Donnerstag, 8. Juni 2017

Zwei gegen die ganze Hexenwelt

"Die kleine Hexe" bei den Gandersheimer Domfestspielen

Familientheater soll vor allem eins machen, nämlich Spaß. "Die kleine Hexe" bei den Gandersheimer Domfestspielen erfüllt diese Anforderung. Selbst der härteste Kritiker der Welt ist zufrieden mit der Inszenierung von Sarah Speiser.

Er ist ein wenig in die Jahre gekommen, der Kritiker. Immerhin kann er auf 11 Lebensjahr und vier Jahre Erfahrung als härtester aller Kritiker bauen. Damit fühlt er sich am oberen Ende der hexentauglichen Skala angekommen. Dennoch war er schnell bereit, dass diesjährige Familienstück der Domfestspiele zu bewerten: 4 von 5 Sternen hat er vergeben. Das liegt am oberen Ende seiner bisherigen Bewertungen. Für 5 von 5 Sternen braucht es wohl Eis-Service am Sitzplatz.

Der härteste aller Kritiker ist zurück an alter
Wirkungsstätte. Alle Fotos: Kügler
Aber was hat den härtesten aller Kritiker überzeugt? Es ist wohl die Mischung aus traditioneller Erzählweise und modernem Erzähltempo, garniert einigen Attributen der Pop-Kultur. Dennoch gleitet die Aufführung nicht ab, sondern erhält den Zauber der Vorlage.

Für die Bühne in Bad Gandersheim macht die Inszenierung eine kleinen Kunstgriff. Die Wohltaten der kleinen Hexe werden aus der Rückschau erzählt.  Es ist der Tag vor Walpurgis und die kleine Hexe möchte mit den anderen Hexen endlich auf den Bocksberg fliegen. Im Jahr zuvor war sie erwischt worden, als sie sich dort unerlaubt aufhielt. Nun werfen sie und der Rabe Abraxas einen Blick auf das vergangene Jahr und auf die Wohltaten der Blocksberg-Kandidatin. Dass die großen Hexen sie abblitzen lassen, das ist noch nicht absehbar.

Abgesehen von diesem Kunstgriff verbleibt die Struktur recht traditionell. Auch wenn das Tempo deutlich über der 50er Jahre Gemächlichkeit liegt, bleibt die Gandersheimer Inszenierung weit hinter dem Speed-Michel des letzten Jahres zurück. Selbst die Kleinsten können folgen und das ist wohl das Ziel von Sarah Speiser. Nur in der Hexenrat-Szene kann man ahnen, wie weit das Musical mittlerweile die Freilichtbühnen beherrscht. Das kann man angesichts der sonstigen Stärken leicht verschmerzen.

Der Rabe ist cool.
Bei aller Verbundenheit zu bewährten Kindertheater verschont das Bühnenbild von Debbie Sledens das Publikum mit Hexenhaus-Romantik. Es steht nur das auf der Bühne, was da auch hingehört. somit steht das Spiel der Akteure im Vordergrund.

Ansonsten lebt das Stück auch von vielen Einfällen und lustigen Ideen wie zum Beispiel der Turteltauben-Szene mit Frau Pfefferkorn und Abraxas, die mit einer Ohnmacht endet. Auch die Gruppe der vier Holzweiber weiß Akzente zu setzen und der gelegentliche Klamauk ist altersgerecht. Deswegen gibt es bei der Premiere schon nach 10 Minuten den ersten Szenen-Applaus.

Die  Aufführung lebt aber vor allem von den starken Leistungen von Michael Sikorski in der Rolle des Raben Abraxas und Kristin Scheinhütte in der Hauptrolle.  wo es nötig ist, bremst der Rabe die Hexe, wo es nötig ist, feuert die Hexe den Raben an. Beide verfügen dabei über ein erstaunliches Repertoire an Gestik und Mimik, das sogar auf der großen Bühne vor der Stiftskirche wirkt. Der härteste aller Kritiker fasst es in wenigen Worten zusammen: "Der Rabe ist cool".

Es braucht schon ein paar Holzweiber, um es mit

dem Raben aufzunehmen.
Sie beherrschen den Raum derart, dass schon vier Holzweiber auftreten müssen, um wenigstens ein adäquates Gegengewicht hinzubekommen. Aber das tut der Aufführung keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Scheinhütte und Sikorski haben Spaß an ihrem Tun und den können sie vermitteln. Das ist das zweite Kriterium für ein Familienstück.

Die kleine Hexe ist vor allem eine Mutmachergeschichte. Mit dieser Hexe und mit diesen Raben haben sich zwei gefunden, die es mit der gesamten Hexenwelt aufnehmen könnten und es dann auch tun. Zum  Schluss bringt die kleine Hexe den Mut auf, sich gegen die Gruppe zu stellen, zu der sie doch so sehnlich gehören wollte, und sagt deutlich "So nicht meine Damen und nicht zu diesem Preis". Sie lässt sich nicht verbiegen und behauptet sie ihre Persönlichkeit. Dieses Selbstbewußtsein ist heute genau so wichtig wie im Entstehungsjahr 1957.

Es ist der Verdienst von Kristin Scheinhütte, dass sie auf diese wichtige Entscheidung hinarbeitet und sie den Kindern auch plausibel vermitteln kann. Damit übertrifft sie alle Anforderungen an ein gelungenes Familienstück.




Gandersheimer Domfestspiele #1: Der Spielplan
Gandersheimer Domfestspiele #2: Das Stück

Kleine Hexe #1: Das Werk bei wikipedia



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