Mittwoch, 31. Dezember 2014

Meine Höhepunkte



Ein persönlicher Rückblick auf das Kulturgeschehen in 2014

Es war viel los "uff de gass", deswegen ohne viele Worte und mit einigen Bildern das Jahr 2014 im Rückblick mit sehr persönlichen Kriterien. Fortsetzung folgt.

In der Kategorie Theater

Die rasanteste Inszenierung: Der Fall der Götter am DT.

Die Komödie mit dem verzerrsten Gesichtern: La Mandragola in Nordhausen


Die Inszenierung mit dem meisten Klößen im Hals: Eine Stille für Frau
Karasch am TfN in Hildesheim. 

Die Inszenierung mit dem meisten "Betretenes
Schweigen im Publikum": Fast normal am TfN
Die Inszenierung mit dem größten Abenteuer-Appeal: Ronja Räubertochter in
Bad Gandersheim.


Die Inszenierung mit dem größten Mutmacher-Effekt: "Der Raub des
Prinzen Hugo" in Sonderhausen

Die Inszenierung mit der Schlussfrage "Verdammte Hacke, warum kann es
nicht endlich mal ein Happy End geben?" Orpheus steigt herab in Nordhausen.
Niemand kann so wütend sein wie Gunter Heun in "Die  Sommerfrische"
in Bad Gandersheim


Die Entdeckung des Sommer: Anne Preuckeler (rechts) in
"Gefährliche Liebschaften" in Bad Gandersheim.





In der Kategorie Musik

Gleich zweimal das beste Konzert: Stefan Gwildis in Göttingen und in Herzberg

Einmal das geilste Konzert: Jan Delay in Göttingen


Das Konzert mit dem höchsten Selbsterkenntniswert: Dirk Schäfer und das
Brel-Programm "Doch davon nicht genug" in Bad Gandersheim


Oper kann so schön schräg sein: Jochen Kowalski (mit Handschuh) in
George am TfN in Hildesheim.


