Dienstag, 26. April 2016

Vielfältig und schwungvoll

Philharmonic Brass eröffnet die Kreuzgangkonzerte

Besuch, der häufiger kommt, ist angenehm. Man weiß, worauf man sich einzustellen hat. So auch bei der Eröffnung der 33. Spielzeit der Kreuzgangkonzerte. Mit schwungvoller und lebendiger Musik für Blechbläser stellte das Quintett aus Dresden sein Können unter Beweis und nahm das Publikum mit auf eine Reise durch die Jahrhunderte.

so viele Instrumente für son wenige Musiker.
Alle Fotos: tok
Ihr besonderes Klangbild präsentieren die Sachsen gleich zu Beginn. Die Sonate für 2 Trompeten von Henry Purcell klingt erst hell, klar und optimistisch dann getragen und fließend, um zum Schluss wieder hell und klar zu tönen. So pointiert klang der Engländer. Das ist eben der Dresdner Blechklang und auch die Vorgabe für den Rest des Abends.

Selbst das Largo aus Händels "Xerxes" ist zwar zurückgenommen, aber kräftig. Doch erst in Mozarts Alleluja aus dem "Exultate Jubilate" deutet Bandleader Matthias Schmutzler seine Extraklasse. Virtuos übernimmt er mit der Trompete die Gesangsstimmen und lässt sein Instrument jubilieren. Im Bachs Arie "Mein freudiges Herze" tritt er dann mit Peter Roth in einen eindrucksvollen Solo-Trompeten-Dialog. Beide spielen sich die Bälle und Noten zu, dass es ein wahre Freude ist.

Tuba und Posaune legen ein solides Fundament.
Die Polacca und das Trio aus den Brandenburgischen Konzerten ist dann wieder ensembleorientiert. Das Quintett schafft es durch das Ritardando einen eigenen Rhythmus zu erzeugend, das Werk zum Tanzen zu bringen. Es stimmt schon, Philharmonic Brass entlockt dem Blech gan außergewöhnliche Klänge. Das gilt auch beim Auszug aus Webers Freischütz. Die kräftige Kombination Tuba-Posaune liegt ein solides Fundament für die solistischen Ausflüge der Trompeten.

Ein ähnliches Konzept liegt der Interpretation des Finales aus Beethovens Neunter zu Grunde. Anstatt dem Freude schöne Götterfunken die 8.592 Standardinterpretation hinzuzufügen, legt Jens-Peter Erbe mit prägnanten Tuba-Spiel die Basis. Dann wird er von Robert Langbein am Horn unterstützt und durch Olaf Krumpfer an der Posaune ergänzt. Als dieses Trio sich eingependelt hat, geht es dynamisch zum Finale.

Aber ihr wahres Gesichter zeigen die Dresdner erst nach der Pause. Das Ensemble sind eigentlich 5 Männer im falschen Klangkörper und Philharmonic ist eine Trickpackung. Wie sie schon bei ihrem Gastspiel 2014 bewiesen haben, sind die Musiker um Matthias Schmutzler im Grunde ihres Herzens nämlich Jazzer.

Zum Schluss darf Peter Roth noch einmal
glänzen.
War der erste, der klassische Teil schwungvoll, so geht es nach der Pause rasant weiter. Auf dem Programm steht nur noch Jazz-Literatur. Selbst Debussys Mächen mit dem Flachshaar und vor allem Le petit Negre klingen nach Ragtime. Beim Traditional "La Virgen de la Macarena" führt Schmutzler das Jazz-Schema Tutti-Solo-Tutti schon einmal mit dem kunstfertigen Dialog zwischen Trompete und Ensemble und zwischen Trompete und Trompete ein.

Philhamronic Brass kann eine besonderes satten Klang produzieren. Das beweisen die Sachsen rhythmusbetont in der Rumba "Hiplips" von Lesli Pearson und sanft und wogenden in Glenn Millers Moonlight Serenade. Auf dem fließenden Tuba-Teppich baut Langbein ein beeindruckend sanftes Horn-Solo auf.

Auch Peter Roth darf mit seinen Soli in Amazing Grace noch einmal seine Klasse unter Beweis stellen. Da wundert es nicht, dass das Quintett erst nach der dritten Zugabe in den Feierabend entlassen wird.      


 

Die Kreuzgangkonzerte

Philharmonic Brass 2014 im Kreuzganggarten

Die Website von Philharmonic Brass

Sonntag, 24. April 2016

Bilder des Unbegreiflichen

Junges Theater bringt die Katastrophe von Tschernobyl auf die Bühne

Der 26. April 1986 hat die Welt verändert. Damals explodierte der Atomreaktor im ukrainischen Tschernobyl. Der erste GAU tötet abertausende Menschen. Er beendete die Biographien von weitaus mehr Menschen, indem er ein riesiges Gebiet radioaktiv verseuchte, und er tötet noch heute. Mit "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" hat das Junge Theater Göttingen die Katastrophe auf die Bühne gebracht. Bei der Premiere am Freitag gab es donnernden Applaus.

Ein karge Bühne, im Hintergrund eine weiße Wand, davor ein Streifen mit Erde. Zwei Darsteller sitzen an der Rampe und blicken in den Zuschauerraum, im Hintergrund schleppen drei Darsteller Hausrat an der weißen Wand vorbei. Aus dem Off erzählen mehrere Stimmen zugleich von ihrem Leben vor der Katastrophe. Das erwartet das Publikum beim Betreten des Saals.

