" gewissermaßen im Dark-Room-Modus. Das ist ein Gänsehaut-Moment und die Überraschung der Zuhörer löst sich anschließend in stürmischen Beifall und Jubelrufe auf.

Mit "Ich bin a Zimmerer" zu Dions "The Wanderer" darf Basti Hupfer noch mal sein komediantisches Talent unter Beweis stellen, bevor mit Leonard Cohens "Hallelujah" und "You raise me up" die Stimmung wieder in Richtung Besinnung gelenkt wird. Natürlich gibt es noch eine Zugabe. Beim Beatles-Medley ist für jeden Sänger ein Solo drin, nur nicht für Hupfer. Doch dessen Empörung ist nur gespielt und Teil der Show.

MIt Viva Voce die Grenzen der Genre zu überschreiten ist vor allem spaßbetont und bestimmt nicht akademisch. Mit praktischen Beispielen macht das Quinttet deutlich, dass, egal welche Musik intoniert wird, es doch immer um die großen Themen des Lebens geht: Vergänglichkeit, Einsamkeit, Liebe und gegenseitiger Beistand. Protestantismus mit Noten eben.






Material #1: Die Kreuzgangkonzerte - Die Website
Material #2: Die Kreuzgangkonzerte - Die Facebook-Seite

Material #3: Viva Voce - Die Biografie
Material #4: Viva Voce - Die offizielle Website
Material #5: Das Archiv - Der Auftritt im Advent 2013

Material #6: Die Bildergalerie bei Facebook






Dienstag, 1. Mai 2018

Der Schah kam nur bis Berlin

Das Junge Theater rechnet mit der 68er-Generation ab

Die Revolution hat Geburtstag und das verlangt nach einem Theaterstück. Weil sie auch in der Provinz stattfand, betreibt das Junge Theater unter dem Titel "GÖ 68 ff" eine Retrospektive mit Nabelschau. Diese entpuppt sich als Dokumentationstheater mit hohen Ehrlichkeitsfaktor, wenn man genau hinschaut und aufmerksam zuhört.

Der Einstieg ist stilgerecht. Vom Katheder aus zitiert Jan Reinartz den Übervater Theodor W. Adorno.
Es geht um Revolution und Anpassung und darum, wie sehr die Erinnerung doch täuschen kann. Das Konzept von Autor und Regisseur Peter Schanz ist einfach. Das Gerüst bilden Interviews mit Zeitzeugen und die diejenige, die sich dafür halten. Der Blick auf den Stückzettel macht deutlich, dass einige Befragte sich 1968 noch weit ab von Göttingen befanden. Da sprach wohl eher der Promi-Faktor als das Prinzip Betroffenheit für die Befragung.

Katheder ist das eine Symbol für die Studentenunruhen 68 folgende, das Megaphon das andere und das macht sich gleich lautstark bemerkbar. Mit der kraftvollen Störung des akademischen Vortrags hat Schanz einen adäquaten Auftakt vorgelegt. Der Bruch mit der verkopften Tradition wird mehr als deutlich.

Achtung, Revolution ist angesagt.
Alle Fotos: JT/D. Heise
Natürlich erfolgt hier auch die Überwindung tradierter Schranken. Künftig wird das gesamte Theater zur Spielfläche und die Trennung zwischen Akteuren und Zuschauern wird aufgehoben. Adäquat.

Der Aufbau erfolgt nicht Szenen oder Akten sondern in Tagesordnungspunkten. Sieben Stück sind es und sie sind themengerecht auf sieben Bettlaken notiert, die nach und nach von der Decke herab entblättert werden. Ein schöner Einfall

Göttingen muss 1968 ja ein furchtbares Kaff gewesen. An allen Ecken saßen und lauerten die Relikte des Nazi-Regimes. In Amt und Würden schienen sie noch immer die Geschicke der Stadt und der Universität zu lenken.  Vor der Gefahr der verfälschten Erinnerung durch die Beteiligten und ihre Epigonen wurde an Anfang gewarnt. Aber offensichtlich haben auch die Nachgeborenen hier ihre Erinnerung mit eingebracht. Es scheint, als wollte man die Studenten von 1968 zu den Urvätern der Antifa machen.