In der Kategorie Begegnungen

Pepe Romero mit Gitarre, Frau und Interview in Walkenried









Montag, 29. Dezember 2014

Keine Kompromisse

Karsten Zinser und Tobias Schwencke erarbeiten sich Jacques Brel im JT

Das Programm heißt "Karsten Zinser singt Brel", richtiger wäre "Zinser erarbeitet Brel". Auf jeden Fall liefert er mit Tobias Schwencke am Klavier einen weiteren Beitrag zur Renaissance des großen Chansonnier und dieser Beitrag hat durchaus ein größeres Publikum verdient.
Aber ein, zwei Fragen sollten vorweg geklärt werden. Was macht die Faszination von Jacques Brel aus? Warum erlebt er derzeit eine Wiedergeburt? Zinser und Schwencke sind nicht die einzigen mit einer Hommage an den Belgier. Mit Suivre L'Etoile erschien 2013 so etwas wie das Gesamtwerk auf 20 CDs verteilt. Dirk Schäfer spielt Brel mit großen Erfolg, Dominique Horwitz tourt mit einem Brel-Programm durch voll Säle und in Karlsruhe geht der Brel-Abend in die zweite Saison. Die Liste liesse sich noch fortsetzen.
Der Reiz liegt darin, dass Brel so ganz offensichtlich aus der Zeit gefallen ist. Jacques Brel ist der Antipode. Mit einer Biografie voller Auf und Abs wirkt er in Tagen, in denen Lebensläufe designt werden, wie ein Exot. In Tagen, in denen Gefühle nur in Daily Soaps oder im Internet ausgelebt werden, wirkt seine Inbrunst verstörend. In Zeiten, in denen die political correctness  die Hoheit über die Köpfe erobert hat, wirkt die Kompromisslosigkeit seiner Lieder erfrischend. Angesichts von Akten- und Bedenkenträger, die alle geklont scheinen, wird Brel zum letzten Authentischen überhöht, zum Ausflug in das wahre Leben.
Karsten Zinser spielt Brel. 
Ihre erste Aussage zu Brel machen Zinser und Schwencke noch vor dem ersten Takt. Dort, wo der Komponist sich nicht vor großem Orchester und Streichern fürchtete, reduzieren sie das Arrangement auf Klavier und Stimme. Konzentration auf das Wesentlich lautet die Aussage. Der Text soll wirken, nicht die Geste. Deswegen gibt es auch keine Erläuterungen. Zinser leitet jeden Song mit ein paar deutschen Zeilen aus dem Text ein. Das reicht. Das Publikum an diesem Abend ist Brel-fest genug, um zu wissen, was gleich kommen wird. 
Das reduzierte Konzept setzen sie auch mit den Licht um. Die flache Beleuchtung der Bühne erweckt eher den Eindruck eines Übungsabends als den eines Liedervortrags. Schade, hier verschenken sie Potential, dass sie erst mit bei "Mathilde" andeuten.
Was spielt an solch einem Abend, angesichts der selbst gesetzten Grenze von 60 Minuten? Brel hinterließ immerhin 150 Aufnahmen und wohl mehr als 1.000 Kompositionen. Zinser und Schwencke haben einen Steigerungsfaktor bei der Auswahl eingebaut: Von nicht so ganz bekannt hin zu dem Chansons mit hohen Mitsumm-Wert. Das ist schlüssig und geht auf.
Dabei gelingt es ihnen, das gesamte Spektrum, das ganze Leben einzufangen, von der Kindheit bis zum Tod, von der ersten Liebe (Madeleine) über das Absterben der Gefühle (La Chanson de vieux Amants) bis zum furiosen Ende. 
Das Zusammenspiel von Stimme und Klavier klappt wunderbar, wenn es im Galopp dahingeht wie in "Vesoul". Doch dieses Konzept kommt an seine Grenzen, wenn Brels Poesie im Stakkato des Klaviers untergeht. Deutlich wird dies besonder bei "Ne Me Quitte Pas". Zinser lässt diese unendliche Traurigkeit auf das Auditorium niederregnen, doch Schwencke verhindert, dass man in diesem See aus musikalischen Tränen untergeht.
Aber er zeigt auch Parallelen, die andere noch nicht entdeckt haben. Sein Solo bei "Fernand" bluest schön vor sich hin. Zur Premiere hat sich Zinser zwei Rollen auferlegt. Anfangs ist er  der nervöse Eleve, der im Laufe des Abends immer stärker zum Entertainer wird. Das Hindernis Rampe überwindet er mit seinenm Ausflug bei "Les Bonbons". Doch  nun hat er das Publikum auf seiner Seite. Damit hat Zinser die Basis geschaffen für das furiose Finale mit drei Zugaben und dem grandiosen "Amsterdam", das die gesamte Welt von Jacques Brel in 2 Minuten 57 komprimiert.