Pflanzen als Zeichen der Hoffnung.
Alle Fotos: Dorothea Heise/JT
Dann beginnt das Stück, die Darsteller verlassen die Bühne. Aus dem Off ist jetzt nur noch ein Knacken zu hören. Es wird wohl ein Geigerzähler sein. Schließlich sind wir jetzt auf verstrahltem Gebiet. Dann setzen die Erzählungen ein. Die Opfer der Katastrophe berichten, wie es ist, am Rande der Legalität in der verbotenen Zone zu leben.  Sie erzählen von der Evakuierung, vom Verschwinden der Nachbarn, vom Verbot die Früchte aus dem eigenen Garten zu essen.

Immer wieder tauchten ein oder zwei Schauspieler auf, wortlos. Sie verzichten auf Sprache, weil , das, was hier verhandelt wird kaum in Worte zu fassen ist. Der GAU hat auch die Dimensionen der Sprache gesprengt. Besonders eindrücklich ist die Szene, als Katharina Brehl das Milch trinken simuliert und doch keinen Schluck hinunter bekommt, was verschütt geht, weil auch Milch nicht gegen die Radioaktivität hilft.

Stattdessen unterstreichen sie Worte aus dem Off mit Taten oder Nichttaten, mit werkel oder mit einfach nur hocken, starren und rauchen. Ihr Handeln ist ein kalte, karge und hoffnungslose Symbolik, die für den Verlust der Zukunft steht. Einen Namen hat keiner, das Unglück macht keine Unterschiede.

Die Gespräche, die Swetlana Alexijewitsch mit den Opfern und Hinterbliebenen führte und protokollierte und die 2006 unter dem Titel "Tschernobyl. Ein Chronik der Zukunft" in deutscher Spracher veröffentlicht worden, sind die Grundlage dieser Inszenierung. Mit diesem eindrucksvollen Konzept hat Peer Ripberger die Worte sichtbar gemacht. So hilft er dem Publikum beim Verstehen dessen, was nicht zu begreifen ist.

Auch Milch trinken hilft nicht gegen die Radio-
aktivität. Foto: D. Heise
Dann kommt ein Schnitt. Ein Darsteller tritt nach vorne und stellt Fragen, Fragen, fragen, bohrende Fragen. Fragen, die auch nach 30 Jahren noch nicht beantwortet sind, Fragen, die meist rhetorischer Natur sind. Jeder darf einmal im Laufe des Abends.

Nun beginnt der nächste Block. Jetzt erzählen die Soldaten, die den Sarkophag um den havarierten Reaktor bauten von ihren vermeintlichen Heldentaten, vom Sterben der Kameraden, vom Sterben der eigenen Kinder, vom Schweigen der Staatsführung. 800.000 Soldaten waren am Unglücksreaktor im Einsatz. Später wird noch die Frau eines Feuerwehrmannes vom qualvollen Strahlentod ihres Mannes erzählen, vom Ende der Zukunft, von der Tochter, die schwerkrank zur Welt kam erzählen.

Dann tritt wieder ein Darsteller an die Rampe und stellt Fragen, Fragen, bohrende Fragen. Es sind auch unbequeme Fragen dabei, Fragen nach unserer Selbstgerechtigkeit, Fragen nach unseren Ersatzhandlungen, nach der Beruhigung des eigenen Gewissens. Jubeln wir die Energiewende hoch, um bloß nicht über unseren Energiehunger nachdenken zu müssen?

Auch wenn Ripbergers Konzept eindrucksvoll ist, so unterliegt es auch der Gefahr der vorzeitigen Ermüdung. Die verordnete Reduzierung der schauspielerischen Mittel trägt nicht den ganzen Abend. Wenn zum fünften Mal ein Darsteller nach vorne tritt, um sich mit rhetorischen Fragen an das Publikum wendet und nicht wirklich auf Antworten wartet, dann ist die Grenze zwischen Theater und Belehrung längst überschritten. Arbeiten hier die Zuspätgekommenen die eigene Tatenlosigkeit ab? Damit läuft "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft"  Gefahr, das zu werden, was Peter Christoph Scholz in seinem Monolog seiner eigenen Generation vorwirft: Ersatzhandlung für mangelndes Engagement? Theaterbesuch zur Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens?

Der verseuchte Boden muss weg. Foto: D. Heise/JT 
Natürlich darf auch das Politiker-Bashing nicht fehlen. Karsten Zinser schimpft wie ein Rohrspatz auf diese "Flachzangen". Das ist billig und einfach und nimmt leider die Fragen nach der eigenen Verantwortlichkeit teilweise zurück. Schade. Im Umkehrschluss muss die Frage erlaubt sein, wie hoch der politische Anteil am Premierenjubel war und wie hoch der schauspielerische Anteil.

Weil eben alles zwanghaft auserzählt werden muss, verpasst die Inszenierung zweimal die Möglichkeit eindrucksvoll zu enden. Mehr als ein Stunde lang ist die Erde auf der Bühne das Symbol auf die verlorene Heimat, für den Verlust der Natur. Obwohl verstrahlt setzen die Menschen kleine Pflanzen in diesen Boden. Doch alles Hoffen hilft nicht. Die Erde muss weg, alle fassen mit an und verfrachten den Boden in Schubkarren, Kübel, Eimer und Plastiksäcke. Dann stellen sie diese Schatz an den Bühnenrand. Deutlicher kann man sich werden und leider wirkt alles, was dann kommt, wie angehängt.