Bezahlt wird dies mit der weitgehenden Ausblendung der Kapitalismuskritik. Damit wird die Studentenbewegung postum um eines ihrer wichtigsten Anliegen gebracht. Damit werden auch die Gräben, die in der Folge zwischen maoistischen, marxistisch-leninistischen, stamokapistischen Gruppierungen aufbrachen, schwer verständlich. Die Studentenbewegung wird damit inhaltlich kastriert und auf pubertäres Aufbegehren reduziert. So verhallen die sich immer wieder überlagernden Stimmen und Postulate fast ohne theatralische Wirkung.

Nicht nur die Erinnerungen können die Ereignisse in der Retrospektive verzerren. Auch wenn der Wunsch nach Geschichtsträchtigkeit die Erinnerungen in den Dienst der Gegenwärtigen stellen willen.

Ein Bericht aus der Hölle des Vietnamkriegs.
Foto: D. Heise
Doch die treudeutsche Nabelschau wird eindrucksvoll gebrochen. Vor dunkler Bühne, nur mit einem Spot beleuchtet, in Büßerhaltung und hinter Gittern eingesperrt tragen Katharina Behl und Franziska Lather aus dem Tagebuch eines vietnamesischen Opfer des US-amerikanischen Napalmkriegs vor. Das wissende Gekicher des Publikums verstummt innerhalb von Sekunden, zu berückend sind die Erzählungen und ihre Darstellung. Unvorstellbare Grausamkeit wird ins Gedächtnis gerufen und bekommt eine Gestalt. Das ist wohl die stärkste Szene, Klamauk verbietet sich hier.

Doch, doch, der studentischen Ernsthaftigkeit setzt Peter Schanz immer wieder Klamauk entgegen wie zum Beispiel den Kampf um die richtige Erinnerung und die passende Bartlänge. Wer die Glorifizierung einer Generation befürchtet, kann beruhigt sein. Der Überhöhung folgt postwendend die ironische Brechung.

Das kann auch bis zur Verballhornung gehen wie der Umgang mit Rudi Dutschke zeigt, dem Rockstar der Revolte. Groupie-Gekreische begleitet seinen recht trockenen Vortrag und erst in der Folge können sich Karsten Zinser und Jan Christoph Grünberg in der Doppelrolle als Dutschke in die revolutionäre Ekstase steigern. Das lässt nicht nur schmunzeln sondern eröffnet auch einen neuen Blickwinkel auf den Personenkult der Antiautoritären.

Überhaupt, je länger die Vorstellung dauert, desto größer wird die Distanz und die unverhohlene Kritik am Treiben der 68-er. Immer häufiger schimmert der treudeutsche Eifer durch, der schon die Eltern getrieben hat. Es kulminiert dann in der Frage der Kindererziehung, als Jan Christoph Grünberg die Kritik an der mangelnden Distanz zur Pädophilie deutlich macht. Er bricht seinen Vortrag kalkuliert ab und es scheint ein Augenblick lang auch eine persönliche Stellungnahme zu sein. Wieder herrscht im Publikum jenes betretene Schweigen.

"GÖ 68 ff" ist weniger Dokumentationstheater als vielmehr eine Diskussion über die Folgen von 1968 und das in ehrlicher Form. Das ist in Zeiten, in denen man genötigt wird, alles gut zu finden, ein deutliches Zeichen. Schanz schafft es zudem, die revolutionäre Energie der Welterneuerer zu vermitteln, ohne in die Verherrlichung zu verfallen.







Material #1: Junges Theater - Der Spielplan
Material #2: Junges Theater - Das Stück

Material #3: Rudi Dutschke - Die Biografie
Material #4: Benno Ohnesorge - Der Mord beim Besuch des Schah 1967
Material #5: Theodor W. Adorno - Die Biografie

Material #6: Vietnam - Der Krieg


Montag, 9. April 2018

Immer noch Holzfäller




Clauy Peymann liest Thomas Bernhard im Jungen Theater

Zum Schluss sagte Intendant Nico Dietrich, der Gast sei immer noch ein Gigant des Theaters. Zuvor hatte Claus Peymann eine Stunde fünfzehn lang diese These reichlich unterfüttert. Seine Lesung von Bernhards „Holzfällen“ im Jungen Theater war ein Ausflug in die Zeit, als Theater noch Angriffslust hatte.

