Sonntag, 10. Dezember 2017

Make Musical great again

Göttingen first: DT zeigt Uraufführung von Marilyn-Monroe-Musical 

Der Erfolg hat drei Säulen: Starke Darsteller, eine großartige Inszenierung und eine schonungslose politische Analyse. Das Musical "America first" überzeugt in allen Belangen. Die Uraufführung am Deutschen Theater Göttingen ist  nicht nur der Blick auf eine der Ikonen der Pop-Kultur. Es ist zugleich eine Abrechnung mit den USA und das auf äußerst unterhaltsame Weise. Das Libretto von Christoph Klimke verzichtet aber durchweg auf den Zeigefinger.

Eine Platinblondine hockt sich in einen knallroten Pullover. Dieses Bild gehört zum kollektiven Gedächtnis und jeder weiß, dass die Frau Marilyn Monroe sein muss. "America first" setzt im August 1962 ein. Seit der berühmten Fotosession mit Milton Greene sind sieben Jahre vergangen und aus der unbeschwerten Marilyn Monroe ist eine alternde Diva mit Depressionen geworden. Sie zitiert Shakespeares Ophelia und damit ist klar, dass hier bald gestorben wird.

Mit diesem Bild schafft Erich Sidler einen Einstieg, der zum einen die Fronten klärt, zum anderen durch die Anknüpfung an bekanntes Bildmaterial das Publikum bindet und gar mit ein bezieht. Schließlich projiziert  jeder aus der Altersklasse Ü 30. Im Erfolg wie im Scheitern ist sie wohl die Filmikone des 20. Jahrhunderts.

Kaum kommt eine Kamera ins Spiel, macht es bei Norma
Jean "Klick". Alle Fotos: Thomas Jauk
Als die Geister der vergangenen und zukünftigen Weihnacht tauchen Natasha Lydess und Gladys Pearl Baker aus. Die Schauspiel-Lehrerin soll sie auf die Theaterbühne bringen. Marilyn Monroe will um jeden Preis die Anerkennung als ernsthafte Künstlerin und der Umzug nach New York ist der offene Bruch mit dem kalifornischen Film-Business. Das Verhältnis zur ungeliebten Mutter möchte Norm Jean Baker endlich bereinigen.

Wie an der Kette aufgereiht tauchen in schneller Folge all jene Ikonen aus den USA der 50er und 60er Jahre auf. Doch  der Fokus liegt auf dem Verhältnis der Monroe zu den beiden Kennedy-Brüder John F. und Robert. Theater, das sich an historischen Geschehen abarbeitet, muss sich immer den Vergleich mit den vermeintlichen Tatsachen gefallen lassen. Fakt ist, dass Marilyn Monroe am Morgen des 5. August tot aufgefunden wird, mit einer riesigen Menge Beruhigungsmitteln im Blut. Eins machen Autor und Regisseur deutlich: Der Schlüssel zu den Geschehnissen liegt bei den Kennedys und in den politischen Verhältnissen zu den Zeiten des Kalten Kriegs

Eins macht die Inszenierung immer wieder deutlich. Norma Jean Baker war als Marilyn Monroe wohl die erste selbst geschaffene Marke im Filmbusiness, aber die Kontrolle über ihre Person entglitt ihr weil sie sich mit mächtigen Gegnern angelegt hat: Der öffentlichen Erwartung und die Politik. Damit wird das Psychogramm einer Gescheiterten erweitert um die Dekonstruktion der Legenden John F. Kennedy. Genüsslich und ohne Zeigefinger führen Klimke und Sidler vor, dass die Anzahl der  Leichen, die jener JFK im Keller hat, mehrere tausende beträgt. Die These, dass die Herrschaft der Trumps nur die logische Konsequenz ist, gewinnt im Laufe der Aufführung an Plausibilität. Noch nicht einmal "America first" ist eine Erfindung von Trump. Diese Parole galt schon immer. Das Kollektiv ist entscheidend, das Individuum muss sich dem unterordnen.

Ein Bühnenbild so einsam wie ein Gemälde von Edward
Hopper. Foto: Thomas Jauk
Sidler und Klimke pflegen eine deutliche Sprache. Die Euphemismen der Political Correctness sind nicht ihre Sache und das ist auch ganz gut so. Sie benennen die Zustände der amerikanischen Gesellschaft, der Politik und der Flimbranche klar und mit einem Zynismus, der an die Schmerzgrenz geht. Das ist Teil ihrer Demaskierungsstrategie.

Es ist konsequent, dass Sidler in einem Musical über einen Filmstar die Mittel des Films aufgreift. Die Szenen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wechseln sich in harten Schnitten ab. Rückblenden und Vorwegnahmen ermöglichen eine anachronistische Erzählweise. Vergangenheit und Zukunft spielen in die Gegenwart hinein.

Auf Realtheater folgen surrealistische Traumszenen, das Handeln auf der Bühne wird mit Video-Projektionen überblendet. Das gibt der Inszenierung Tempo und beschleunigt die Abfahrt auf der schiefen Ebene. Die Verwendung von zwei Schlafzimmer erinnert an die Technik des Split Screens, die eben in den 60-er Jahren entwickelt wurde. Die Bindung an einen Ort wird aufgehoben. Los Angeles und New York finden zugleich statt.