Dennoch bleibt "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" eine mitreißende Inszenierung, die dem Publikum hilft, das Unbegreifliche zu erfassen. Es ist Dokumentationstheater mit einer beeindruckenden und tiefen Symbolik. Die karge Ausstattung wirft das Publikum immer wieder auf den Kern der Tragödie vom 26. April 1986 zurück. Es ist Kopf-Theater im besten Sinne und es zwingt jeden dazu, Position zu beziehen.


Der Spielplan am Jungen Theater
Das Stück

 




Samstag, 23. April 2016

Auch Hamster brauchen mal Trost

Theater der Nacht lüftet Händels musikalisches Geheimnis

Simply great, semplicemente fantastico, eifach huere guet. Mit "Händels Hamster" zeigt das Theater der Nacht mal einen ganzen anderen, einen erfrischenden Zugang zu Händels Schaffen und es gibt eine begeisternde Antwort, auf die Frage "Wie konnte der Meister die Krise des Jahres 1738 überwinden?"Geschichte, Tempo, Darsteller, Ausstattung, Musik und Rhythmus, bei dieser Antwort stimmt alles.

"Händels Hamster" ist sicherlich nicht das erste Mal, dass das Leben des Komponisten Vorlage für ein Figurentheater ist. Aber es ist bestimmt das beste als Figurentheater zu diesem Thema. Wortwitz und überraschende Wendungen, überzeugende Charaktere und eine schlüssige Handlung. Bei der Premiere am Freitag gab es viel Applaus, noch mehr Lacher und nichts zu bemängeln. Dem Meister selbst hätte es bestimmt gefallen.

Giovanni (rechts)muss Händel (2. v.l.) mal wieder
erklären, wie man komponiert. Alle Fotos: da Silva
Die Verschwörungstheoretiker der Musikgeschichte behaupten, dass Händels Werk einzig auf den Noten beruht, die er in Hamburg bei seinem Mentor Reinhard Keiser mitgehen ließ. Das ist natürlich völliger Mumpitz. Händel verdankt seinem Erfolg dem singenden und komponierenden Hamster Giovanni, den der Hallenser einst auf seiner Italienreise gekauft hatte. Seitdem haust der Nager in London und greift dem Meister beim Komponieren an den entscheidenden Stellen unter die Tasten.

Das ist der Ausgangspunkt im Libretto von Neville Tranter. Von diesen Punkt aus spinnt er einen bunten Faden zu einer der wichtigsten Phasen in Händels Birografie. Dabei lässt er Figuren auftreten, die entscheidende Rolle im Leben des Komponisten hatten. So tritt der Starkastrat Senesino auf ebenso wie der Theaterdirektor Johann Jacob Heidegger. Der erste exaltiert wie es das Klischee einer italienischen Primadonna zuschreibt, der andere grantelig und geldfixiert, wie es nur ein Schweizer sein kann. Und eien Groupie gibt es auch und die heißt Mary. Dabei wirkt der Deutsch-Italienisch-Englisch-Schwyzerdütsch-Sprachmix belebend und ist Grundlage mancher Witze.  I

"Händels Hamster" ist ein Werk aus der Kategorie "Wer Ahnung hat, hat mehr davon".  Für Menschen, die nicht vom Fach sind, ist es bunter Spaß mit vielen schrägen Ideen. Menschen, die die Rahmenbedingungen kennen, haben noch mehr Spaß und noch mehr Lacher auf ihrer Seite. Aber auf alle Fälle ist das Stück ein unverkrampfter Zugang zu einer Zeitenwende in der europäischen Musikgeschichte. Schließlich geht es um nicht weniger als das Ende der italienischen Oper im London, den Aufstieg des volkstümlichen Musiktheaters und Händels Hinwendung zu den Oratorien. Ohne Giovanni hätte er diesen Wege nicht gefunden.

Schräg und rasant, wie das Stück ist, bleibt Neville Tranter aber immer auf der richtigen Seite an der gefährlichen Grenze zum Klamauk. Ein bißchen Tiefe und Lebensweisheit gibt es auch, wenn der Hamster eben einsehen, muss dass er ein Hamster ist und bleiben wird und eben keine Primaballerina.

Händel hat eine Überraschung für den Hamster.
Foto: da Silva
"Händels Hamster" verzaubert  vor allem durch die überragende Leistungen von Ruth und Heiko Brockhausen auf der Bühne. Traurigkeit und hängende Schulter oder Jubel und glänzende Augen, es ist alles drin und alles wird mitfühlend geboten. Ja, richtig gelesen, hier funkeln sogar die Glasaugen der Puppen. Fast schon möchte man Giovanni in den Arm nehmen und trösten, so traurig schaut er, als Händel vom Hamsterdreck spricht.

Wenn Puppen agieren wie echte Menschen, dann ist das Figurentheater auf dem höchsten Niveau. Ruth und Heiko Brockhausen müssen immerhin fünf Rollen sprechen, doch die Stimmen passen immer, setzen die Stimmung fest und tragen an vielen Stellen die Handlung voran.

Schon der Einstieg verzaubert. Mit drei Minuten Pantomime führen Ruth und Heiko sich als die Bediensteten des Meisters ein. Überhaupt werden sie als Mr. Smith und die unbekannte Gouvernante stumm bleiben. Das Personal hat weniger zu sagen als der Hamster und möchte sich doch wenigstens mal exotisches Obst sichern.

Danach kommt gleich die nächste von unendlich vielen grandiosen Szenen. Mit einem Kaffeeservice erzählen Ruth und Heiko Brockhausen die erste Begegnung von Hamster und Händel. Die Kanne wird zum Komponisten und die Zuckerdose muss als Tierhändler herhalten, einfach großartig, simply great, semplicemente fantastico, eifach huere guet. Geradezu magisch.

