Sonntag, 25. Oktober 2015

Ein opulentes Märchen mit Musik

"Gold!" im Theater unterm Dach

Der härteste aller Kritiker war mal wieder unterwegs. Auf dem Spielplan stand "Gold!" von Leonard Evers, ein Märchen für zwei Schauspieler und zwei Musiker. Die Inszenierung von Bianca Sue Henne überzeugt mit vielen Einfällen, visueller Opulenz und dem märchenhaften Bühnenbild von Wolfgang Rauschning.

Das Libretto von Flora Verbrugge folgt dem Märchen vom Fischer und seiner Frau. Es ist eine Geschichte von Glück, Gnade, Gier und der Katastrophe, die alles wieder ins Reine bringt, einen vermeintlich natürlichen Zustand wieder herstellt. Fast alles ist wie immer, aber nur fast. Denn  neben den modernen Zutaten wie Auto und Weltreisen hat das Autorenpaaren noch zwei wichtige Ergänzungen beigesteuert.

Jakob fängt den Fisch.
Fotos: Tilmann Graner 
 Zum einen gibt es einen Perspektivwechsel. Träger der Handlung ist nicht der Fischer. Er und seine Frau sind die Eltern von Jakob. Er fängt den verzauberten Fisch und aus der Sicht des Jungens wird die Geschichte erzählt. Jakob lässt den Fisch wieder und er trägt auch die Wünsche vor, die nicht immer seine sind. Denn das bleibt, die treibende Kraft ist weiblich. Die Gier der Mutter beschwört die Katastrophe herauf. Ihr Sohn wollte einfach nur ein Paar Schuhe.

Neu sind auch die Beziehungen der Akteure. Je reicher die Familie Fischer wird, desto mehr entfremden sich Vater, Mutter und Kind. Erst sind es die großen Räume, in denen sie einsam und verloren sind, kurz vor dem Schluss geht jeder allein auf Reisen und seine eigenen Wege. Nach der Rückkehr stören sie sich an all den anderen Menschen. Da scheint es doch gut, dass sie nach dem Rücksturz in das Elend wieder zueinander finden. Ist das die neue märchenhafte Sicht? Armut schweißt die Menschen zusammen.
  
In der Anlage erinnert "Gold!" ein wenig an "Peter und der Wolf". Ein Geschichte wird vorgetragen und dazu gibt es Musik. Doch der Klang hat bei den Kompositionen von Leonard Evers eine atmosphärische Funktion. Es schält sich keine Melodie heraus, sondern die Musik soll Stimmungen verstärken und das Publikum auf das Geschehen vorbereiten. Das klappt wunderbar und auch das jugendliche Publikum übernimmt gern die Rolle als Wind oder als tosende See.

Den Darstellern verlangt diese Inszenierung einiges ab. Catriona Morison muss nicht nur singen, sondern sie spielt auch Jakob und Mutter zu gleich. Es dauert einen Augenblick, bis der härteste aller Kritiker die Gleichungen  Morison + Mütze = Jakob und Morsion - Mütze = Mütter verstanden hat.

Stefan Landes (rechts) spielt ein Solo mit Benzin-
kanister. Foto: Tilmann Graner 
Stefan Landes aus dem Loh-Orchester ist für die Bedienung des umfangreiche Schlagwerk zuständig und da gibt es einiges. Die Sprache ist einfach. Erklingen Vibraphon, Marimbaphon oder die Cymbals geht es um Wind und See und andere Naturerscheinungen. Spielt Landes die Melodika, dann ist Trauer angesagt. Immerhin das Solo mit Benzinkanister klingt nach Reggae und erinnert an den Südseezauber, bis die Stimmung wieder in den Blues kippt.

Aber Stefan Landes darf auch als Vater oder  als Chauffeur in das Geschehen eingreifen. Dabei hat der Musiker ganz offensichtlich Spaß, der sich auch auf das Publikum überträgt. Dennoch bleibt die Rollenverteilung simpel. Die Muter ist die treibende Kraft, Jakob der Erfüllungsgehilfe und der Vater nur Randfigur. Aber gut, Kindertheater verlangt einfache Identifikationsmöglichkeiten. Auch wenn das junge Publikum den Begriff Cameo sicherlich nicht kennt, aber dass sich Katharina Winter an diesem Morgen mal aus der Regieassistenz lösen darf und zur Mitspielerin, das bemerken nicht nur die Fachleute wohlwollend.

Die Inszenierung von Bianca Sue Henne verzaubert mit ihrer Opulenz, mit der Vielfalt an Einfällen, Formen und Ausdrucksmitteln. Der Wechsel von Ruhe hin zur Hektik verdeutlicht die Dramatik des Geschehen. Jakob fängt den Fisch mit einer Angel und mit einer schönen Pantomime, bei der die Kinder mitzittern. Abends liegt er unter einem Sternenhimmel und alle Kinder schauen nach oben.

Die Fischerin hat ein Auto und einen
Chauffeur. 
Als Catriona Morison barfuß über die Muschelbänke hüpft, da spürt das Publikum den Schmerz fast schon in den eigenen Gliedmaßen. Überhaupt ist sie immer in Bewegung, springt von Bühne eins zu Bühne zwei. Stillstand im Theater akzeptieren Kinder schon lange nicht mehr. Der Nachwuchs kommt auch mit den Wechsel der Mittel klar, denn gerade die Projektionen auf das Segel des Fischerboots finden den Gefallen des härtesten aller Kritiker.