Der Spielplan am Jungen Theater

Jacques Brel bei wikipedia


Montag, 15. Dezember 2014

Weihnachten ohne Zuckerguss

ensemble frauenkirche dresden mit lebhaften Programm in Kreuzgang

Wer sagt eigentlich, das Musik zu Weihnachten immer verinnerlicht, weltvergessen, leidensbetont und gravitätisch sein muss? Mit dem Programm "Fatto per la notte di natale" zeigte das ensemble frauenkirche dresden, dass die Komponisten des Barocks und der Klassik ganz anderer Meinung sind. Vom ersten bis zu letzten Takt hüpfte und jubilierte die Musik. Der eigene Anspruch des Ensembles war es, zu zeigen, wie in der Frauenkirche Weihnachten gefeiert wird. Offensichtlich ist in Dresden das Fest der Christen ein Fest der Freude.
Musik zu Weihnachten kann auch Musik mit sehr viel
Freude sein. Alle Fotos: tok
Seine unverkrampfte Haltung zur Weihnachtsmusik macht der Klangkörper gleich mit der Sinfonie G-Dur von Carl Philipp Emmanuel Bach deutlich. Aus dem Allegro assai arbeitet das ensemble frauenkrich so viel Dynamik heraus, dass es fast den ganzen Abend reichen würde. Dabei zeigt sich das Dezett als geschlossener Verband. Das Andante ist zurückhaltender im Volumen, aber verliert nicht merklich an Tempo. Die Tonsetzung bleibt präzise und prägnant, hier wird nichts verschliffen. Es ist kein Wunder zu Weihnachten, dass im Allegretto der leichte und graziöse Charakter im Stück von C.P.E Bach voll zur Geltung kommt.
Das ensemble frauenkirche geht auf die Initiative von Matthias Grünert zurück. Seit Januar 2015 ist der gebürtige Franke Kantor an der Dresdner Kirche. Seitdem konnte er wichtige Impulse nicht nur in Dresdens Hauptkirche setzten. Das ensemble versteht sich als Wegbegleitung der hauseigenen Chöre. Aber an diesem Abend im Walkenrieder Kloster beweißt das Dezett, dass es eben auch eigene musikalische Standpunkte liefert. Dabei hat Dirigent und Cembalist Matthias Grünert, ähnlich wie Jörg Faßmann an der ersten Violine, eher die Rolle eines primus inter pares inne. Seine Ensemble leitet er den ganzen Abend unauffällig, ohne Attitüde und mit leichter Hand. Dass Grünert eben auch zu den besten Instrumentalisten seines Faches gehört, zeigt er im Cembalokonzert in D-Dur von Johann Sebastian Bach.
Auch in den schwierigen Passagen gelingt dem
Ensemble eine klare und pointierte Spielweise.
Kaskaden von schnelle, quirligen Tönen fluten in diesem Hochleistungswerk von der Bühne. Matthias Grünert gibt ein enormes Tempo vor, dem die Streicher voller Freude folgen. Auch hier strudelt die Spielfreude und die Freude auf das Fest.
Dieses hohe Niveau hält das Ensemble auch in der Salzburger Sinfonie von Wolfgang Amadeus Mozart. Es zeigt mit seiner rasanten und pointierten Spielweise im Allegro di molto seine ganze Extraklasse. Für jubilierende Weihnachtsmusik braucht man keine Blechbläser. Diese Streicher schaffen es auch.
Das auch Jörg Flaßmannein primus inter pares ist, das zeigt er im Violinkonzert C-Dur von Joseph Haydn. Mit routinierter und souveränem Spiel bewältigt er die zahlreichen Tempowechsel, setzt eigene Akzente und lässt dem Ensemble doch genug Raum umzu wirken. Das Wechselspiel Solo - tutti im Allegro moderato gehört zu den Höhepunkten des Abends. Das rhythmusbetonte Presto vereint den Solisten und das Ensemble wieder.
Jörg Faßmann ist ein primus inter pares.
Alle genannten Stärken darf das ensemble frauenkirche im letzten Werk des Abends noch einmal ausspielen. Das Concerto grosso von Arcangelo Corelli, eben auch unter Fatto per la notte di natale bekannt, gibt den Ensemble mit seinen Anforderungen, den zahlreichen Stimmungswechseln , den schnellen und ansteigenden Tempo noch einmal den Boden, um die Merkmal dieses Klangkörpers zu betonen: das geschlossene Erscheinungsbild auf höchstem Niveau und die Freude am Spiel und am Zusammenspiel. Selbst das Pastorale versinkt nicht im Zuckerguss der Weltvergessenheit. Damit könnte die Dramaturgie dieses Konzert gar nicht besser sein.
Also will sich das Publikum nicht mit fünf Stücken abspeisen lassen. Wie gefordert, bekommt es mit dem dritten Satz aus Vivaldis A-Dur Konzert die wohlverdiente Zugabe.