Zum guten Schluss wird der König der Komponisten
gekrönt-      Foto: da Silva
Man kann nicht mitzählen, wie viele dieser fantastischen und bezaubernden Szenen nun folgen. Auf jeden Fall gibt es zum Schluss die verdiente Krönung des Hamster. Bis dahin gibt es jede Menge an Historie bunt verpackt und auch ein wenig Musik von Deep Purple und den Beatles.

Das Bühnenbild ist auf wenige Requisiten wie ein Obstkorb, ein Cembalo und das Bild des Königs reduziert. Und doch schwelgt die Bühne in barocker Opulenz. Eigentlich ein Widerspruch, aber die geschickte Lichtsetzung hebt dieses Paradoxon auf.

Aber natürlich sind die Puppen die Stars der Inszenierung. Ein runder und zufriedener Händel, ein diabolisch funkelnder Heidegger, eine Mary mit Klipperaugen wie Betty Boop und ein Senesino mit der längsten Nase seit Pinocchio, das ist Form gewordene Satire und könnte fast schon allein für sich stehen.

MIt "Händels Hamster" sind dem Theater der Nacht und den Händel-Festspielen ein erfrischender und großer Wurf gelungen. So einfach ist das. Es bleibt zu hoffen, dass das Stück seinen Weg auf den regulären Spielplan des Theaters findet. Auf jeden Fall gastiert das Werk im Juni im Händel-Haus. Halle kann sich schon einmal freuen.


Die Internationalen Händel-Festspiele
Das Stück

Das Theater der Nacht

Händels Hamster in Halle






Montag, 11. April 2016

Romeo & Julia als Cliquen-Krieg

Theaterjugendclub überzeugt mit Shakespeare-Adaption

Ja klar, Romeo und Julia ist die Geschichte einer tragischen Jugendliebe. Da liegt es nahe, mal die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen. In dieser Hinsicht hat der Theaterjugendclub Nordhausen mit 'romeoundjulia kein Neuland betreten. Aber die Inszenierung von Roland Winter zeigt, auf welch hohem Niveau sich Jungendtheater bewegen kann, wenn es die richtige Unterstützung bekommt. Und dann hat der Theaterjugendclub Nordhausen mit der Premiere am Samstag den zahhlosen Interpretationen doch noch eigenen Aspekte hinzugefügt. Also, was will man mehr.

Von den vielen Romeo & Julia-Adaptionen ist dies wohl diejenige für die Hardcore-Generation. Es gibt jede Menge Musik, Techno, Rammstein, Euro-Dance-Pop, Adele und was sonst noch so im Jugendclub und den Discotheken gespielt wird. Aber es ist vor allem der Auftakt. Erst stehen sich zwei Blöcke gegenüber und bedrohen sich, die Capulets und die Montagues. Dann beging eine veritable Massenkeilerei. Das ist nichts von der tänzerischen Eleganz der West Side Story. Die Choreographie von Daniela Zinner beschönigt nichts. Auch Mädchen können ordentlich zulangen und Gewalt ist für Jugendliche wohl ein probates Mittel der Konfliktlösung.

Die Welt steht still, als Julia und
Romeo sich treffen.  Fotos: T. Graner
Der Streit wird im Zuschauerraum verbal weitergeführt und die Wortwahl ist recht derb. Für diese Inszenierung hat Roland Winter eigens eine neue Textversion vorgelegt. Sie ist ganz auf Gegenwart getrimmt und nur selten schimmert der zeitlose Glanz des Originals durch. Gelegentlich muss es auf Biegen und Brechen Jugendsprech sein.

Da fällt auch schon mal ein Satz wie "Bock auf ficken?". Inwieweit das Effekthascherei oder authentisch ist, dass muss das Publikum und vor allem müssen dies die Darsteller selbst entscheiden. Aber gut, mit einem Sonett von 1596 lockt man 2016 keinen Jugendlichen mehr hinter dem Tablet hervor. Aber Roland Winter hat auch einige Stolpersteine eingebaut, über die sich vor allem Shakespeare-Liebhaber freuen. So geht es nicht um Nachtigall oder Lerche. Julia sagt ganz lapidar "Mein Spatz, es ist die Lerche." Nett.

Das Bühnenbild von Roland Winter schlägt eine Brücke. Die rostigen Gitterbau erinnern an die Architektur der norditalienischen Renaissance und dem großstädtischen Hinterhof zugleich.

Die Neuerung der Shakespeare-Rezeption liegt aber nicht in der Sprache, sondern in der Neugewichtung des darstellenden Personals. Es wurde aufgestockt. Altersgerecht spielt die Clique eine große Rolle und diese Cliquen müssen eben auch dargestellt werden.

Mercutio und Tybalt zwar weiterhin zwei furchtbare Aufschneider. Aber gerade Julian Krettek füllt diese Rolle großartig aus. Man weiß nie ob sein überstolzes Getue echt ist oder nur pubvertäre Unsicherheit übertünchen soll. Sein Fluch in der Sterbeszene dürfte aber ruhig deutlicher ausfallen.

Der Tod des Mercutio markiert den Wendepunkt.
Foto: Tillmann Graner
Benvolio in ein Mädchen zu verwandeln ist durchaus eine ausbaufähige Idee. Aber der entscheidende Wandel liegt in der Figur der Anne, die nun nicht mehr Amme sondern Freundin der Julia ist. Doch im jugendlichen Gefüge steht sie unten und muss Botendienste erledigen. Ihr Frust darüber verhindert letztendlich auch das Happy End. Sie zerreißt einfach den rettenden Brief an Romeo. Warum ist Shakespeare eigentlich nicht auf diesen lebensnahen Einfall gekommen?