Auch der Umgang mit den Requisiten ist kindlich leicht. Ein Stock wird zur Angel, ein Reifen zum Lenkrad und einiges existiert nur in der gemeinsamen Vorstellung. Das Spiel mit der Fantasie ist fester Bestandteil der Inszenierung und genau das wollen Kinder.

Richti gelesen, die Bühne ist zweigeteilt und ganz anders als sonst. Dort wo im Theater unter Theater sonst gespielt wird, sitzt nun das Publikum im großen Rund und Catriona Morison und Stefan Landes müssen sich auf ein Podest beschränken. Dort wo im Theater unterm Dach sonst das Publikum sitzt, hat Wolfgang Rauschning eine Dünenlandschaft samt Fischerboot entstehen lassen. Beim Anblick träumt sich das Publikum an ferne Gestade hinwegund bleibt doch mitten im Geschehen. Hier ist Rauschning großes auf kleinsten Raum gelungen.

Der Raum dazwischen dient mal als trennendes Wasser, mal ist er zusätzliche Spielfläche. Doch der sichere Hafen ist für die Darsteller nur das kleine Podest im großen Rund des Publikums.

Eine Frage bleibt ungeklärt: Warum heißt das Stück Gold!, wenn das Edelmetall doch keine Rolle spielte? Vielleicht kennt ja eine Leserin, ein Leser die Antwort.

Das Stück
Die Regisseurin

Der Spielplan

Andere Meinungen vom härtesten aller Kritiker

Der härteste aller Kritiker - Teil eins
Der härteste aller Kritiker - Teil zwei
Der härteste aller Kritiker - Teil drei
Der härteste aller Kritiker - Teil vier
Der härteste aller Kritiker - Teil fünf
Der härteste aller Kritiker - Teil sechs
Der härteste aller Kritiker - Teil sieben
Der härteste aller Kritiker - Teil acht
Der härteste aller Kritiker - Teil neun
Der härteste aller Kritiker - Teil zehn
Der härteste aller Kritiker - Teil elf



Sonntag, 18. Oktober 2015

Von Terror keine Spur

Premiere am DT: Von Schirachs Drama ist gar keins

Das Leben sei kein Seminar für Jurastudenten, sagt Strafverteidiger Biegler. Das Theater aber auch nicht. Deswegen hinterlässt "Terror" von Ferdindand von Schirach einen zwiespältigen Eindruck. Ein Drama ist es auf jeden Fall nicht und bei der Premiere am Sonnabend holte das  DT-Ensemble noch das Beste aus der Vorlage. Da Publikum belohnte das Bemühen mit viel Applaus.

Der Text gibt nicht vor, mehr zu sein als eine Gerichtsverhandlung. Verhandelt wird der Fall des Majors Lars Koch, angeklagt des Mordes in 164 Fällen. Der Pilot eines Kampfflugzeugs hat einen Airbus  abgeschossen. Der Flug LH 2047 von Berlin-Tegel nach München war entführt worden. Der Kidnapper kündigte an, den Flieger in die vollbesetzte Allianz-Arena stürzen zu lassen. Dort steht das Fußball-Länderspiel Deutschland-England an. Nach Rücksprache mit dem Verteidigungsminister hatten Kochs Vorgesetzte den Abschuss ausrücklich untersagt.Wenige Minuten bevor das Passagierflugzeug das Ziel erreicht, drückt Koch auf den Knopf und schickt die Passagiere, das Bordpersonal und den Entführer in den sicheren Tod.

Staatsanwalt Nelson (2.v.r.) befragt den Zeugen
Lauterbach (1.v.l.). Alle Fotos: Thomas Müller
Ferdinand von Schirach ist Jurist und Autor von Rechtsthrillern in millionenschwerer Auflage. Der Name zieht und deswegen erlebt sein erstes Drama "Terror" in dieser Saison viele Premieren in der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Am 3. Oktober fanden die Welturaufführungen zeitgleich in Frankfurt und in Düsseldorf statt.

Der Text gibt nicht vor, mehr zu sein als eine Gerichtsverhandlung und deswegen ist das Stück auch aufgebaut wie eine Gerichtsverhandlung. Aufnahme der Personalien, Verlesen das Anklageschrift, Erklärung des Angeklagten durch seinen Verteidiger, Beweisaufnahme, Vernehmung eines Zeugen, Vernehmung des Nebenklägers und Abschluss der Beweisaufnahme vor der Pause. Nach der Pause die Plädoyers des Staatsanwalts und des Verteidiger, Schlusserklärung der Vorsitzenden Richterin, Urteilsverkündung und Begründung. Die Entscheidung muss aber das Publikum finden, es darf per Karte über Freispruch oder Verurteilung abstimmen. Um es vorweg zu nehmen, in Göttingen wie auch in Frankfurt und Düsseldorf votierte eine Mehrheit im Zweifel für den Angeklagten. Das gibt dem ganzen den Charme eines Moot Court, bei dem Studenten ihre Fähigkeiten testen können. Tja, eigentlich sollte das Theater ja kein Seminar für angehende Juristen sein.

"Terror" ist Sprechtheater im Überfluss. Ständig deklarieren die Akteure, zitieren dabei Kant, deklinieren die Entscheidung des Bundesverfassungsgericht zum Luftsicherheitsgesetz und füttern das Publikum mit Informationen. Schließlich muss es ja zum Schluss richten. Die Interaktion ywischen den Darstellern ist auf ein Minimum reduziert.