In diesem Sinnen: Frohe dich, oh Christenheit

Das enbsemble frauenkirche dresden

Die Kreuzgang-Konzerte

Dienstag, 11. November 2014

Stück für einen Schauspieler und sechs Puppen

Patrick Jech spielt mit der Weihnachtsgans Auguste


Eigentlich ist von Anfang an klar, dass die Gans zu Weihnachten nicht im Bräter landen wird. Aber wie das schwarzweissfigurentheater "Die Weihnachtsgans Auguste" zum guten Schluss kommen lässt, das ist das Allerschönste. Patrick Jech und Bianca Sue Henne ist eine Inszenierung gelungen, die Kinder und Erwachsene auf sehr unterschiedliche Weise verzaubert, weil in ihrer Aufführung zwei Ebenen miteinander verwoben sind, die beiden Ansprüchen gerecht werden. Auch Tammo, acht Jahre alt und der härteste aller Kritiker (siehe hier), zeigte sich zufrieden.
Mit einem Monolog und einer Strumpfpuppe fängt
alles an. Alle Fotos: Toni Burckhardt
Da ist die Geschichte um die Gans Auguste, die Freundschaft schließt mit dem sechsjährigen Peter, und da ist die spitzfindige und anekdotenreiche Darstellung einer Familie mit Großmutter und pubertierender Tochter, mit Vater, der gern Held wär, immer wieder geerdet wird, und der Mutter, die sich aus allem raushält, aber alles besser weiß. Dank dieser beiden Strängen kommen Kinder und Eltern zu ihrem Recht.
Der Opernsänger Leopold Löwenhaupt besorgte im November eine Gans, zu Weihnachten als Braten dienen sollte. Doch der Sohn Peter freundete sich mit dem Federvieh an. Der Versuch des Schlachtens wird zum Debakel. Das Tier überlebt und der Vater steht als verhindeter Mörder da. Auch der Trick mit dem Tabletten funktioniert nicht und zum Schluss triumphiert das Federvieh über den Menschen. Die Vorlage von Friedrich Wolf hat einige Anpassungen erfahren. Von drei Kindern sind zwei übrig geblieben: Peter und seine vierzehnjährige Schwester Elli. Die ist zeitgemäß Vegetarierin und situationsbedingt altklug. Aus der Haushälterin Theres wurde die Großmutter Theresia, immer noch Hausherren und mit dem Treiben ihres Sohns Leopold überhaupt nicht einverstanden.
Peter und die Gans freunden
sich an.
Die Perspektive reduziert die Aufregung auf ein kingerechtes Maß. Leopold Löwenhaupt erzählt. Vor der nächsten Aufführung von Humperdincks "Hänsel und Gretel" erinnert er sich an die Ereignisse des letzten Jahres. Das Schlimmste liegt also schon hinter uns. Die Bühne ist mit ihrem Schminktisch ist eindeutig als Künstlergarderobe zu erkennen.  Man weiß nicht, ob die Übungen, die Peter Jech absolviert, der Vorbereitung auf "Hänsel und Gretel" oder der Vorbereitung auf die Weihnachtsgans dient. Egal, jedenfalls lenkt er den Blick der Kinder auf sich. Er wirkt aber nicht, wie ein großer Impressario. Mit seiner Aktentasche voller Requisiten ist er eher ein fleißiger Kulturangestellter, der Mann vom Theater nebenan, eben einer von uns, mit sein alltäglichen Problemen.
Kernstück des Bühnenbilds ist der Schminktisch, der mal Requisite ist, mal die Bühne für das Figurentheater ist. Dann gibt es noch einen Stuhl, einen Paravent und einen Weihnachtsbaum. Bianca Sue Henne und Peter Jech gelingt es, mit wenigen Stücken eine ganze Welt zwischen Theater und Eigenheim zu schaffen.
Peter Jech beginnt seine Erinnerungstortur als Monolog mit einer Strumpfpuppe. Mit wenig Mimik macht er das Elend des Vaters deutlich, der sich als Held fühlt und bei seinen Liebsten doch abblitzt. Seine Familie, dass sind fünf einfache Puppen, die Peter Jech in einer Doppelrolle als Akteur und Erzähler bedient. Die Kinder kommen damit klar. Der Schminktisch ist nun Bühne und Heim der Familie Löwenhaupt und auch dies ist nachvollziehbar. Später gibt es noch eine kurze Sequenz Kasperltheater und Schattentheater am Paravent.
Überhaupt ist die Ausstattung voller Details, die das sehende Publikum schmunzeln lassen. Da ist das Comic "Gans im Glück", der Weihnachtsbaum aus Plastik, der dritte grün-weiße Pullover zum Fest und vieles Mehr.
Zum guten Schluss erlebt die Gans ihre Wieder-
auferstehung 
zur Weihnachtszeit. 
Dem schwarzweissfigurentheater geht es nicht darum, zu zeigen, was alles möglich ist und auch das ist gut so. Jedes eingesetzte Mittel, jede Technik entwickelt sich aus der Erzählung und hat seinen logischen Platz. Das sieht auch der Härteste aller Kritiker so, auch wenn er sich in der Albtraumszene noch ein wenig mehr Grusel gewünscht hätte. Aber das ist situationsbedingt altklug. Für die jungen Zuschauer bedeutet der Wechsel der Erzählmittel mehr Tempo, für die Eltern ist es Vertiefung des Genusses. Dabei ist es dann klar, dass nicht immer alle an den selben Stellen lachen.
Der Wiedererkennungswert für die anwesende Erziehungsberechtigten steigt, als der Trick mit den Schlaftabletten auf den ersten Blick funktioniert. Nun kommt Vater Löwenhaupt in arge Erklärungsnöte und versucht mit Fantasie, das Schlamassel, den Gordischen Knoten zu lösen. Wie in jedem guten Märchen kommt ihm der Zufall zur Hilfe und zum guten Schluss löst sich alles in Wohlgefallen auf und die Ganswird mit der Verleihung eines Pullovers offiziell in den Kreis der Familie aufgenommen. Das junge Publikum freut sich, dass es eine schöne Geschichte um eine Gans erlebt hat, die es nachvollziehen kann, weil die Figuren so lebensecht sind. Das ältere Publikum freut sich, dass es eine Geschichte um eine Familie erlebt hat, die es nachvollziehen kann, weil die Figuren so lebensecht sind.