In der Erzählung selbst folgt Roland Winter dem Original fast sklavisch. Er bildet die Szenenfolge eins zu eins ab. Auch in #romeoundjulia ist der Tod des Mercutio und des Tybalt der Wendepunkt, der eine schwierige Liebesbeziehung zur Tragödie verwandelt. Auch in dieser Inszenierung nimmt das Tempo noch einmal zu.

Es wird ernst, sehr ernst. Gab es bis dann auch einige  Lacher auf Ohnsorg-Theater-Niveau wird es nun düster. Sehr schön.

Der erste Wendepunkt liegt aber auf dem Fest der Capulets. Als Romeo und Julia sich das erste Mal gegenüber stehen, da steht die Welt still. So sieht Liebe auf den ersten Blick aus. Das Drumherum ist eingefroren und es gibt nur noch das Gegenüber. Diese poetische Darstellung zaubert einen wunderbaren Kontrast zu den harten Techno-Beats der Party.

Eine starke Inszenierung verab-
schiedet sich mit einer starken
Szene.     Foto: Tillmann Graner 
Hier hat Winter den eigentlichen Clou seiner Produktion eingebaut. Auf einmal stehen auch Romeo 2 - 5 und Julia 2 - 5 auf der Bühne. Die beiden Protagonisten habe nicht nur ein, sondern vier alter egos. Diese Paare spielen nun andere Möglichkeiten, andere Texte durch. Sie zeigen einen Ausschnitt an jugendlichen Verhaltensweisen in amourösen Angelegenheiten, von schüchtern bis direkt. Dieser Einfall zeigt nicht nur, dass es auch ganz hätte laufen können. Winter macht auch deutlich, dass es nciht nur eine einzige Julia und nur den einen Romeo gibt. Nein, solch ein Liebespaar taucht immeer wieder auf.

Diese Vermehrung gibt Daniela Zinner nun die Möglichkeit, in der einzigen Liebesnacht des frisch vermählten Paares ein wahres Ballet der Defloration. Egal auf welchem Wege, alle Liebespaare liegen sich am Ende in den Armen. Aber es ist eben ein sehr zärtlicher, lyrischer Weg zur Entjungferung. Ein heikles Thema sehr dargestellt.

Die starke Inszenierung verabschiedet sich mit zwei starken Szenen. Der Tod des Liebespaares ist in ein großartiges Bild gebettet. In das Grau in Grau des Bühnenbildes fällt ein leuchtend roter Vorhang und dann ist Stille.

In der letzten Szene hat sich Roland Winter dann vor der Vorlage gelöst. Es gibt keine Versöhnung über die Gräben hinweg. Auf der Bühne stehen sich wieder zwei Blöcke gegenüber und bedrohen sich. Dann folgt eine veritable Massenkeilerei.



Der Spielplan am Theater Nordhausen
Das Stück in der Selbstdarstellung


Sonntag, 10. April 2016

Erich Kästner kann so sexy sein

TfN zeigt ein Kaleidoskop des Zerfalls

Mit "Fabian. Der Gang vor die Hunde" hat Erich Kästner 1931 einen Kommentar zum Zustand der Weimarer Republik abgeliefert. Erst vor drei Jahren ist der Roman in seiner Urform wieder aufgetaucht. Gero Vierhuff hat das Werk in eine Bühnenform gebracht. Uraufführung war am Freitag am Theater für Niedersachsen in Hildesheim. Dieses Kaleidoskop des Zerfalls überzeugt mit rabiater und schonungsloser Darstellung.

Kästners Analyse war für seine Zeitgenossen wohl zu starker Tobak. Auf jeden Fall musste er auf Drängen seines Verlegers musste er Passagen streichen und auch den Titel ändern. Der Roman erschien unter dem Titel "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" und er hat unverkennbar autobiographische Züge. In seiner ursprünglichen Form bietet der Roman viele Anknüpfungspunkte für die Jetztzeit, die Gero Vierhuff auch offen legt. Es ist die Beschreibung einer Gesellschaft, die orientierungslos durch einen rasanten Wandel tappt. In der Retrospektive gelingt der TfN-Produktion der Blick nach vorne.

Die Lust an Ausschweifungen vereint Fabian(vorne
links) und Labude(rechts). Alle Fotos: J. Quast 
Kästners Roman war auch stilistisch eine Herausforderung für die Zeitgenossen. Mit kurzen Szenen und schnellen Wechseln ahmt er die Techniken des Films nach. Die Umsetzung gelingt mit dem kargen Bühnebild von Marcel Wienand. Im Zentrum steht eine kleine Drehbühne, ausgestattet mit einem einzelnen Stuhl. Sie ist der Präsentierteller der Peep-Show, das Hamsterrad des Arbeitsleben und die Welt, die sich ständig weiterdreht, zugleich. Ergänzt mit wenigen Requisiten und mit den Bildern im Kopf des Publikums fungiert die Drehbühne mal als Club, mal als Atelier, mal als Werbebüro. So hält diese Inszenierung das Tempo als Lebensgefühl dieser Zeit, die man auch als die Roaring Twenties bezeichnet, aufrecht.

Da gelingt es Vierhuff die erste Parallele zum Jetzt herauszuarbeiten. Doch nach Jahren der Tempo-Euphorie steht Fabian daneben und fragt, was diese Beschleunigung dem Einzelnen gebracht hat. Offensichtlich litten schon die frühen 30er Jahren an einem Mangel an Work-Life-Balance. Vergleiche zu Döblins "Berlin Alexanderplatz" drängen sich auf.