Die Vorsitzende weißt Major Koch auf seine Rechte
hin.  
Der Übermaß an Text, die Bewegungsarmut und auch das Bühnenbild wecken Assoziationen an griechische Dramen. Elisa Alessi hat auf Anleihen bei der Gerichtsarchitektur. Es gibt keine Anklagebank, keinen Richterstuhl, eine Tribüne über die  gesamte Bühne macht das Theater zur Arena. Licht spendet ein Leuchter, der ein wenig an die Kuppel des Reichstagsgebäudes erinnert, nur eben auf dem Kopf gestellt.

Das Licht kennt nur eine Einstellung. Es bleibt während der gesamten Vorstellung flach und nüchtern. Es ist halt eine Gerichtsverhandlung.

Wer etwas zu sagen hat, der tritt nach vorne. Stellt seinen Standpunkt dran und verschwinden dann wieder im Hintergrund. Das ist die Formensprache im ersten Akt. Die Sprache ist kühl und nüchtern. Florian Eppinger als Staatsanwalt Nelson seziert den Vorgang mit der Abgebrühtheit, die man Juristen ja so gern nachsagt.

Aber die Arena ist auch eine Agora, der Ort an dem seit der griechischen Antike diskutiert und argumentiert, der Ort an dem Logik entwickelt wurde. Deswegen spricht die Vorsitzende immer wieder das Publikum direkt und als Schöffen an. "Terror" ist der Kampf zweier Logiken. Auf der einen Seite die Treue zum Gesetz, der Glaube an das Prinzip als letzter Maßstab, der nicht hinterfragt werden darf. Auf der anderen Seite die Menschlichkeit. Es ist der Kampf des kategorischen Imperativs gegen den Utilitarismus. Kant versus Bentham.

Dominiert wird die Göttinger Inszenierung von dem Geplänkel zwischen Staatsanwalt Nelson und Paul Wenning in der Rolle des Verteidiger Biegler. Vornamen haben die beiden Herren nicht, die Vorsitzende Richterin trägt gar keinen Namen. Sie sind keine Personen, sondern Statthalter des Systems.

Major Koch erklärt dem Staatsanwalt sein Motive.
Alle Fotos: Thomas Müller
Dazu passt auch das Grau in Grau der Kostümierung. Unscheinbar, farblos, leblos, eine amorphe Masse. Lediglich Verteidiger Biegler Satin und zwei offene Knöpfe tragen. Das unterstreicht den fragwürdigen Charakter.

Emotional wird es nur, als Staatsanwalt Nelson und der Angeklagte Koch (Benedikt Kauf) in einen Disput geraten oder als die Vorsitzende Richterin (Andrea Strube) den Nebenkläger Franz Meiser (Nikolaus Kühn) befragt. Er verlor durch den Abschuss seine Frau, die Mutter seiner sechsjährigen Tochter. Als er vor der Beerdigung des leeren Sargs erzählt, herrscht für einen kurzen Augenblick Totenstille im weiten Rund. Dies ist die einzige Passage, in der es wirklich menschelt. Ansonsten stehen auf der Bühne Argumentationsmaschinen.

Somit bleibt den Akteuren auch wenig Raum, um ihre Fähigkeiten zur Geltung zu bringen. Das enge Korsett verhindert das Setzen von Akzenten.

"Terror" ist Kopftheater. Es gibt keine Bilder. Katharina Ramser setzt einzig auf das Mittel der Sprache, um das Unbegreifliche zu transportieren. Die Entführung, die Drohung, der Kampf der Passagiere ums Überleben, der Abschuss, all das muss sich das Publikum selbst ausmalen. Das lässt Raum für eigene Interpretationen oder eigene Deutungen. Schließlich gibt der Text nicht vor, mehr als eine Gerichtsverhandlung zu sein.

Theater lebt aber von Emotionen. Von Schirach nimmt uns mit auf einen kopfgesteuerten Exkurs durch die Geistesgeschichte der Menschenwürde. Es ist aber eine Menschenwürde ohne Menschlichkeit, kalt und argumentativ,  Vielleicht ist das große Haus auch der falsche Ort? Ich plädiere für eine Verlegung auf die Studiobühne.

Das Stück
Der Spielplan

Selbes Stück, anderes Ensemble, anderer Ort: Terror in Osterode




Samstag, 17. Oktober 2015

Lieber Tango hören als nach Hause gehen

Bolero Berlin verwandeln dern Kreuzgang in eine Bodega

Wenn das Konzertpublikum im Kreuzgang mit den Füßen wippt und mit den Fingern schnippt, dann ist die Ordnung gest;rt, dann gibt es einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum, dann muss es außergewöhnliches passiert. Am Freitag war es so weit. Bolero Berlin spielt im Kreuzgang und das Publikum wippte mit den Füßen un schnippte mit den Finger. Das Sextett aus Berlin verwandelte das altehrwürdige Gemäuer in eine Bar, eine Cantina und in einen Club.

Nein, das haben sie nicht mit einem Zaubertrank geschafft sondern mit einem zauberhaften Musikmix. Aber mit welchen Musikmix haben sie das getan? Die Frage kann man mit einem Exkurs in die Kategorie "Expertenwissen, das nur dazu dient Laien zu verwirren"  beantworten.


Martin Stegner ist das Sprachrohr von
Bolero Berlin. Alle Fotos: tok 
Der musikgeschichtliche Verdienst von Simon Both und Larry Stabbins besteht sicherlich darin, dass sie einst zusammen mit der Sängerin Juliet Roberts die Formation "Working Week" gründeten und dass sie den sterilen und akademischen Jazz der damaligen Zeit mit einer Frischzellenkur aus lateinamerikanischen Rhythmen wieder auf die Beine brachten. Sie retten ein totgerittenes Genre und waren die Wegbereiter eines neuen Jazz-Feuers. Der Faden, die mit Auflösung von Working Week verloren ging, den nimmt Bolero Berlin wieder auf und spinnt ihn weiter.