Die nächsten Aufführungen sind am 27. und 28. Dezember.

Das schwarzweissfigurentheater

Spielplan am Theater Nordhausen
Die Weihnachtsgans Auguste

Der härteste aller Kritiker - Teil eins
Der härteste aller Kritiker - Teil zwei
Der härteste aller Kritiker - Teil drei
Der härteste aller Kritiker - Teil vier
Der härteste aller Kritiker - Teil fünf
Der härteste aller Kritiker - Teil sechs



Sonntag, 2. November 2014

Alle sind auf der Suche, einige finden sich

Matthias Kaschig inszeniert einen rasanten Sommernachtstraum am DT

Der Sommernachtstraum ist  Shakespeares erfolgreichstes Stück, wenn man die Anzahl der Aufführungen zu Grunde legt. Schließlich steckt der Stoff voller wundersamer Geschichten und zahlreicher Handlungsstränge, die zum Schluss doch zusammenlaufen. In seiner Inszenierung am Deutschen Theater hat sich Matthias Kaschig auf einige wenige Aspekte konzentriert. Herausgekommen ist eine Komödie über sexuelle Findung, gepaart mit bunten Slapstick. Alles zusammen in einem rasanten Tempo.
Die Aufführung setzt mittendrin ein. Hermia, Lysander, Helena und Demetrius stehen ins Schüleruniformen auf der blanken Bühne. Sie stimmen "Underneath the Mango Tree" an, ein Calypso aus dem ersten Bond-Film, und trällern vom Liebesglück. Wie verliebte Teenager es halt manchmal so tun.
Nun beginnen die Rangeleien. Jeder schubst jeden, zerrt an dem anderen, will Arm in Arm unterhaken und wird abgewiesen. Mit einfachen Mitteln ist es Kaschig gelungen, die Diskrepanz zwischen Wunsch und Bühnenrealität umzusetzten. Hermia liebt Lysander und Lysander liebt Hermia, aber Demetrius liebt auch die Hermia, während er die Liebe Helenas sehr deutlich verschmäht. Der Reigen kann beginnen und vorläufig bleibt es Rahel Weiss in der Rolle der Helena vorbehalten, Akzente zu setzen. Gleiche gelingt Katharina Uhland im dritten Akt. Emre Aksizoglu darf leider nur im Schrei-Modus agieren.
Zettel hat keinen Traum, aber eine Vision vom
besseren Theater. Alle Fotos: DT/Austin
Leider sind der Dramaturgie einige Eckdaten zum Opfer gefallen. Der Konflikt Theseus - Hippolyta, der Streit zwischen Hermia und ihrem Vater Egeus um die angestrebte Zwangsheirat mit Demetrius kommt nicht zur Sprache, auch der Streit zwischen Oberon und Titania, zwischen Feen und Elfen wirkt weichgespült.Dadurch verschenkt eine Menge an Potential, an Erzaehlbaren und an Erklärungen.  Damit wird der Sommernachtstraum aufweise Tennisturnier reduziert. 
 erschließt sich nur, wenn man Shakespeares Vorlage im Hinterkopf memoriert, zum Beispiel die Einordnung der Theatertruppe.
Teenager Abgang, Auftritt Handwerker. Nun beginnt eine amüsante Revue zum Thema Amateurtheater im Wechselspiel von Belanglos, Überfordert und Überambitioniert. Gerhard Zinck ist von Anfang drin in der Rolle des Zettels, der versucht, alle an die Wand zu spielen. Mit großen Gesten und  verklärter Mimik karikiert er den Handwerker, der sich zu Höherem beruft fühlt, seine Chance gekommen sieht und natürlich als Esel scheitern muss.
Nachdem nun die beiden Motive auf karger, reduzierter Bühne eingeführt wurden, da kommt mit Getöse das gute Stück zum Einsatz. Einen Zauberwald gewissermaßen in der Vertikalen hat Michael Böhler für diese Inzsenierung umgesetzten. Das mehrstöckige Gebäude, das drohende Fratze und Versteck zugleich ist, gibt die technische Basis für eine Parallelität der Ereignisse.
Die Elfen bewundern den verzauberten Zettel.
Es ist sicherlich eine nette Idee, die Rolle von Oberon und Titania gewissermaßen im Transgender-Modus zu vergeben. Karl Miller in der Rolle der Elfenkönigin sorgt für die lasziven Frank'n'Furter-Momente in dieser Aufführung. Gaby Dey bleibt als Oberon zu wenig Platz, um ihre Qualitäten auszuspielen. Sie muss sich auf das Rezitieren beschränken, das gibt der Rolle ein deutliche Hölzernkeit. Einzig Benedikt Kauff als Puck erweitert hier das Spektrum. Sein Troll ist fast schon ein Mephisto, aber auf jeden Fall mit jeder Menge diabolischer Mimik und Sprachvermögen.
Matthias Kaschig konzentriert sich auf die Findung der Liebespaare Lysander - Hermia und Helena - Demetrius. So wirkt dann die Auflösung des Handwerker-Strangs ein wenig unmotiviert, weil ihr die Einordnung in die Gesamtgeschichte abhanden gekommen ist. Dafür entschädigt er uns mit einem rasanten Reigen von Slapstick-Elementen und das Publikum bedankt sich mit jeder Menge Lacher.