Ein halbrunde, deckenhohe Wand mit einem halben Dutzend Türen begrenzt die Spielfläche nach hinten. So macht Wienand  die Bühne zur Arena. So ungefähr funktioniert wohl eine Circus Maximus, nur eben ohne Löwen. Kämpfe und Gladiatoren gibt es in diesem Krieg aller gegen alle genug.

Frau darf sagen, was sie will.
Foto: Jochen Quast
Kommunisten, Nationalsozialisten, Burschenschaftler, enttäuschte Ehefrauen, Direktoren, Angestellte, Gelegenheitsprostituierte, Kriegsversehrte, Sadisten, es ist ein bunter Schnitt durch eine Gesellschaft in der Übergangsphase. Die Figuren wirken, als wären sie einen Bild von George Grosz. Es sind fast schon Zerrbilder, dies vermittelt auch die Maske mit gewollt schlechter Ausführung. Ein echtes Panoptikum.

Die Inszenierung beginnt mit schonungsloser Offenheit, mit kalkuliertem Schockeffekt. Fabian ist auf dem Weg zu einem Etablissement, der heute den Namen Swinger-Club tragen würde. Sexuelle Befreiung, vor allem die Auflösung kleinbürgerlicher Rollenverständnisse, die mehr oder weniger offene Rebellion gegen das Familienbild der Kaiserzeit. Dies thematisiert Vierhuff ganz offen und anschaulich. Damit sind die zahlreichen Sex-Szene keine Effekthascherei, sondern folgerichtig. Das Publikum bedankt sich bei der Premiere mit wiederholten Szenenapplaus.

Selten gab es auf der Bühne des TfN so viel Strapse und Unterwäsche zu sehen und selten wurde so oft auf der TfN-Bühne kopuliert. Ob dies in den Zeiten der allgegenwärtigen sexuellen Erregung und der Internet-Pornografie noch als Schocker funktioniert, das sei mal dahin gestellt. Das Publikum zeigt sich eher amüsiert. Auf jeden Fall überrascht es, dass der Autor, der vor allem mit Humor und Kinderbücher assoziiert wird, so sexy sein kann.

Doch, Jakob Fabian ist ein Moralist. Aber ein Moralist der anderen Sorten. Er drängt seinen Moralismus niemanden auf. Er ist lediglich ein Beobachter, der den Zusammenbruch konstituiert und sich gelegentlich zu einem Kommentar hinreißen lässt. Der Erschütterung seiner kleinbürgerlichen   Werte begegnet er mit Apathie, er ist wohl ein Vertreter jener Generation, die Hemingway einst als die verlorene Generation bezeichnet.

Im Gegensatz zu seinem Kameraden Labude hat Fabian das einschneidende Erlebnis des Ersten Weltkrieg immer noch nicht überwunden. Er lässt sich durch das Leben treiben, er spricht immer wieder vom Wartesaal, in dem er sitzt. Thomas Strecker macht diesen Desillusionierten lebendig. Er changiert glaubwürdig zwischen ewiger Junge und abgeklärter Zyniker. Sein Verzicht auf große Gesten und die Konzentration auf den Wechsel der Stimme zeigt, das die Titelfigur auch ein Gefangener seiner eigenen Welt ist. Nicht einmal der Verlust seiner großen Liebe Cornelia führt zu einer Verhaltensänderung. Jakobn Fabian bleibt Zuschauer und Thomas Strecker gestaltet diesen Zuschauer als sympathischen Typ. Er wirkt wie der nette Hipster von nebenan.

Am Schluss bleibt Fabian und Labude nur der Jammer.
Foto: Quast
Die Ergänzung dazu  ist Moritz Nikolaus Koch in der Rolle des Fabrikantensohn und Kriegskameraden Labude. In der Analyse der Zeit stellt des Salonsozialist dieselbe Diagnose wie Fabian. Er zieht andere Schlüsse, er will raus aus dem Wartesaal  und scheitert trotzdem ebenso wie Fabian. Auf der Suche nach Verlässlichkeit verzweifeln sie an der Beziehungsunfähigkeit ihrer Mitmenschen

Als Doktorand in der akademischen Dauerwarteschleife scheint Labude die Blaupause für die Generation Praktikum zu sein. Dies arbeiten Gero Vierhuff  und Moritz Nikolaus Koch deutlich heraus. Koch bedient sich dabei des gesamten Repertoire und hat für jede Situation die passende Antwort. Er  ist kontrolliert und reduziert, wenn es um Analyse geht, raumgreifend und gestenreich, wenn es um Visionen geht, und klein und verletzlich, wenn das Scheitern nicht zu verbergen ist.

"Fabian - Der Gang vor die Hunde" am TfN ist nicht nur der Blick auf eine vergangene Zeit. Gero Vierhuff ist eine Beschreibung des Jetzt gelungen, die mit Tempo und Offenheit fesselt und dessen beide Hauptdarsteller überzeugen.




Der Spielplan am TfN

Das Stück in der Selbstdarstellung

Samstag, 9. April 2016

Die Kraft zum Überleben

Eine beeindruckende Geschichte aus dem Holocaust am Theater Nordhausen

"Die Tänzerin von Auschwitz" ist die Geschichte von Roosje Glaser.  Bianca Sue Henne und Jutta Ebnother haben die Biografie der Frau, die das Grauen überlebte, für das Theater Nordhausen inszeniert. Herausgekommen ist ein beeindruckendes Werk, das viele Grenzen sprengt. Premiere war am Donnerstag im Theater unterm Dach.