Es rumbat, es sambat, es mambot und ein wenig Bossa Nova gibt es auch noch. Dazu kommen Tango und Bolero und jede Menge Chorinho und im Grunde genommen ist es Jazz. Wenn man so viele Stile mischt, dann läuft man durchaus Gefahr, einen Mischmasch ohne Konturen zu schaffen. Doch der Mannschaft um Martin Stegner und Helmut Nieberle gelingt es wimmer wieder, aus all diesen Zutaten das Beste zu destillieren und das ist Leidenschaft und Rhythmus.

Aber es ist Jazz, denn hier erarbeiten sich exzellente Charaktere ein Thema, wandeln es, improvisieren in ihren Soli darüber und zum Schluss finden sie dann doch wieder zusammen.   Man braucht den Exkurs aber auch gar nicht. Dass Bolero Berlin einen eigenständigen Stil gefunden hat, der begeistert, dass merkt auch der Laie.

Das Programm besteht zum größten Teil aus Coverversionen. Doch Bolero Berlin fügen der Bibliothek an nachgespielten Songs nicht noch ein weiteres Dutzend hinzu. Sie entdecken den Südamerikaner in bekannten Songs, bringen so neue Seiten zum Vorschein und schreiben die Geschichte der Songs. Das wird schon beim ersten Stück deutlich. Man hat Schwierigkeiten die "Windmills of your minds" zu erkennen. Selbst Michel Lagrand wusste bisher nicht, wie vielmehr Rhythmus in seinem Übersong steckt, das es mal Mambo, mal Gypsy-Swing sein kann.. Aus dem eher verhaltenen Lied über das Kopfkarrussel  eines Verliebten wird ein lebensbejahendes Stück Musik. Jedes der zahlreichen Soli lotet eine andere Ecke der musikalischen Grundlage aus. Mal singt Manfred Preis mit der Klarinette, mal Martin Stegner an der Viola.

Helmut Nieberle ist das Mastermind.
Auch für "Summertime" hat Helmut Nieberle das Arrangement geschrieben und dem Übersongs des klassichen Jazz ganz andere Ansichten entlockt. Nach dem verhalten Anfang mit Raphael Haeger am Klavier nimmt der Blues solch ein Tempo auf, biegt um diese Ecke und schaut mal in dieser Stilecke vorbei, dass die zuckersüße Kruste der Vorlage ziemlich bald verschwindet und ein Filetstück zum Vorschein kommt.

Was Bolero Berlin zu einem der besten Jazz-Ensembles der Jetztzeit macht, ist der runde und volle Klang. Helmut Nieberle an der Gitarre, Daniel Gioioa an der Perkussion und Matthew McDonald am Bass legen nicht nur ein belastbares Rhythmus-Fundament, das auch mal hier und mal dort eine Petitesse setzt und das kleine Extra zeigt. Gelegentlich Nieberle mit einem zurückhaltenden Solo auch zeigen, dass das Ensemble auf allen Positionen mit Könnern der Extra-Klasse besetzt ist.

Aber es geht auch langsamer. Die Eigenkomposion "Chornho a Moda da Casa", der Chroinho nach Art des Hauses, kommt leicht und locker daher und erinnert doch an Regentage unter einem südlichen Himmel.

Dann wagen sich Bolero Berlin an eine Ikone der lateinamerikanischen Musik heran. Aber darf man Tango, darf man Piazzolla ohne Bandoneon spielen? Kann das überhaupt gut gehen? Ob man es darf, ist egal. Es klappt an diesem Abend gleich zweimal wunderbar. Die Bratsche übernimmt die Führung  und trägt die Melodie. Da ist es von Vorteil, dass es keine quietschende Violine sondern eben eine dunkle Viola ist.

Stegner macht auch das dunkel gefärbte Intro zu Besame Mucho, bevor Preis mit der Klarinette zustimmt. Alles deutet auch ein herkömmliche Interpretation hin, bis Nieberle drei Akkorde greift, von der Percussion abgelöst wird, das Klavier die Führung übernimmt und das Tempo ganz sachte aber ständig anzieht. Die Gitarre bekommt ein Solo und noch erinnert der transparente Sound an Working Week. Doch dann wird Daniel Gioia von der Leine gelassen und man fühlt sich  in die besten Zeiten von Carlos Santana versetzt.

Manfred Preis ist der Mann an der
Rampe bei Bolero Berlin.
Kurt Weil erfährt an diesem Abend gleich drei Überarbeitungen. Dabei bleiben der Tango Habanera und der September Song überraschend entspannt und zurückhaltend. Am "Mack the Knife" haben sich schon Generationen von Musiker versucht. Legendär ist sicherlich die die Version von Louis Armstrong, verkopft und anstrengend das Dou von Sting und Gianna Nannini. Doch soviel Leben wie die Version von Bolero Berlin haben sie alle nicht. Wie gesagt, das Sextett stellt nicht einfach weitere Coverversionen in die Bibliothek der Musikgeschichte. Sie erweckt das Material zu neuen Leben.

Danach trieb Macheath sein Unwesen bestimmt nicht in London, sondern lebte ein schönes Leben an der Copa Cabana. Klavier, Klarinette, Bratsche und Gitarre, sie dürfen alle einmal temporeich über das Thema improvisieren und finden sich doch wieder. Die Frage, ob dies Version mehr Bossa Nova oder mehr Jazz ist, die können die Schubladendenker für sich beantworten. Alle anderen freuen sich einfach an einer außergewöhnlichen Darbietung.