Das Stück in der Selbstdarstellung

Der Sommernachtstraum am Jungen Theater
Der Sommernachtstraum als Tanztheater in Nordhausen


Sonntag, 26. Oktober 2014

Bezaubernd und wohldosiert durchgeknallt

Eine Oper über King George und Barock-Star George F. Händel


Ist das die Zukunft der Oper? In einer wohl dosiert schrägen und schnellen Produktion erzähltdasTrio Elena Kats-Chernin, Axel Ranisch und Danya Segal am TfN von der schwierigen Beziehung zwischen dem englischen König George und seinem Hofkomponisten Georg Friedrich Händel. Es gelingt ihnen eine moderne Oper, die nicht verstört, sondern unterhält und trotzdem einen Wendepunkt in der Musikgeschichte erklären kann. Alles mit einem Schmunzeln und einen Musikmix, der Barock, Jazz, Tango und Rap vereint und die Erzählweise des 21. Jahrhunderts aufgreift.
Zur Ausgangslage: Der Welfenherzog Georg hat seinen Hoflkomponisten Georg Friedrich Händel einst mit nach London genommen. Dort entwickelte sich der Deutsche zum ersten Pop-Star der Musik-Geschichte und solange er seinen König mit immer neuen Opern "beliefert" bleibt er auch der Favorit seiner Exaltiertheit. Doch dann kommt es zur Krise und fast zum Zerwürfnis zwischen King George und seinem Composer George. Aber zum Schluss wird alles Gut und das Publikum erlebt die Wiedergeburt Händels als Komponist unvergänglicher Werke.

