Dienstag, 29. August 2017

Einfach kolossales Theater

Das Théâtre La Licorne überwältigt mit Spartacus

Dieses Stück sprengt alle Ketten. Mit "Spartacus" zeigte das Théatre La Licorne ein Werk, dass die Grenzen zwischen den Genres aufhebt. Es ist ein wenig Oper, ein wenig Pantomime und auch Figurentheater. Aber vor allem ist es ein Stück, das optisch und inhaltlich überwältigt und Bilder produziert, die in Erinnerung bleiben.

Ausgangspunkt ist eine historisches Ereignis. Im Jahre 73. v. Chr. führt der Gladiator Spartacus einen Aufstand von Sklaven an, der die späte römische Republik an den Rand ihrer Existenz bringt. Schließlich findet diese Revolte auch unter den verarmten Freien seine Anhänger und wendet sich so gegen das System. Doch nach taktischen Fehlern und nach Verrat siegt zum Schluss die römische Übermacht.

Erzählt wird diese Geschichte der Hoffnung und des Scheitern in sieben Szenen, die monumental sind und voller Anspielungen und voller Symbolik stecken. die aber doch auch eine eigen Lyrik, Komik  und Poesie zeigen. Seit 28 Jahren beschäftigt sich die Kompagnie mit Figurentheater und mit Objekttheater. Es scheint, als sei "Spartacus" zum einen der Extrakt der Erfahrungen. Zum anderen ist es ein klares Konzept voller bezaubernder und überzeugender Ideen und Einfälle.

Dies beginnt mit der Spielstätte, die das Ensemble selbst mitbringt. Gespielt wird in einer Miniaturversion des Kolosseums. Links und rechts der Portale finden etwa 150 Zuschauer auf Holzbänken in drei Reihen Platz. Die Enge steigert die Intensität des Spiels. Niemand kann sich dem Treiben entziehen und phasenweise wird das Publikum Teil der Darstellung.

Riesig groß trifft auf winzig klein.
Foto: Théâtre La Licorne
Wie einer römischen Arena  üblich, ist der Boden mit Sand bedeckt. Im Laufe der Aufführung wird er mit reichlich Theaterblut getränkt. Senator Crassus betritt den Portikus und die Spiel können beginnen. Er singt das Lied vom Glanz Roms und zum Ausruf  "panem et circenses" wirf er Brot ins Publikums. Nicht jeder im engen Rund versteht dies.

Bisher konventiolles Schauspiel betreten nun die Wagenlenker die Szenerie und führen ein neues Element ein: Die Figuren. Sie schieben Blechmodelle von Streitwagen vor sich. Es quietscht und rappel und dreht sich doch. Überhaupt ist die Optik dieser Inszenierung vom Eisen bestimmt, dem Werkstoff, auf dem das römische Imperium gebaut wurde.

Das erste "Oh" gibt es beim Kampf des Gladiators gegen den Löwen. Der Kämpfer ist eine winzige Figur, hinter dem Löwen stecken zwei Darsteller. Es schleppert und klirrt und trotz des spröden Material entwickelet sich ein rasantes Spiel. Der  Gladiator fällt und steht wieder auf. Er kämpft um sein Leben, dabei es ist von Anfang an klar, dass er nicht gewinnen kann. Da können noch so viele Daumen im Publikum nach oben gehen, Crassus hat entschieden, dass der Mann sterben muss.

Spartacus muss gegen den Elefanten kämpfen und das technische Erstaunen darüber, welche Dimensionen und welche Beweglichkeit in solch einer Figur stecken kann, wird von der Verzauberung über die Ausdrucksstärke dieser Mischung begleitet. Damit kann das Ensemble sogar komische Momente erzeugen. Dazu sicherlich Szene zwei, als die Senatoren in der Therme die Geschäfte des Staates untereinander aushandeln. Dabei die Kompagnie kann auch Momente tiefer Verzweifelung darstellen, als das Heer der Sklaven dem Hungertod ausgeliefert scheint. Das Publikum ist einen Wechselbad aus Lachen,. Mitleid, Staunen und Erstarren ausgesetzt. Unberührt bleibt niemand.

Auf alle Fälle ist jeder Moment ein Moment voller Bilder, die beeindrucken und bleiben. Es ist auch ein Spiel mit Symbolen, die gedeutet werden müssen. Immer wieder tauchen Vögel in unterschiedlichen Gestalten auf. Sie stehen für Hoffnung, römischen Aberglauben, aber auch für das römische Herr. Wer die Zeichen lesen kann, hat mehr davon. Man muss es aber auch nicht.

Die Syrer ziehen ihre Schiffe zurück, damit ist die
Niederlage besiegelt. Foto: Théâtre La Licorne
Und dann sind da Hunderte von Füßen, die für die zahllosen Sklaven stehen. Als Spartacus sie auf einem breiten Band durch die Arena in die Freiheit führt, herrscht Schweigen im Rund. Betretenes Schweigen herrscht, als der römische Feldherr nach der Spartacus'  Niederlage diese Füße im blutgetränkten Sand entsorgt und die Überlebenden die Überreste entsorgen müssen, um den Siegern den Weg zu bereiten.

Die Inszenierung verzichtet weitestgehend auf das gesprochene oder gesungene Wort und dort wo es zur Geltung kommt, ist es französisch, logisch. Für die Aufführung in Northeim wurden deutschsprachige Sprengsel eingestreut. Darauf hätte man verzichten können, denn die Darstellung ist so eindeutig und eindrucksvoll, dass man sie auch im Original verstünde.Jede Szene wirkt, weil sie reduziert und damit wirken lässt. Was fehlt, dass darf sich das Publikum dazudenken

Es ist diese Mischung aus einfachsten Mitteln, Symbolen und ausgereifter Technik, die so archaisch erscheint, die dieses Werk so eindrucksvoll macht. Schließlich geht es ja um etwas ganz archaische Dinge: Die Freiheit und die Würde des Menschen und der Kampf gegen Unterdrückung. Damit ist es kein Historienstück, sondern eine Inszenierung, die immer aktuell bleiben wird. Als Crassus sich im Gehen an das Publikum und fragt, ob hier noch ein Spartacus anwesend sei, schwillt der Kloß im Hals blitzartig an.





Theatre La Licorne #1: Die offizielle Website
Theatre La Licorne #2: Spartacus - das Stück

Theater der Nacht #1: Die offizielle Website

wikipedia #1: Spartacus - die Biographie
wikipedia #2: Der Aufstand