Das Publikum kann nicht nur mit den Füßen wippen und mit den Finger schnippen. Zum Schluss kann es auch noch außerordentlich applaudieren und es erklatscht sich die fälligen Zugaben. Schließlich ist der Auftritt von Bolero Berlin das bemerkenswerteste Gastspiel dieser Saison. Die Frage, ob man lieber Tango hört oder nach Hause fährt, hätte Martin Stegner gar nicht erst stellen brauchen. An diesem Abend beantwortet sie sich von selbst.

Der youtube-Channel von Bolero Berlin

Die Kreuzgangkonzerte
  


Mittwoch, 14. Oktober 2015

Getanzte Clara

Ballettkompanie Nordhausen überzeugt mit getanzter Biografie

Clara Schumann gehört zu den tragischen Figuren der europäischen Musikgeschichte. Erst in den letzten 20 Jahren ist das Leben der Komponistin, der Musikerin, der Frau von Robert Schumann und Geliebte von Johannes Brahms in den Fokus der Öffentlichkeit gekommen. Mit "Geliebte Clara" hat Jutta Ebnother in Nordhausen ein Tanztheater inszeniert, dass die entscheidenden Momente der Biografie verständnisvoll nachtanzt. Die Rebellion bleibt aus. Am Ende fügt sich auch diese Clara in das Rollenbild des 19. Jahrhunderts.

Ist es nun ein Ballettabend oder schon ein Konzert? Diese Frage bleibt bis zum Schluss unbeantwortet. Vielleicht muss man hier auch keine Antwort finden. Auf jeden Fall ist die Musik von Clara Schumann, von Robert Schumann und im zweiten von Johannes Brahms ein bestimmendes Moment. Die Abstimmung zwischen den Akteuren auf der Bühne und im Orchestergraben funktionierte beim der Premiere auf jeden Fall bestens. Das Dirigat von Markus L. Frank und die Choreographie von Jutta Ebnother ergänzen sich kongenial.

Vater Wieck klammert sich an 
seine Tochter Clara.
Alle Fotos: András Dobi
Die Romantik ist die Musik des Biedermeiers, des Rückzug ins Private nach stürmischen Zeiten. Das Biedermeier steht für Restauration und bürgerliche Resignation. Die Emanzipationsbestrebungen der Aufklärung und der Revolution sind Geschichte. Zu dieser Zeit entstehen die Rollenbilder, die man heute für traditionell hält. Die Romantik ist auch die Musik der Verzückung und der Verinnerlichung.

Somit geht der Blick dieses Tanztheaters folgerichtig in die Seelen seiner Protagonisten. Jutta Ebnother greift in ihrer Choreografie viele Ausdrucksmittel des klassischen Balletts auf. Vor der Pause dominieren runde, fließende Bewegungen, Hebefiguren und Duette. Folgerichtig tritt die Moderne nur dann auf, wenn es Risse in der scheinbaren Idylle gibt, wenn sich Abgründe auftun.

Hände spielen eine große Rolle in der Choreografie, Hände und flinke Finger, schließlich geht es ja auch um Musiker, um Klavierspieler und um ein Publikum als amorphe Masse in Schwarz, die applaudiert und auch fordert. Immer wieder stehen die Akteure einfach auf der Bühne und lassen die Hände sprechen, weiße Hände, die vor dunklen Hintergrund dahin fliegen.

Die schwierigste Rolle in dieser Inszenierung hat wohl András Virág. Er tanzt den Friedrich Wieck, Claras Vater, der sein Kind nach der gescheiterten Ehe zum musikalischen Wunderkind dressieren will. Gravitätsch und im Bratenrock stolzier er über die Bühne beim Duett führt er Yoko Takahashi wie eine Marionette, er hebt sie gen Himmel empor und klammert dann wieder. Sind das Vater und Tochter oder Mann und Geliebte? Auf jeden Fall gibt es auch die inzestösen Momente. Mit dieser Choreographie lotet Jutta Ebnother die Tiefen und Untiefen der 'V'ater-Tochter-Beziehungen aus.

Der Höhepunkt des ersten Akts ist sicherlich die Ménage à trois, als Wieck und Robert Schumann um Clara kämpfen, an ihr zerren, sie verschieben, sie zum Spielball ihrer unterschiedlichen Projektionen machen. Das ist getanztes Rollenverständnis in getanzter Form. Die Innerlichkeit wird zur Äußerlichkeit und dies sicherlich einer dynamischen Momente an diesem Abend.

Das Schicksal von Yoko Takahashi ist es, herumgereicht zu werden an diesem Abend. Es gibt nur wenige Momente, an denen sie nicht wie eine Puppe wirkt. Da sind die Soli im ersten und im zweiten Akt. Im ersten steckt sie voller Euphorie und Freuden mit großen raumgreifenden Bewegungen. Im zweiten ist sie in sich versunken. Im Duett mit Kirill Kalashnikov als Johannes Brahms tanzt Yoko Takahashi tagträumerisch wie befreit auf. Um so größer ist  jedoch die Fallhöhe als sie auf die Realität trifft.

Robert und Clara Schumann erleben ein letztes Mal
das Glück der Liebe. Foto: Dubi 
Der Dynamo auf der Bühne ist David Roßteutscher in der Rolle des gesunden Robert Schumann. Er darf die Bühne durchmessen und große Vorhaben in Schritt umsetzen. Aber er darf auch an sich selbst zerbrechen und den Selbstzweifel in Schritt umsetzen. Roßteutscher versteht es die beiden Seiten des Robert Schumann zu verdeutlichen, seine Begabung und die Euphorie auf der einen Seite und den Wahn und letztendlich die Schizophrenie auf der anderen Seite. Der Blick in das Innere geht an diesem Abend bis die Bereiche, wo es weh tut.

