Sonntag, 22. Oktober 2017

Ballett mit viel Musical-Appeal

Premiere von Romeo und Julia am Theater Nordhausen

Was Tanztheater anbelangt, da ist Nordhausen derzeit der Hotspot in Thüringen und Mitteldeutschland. Das hat die Premiere von "Romeo und Julia" am Freitagabend mal wieder bewiesen. Ivan Alboresi legt eine Choreographie vor, die durch Vielfalt und Tiefe überzeugt. Das überraschend junge Publikum war begeistert, zu Recht.

Die Werk des Neo-Romantiker Prokofjew zwichnet sich durch eine umfangreiche Klangsprache und chromatische Wendungen aus. Ähnlich umfangreich ist die Formsprache und Ausdruckstiefe einer Alboresischen Choreographie. Damit passen die Musik des Russen und Nordhausens Ballettchef so gut zueinander.

Doch der Auftakt verläuft ohne Musik und ist deswegen so eindrucksvoll. Als Chor steht die  Tanzkompagnie auf der blanken Bühnen. Aus dem Off tönen Shakespeares Zeilen von überlassen. Ganz ohne Musik und zu dem Zeilen Shakespeares von den zwei Häusern, die einander im Hass zugewandt sind. Die Choreographie beginnt und die Tänzerinnen und Tänzer umschlingen einander und stoßen sich ab und umschlingen wieder einander.

Mercutio ist der Star der jungen Damen.
Alle Fotos: András Dobi
Die Themes sind damit gesetzt und die erste Marke ist auch gesetzt. Es wird klar, dass das Primat dem Tanz gehört und nicht der Musik.

Die Bühne wird dunkel und die Musik setzt ein. Als die Ouvertüre verklungen ist, ist die eben noch blanke Bühne völlig verwandelt. Drei Elemente simulieren eine norditalienische Piazza. Die Gebäudeteile umringen die Tanzfläche und wecken Assoziationen an eine Arena.

Die Clique der Montagues hat den Raum besetzt, das ist ihr Revier und das ist jugendliches Gehabe seit mehr als 400 Jahren. Das Shakespeare-Zitat zum Start war nur eine Fährte. Diese Inszenierung orientiert sich in weiten Teilen an der West Side Story orientiert. Ivan Alboresi macht da auch keinen Hehl raus.

Die Mischung von klassischen Elementen und Modern Dance ist ein Kennzeichen des Nordhäuser Ballettchef. Damit hat er sich und seiner Kompagnie eine enorme Formenvielfalt und Ausdrucksstärke erschlossen. Er ist schon auf dem Weg dahin, stilbildend zu wirken.

In dieser Choreographie geht er noch einen Schritt weit. Alboresi gibt eine deutliche Portion Jazz-Dance hinzu. Damit erweitert es den Ausdrucksraum noch einmal deutlich. Sein Romeo und seine Julia haben reichlich Musical-Appeal.

Diese Inszenierung versprüht jede Mengen Jugendlichkeit und auch pubertäres Gehabe. Der High Five gehört ebenso dazu wie testosterongeschwängerte Gockel und zu Tode betrübte Dauergrübler. Alboresi schafft es spielend und spielerisch nachzuweisen, dass das Romeo & Julia-Thema existenziell ist. Das menschliche Verhalten ist geblieben, nur die Umstände ändern sich.

Julia wird wie eine Trophäe zur Schau gestellt.
Alle Fotos: András Dobi
Das Spiel mit den Versatzstücken der Pop-Kultur ist überraschend und erfrischend. Zweimal wird der Kampf der Montagues und der Capulets verwandelt sich in eine Keiler aus dem Hause "Bud Spencer und Terence Hill". Auch die Damen wird hier ordentlich zulangen Unterbrochen wird die Hauerei von zwei Slow Motion-Sequenzen mit einer ordentlichen Portion Matrix. Großartig und das Publikum versteht die Verweise. Deswegen antwortet es immer wieder mit Szenen-Applaus. Das ist die Interaktivität des Liveerlebnis.

Zumal die Kostüme von Anja Schulz-Hentrich ganz der Jetzt-Zeit verhaftet sind und eine eindeutige Sprache sprechen. Damit liefert sie einen wichtigen Baustein in diesem gelungenen Gesamtkonzept.