Die Inszenierung ist als spartenübergreifend angekündigt. Es vereint Schauspiel, Tanz und Element des Figurentheater miteinander. Der offene Beginn zeigt zwei Paare, die sich im Tanz wiegen. Natürlich liegt es nahe, die Biografie einer Tänzerin mit Bewegung aufzufüllen. Aber der Tanz hat in diesen Konzept eine wichtige erzählerische Funktion.

Kann man dieses Grauen in Worte fassen? Nur schwer. Deswegen "vertanzen" Joy Kammin und Olaf Reinecke und Joy Kammin und Patrick Jech die Passagen, die weit über das Normalverständnis hinausgehen. Sie fassen das in Bewegung, wofür es immer noch keine passenden Worte gibt. Zweimal gibt es den Pas de deux zum Verhör, als Joy Kammin sich auf dem Boden windet und Olaf Reinecke ihr mit großen Schritten den Weg versperrt, sie immer mehr einengt. Das ist getanzte Gewalt, getanzte Unterdrückung.

Es gibt Spannung in der Ehe von Leo Crielaars und
Roosje Glaser. Alle Fotos: András Dobi
Aber auch die Liebesszene mit den SS-Männer werden getanzt. Doch, richtig gelesen. Roosja Glaser hatte sexuelle Beziehungen zu ihren Peinigern. Wo die Worte versagen, dort hilft der Ausdruck durch Bewegung. Und Roosje Glaser nimmt aus dem Tanz die Kraft zum Überleben. Ihre Biografie ohne Tanzdarbietungen könnte also nur unvollständig bleiben.

Die Elemente des Figurentheaters haben eine konträre Funktion. Sie sollen Stimmungen verstärken. Seien es die Liebesszenen zwischen Roosje und Kees van Mertens, sei es der Gang des kleinen Jungen in die Gaskammer. Diese Szene ist so intensiv, dass es fast schon schmerzt. Leider misslingt der Scherz mit der Hitler-Figur, die zu Michael Jacksons "Bad" den Moonwalk macht, eindeutig.    

Die Rollen sind auf vier Schauspieler verteilt. Diese wechseln immer wieder. Dies resultiert nicht aus dem Widerspruch zwischen den Grenzen eines Kammerspiels und der Fülle des Materials, sondern zeigt, das jeder mal in Rolle des Opfers, aber auch eines Täters geraten kann.

Die Klagewand dokumentiert den millionenfachen
Verlust.  Foto: András Dobi
Überhaupt konzentriert sich diese Inszenierung mehr auf den Weg ins Konzentrationslager. Dieses Stück zeigt die Stationen der Verfolgung, es macht die Entwicklung deutlich und es zeigt die Veränderungen in der niederländischen Gesellschaft während der Besatzung. Verrat ist ein Thema, dass immer wiederkehrt. Der Verrat durch ihren Ehemann, der Verrat durch die Nachbarn.

Vielleicht liegt hier sogar die Stärke dieser Produktion. Sie spart die Grauen der Vernichtungslager nicht aus, aber sie erliegt ihnen nicht. Sie präsentiert eine ganz persönliche Strategie des Überlebens und spart nicht mit Kontrasten, wenn sie die Banalität der Bösen zeigt. Massenmörder und Vollstrecker sind auch nur Menschen wie du und ich. Aber dies steigert das Unverständnis für das Geschehene ins Unermessliche.

Rachel überlebt den Todesmarsch nicht.
Foto: András Dobi
Die Erzählperspektive bleibt immer eine persönliche. Das Publikum erlebt das Grauen mit Roosjes Augen. Intensiver geht es kaum. Doch die beeindruckenste Szene ist ein stumme. Caroline Kühner steigt Roosje Glaser nach deren Verhaftung und nach tagelangen Verhören in einen Koffer, um ins Durchgangslager Westerborg transportiert zu werden. Sicherlich eine sehr starke Aussage. Polizei und SS zwängen ein ganzes Menschenleben zwischen zwei Deckel. Aber es ist auch an Anschluss an die Entstehungsgeschichte der Buchvorlage. Bei einem Besuch in Auschwitz entdeckt Paul Glaser den Koffer seiner unbekannten Tante Roosje. Er macht sich auf die Suche nach der Frau, die so lange über ihre Schreckensgeschichte geschwiegen hatte.

Eine weitere Säule dieser gelungenen Produktion ist das Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning. Eine Klagewand zeigt historische Fotos aus dem Alltagsleben, von der Verfolgung der Juden und Fotos des Völkermords. Aus allen Bildern ist mindestens eine Figur ausgeschnitten, ausradiert. Dieses Bühnenbild macht den millionenfach Verlust auf den ersten Blick und für alle Zeit deutlich. "Die Tänzerin" ist damit auch eine Form der Dokumentation.

Bianca Sue Henne und Jutta Ebnother haben Mut bewiesen, als sie sich "Der Tänzerin von Auschwitz" angenommen haben. Diese Mut hat sich gelohnt. Sie sprengen die Grenzen einer Studiobühne und intensivieren die Rezeption zugleich. Das schaffen nur wenige.




Der Spielplan am Theater Nordhausen
Das Stück

Das Buch

Sonntag, 3. April 2016

Zirkus geht auch unplugged

Mitmach-Zirkus Zeppelini präsentiert sein neues Pogramm

Eine Diät kann segensreiche Folgen haben. Das gilt auch für eine Zirkus-Show. Mit "No money - pure honey" haben die Zappelinis ein Programm erarbeitet, dass sich auf das Wesentliche konzentriert und das sich verzaubert. Premiere war am Sonnabend im Theater Nordhausen.