Aber diese dunkle Seite des Robert Schumann war den ganzen Abend auf der Bühne. Denn Fem Rosa Has tanzt als Spiegelbild des Komponisten im Hintergrund immer mit. Das ist die leitende Idee dieser Eigenproduktion. Das alter ego, das andere Ich ist immer dabei, egal wo hier hingehen. Es gibt Momente der Entscheidung, in denen es an die Rampe tritt, sich nach vorne drängt und sichtbar für alle wird. Dann übernimmt es auch die Regentschaft. Nirgends wird es deutlicher, als  Virág, Takahashi und Has noch einmal das Motiv der  Ménage à trois aufgreifen. Doch bei diesem Kampf bleiben nur Verlierer zurück und das Dreigestirn fällt auseinander.

Auch das Bühnenbild von Ronald Winter birgt einige überzeugende Momente. Als biedermeierlicher Salon konzipiert kann man  die ins Endlose verzerrte Perspektive auch als ein finstere Loch erleben. Dann wieder schieben sich Wände wieder in Richtung Rampe, verknappen den Raum auf ein Minimum und machen aus dem Salon ein Puppenheim oder sind das Gefängnis des Schumannschen Wahns.    


Geliebte Clara, das Ballett

Clara Schumann bei wikipedia




Was für ein Mensch

Günter Maria Halmer liest Kishon und Roth

Satire kann zeitlos sein. Gute Satire ist zeitlos. Das bewies Günther Maria Halmer bei seiner Lesung im Kloster Walkenried. Es war so menschlich, da war die Zugabe schon vorprogrammiert.
Auf dem Programm standen Texte von Ephraim Kishon und Eugen Roth. Begleitet wurde der Vorleser von Jörg Fuhrländer am Akkordeon.

Der macht auch den Auftakt. Er improvisiert über ein Thema, das deutlich nach Klezmer klingt. Dabei versinkt Fuhrländer in die Musik und fast in sein Instrument. Halmer stellt den Musiker später als  seinen Partner vor.

Jörg Fuhrländer ist auch ein guter
Zuhörer. Alle Fotos: tok
Es ist eine kongeniale Partnerschaft. Hier der extrovertierte Münchner, dort der stille Siegerländer, das ergibt eine abwechslungsreiche, eine kontrastreiche Paarung. Zwischen den Lesungen gibt Fuhrländer dem Publikum immer genug Zeit und Raum zum Verdauen und Vorbereiten. Das Repertoire umfasst Tango, Chanson und Tango-Motive. Nichts, was sich aufdrängt und von eigentlichen Ziel des Abends ablenken könnte.

Das lautet nun einmal Vorlesen und Zuhören. Der erste Teil des Abends besteht aus drei Texten von Ephraim Kishon. Damit ist klar, dass es um Alltagsbeobachtungen, menschliches Verhalten im Allgemeinen und Menschen in überspitzten Situationen geht, also um echte Typen und irgendwie um jeden von uns.

Halmer liest zwei Stücke aus Kishons Hundezyklus. "Pedigree" dreht sich  um die Anschaffung eines HJundes für die Familie Kishon. Dabei zerlegt er die Ansprüche, Vorwände und Wirklichkeit in ihre Einzelteile. Die beste Ehefarau von allen schiebt die Kinder vor, um ihren Wunsch nach einem Vierbeiner zu rechtfertigen. Die falsche Bescheidenheit entpuppt sich als Ehrgeiz zum lupenreinen Stammbaum des Vierbeiners und der Ich-Erzähler kann die Erwartungen seiner Familie nur mit Halbwahrheiten ausbremsen. Ein Familienleben wie im richtigen Leben also, weil sich jeder wiedererkennt, hat Halmer auch gleich die Lacher auf seiner Seite.

Aber es scheint, als müsse sich der Profi erst einmal an das ungewöhnliche Umfeld herantasten. Die Stimme sitzt nicht in allen Passagen und klingt noch sperrig. Der Vorleser liest nur vor.

Bei Halmer klingt auch der Schüttel-
reim rund.
Doch dies ändert sich schon mit der zweiten Geschichten. "Die Dressur" erzählt, wie es in der Familie Kishon weitergeht nach der Anschaffung der Hündin. Mit ''Papi als Schwimmlehrer" ist halmer mittendrin in seinem Element. Die Vorlesung wird jetzt zur szenischen Lesung. Die Stimme hat Schwung und Dynamik, mal laut, mal leise, mal flehend, mal drohend. Das Kino im Kopf im Kopf geht an. Halmer liest nicht Kishon, Halmer spielt Kishon mit begrenzter Ausstattung, aber treffend.

So muss es sein, wenn Väter versuchen, ihrem verzagten Nachwuchs das Schwimmen beizubringen. Es endet in der Katastrophe und das schon seit Generationen. Aus diesen Katastrophe kommen wir alle mit einem Schmunzeln heraus.