Natürlich liest ein Theatermann von der Bühne hinunter. Auf dieser stellt lediglich ein Ohrensessel in roten Samt. Von der Decke hängt ein weißes Tuch. Darauf ist ein Zitat von Voltaire gedruckt und über dem Sessel drapiert liegt ein weiteres Tuch. Wie ein Leichentuch scheint es eine längst vergangen Zeit zu verdecken.

Aus dem Hintergrund taucht Peymann auf. Er betritt die Bühne, auf der vor mehr als 50 Jahren seine Karriere als Regisseur begann. Die Freude ist wohl echt, sowohl beim Gast als auch beim Publikum.

Dessen Altersdurchschnitt liegt deutlich über 50 und einige der Zuhörerinnen und Zuhörer dürften schon mal Gast im JT gewesen sein, als Peymann hier noch inszenierte. Eine Ära besichtigt sich selbst.

Claus Peymann macht nicht viele Worte. Er gibt eine kurze Einleitung zum Werk und erinnert daran, dass er gerade Intendant des Wiener Burgtheaters geworden war, als Thomas Bernhard mit „Holzfällen“ seinen Spott über die österreichische Kulturschickeria ausgoss. Peymann ist also Zeitzeuge des Skandalwerks von 1986.

Gerade saß hier noch der Bernhard, aber
gleich der Peymann. Alle Fotos: Kügler
Das Leichentuch fliegt von der Bühne. Peymann legt mit Schwung den Ohrensessel frei und wirkt dabei wie ein Zauberkünstler. Der erste Überraschung ist gelungen, das Relikt einer vergangenen Zeit kann besichtigt werden und die Lesung beginnt.

Nein, es ist keine Lesung. Peymann ist ein Theatermann und er inszeniert hier ein Ein-Mann-Stück für Literaturfreunde und Kenner und für seine Bewunderer. Er nimmt Platz im Sessel. Kein Tisch trennt ihn von seinem Publikum.

„Holzfällen. Eine Erregung.“ spielt an einem einzigen Abend. Bernhard aus der Ich-Perspektive das ganze Drumherum um eine Abendgesellschaft in der Wiener Kulturschickeria. Aus einem Ohrensessel heraus beobachtet er die Ankunft der anderen Gäste, erklärt die vielfältige Verstrickungen der Beteiligten und ärgert über sich selbst, dass er die Einladung überhaupt angenommen hat.

Es ist die Position des Erhabenen, des Überlegenen, aus der er den Vorgang des Abends und die Selbstdarstellung der Gäste schildert. Pervers und erbärmlich ist eine Wortkombination, die immer wieder auftaucht. Dabei überschreitet Bernhard durchaus die Grenzen zur Diffamierung und so konnte das reale Ehepaar Lampersberger, das unverkennbar mit dem literarischen Ehepaar Auersberger gemeint ist, zumindest ein zeitweiliges Verbot des Romans bewirken.

Aus dem Ohrensessel heraus trägt der Gast im JT vor. Er trägt vor, er liest nicht. Peymann spielt mit allen Schattierungen des gesprochenen Wortes, Er wird laut und leise und setzt Pausen Verschwörerisch linst er über den Brillenrand ins Auditorium, zu seinen Gästen. Wohlwissend wird an vielen Stellen gekichert, man teilt gewisse Erfahrungen. Publikum und Vortragender sind eine Einheit. Auch wenn man sich 54 Jahre lang nicht gesehen hat. Das zumindest kann Peymann den Anwesenden vermitteln.

Er ist halt ein Zauberer, immer noch. Peymann hat wohl auch die Jahre für sich weggezaubert. Sein Vortrag ist nicht nur variantenreich sondern auch kraftvoll. Jedes Wort ist sauber gesetzt und mit Nachdruck. Da ist nichts zu viel und alles mit Inbrunst.

Auf jeden Fall zieht er die Gäste in den Bann. Die Darbietung des Textes ist bühnenreif, Wenn der Protagonist sich streckt, dann streckt sich auch der Vortragende. Mit sparsamen Gesten untermauert Peymann das gesprochene Wort und manchmal auch das unausgesprochene, das Verschwiegen, das alle aber erahnen.

Es wird auf jeden Fall nicht langweilig trotz der Menge des Textes. Dieser sprudelt nur so aus dem Vortragenden heraus, fast schon ohne Interpunktion. Es fast schon ein stream of consciuosness im besten Sinne eines Joyce. Damit treffen sich auf der Bühne des JT drei Monumente.