Das ganze Programm spricht für viel Miteinander.
Alle Fotos: tok
Zum 20. Geburtstag zeigte der Mitmach-Zirkus im letzten Jahr eine farbenfrohe und teils atemberaubend Show. Viele ehemalige Weggefährten und auch professionelle Kräfte hatten damals ein spektakuläres Feuerwerk der Zirkuskunst gesorgt. "No money - pure honey" is der Gegenentwurf dazu. Geboren aus der finanziellen Not haben Steffi Böttcher und ihre Mitarbeiter eine Tugend gemacht, um eine weitere Floskel zu bemühen.

Es gibt keine neuen Köstüme, es gibt kein Bühnenbild und auch die Musik ist sehr reduziert. Es ist ein sehr ehrliches Programm. "No money - pure Zappelini" müsste es heißen. Die paar alten Kostüme, die einige Kinder mitgebracht haben, werden gleich zu Vorstellungen auf Kleiderbügel gehängt, dann verschwinden sie in den Bühnenhimmel. Keine Fassaden mehr, alle tragen Alltagskleider, alle sind ungeschminkt.

Irgendwann steigen sie dann doch auf die Räder.
Foto: tok
Das Programm bleibt auf dem Boden. Selbst die Akrobatik ist weitestgehend der Erde verhaftet. Es wird viel jongliert und die unvermeidlichen Clowns kommen natürlich auch vor. Zwei Breakdance-Nummer zeigen ein Stück jugendliche Alltagskultur. "No money" zeigt, dass, was man mit Kindern und mit jugendlichen Amateuren machen kann und es zeigt, was Kinder und Jugendliche machen wollen. Somit ist es ein ehrliches Programm.

Die finanzielle Beschränkung hätten einfach dazu geführt, dass die Zirkusmitglieder über sich selbst nachgedacht haben, sagt der Moderator zu Anfang. Das merkt man, denn die Nummer, ob nun Jongelage, Akrobatik oder Clownerie, zeugen von grenzenlosen Vertrauen auf den anderen. Immer wieder werden Pyramiden gebaut.

Aber ganz auf "Atem anhalten" wollen die Zappelini dann doch nicht verzichten. Es gibt dann doch drei Nummern mit Vertikaltuch, Vertikalseil und Reifen. Damit sind auch die Traditionalisten zufrieden.

Ein wenig Atem anhalten gibt es dann
doch noch.
Denn dieses Programm ist auch ein Spiel mit dem Horizont des Zirkuspublikums. Das machen die Clowns mit der Jongelage-Nummer und mit der Hut-Nummer deutlich. Immer wieder wecken sie Erwatungen der Marke "Jetzt kommt gleich", dann halten sie inne und dann kommt doch was anderes. Oder zum Auftakt der Einrad-Nummer. Die Zappelinis veranstalten alles mögliche mit dem Sportgerät, nur keine Radfahrten. Schön, wenn man sie so etwas traut.

Eigentlich gibt es kein Bühnenbild. Schwarze Vorhänge grenzen lediglich die Aktionsfläche gegen das Bühnenhaus ab. Davor sind die Instrumente und die Zappelini platzieret, die auf ihren Einsatz warten. Sie bieten Unterstützung und doch erinnert die Szene ein wenig an die Arena eine Battle in der Disziplin Mitmachzirkus.  Es gibt auch keine großartigen Lichtshows, die Scheinwerfer tauchen die Bühne in ein ehrliches Licht, die Beleuchtungswechsel halten sich in bescheidenen Grenzen.

Auch die Musik ist reduziert. Mal greift die Gitarre das Löwenzahn-Motiv auf, mal stampfen die Jugendlichen "We will rock you", mal wird getrommelt. Ein Saxofon-Solo gibt es zum Schluss. Es sind selten mehr als zwei Instrumente im Einsatz und abgesehen von der E-Gitarre sind sie alle unplugged. Musik unplugged zum Zirkus unplugged, das ist logisch. Es entwickelt sich sogar eine Poesie, eine karge, aber ehrliche Lyrik steckt in diesem Programm. Ein wenig erinnert Zappelini damit an die Wiedergeburt des Zirkus durch André Heller und Roncalli. Doch wo diese damals auf Opulenz setzten, überzeugen die Nordhäuser mit der Reduktion. Die Analyse "Arm, aber sexy" passt hier.

Ein Mann und sein Saxofon.
Doch, es ist ein lyrischer Abend. Denn die Zappelinis üben sich in einer weiteren Disziplin. Verglichen mit dem Redeschwall sonstiger Zirkusabende ist "No money - pure honey" eine 80 minütige Pantomime. Die Sprache ist auf komödiantische Momente beschränkt und das Programm, die Darbietungen sprechen für sich selbst.

Das Vorrecht der Rede bleibt zum guten Schluss dem Zirkusdirektor Tom Landsiedel vorbehalten. Der Vorsitzende des Trägervereins erläutert noch einmal die finanzielle Situation. Aber lädt auch zur Einweihung des eigenen Zirkuszelts am 21. Mai ein. Dann geht ein Traum in Erfüllung, der 20 Jahre lang gehegt wurde.

Am 1. Juni führen die Zappelinis ihr Programm "No money - pure honey" noch einmal im Theater Nordhausen auf.





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Spielplan im Theater Nordhausen