Den zweiten Teil des Abend bestreitet das Duo mit Texten von Eugen Roth aus seinem "Ein Mensch"-Zyklus. Dies sind Lebensweisheiten und Anekdoten im Schüttelreim-Rhythmus. Die Mensch-Geschichten sind wohl einst für's Selbstlesen und Nachdenken konzipiert wurden. Deshalb klingt es anfangs hölzern und sperrig. Doch Halmer findet sich bald in den Werken zurecht und das Publikum folgt ihm in die zeitlosen Geschichten von Roth, die wie Kishon allzu menschliches zum Thema haben. Schließlich geht es um Weisheiten und Verhaltensweisen, die die Jahrzehnte überdauert haben, weil sie wohl ins Genom geschrieben sind. Deswegen enthält sich Halmer der Häme und der Überheblichkeit. Der Schüttelreim klingt weich und die Geschichten über enttäuschte Liebhaber und andere Mitmenschen zeigen eins: Mitgefühl.

So bleibt am Ende die Gewissheit, dass dort auf der Bühne zwei Menschen stehen, die ihre Mitmenschen verstehen.        


Günther Mari Halmer bei wikipedia
Mehr zu Jörg Fuhrländer

Die Kreuzgangkonzerte bei wikipedia
Die offizielle Website


Sonntag, 4. Oktober 2015

Leicht und bunt wie ein Ballon

Rike Reiniger inszeniert einen traumhaften Luftballonverkäufer

Poesie, Philosophie und Theater und alles zusammen in 45 Minuten und dann auch noch für Kinder. Kann das gut gehen? Ja, das kann es. Das beweißt die Inszenierung von "Der Luftballonverkäufer" am Theater unterm Dach. Zum Maus Türöffner Tag gab es noch einmal ein Sondervorstellung voller Zauber und Poesie. Traumhaft schön und leicht gibt es die Antwort auf die allerletzte aller Frage: "Wo landen die Luftballons, wenn sie davon geflogen sind".
Die Freundinnen Antonella (Uta Haase) und Margherita (Bianca Sue Henne) erzählen die Geschichte vom Luftballonverkäufer Alberto. Jeden Tag bläst er die Ballons auf, bindet sie fest und stellt sich dann auf seinem Platz. Jeden Kind, dass ihm ein Geldstück gibt, gibt er einen Ballon. Sie berichten von seinem Abenteuer, das begann, als der Wind ihn und sein 400 Ballons davontrug. Auf dem Planet der verlorenen Spielsachen fand er unter den drei Sonnen alles das, was die Kinder vermissen. Dazu gehören auch die Luftballons, die davon geflogen sind. Er rettet den Planeten vor dem Angriff der Wespen und kehrt als stiller Held zurück. Dann steht er wieder auf dem Platz und gibt jedem Kind, das ihm ein Geldstück gibt, einen Luftballon.
Margheritha und Antonnella haben Spaß mit Ballons.
Alle Fotos: A. D. Wagner
Das ist die pure und knappe Geschichte des Stücks von Roberto Frabetti. Aber entscheidend ist die Erzählweise und die ist in der Inszenierung von Rike Reiniger voller Poesie und Leichtigkeit. Auf der Bühne steht die Puppe Alberto mit seinen Luftballons, hinter ihm drei Wände. Aus dem Off erklingt das Akkordeon aus "Sous le ciel de Paris". Für die Kinder klingt es nach Zirkus, die Erwachsenen träumen vom Mut zum Fernweh. Antonella und Margheritha betreten die Bühne. Stumm und nur mit den Mitteln der Pantomime schaffen Uta Haase und Binanca Sue Henne es, den Charme einer Piazza, lichtdurchflutet und voll mit Menschen und mit viel Winke Winke ins Theater unterm Dach zu zaubern. Sie erkennen sich, tauschen Gesprächsfetzen aus und beginnen einen Tanz mit den Luftballons. Federleicht. Kindlich. Es ist schon erstaunlich, was man so alles mit einem Stück aufgeblasenes Gummi machen kann.
Da steckt Sprechtheater und Pantomime drin, Akrobatik und Clownerie und ein wenig Figurentheater. Später kommt auch noch Schattenspiel dazu. Diese gelungen Mischung macht die Inszenierung für Kinder spannend, das meint zumindest der härteste aller Kritiker und der ist ausgesprochener Experte in Sachen Kurzweil und Kindertheater.
Die Rollen sind klar verteilt. Margheritha ist die Bescheidwisserin, Antonella ist der Clown, der nicht einmal Luftballons aufblasen kann. Eindeutig Identifikationsangebote Schön, dass diese Rollenverteilung  zum Schluss aber kippt.
Zum Schluss stehen alle wieder auf ihren Plätzen.
Foto: Anja Daniela Wagner
Margheritha beginnt mit der Erzählung, Antonella darf die Sätze zu Ende bringen. Die Sprechweise ist kindgerecht aber nicht kindisch. So reden eben zwei Freundinnen, wenn sie gemeinsam eine Geschichte erfinden. Oder sich die wirklich elementaren Fragen stellen.
Die Menschheit weiß, wie viel Licht wiegt und kennt noch ganz andere Antworten aus Physik und Chemie, die kein Kind braucht. Aber warum der Schatten eines Elefanten riesengroß und trotzdem federleicht ist oder was mit den Ballons passiert, wenn sie weg geflogen sind, darauf wissen Erwachsene keine Antwort. Gut, dass Alberto nun zumindest eine Antwort kennt und gut, dass Philosophie so unterhaltsam sein kann.
Doch, manchmal stockt der Text, machen die Protagonistinnen eine kurze Sprechpause, könne sich das Nachdenken und dann geht es weiter. Der härsteste aller Kritiker muss sich diesem Workshop-Anteil erst erklären lassen. Sein Vater findet aber Gefallen an der Illusion, dass die Geschichte offen ist und an einigen Stellen eine überraschende Wendung nehmen könnte.
Aber nein, natürlich gibt es ein Happy End. Alberto überlistet die Wespen und rettet den Planet der verloren gegangenen Spielsachen. Dann steht er wieder auf seinem Platz und alles hat am Ende wieder seine Ordnung. Nur wir, die stillen Beobachter,  und Alberto, wir wissen, was passiert ist. Das Verschwörergetue verbindet.
Das Akkordeon summt vom Himmel über Paris und die Erwachsenen träumen vom Mut zum Fernweh. Der härteste aller Kritiker gibt 4 von 5 Luftballons.
Da wird man ganz schwermütig, weil "Der Lufballonverkäufer" aus dem Spielplan am Theater Nordhausen verschwunden ist. Was würde eigentlich Alberto sagen, wenn wir, der härteste aller Kritiker und alle anderen eine Petition starten?