Überhaupt greift Alboresi auf filmische Mittel zurück. Einzelne Szenen sind mit einem harten Schnitt getrennt. Keilerei - Cut - Maskenball. Der Vorhang hebt sich und es ist vorbei mit der West Side Story. Barocke Opulenz bestimmt das Bühnenbild. Mit jeder Menge Gold stellen die Capulets ihren Reichtum zur Schau. Zudem soll Töchterchen Julia mit Graf Paris verlobt werden.

Hier greift Alboresi verstärkt auf klassische Elemente zurück, um die Verkrustung des höfischen Lebens zu verdeutlichen. Viel Spitze und Hebefiguren und die Arme immer weit oben. In dem schwarz-goldenen Spektakel wirkt Julia wie ein Störkörper, wie eine Meteorit, der in diesem Planetensystem bald verglühen wird.

Großartig tanzt Konstantina Chatzistavrou die Ablehnung ihres Verlobten. Immere wieder taucht sie ab und entwindet  sich dem Zugriff des Prinzen und ihrer Mutter, um dann doch zu scheitern. Genauso beeindruckend tanzt hier Gabriela Finandi die Lady Capulet mit breitem Kreuz und dominanter Haltung. Mit welcher Beharrlichkeit sie die Tochter dem Prinzen zuführt, das liegt irgendwo zwischen Viehmarkt und Prostitution. Aus dem Kontrast zum höfischen Gehabe ergibt sich ein umfassendes Bild einer Gesellschaft, in der der Einzelne in ein festes Gefüge eingepasst wird.

Den Massenszenen im Musical-Manier stehen die intimen Pas de Deux-Szenen der Titelhelden gegenüber. Kraft und Dynamikt wir hier ersetzt durch Poesie und Leichtigkeit. Hier setzt Alboresi wieder auf die Klassik und  Konstantina Chatzistavrou und Joseph Caldo ergänzen sich wunderbar.

Momente voller Lyrik und Poesie. 
Alle Fotos: András Dobi
Der heimliche Star in diesem Abend ist aber Ruan Martin in der Rolle des Mercutio. Mit enormer Dynamik entwickelt er eine beeindruckende Bühnenpräsenz und beherrscht die Tanzfläche eindeutig. Das Konzept aus Klassik, Modern und Jazz setzt er in eindeutiger Weise. Deswegen gehört sein Taumeln in den Tod verlangt ein Höchstmaß an Körperbeherrschung und gehört zu den beeindruckensten Momenten eines an Höhepunkten reichen Abend.

Dieser Tod stellt einen deutlichen Cut dar. Die bisher so helle und optimistische Inszenierung ändert ihren Ton und wird von dunklen Bildern dominiert. Das Tempo nimmt deutlich zu und die schräge Ebene neigt noch einmal Richtung Abgrund. Mit den Totschlag des Tybalts verliert Romeo seine Unschuld und sein Ableben ist damit fast schon zwangsläufig.   

Die Bühnenbilder von Ronald Winter sind das optische Äquivalenz zur Formenvielfalt Alboresis. Der Wechsel zum Maskenball der Capulets sorgt für "Ooohh"-Momente, aber ansonsten sind die Änderungen nur minimal, aber deutlich. Mit wenigen Variationen erzeugt Winter deutliche Unterschiede im Eindruck. Großartig sind die Szenen, in denen das Bühnenbild selbst Teil der Choreographie wird.

Zwar steht der Abend eindeutig im Zeichen der Tänzerinnen und Tänzer, dennoch verschwindet das Loh-Orchester unter der Leitung von Henning Ehlert nicht hinter der Kompagnie. Das Ensemble schafft es, die vielen chromatischen Wendungen und überraschenden Klänge zu transportieren  und dabei doch transparent zu bleiben. Das Loh-Orchester macht sowohl die Lyrik der Julia als auch die Dominanz der Capulets in gleicher Weise erfahrbar.

Mit dieser Inszenierung ist Ivan Alboresi mal wieder ein großer Wurf gelungen. Er versteht es wunderbar, theoretische Überlegungen zur Wertigkeit unterschiedlicher Tanztraditionen in eine leichte und beeindruckende Choreographie umzusetzen. Unterstützt wird dies durch die vielen Bausteine, die ein geschlossenes Konzept ergeben ohne kopflastig zu sein.






Theater Nordhausen #1: Der Spielplan
Theater Nordhausen #2: Romeo und Julia als Ballett 2013

Sergej Prokofjew #1: Die Biographie
Sergei Prokofjew #2: Romeo und Julia

Enzyklopädie #1: Das Thema in anderen Auflösungen