Die Grenze zwischen Darsteller und Dargestelltem ist an diesem Abend aufgehoben. Auch ein Peymann ist Teil dieser Kulturschickeria, die Thomas Bernhard hier so unerbittlich auf‘s Korn genommen hat. Aber das weiß jeder im Publikum, so wie jeder Anwesende ahnt, dass auch sie oder er ein Quentchen Auersberger in sich trägt. Aber das kann man ja schnell wegkichern. Peymann jedenfalls lässt auch immer ein Hauch Selbstironie durchblitzen. Seine Position im Ohrensessel hochoben auf der Bühne ähnelt der des Ehrwürdigen auf dem Gipfel aus einer bekannten Comic-Reihe.

Plötzlich ist er da, der Moment, in dem sich Fiktion und Realität treffen. Der Text spricht von dem neuen Intendanten am Burgtheater, vom deutschen Theatergenie. Auf der Bühne quittiert Peymann sein Auftreten auf dem Papier mit einem schnelle Griff in die Tasche. Schwupps, geht ein Konfetti-Regen auf die ersten drei Reihen nieder. Zweiter Überraschungseffekt geglückt. Einfach aber eindrucksvoll.

Unbeeindruckt und mit einem bübische Lächeln fährt er fort mit der Philipika. Doch als Peymann den Burgschauspieler über das einfache Leben und die wahren Herausforderungen, nämlich dem Holzfällen fabulieren lässt, gibt es für das Publikum noch einmal einen Augenblick des Staunens. Der Mann hat gerade seinen 80. Geburtstag hinter sich gebracht und wütet immer noch und das sogar unterhaltsam. Da bekommt man eine Ahnung davon, welcher Wind der Erneuerung damals durch die deutschsprachige Theaterlandschaft gefegt sein muss. Peymann ließt nicht über das Holzfällen, er ist immer noch der Holzfäller.
Der Ehrwürdige vom Gipfel ist erleuchtet.
Alle Fotos: Kügler 

Je länger der Text dauert, desto fragwürdiger wird die Stellung des Ich-Erzählers. Das kann Peymann wunderbar herausarbeiten. Deswegen klingt die Erkenntnis, dass man ja selbst ein Teil dieser Kulturschickeria sei und ohne sie nicht gönne, nicht nur zwangsläufig sondern auch überzeugend.

Darin liegt wahrscheinlich auch der Reiz des Abends. Es geht nicht um das Bestaunen eines Monumentes sondern um die gemeinsame Reise in eine Zeit, als man sich noch die Meinung sagen durfte, als man noch nicht jeden und alles gut finden musste. Selbsterkenntnis und Selbstironie gehören dabei zum Reiseproviant. Auf jeden Fall schmeckt es allen. Der Applaus ist dann o ausgiebig, dass der Vortragende gar nicht so recht weiß, was er mit so viel Lob soll.







Material #1: Claus Peymann – Die Biografie
Material #2: Das Junge Theater – Der Spielplan
Material #3: Holzfällen. Eine Erregung. – Das Buch



Freitag, 6. April 2018

Berühmte letzte Worte: Ich liebe dich

Clyde und Bonnie in einer ergreifenden Inszenierung am Städtebundtheater

Rabiat, empathisch, schonungslos, berührend, geradezu ergreifend. Die Liste der Adjektive ließe sich noch fortsetzen, aber auf jeden Fall ist Janek Liebetruth mit "Clyde und Bonnie" eine Inszenierung gelungen, die niemanden kalt lässt.

Ein junger Mann steht am Bühnenrand und starrt ins Publikum. Irgendwo im Dunkel plätschert elektronische Musik und auf den Hintergrund zeigt eine Videoprojektion szenische Schnipsel eines Paares. Musik und Video laufen in einer Schleife. Der Loop-Effekt bestimmt den Einstieg.  Der Mann hebt den Arm und zieht an seiner Zigarette. Er atmet aus, lässt den Arm sinken und starrt wieder ins Publikum.  Mit dieser einfachen Geste erzeugt Liebetruth Aufmerksamkeit.  Der Mann raucht, der kann doch nicht normal sein.