Zweimal George und zwei Lakaien. Alle Fotos: TfN
Die Inszenierung basiert vielen starken Säulen. Da ist zum einen Jochen Kowalski als König George in Höchstform. Exaltiert und überdreht wie ein König im Barock wohl war. Hin und her schwankend zwischen gütlich väterlich und gnadenlos fordern. Diese Oper macht dem Countertenor einen Heidenspaß und dem kann er dem Publikum vermitteln. Diese Rolle scheint Kowalsḱi wirklich auf den leib geschrieben und er kann nicht nur seine einzigartiges Gesangsvermögen ausspielen. Er kann auch seine komödiantischen Möglichkeiten vor zur Geltung kommen lassen. Kowalski eignet sich die Rolle an und erweitert sie, weil Regisseur Axel Ranisch seine Akteuren den Raum dazu lässt. Davon lebt die Inszenierung. Niemand ist in einen Rahmen gepresst und Kowalski nutzt die Freiheiten.
So frei kann Heiko Pinkowski nicht aufspielen, aber die Rolle des Hofkomponisten George Handel ist eben so angelegt. Erst ist es der Druck des  strengen Vaters, dann ist der Musiker den Erwartungen des Arbeitgebers ausgesetzt. Händel steht immer unter Zugzwang und Pinkowski kann dies deutlich machen, besonders als es zur Krise kommt, als der King eben mal was neues will. Immer nur Oper mit Kastratengesang, das geht doch auf Dauer auf keinen Hermelin.
Kats-Chernin und Ranisch ist es gelungen, den Umbruch in Händels Leben nach der Pleite der Opernakademie nicht zu einer trockene musikhistorischen Abhandlung zu machen, sondern sie als Roadmovie auf die Bühne zu bringen. Händels Sinnsuche in Italien wird zur Casting-Show, in der auch mal gerappt wird, in der angemacht wird und in der Muttersöhnchen im Weltmusik-Look vor sich hinpiepsen dürfen. Georg Friedrich Händel und Dieter Bohlen, eigentlich trennen nur knapp 200 Jahre. Die Unterschiede zwischen dem Musik-Biz damals und heute sind wohl rein äußerlich und Händel war eben der Pop-Titan des Barock. Es ist davon auszugehen, dass Händel an dieser Deutung seinen Spaß gehabt hätte.
Casting-Shows waren schon damals eine Herausfor-
derung. Foto: TfN
In diesem Tollhaus gibt es nur einen Normalo: Händesl Assistent Smith. Im Businessdress des 21. Jahrhunderts versucht er die Geschäft des Genies zu regeln und dringt, wohl gerade wegen des Sachverstands, doch nicht durch. So schön Uwe Tobias Hieronimi auch seinen prägnant Bariton schmettern lässt, sein Chef schenkt ihm kein Gehör. Dafür hat aber das Publikum viel Freude an die klaren Leistungen des Hildesheimers. Auch die sechs Nachwuchssänger aus dem eigenen Hause werden den musikalischen Anforderungen von Komponistin Elena Kats-Chernin mehr als gerecht. Ihre Mischung aus Händel-Zitate und Rückgriffen auf Folklore und Pop-Musik atmet nicht nur den Geist des Vorbilds, sondern zeigt auch, weil Freude die Ex-Hannoveranerin wohl bei der Arbeit an George gehabt haben muss. Vielleicht ist das ja das durchgängige Motiv bei dieser Oper. Alle Beteiligten hatten Spaß bei  und den konnten sie bei jeder Aufführung an das Publikum weiterreichen.
Diese Inszenierung lebt auch von den optischen Gegensätzen. Der barocken Opulenz der meisten Kostüme hat Steffen Lebjedzinski ein klares und reduziertes Bühnenbild entgegengestellt. Ein Rampe, ein paar Möbel und ein Vorhand, alles in kräftigen Farben. Da ist nicht mehr als unbedingt sein muss und das erlaubt die Konzentration auf die Personen und die Handlung. Die Ausstattung geht eine wunderbare Symbiose mit dem Licht-Design von Alexander Koppelmann ein. Wenige Meter neben dem Spot-Licht herrscht schon Dunkelheit. Strahlender Glanz neben Finsternis, Ambivalenz und Vielschichtigkeit der Person als Sache des Lichts, eine deutliche Aussage.

In der Not hilft manches Mal eine Partie Skat.
 Aus heutiger Sicht ist manche Händel-Oper ein Soap Opera und deswegen geht "George" in diesem Geiste weiter. Der King is not amused als der Composer wieder mit seinem Favoriten Sino auftaucht. Rübe ab, fordert George I und Händel fällt ins Koma. Doch nun kommen die Engel und die Rettung in Form des Gesangswunders Finella. Trotz ihres kurzen Auftritts ist Eleanor Lyons einer der Ankerpunkte in dieser Aufführung. Es folgt Händels  Bekehrung und Kehrtwende zu seinen unvergesslichen Oratorien. Damit geht in dieser Oper Händels Opern-Phase zu Ende wie eine Oper von Händel, mit einem Zufall, mit einer Rieseportion Glück. Was auf der Bühne leicht und locker aussieht, ist nur dank einer tiefgreifenden Beschäftigung mit der Biografie und dem Schaffen des barocken Pop-Titanen möglich. Aber statt eine trockene musikhistorische Abhandlung zu liefern, zeigte das TfN mit "George" ein amüsantes Roadmovie. In 90 Minute erfährt das Publikum mehr über Könige, Komponisten und Kastraten, als auf 812 Seiten Opernführer. Ende gut, alles gut.
Ist das die Zukunft der Oper? Auf jeden Fall ist es ein Weg, der Kulturschaffenden und Kulturkonsumenten Genuss auf vielen Ebenen verschafft. Wer der alten Dame Oper neue Jünger verschaffen will, der muss sich auf solche Varianten wie "George" einlassen.
Zum Schluss stellt man sich die Frage, ob es schade ist, dass diese Produktion schon nach neun Aufführungen beendet war oder ob man sich freuen sollte, solch etwas Einmaliges erlebt zu haben. Ich habe mich für die zweite Frage entschieden und sage eindeutig: Ich freue mich, dass ich so etwas Einmaliges erleben durfte.


