Freitag, 4. April 2014

Ein Abend mit Musikperlen und Überraschungen

Das Trio "Gerry Getz Chet" und Organist Jörg Ehrenfeuchter jammen in St. Marien



Orgel und Saxofon, Jazz und Barock passen zusammen. Sie passen nicht nur zusammen, dies Kombinationen erschließen neue Klangwelt und öffnen ein neues musikalisches Universum. Die Pforte zu diesem neuen Welten stießen am Donnerstag Jörg Ehrenfeuchter und Timo Vollbrecht mit seinem Trio “Gerry Getz Chet” in der St. Marien-Kirchen auf.  Das Publikum macht die Reise mit und wurde mit einem unvergesslichen Abend belohnt.
Die Erwartungen an dieses Konzert waren hoch. Schließlich gehören Timo Vollbrecht und Benjamin Attice seit Jahren zu den Nachwuchshoffnungen des deutschen Jazz. Zusammen mit der Sängerin Marie Séférian bilden sie das Trio “Gerry Getz Chet”. Als Vorbilder nennen sie Gerry Mulligan, Stan Getz und Chet Baker. Durch die ungewöhnliche Instrumentierung mit Saxofon und Gitarre und der Verzicht auf eine Rhythmusgruppe erzeugt einen ganz eigenen, filigranen Sound. Dynamik  wird ersetzt durch feine Klangperlen, die sich an einer Kette aufreihen und die Zuhörer in meditative Sphären leiten.
Timo Vollbrecht, Maria Séférian und Benjamin
Attiche verzauberten St. Marien Foto: tok
Das dieses Konzept aufgeht, zeigt sich im ersten Stück. Die Hektik des Originals von Charlie Parker wird durch ein Midtempo ersetzt, der zurückhaltende Scat-Gesang von Marie Séférian lässt keine Bebop-Dibooh-Blasen platzen. Stattdessen schwingen kleine, zierliche Tonperlen durch die ausverkaufte Kirche. Diese klare Tonsetzung zeichnet die fast schon ätherische Stimme der 28-Jährigen aus, dafür gibt es an diesem Abend viele Beispiele. Im musikalischen Dialog nimmt Marie Séférian die Atmosphäre der Kirche auf und gibt ihre spirituelle Antwort. Sie verzichtet dabei auf Höhen und Tiefen und verschenkt damit leider Potential.
Die Grundlage für die Stimmakrobatik bildet das zurückhaltende Gitarrenspiel von Benjamin Attiche. Leider sind ihm an diesem Abend zu wenige Soli zu, um seine Perfektion  an den sechs Saiten zu untermauern. Erst bei der Eigenkomposition “La Città incantata” kann Attiche zeigen, dass er die genannten Vorbilder schon hinter sich gelassen hat und auch in die Sphären eines Al di Meola eintauchen kann.
Der anschließende Jazz-Standard “I remember” gibt Timo Vollbrecht den Platz, sein Saxofon zu entfalten. Erst schleicht er sich an, wartet ab und bekommt dann doch noch sein Solo. Ein schönes Spiel mit den Erwartungen des Publikums.
Die neue Erfahrung an diesem Abend ist die Harmonie mit der Orgel. Wer Angst hatte, dass die filigranen Gebilde des Trios unter der Last dieses Instrumentes zusammenbricht, wird positiv überrascht. Jörg Ehrenfeuchter fügt sich im “Chanson sur une prèlude d’Bach” in die jammende Gemeinschaft ein. Eine Orgel kann auch zurückhaltend und relaxed sein und Bachsches Barock, französischer Chanson und cooler Jazz sind die Eltern einer neuen Musik.
Vor allem die Dame ist cool. Foto: red
Anschließend beweist Ehrenfeuchter, dass das mächtige Tasteninstrument auch fein improvisieren kann, als sich das Quartett zur persönlichen Reise durch “Passaqualia” aufmacht, um sich am Ende wieder als Ensemble zu treffen. Dieses Zusammenspiel funktioniert so gut, weil ich die Jazzer und der Kirchenmann Brüder im Geiste sind. Denn Musik ist eine universelle Sprache, wie Timo Vollbrecht immer wieder betont.
Doch das Konzept Gesang - Gitarre - Saxofon hat auch seine Grenzen. Dies zeigt sich im dritten Block beim Stück von Carlos Antonio Jobim. Bossa Nova ohne Rhythmusgruppe ist wie Fußball ohne Ball und nach dem Abpfiff bleibt zuviel von der Saudade und keine trotzige Lebensfreude.
Doch das tut der Begeisterung des Publikums keinen Abbruch und eine Überraschung hat das Quartett auf Zeit an diesem Abend noch. Als Zugabe gibt es “Summertime” und die Gewissheit, dass Gershwin dieses Werk eigentlich und ursprünglich wohl für die Orgel komponierte. Langsam und träge fließen die Töne aus den Pfeifen und die lähmende Hitze des Südstaaten-Sommers macht sich im Kirchenraum breit. Somit bleiben nach dieser Weltpremiere an diesem Abend ein begeistertes Publikum, zufriedene Veranstalter und entspannte Musiker zurück.

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