Das Stück am Theater Nordhausen
Antonella: Uta Haase
Margheritha: Bianca Sue Henne

Inszenierung: Rike Reiniger

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Mehr als nur eine Abrechnung

Hamed Abdel-Samad zeichnet ein Psychogramm

Auch wenn der Untertitel reißerisch klingt, war die Zeit doch überreif für dieses Buch. Und es ist gut, dass es von diesem Autor kommt. Doch es dem Anspruch des Autors, die Diskussion über die Reform des Islam zu befeuern, gerecht wird, dies wird die Zeit zeigen müssen.
Mit "Mohammed - Eine Abrechnung" wendet sich Hamed Abdel-Samad sicherlich nicht an die Gemeinschaft der Theologen. Sein Anspruch ist es, ein breites Publikum zu erreichen, um dort die Grundlagen für eine eigenständige Sicht zu legen. Das Potential dazu hat das Werk allemal. Damit könnte das Buch den Anstoß geben für eine Diskussion an der muslimischen Basis über die Zukunft des Islams in einer säkularisierten Welt.
Es ist das erste populärwissenschaftliche Buch auf Deutsch, dass sich eingehend mit der Figur Mohammeds beschäftigt. Es ist flüssig und verständlich geschrieben und man kann der Argumentation des Autors ohne Zusatzmittel folgen. An seiner Sachkenntnis gibt es wohl kaum Zweifel. Dennoch kommt sein Anspruch einer kleinen Revolution gleich. Er will den Islam von der Überhöhung seines Propheten befreien. Bitte genau drauf achten: Er will den Islam von der Überhöhung befreien. Er will ihn nicht vom Propheten befreien. Denn die Existenz Mohammeds bestreitet er nie. Abdal-Samad ist kein Häretiker, er versteht sich als gläubiger Reformer und dieses Buch ist nach vier Bestandsaufnahmen ein erster Wegweiser zum neuen Ufer. Lesenswert ist es allemal.
Dazu geht Abdel-Samad bis intimste Detail. Er kombiniert bekannte Tatsachen und setzt sie zu einem neuen Bild zusammen. Dabei wagt er sich durchaus aber eben auch in die Bereichen der Küchenpsychologie vor, wenn er über das frühkindliche Trauma der Ausgrenzung spekuliert oder den Bruch in Mohammeds Biographie und in seiner Lehre nach den Verlust seiner ersten Ehefrau Chadidscha. Das klingt auf den ersten Blick sehr simpel, aber vielleicht sind Propheten auch nur Menschen und damit eben simpel zu erklären.
Diese Brüche, die eben auch zu Widersprüchen im Koran führen, arbeitet Abdel-Samad verständlich heraus und fügt sie in einen größeren Zusammenhang. Dabei geht es immer wieder um die Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Den mehrdeutigen Suren stellt er die historische Realität gegenüber und die sieht nicht gut aus.
Hamed Abdel-Samad sagt, dass er
mit Mohammed abrechnet.
Foto: Verlag
Wenn man das Buch abseits des Untertitel liest, dann kann es viel zum Verständnis beim Laien-Publikum beitragen. So zeichnet es doch ein erstes Bild der arabischen Welt im 6., 7. und 8. Jahrhundert.
Den Vorwurf einer reißerischen Darstellung auf Niveau einer Soap Opera muss sich Abdel-Samad gefallen lassen, wenn er es um die Beziehung zu seiner Frau Aischa und deren Ränkespiel geht. Das erinnert doch an Dallas oder den Denver Clan. Aber vielleicht ist der Haushalt eines Propheten auch nur ein Haushalt voller Menschen. Immerhin ist es der Anspruch des Autors, den Propheten eben als kompletten Menschen zu zeigen.
Dennoch steht Abdel-Samad wie viele andere auch vor dem Problem der dürftigen Quellenlage. Die erste Mohammed-Biographie erschien erst 150 Jahre nach seinem Tod. Wie zuverlässig die zahlreichen und Hadhiten sind, dies reißt er nur an. Zu Ende führt er diese Diskussion nicht.
Dort, wo die Aktenlage eindeutig ist, dort entwickelt das Buch vielleicht seine besten Seiten. Abdel-Samad zeigt den roten Faden der politischen Instrumentalisierung der Figur Mohammed durch die jeweiligen Herrscher seit dem 7. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dies macht er bis zu bitteren Neige, wenn er argumentiert, dass der IS sich den Kriegsherren Mohammed als Vorbild und Argumentationshilfe für aktuelle Kriegsverbrechen einverleibt.
Man muss der Argumentation von Abdel-Samad nicht folgen und dieses Buch kann bestenfalls der Anfang sein, die Person Mohammed neu zu bewerten. Wenn dies gelingt, dann ist aber schon eine Menge geschafft. 


Das Interview mit Hamed Abdel-Samad


Darum geht es: Das Buch
Der Hamed Abdel-Samad bei wikipedia