Samstag, 15. April 2017

Reinkarnation schon am Gründonnerstag

Viel Blues macht Spaß mit Cloud 6 und B. B. & The Blues Shacks im Exil

Ich kann wieder beruhigt schlafen, ich habe die Zukunft des Blues gesehen. Sie heißt Cloud 6, kommt aus Göttingen und durfte am Gründonnerstag die Halbgötter Arlt und deren Band beim Konzert im Exil unterstützen. Am Ende stand ein mitreißendes Konzert a, das zeigte, warum B. B. & The Blues Shacks Europas Nummer 1 in diesem Genre ist.

Strategie ist nicht so die Sache der Brüder Arlt und ihrer Mitspieler. Hier wird nicht taktiert, von der ersten Minute an gehen B. B. and the Blues Shacks ein hohes Tempo, ein verdammt hohes Tempo. Da gibt es keine vornehme Zurückhaltung und vorsichtiges Einspielen. Das ist wohl auch ihr Erfolgsrezept.

Mit den Brüdern Arlt feierte der Blues in Deutschland eine Wiederauferstehung als schon niemand mehr an ihn glaubte. Sie haben ihm die Vitalität und die Lebensfreude zurückgegeben, als er bereits in Selbstmitleid und Larmoyanz versunken war, als er schon längst von nickenden Rollkragenpulloverträgern in den Jazz-Clubs beerdigt worden war. Damit haben sich B. B. & The Blues  Shacks ihren Platz im Olymp verdient.


Fabian Fritz holt mehr als 240 Töne pro Minute aus
seinen Tasteninstrumenten.     Alle Fotos: Kügler 
Wahrscheinlich ist nach 28 Jahren und  mehr als 3.000 Konzerten wohl auch annährend alles gesagt und geschrieben wurden zu diesem Phänomen. Trotzdem faszinieren sie immer noch weil sie eben dafür sorgen, dass jedes dieser mehr als 3.000 Konzerte ein einzigartiges Erlebnis ist, das das Publikum aus dem Jammertal des Alltags sonstwo hinträgt. Damit man das in voller Breite erleben kann, dazu bedarf es eben solch keiner Clubs wie das Exil, wo kein Graben Publikum und Musiker trennt und wo jeder und jede, die oder der möchte, vor der Bühne tanzen kann. So nah dran, dass man auch mal nachschauen kann, ob der Sänger vielleicht schon eine Mandeloperation hinter sich hat.

Ach ja, das Publikum. Zum Auditorium gehören an diesem Abend die üblichen Verdächtigen, schon ein wenig in die Jahre gekommen. Aber die Hälfte der Zuschauer und Zuhörerinnen ist erstaunlich jung, hat wohl gerade  das Licht der Welt als B. B.& The Blues Shacks mit Feelin’ Fine Today" ihr erstes Album veröffentlicht hatten. Offensichtlich erfreut sich ungekünstelte und ehrliche Musik aus den Geburtstagen der Pop-Musik wieder einer gewissen Beliebtheit in der jüngeren Generation. Über sättigt von Loops und Algorithmen?

Das Programm

Den Opener macht ein Song von B. B. King und damit die Marschrichtung vorgegeben: Straight forward und vor allem fast forward. Geprägt ist die Musik von der druckvollen Stimme von Michael Arlt. Er trägt den Song nach vorne mit seinem kräftigen TEnor. Wenn er will, dann steigt er auch mal in den Bariton und klingt  wie Tom Jones oder verfällt wie im Song von Solomon Burke auch mal ins Falsett. Egal in welcher Stimmlage, er hat Spaß an dem, was er macht und das Publikum hat Spaß daran, ihm dabei zuzuschauen und zuzuhören.