Zwei werden zu einem: Bonnie und Clyde.
Alle Fotos: Ray Behringer
Es ist großes Schauspiel mit wenigen Mitteln. Jonte Volkmann wirkt wie in Stein gemeißelt, trotzdem merkt man ihm die Anspannung an, der Körper ist steif, die Augen gehen hin und her und offensichtlich rattert es unaufhörlich in seinen Kopf. Jeder kennt solche Situationen, aber nicht in dieser Extremlage. Das vermittelt Volkmann schon zum Start.

Das Ende ist der Anfang. Der letzte Banküberfall von Bonnie und Clyde ist daneben gegangen. Sie liegt tot in einer Blutlache, er ist entkommen. Damit hat Clyde das Versprechen gebrochen, sich nie wieder zu trennen. Von diesem  Punkt aus erlebt das Publikum die Schussfahrt aus der Retrospektive.

In dem Stück von Holger Schober geht es nicht um die historischen Figuren Bonnie Parker und Clyde Barrow. Hier treffen nicht zwei sozial Deklassierte aufeinander, die Rache am System nehmen. Es sind zwei emotional Ausgeblutete, die in einer tödlichen Umarmung zueinander finden, die sich wie zwei Ertrinkende aneinanderklammern und dann doch ganz allein sterben.

Sie ist eine Tochter aus gutbürgerlichem Haus, seit Generationen Apotheker. Er kommt eher aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Sie heißt wirklich Bonnie, sein Spitzname ist Clyde. Wie er wirklich heißt, das tut hier nichts zur Sache. Clyde ist der Stellvertreter einer ganzen Generation junger Menschen.

Nach der Scheidung der Eltern ist der Kontakt zum Vater abgebrochen. Der Hund ist das einzige Wesen, zum Clyde eine Bindung aufbauen kann, doch  der Vierbeiner verschwindet spurlos. Dann stirbt die Mutter bei einem Autounfall. Das ist mehr als ein Neunjähriger aushalten kann. Die Rettungsversuche seiner Großeltern sind nett gemeint, aber hilflos.

Immer wieder:Berühmte letzte Worte und ein Kuss.
Alle Fotos: Ray Behringer
Bonnie wächst in gesicherten Verhältnissen auf. Doch was ihr fehlt, das ist die Emotionalität. Es schockiert schon, wenn sie erzählt, dass sie auf den Beerdigungen ihrer Großeltern zu keinerlei Gefühlen fähig war.  Das Licht geht aus und die Videoprojektion schaltet um und erzählt, wie ausgerechte diese Beiden sich in einer Bar treffen. Aus einer Zufallsbekanntschaft wird eine pathologische Gemeinschaft, das ist die Analogie zu Clyde Barrow und Bonnie Parker.

In dieser Inszenierung sind Schauspiel und Video Partner auf Augenhöhe. Es ist ein Miteinander. Die bewegten Bilder ergänzen und bestätigen und kontrastieren gelegentlich das gesprochene Wort. Zu der langen Reihe der starken Szenen gehört auch der Moment, als Bonnie in ihrer Verzweifelung in die Bilder hineingreift.

 Janek Liebetruth ist nicht der Versuchung erlegen, hier einem Road Movie der Sorte Atemlos vorzulegen. Seine Inszenierung ist eher überraschend bedächtig und der Verzicht auf hektische Bewegungen geprägt. Liebetruth weiß, dass man Dramatik nicht durch Gebrüll erzeugt. Manchmal sind es die kühlen kalten Worte, die fesseln. Der Kontrast von gesprochenen Wort und seinem Kopfkino und der ruhigen Darstellung, das macht sie so beeindruckend. Alles bleibt hängen.

Mit kühler Miene zeichnet Jonte Volkmann den Weg vor. Der nächste Schritt folgt konsequent aus dem vorhergehenden. Da ist Swantje Fischer eher für emotionale Achterbahn zuständig und das erledigt sich sehr überzeugend. Aber die Trennlinie sind nicht immer deutlich und damit ist die Theorie, dass Clyde und Bonnie zu einem Ganzen verschmolzen sind, durchaus bestätigt. Aus zwei kann eins werden und dies bis zur letzten Konsequenz. Das machen Fischer und Volkmann mehr als deutlich.