Der todgeweihten Diva stellt Sidler die junge Marilyn Monroe an diese Seite, um die unterschiedliche Zeitebenen zu parallelisieren, Damit setzt er auf der epischen Ebenen noch ein "Was wäre gewesen, wenn...".  Mit diesem Techniken hebt Sidler die Limitierung des Schauspiels auf.

Aber mit Freude widmet er sich den Insignien des klassischen Musicals. Sogar Choreographie kann  man mittlerweile am Deutschen Theater Göttingen. Mit diesen Mitteln baut Sidler frech und augenschmunzelnd Szenen aus MM-Filmen nach. Der Kontrast zum vergnügten und akrobatischen Show-Tanzen macht das Elend der Realität aber umso deutlicher.

Genauso großartig ist auch das Bühnenbild von Florian Barth. Es vereint die Insignien des Luxus und der Armut gleichermaßen. Die Beleuchtung entscheidet über Glanz oder Elend. Zwei kahle Wände, zwei Betten, ein Fenster, dazwischen jede Menge Leere. Es ist einsam wie ein Gemälde von Edward Hopper.

Marilyn Monroe hat viele Liebhaber aber keinen
Gefährten. 
Als musikalischer Leiter präsentieren Michael Frei and his Marvelous Mates jede Menge Swing. Eine Musikrichtung, die ja wie die Monroe Anfang der 60-er Jahre die besten Zeiten hinter sich hatte. Zweimal wird die Vorgabe durchbrochen. Kurz vor der Pause besingen Roman Majewski und Angelika Fornell ahnungsvoll den "River of no return". Der Hit aus dem Erfolgsjahren der Monroe kontrastiert hervorragende mit dem anschließenden Monolog der Einsamkeit. Fornell hat hier einen ihre eindrucksvollsten Momenten.

Der zweite Akt wird mit Bebop eingeläutet, hektisch und atemlos. Als der Vorhang sich hebt, entspinnt sich ein alptraumhaftes Kesseltreiben gegen die Monroe. Von hier aus gibt es keinen Return in ein vermeintliches Glück. Musikauswahl als Mittel der Dramatik. Elton Johns "Goodbye Norma Jean" ist nur der Soundtrack zum Leichenbeschau und enttäuscht mit einer gewissen Zwangsläufigkeit.

Ohne Frage ruft Angelika Fornell in dieser Aufführung ihr gesamtes Potential ab. Hoffnung, Liebe, Verzweifelung, Trotz und Depression. Sie bringt alles gleichermaßen auf die die Bühne. Gekonnt ahmt sie die Gestik der der Monroe nach, diese ständig jungmädchenhaft abgespreizten und verwinkelten Arme. Damit ist Fornell einer der Gründe, warum diese Inszenierung durchweg gelungen ist.

Mit der Stimme nährt sie immer wieder die Hoffnung der Monroe auf die Anerkennung als ernsthafte Schauspielerin anerkannt und zu werden. Genauso deutlich macht sie, warum dieses Ansinnen zum Scheitern verurteil war. In 29 abendfüllenden Filmen hat sie mitgewirkt und zehnmal die Hauptrolle gespielt. Aber nur mit "Misfits" ist ihre Filmkunst gelungen, doch der Film kam 10 Jahre zu früh für das Publikum und zu spät für die Monroe. Im Grunde hat sie sich selbst gespielt und das war gar nicht gut.

Es waren immer zwei zugleich: Norma
Jean Baker und Marilyn Monroe.

Foto: Jauk
Moritz Schulze als First Lady Jackie Kennedy ist ihr ebenbürtig und Widerpart zugleich. Er gibt jenem schmerzhaften Zynismus die passende Stimme und mit seiner Gestik verleiht er der Überheblichkeit des Etablissement die nötige Präsenz, die die Grenze zur Karikatur überschritten hat.

Das Aufeinandertreffen der Monroe und der Präsidentengattin auf dem Straßenstrich von Los Angeles hat eine nicht zu übersehende Aussage: Eigentlich prostituieren sie sich beide, nur die eine macht es erfolgreicher. Gleich wird die Kennedy ins Bett von Aristoteles Onassis springen. Die von Bettina Latscha stilecht mit Pillbox und Hermes-Tasche drapierten Background-Jackies machen deutlich, dass jene Jackie nicht nur modisch viel Nachahmerinnen hat.

Für die skurrilen Momente ist Volker Muthmann in der Rolle des Ralp Greenson zuständig. Mit einem wissenden Schmunzeln macht er deutlich, dass der Psychiater als an der Grenze des Pathologischen steht. Die eindrucksvollste Gesangseinlage liefert aber Katharina Müller mit voller und kraftvoller Stimme.

Bei allem harten Realismus und schmerzenden Zynismus endet die Inszenierung dann doch lyrisch. Gaia Vogel als Norma Jean Baker und Volker Muthmann als ihre Jugendliebe André de Dienes lassen noch einmal einen "Was wäre eigentlich gewesen, wenn ..."-Moment aufleben. Damit ist der Abschiedsschmerz aber nur noch größer.




Deutsches Theater #1: Der Spielplan
Deutsches Theater #2: Das Stück

Material #1: Autor Christoph Klimke bei wikipedia
Material #2: Marilyn Monroe bei wikipedia