Andreas Arlt verzichtet auf Effekte
und lässt seine Gitarre sprechen. 
Dann kommt das Gitarren-Solo von Andreas Arlt und der zeigt wo Bartel den Blues holt. Ohne Attitüde und Herumgehampel zeigt er, wie viel Musik in einem einzigen Saiteninstrument stecken kann. Kein Waha-Wah, kein Phaser oder Delay. Andreas Arlt spielt seine Gibson Byrdland ganz ohne Effektgeräte. Er überzeugt und begeistert mit dem puren Klang der sechs Saiten. Das ist der Rückgriff in die Vergangenheit des Blues. Auch als er später für den Texas Blues auf die Fender Stratocaster umsteigt, gibt es nicht, was die Töne auf ihrem Weg von den Saite zum Auditorium aufhält.

Dann ist Raum für ein Tasten-Solo und Fabian Fritz zeigt, warum er mit seinem Einstieg 2015 eine echte Verstärkung war. Die Crumar Mojo heult, jammert und quietscht und doch haben alle Freude daran. Später wird er am E-Piano auch noch zeigen dürfen, dass man sich selbst beim 240 Tönen pro Minuten keine Knoten in die Finger holen muss, wenn man es denn kann.

Dann darf wieder gesunden werden. So ist das beim Blues, jeder darf mal zeigen, was er kann und zum Schluss treffen sich alle wieder auf einem gemeinsamen Nenner. Auch der Mann an der Mundharmonika muss mal ran. So wie gleich beim zweiten Song von Albert King.

Es mag sicherlich irgendwo in den Tiefen des amerikanischen Südens einen Mann an der Harp geben, der filigraner spielt als Michael Arlt. Aber wohl kaum kraftvoller. Was der Frontmann der Blues Shacks hier entfesselt ist ein Sturm an wilden Tönen. Für Trauermusik ist diese Bluesharp nicht gemacht. Auch sie Quietscht und schreit oder hechelt, aber sie treibt die Musik immer voran. Später blst Arlt ein zehn minütiges Harp-Solo hin, dass dem Publikum Hören und Sehen vergehen, man aber wünscht, es ging nie zu Ende. Denn irgendeinen überraschenden Ton zaubert er doch bestimmt noch aus der Mundharmonika.

Das ist das einfache Konzept von B. B. & The Blues  Shacks. 90 Prozent ihres Livematerials sind so gestrickt. Aber es ist ein Konzept aufgeht und mehr als zweieinhalb Stunden hält, weil sich kein Ton wiederholt, weil sich hier fünf Könner zusammengetan haben und weiter an sich arbeiten. Wohl, weil sie Spaß haben, an dem, was sie da machen. Oder sind sie im Auftrage des Herren unterwegs?

Der Nachwuchs

Den Support machten an diesem Abend die Lokalmatadoren von Cloud 6 und wenn man sie hört, dann ist einem nicht mehr bange um die Zukunft des Blues. Die jungen Männer um Sänger und Keyboarder Kim Shastri klingen rau und wild und viel versprechend und haben wohl viel Freude an ihrem Treiben. Der ungestüme Tastenzaber von Shastri wird angenehm kontrastiert vom coolen Gitarrenspiel von Florian Pertsch.

Pertsch und Shastri bestimmen den Sound von
Cloud 6.        Foto: Kügler
Aber auf jeden Fall spielen sie keinen Blues für Puritaner. In ihrem Programm mischen sich Rhythm 'n' Blues und Rockabilly und Rock 'n' Roll. Damit heben sie die Schranken auf, die einst Rassisten in den USA der 50er Jahren errichtet hatten. Natürlich kommen sie nicht ohne Zugabe von der Bühne. Schließlich war der eigene Fan-Club vor Ort, aber auf jeden Fall haben waren sie mehr als ein Appetitanreger im Exil.

Gegenwart und Zukunft an einem Abend. Blueser, was willst du mehr? Warum jedem Fall hat das Konzert gezeigt, das handgemacht Musik durch ihre Bodenständigkeit immer noch begeistert und der Blues wohl wieder das Zeug hat, die Generationen in der Freude zu vereinen.

Angeblich hat man es schwer,  sich dem Zauber des Blues zu entziehen weil dessen Rhythmus dem menschlichen Pulsschlag so nah kommt, bumm-bumm, bumm-bumm. Am Gründonnerstag schlug zumindest für einen Abend das Herz des Blues in Göttingen und es schlug schnell und vital. von Infarkt keine Spur.






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