Aber Clyde und Bonnie sind alles andere als die "Natural Born Killers" eines Oliver Stone. "Clyde und Bonnie" ist keine Zurschaustellung der Gewalt, sondern die Folge der emotionalen Verwahrlosung. Damit ist diese Inszenierung keine Crime Story sondern die Geschichte eine wahnsinnigen Liebe, einer bedingungslosen Liebe mit einer erschreckenden Konsequenz. Liebe macht alles möglich, selbst dies.

Bonnie ist tot und kehrt als Engel wieder.
Alle Fotos: Ray Behringer
Genau betrachtet sind die beiden die Karikatur eines Gangster-Pärchens: kein Fluchtauto und die Pistolen sind auch nur Schreckschusswaffen.  Vielleicht findet die ganze Tragödie ja auch nur im Kopf statt?

Die drei Erzählstränge "Ganz früher", "Neulich" und "Eben gerade" werden in einzelne Stationen aufgelöst, aber alles findet in diesem einzigen Moment statt. Bonnie und Clyde sitzen in der Bank fest, draußen wartet die Übermacht der Polizei. Was nun?

Die dramatische Loop-Maschine geht diese Szene ein halbes Dutzend Mal durch, immer in anderen Variationen, aber immer in der geklauten Sprache der Gangsterfilme. Es werden Lösungsmöglichkeiten durchgespielt, die keine echten Alternativen sind. Das macht die Tragik des Moments um so deutlicher. Denn in der Logik von Bonnie und Clyde gibt es nur den einen Weg.

Deswegen ist der Dialog "Berühmte letzte Worte?", "Ich liebe dich" und der anschließende Kuss  die zentrale Szene. Egal, wie oft er gesprochen wird, man weiß, dass es immer der letzte Kuss sein wird. Dazu ist die Sehnsucht nach der gemeinsamen Hochzeit der denkbar stärkste Kontrast.

Abwesende Eltern, überforderte Großeltern, schneller Sex im Auto und der Tod im Kugelhagel. Zwei komplette Leben in siebzig Minuten. Auch dramaturgisch ist die Aufführung eine starke Leistung. Daniel Theuring hat sehr gute Arbeit geleistet: Kein Wort ist zuviel und jeder Satz sitzt.

Durchbrochen wird die Erzählreigen zum traurigen Schluss. Bonnie ist tot und es gibt keine Möglichkeiten mehr, die durchgespielt werden können. Clyde verzweifelt an seinem Überleben. Doch dann kehrt Swantje Fischer als Todesengel zurück und nimmt Clyde mit auf die andere Seite. Mit Gegenlicht und Nebel sicherlich ein wenig konventionell dargestellt, aber eben verständlich und wirksam und bestimmt die eindrücklichste Szene mit hohem Kloß-im-Hals-Faktor.

Im Licht doch wieder vereint.
Alle Fotos: Ray Behringer
Wichtiger Faktor der durchweg gelungenen Inszenierung ist das Bühnenbild von Hannes Hartmann. Einfach, aber eindrucksvoll und die richtige Plattform für ein eindringliches Spiel. Ein rechteckiges Podest, das den Zuschauer schon sehr nah kommt. Im Hintergrund eine Wand aus Multiplex-Platten, davor ein Vorhang aus Schnüren. Das sind die Videoprojektionen immer doppeldeutig und unscharf.  Darüber das Oberlicht aus einem Altbau.

Manchmal diente der Vorhang auch als Versteck. Als Bonnie erschossen wird, reißt Swantje Fischer diesen Vorhang herunter. Einfach Symbolik, aber eben stark.

Ist dies nun die Insel der emotional Gestrandeten oder das Transporterdeck von Raumschiff Enterprise? Egal, auf jeden Fall zeigt diese Anordnung die Vereinsamung von Clyde und Bonnie. Erst als Todesengel dar Fischer diese Spielfläche zerlassen. Die Insel der Unglückseligen existiert nicht mehr.

Rabiat und roh, aber auch voller Empathie und Emotionen. Mit "Clyde und Bonnie" ist Janek Liebetruth eine Inszenierung gelungen, der man noch ein langes Leben wünscht.






Material #1: Bonnie & Clyde - Das Original
Material #2: Der Regisseur Janek Liebetruth
Material #3: Der Autor Holger Schober
Material #3: Selbes Thema - andere Lösung - die Oper