Das Interview mit Jochen Kowalski zum Spaß am "George"

Jochen Kowalski im Kreuzgang Walkenried

Zum Glück wurde niemand verletzt

Ralf Bauer zeigt sich in Walkenried verliebt

Ja, doch, Ralf Bauer kann mehr als Surfen. Im Kreuzgang des Kloster Walkenried zeigte sich auch für andere Themen offen. Zusammen mit Pat Fritz präsentierte Ralf Bauer ein Literatur- und Musikprogramm, bei dem die Liebe im Mittelpunkt stand. Natürlich zeigte er sich als Charmeur und als Spieler mit dem Publikum. Dabei sprengte Ralf Bauer gelegentlich die Grenzen der üblichen Präsentation, aber bis zum Schluss wurde niemand verletzt.
Doch der Abend beginnt tiefschürfend und mit dem Vorspiel auf dem Theater aus Goethes Faust. Überhaupt wird der Dichterfürst an diesem Abend oft bemüht und auch schon einmal von seiner anzüglichen Seite gezeigt. Aber wenn der Vortragende diese im Dress eines Zeitungsjungen der 20-er Jahre, mit Ballonmütze, weißes Hemd und Weste, macht, dann können selbst die Goethe-Puristen ihm nicht sauer sein.
Ralf Bauer hat immer noch den Charme eines kleinen
Jungen. Alle Fotos: tok
Aber der Mann hat ja auch eine Mission. Ralf Bauer möchte das Publikum für den Zauber der Literatur  begeistern. Dazu muss man die Halbgötter eben manchmal vom Sockel holen oder eben an Säulen springen, auf Tische steigen und auf Leitern klettern.
Doch bei allem Klamauk ist die Liebe, von der Ralf Bauer spricht, meist ein zartes Gewächs und in sich gekehrt. Das himmelhochjauzend muss wohl noch warten. Dafür sorgt auch der zweite Mann an diesem Abend. Begleitet wird Ralf Bauer vom Pat Fritz. Der Gitarrist führt sich mit einer sehr reduzierten Cover-Version vom "Every Breath you take" ein. Es ist nicht das Spiel der flinken Finger, mit denen Pat Fritz das Publikum begeistert. Er hypnotisiert mit seiner einmaligen Stimme, ein Bass mit Timbre, viel Schmelz und doch reichlich Dynamik. Die Töne kommen aus ganz aus der Tiefe und reichen bis zum bluesig verzweifelten "Woooaaahhuuuu" hoch.
Doch die Musik ist im gemeinsamen Programm kein Klangteppich, keine Soundtrack. Es ist ein eigenständiges Statement zum gesprochenen Wort, es ist eine andere Sicht auf dasselbe
 Ding, das sich Liebe nennt. Deswegen sorgt Pat Fritz an diesem Abend auch für den Gänsehaut-Moment. Als er die Tom-Waits-Version von "Waltzing Matilda" auf seine sehr eigene Art intoniert, da steht die Zeit still,  da füllt die Geschichte des Alkoholikers, der seine Liebste um Verzeihung bittet, den gesamten Kreuzgang und die Köpfe des gebannt lauschenden Publikums.
Pat Fritz 
Ralf Bauer ist der Kontrapunkt. Er spielt mit Publikum, nimmt direkten Kontakt auf und macht die Zuhörer zu Mitspielern. Da ist der Dialog am Brunnen aus Goethes Faust, als er einer jungen Dame nicht nur Geleit, sondern auch das Mikrofon angedeihen lässt. Dabei ist  auch Improvisationstheater, bei dem das Publikum auf Zuruf den emotionalen Modus des Vortrags bestimmen darf. Heiterkeit, Trauer oder Gleichgültigkeit, Bauer bewältigt sie  alle. Als im Wut-Modus die Trittleiter auf die Bühne kracht, sorgt das für Aufsehen, aber alles bleibt heil. Trotz allen Getöses ist Ralf Bauer eben doch kein Bilderstürmer, sondern ein großer Junge, der spielen will, spielen darf und diesen Spaß am Spiel auch vermitteln und vor allem mit dem Publikum teilen kann.
Das literarische Programm verbleibt im Bildungskanon. Neben viel Goethe stehen an diesem Abend viel deutschsprachige Lyrik aus dem 20. Jahrhundert auf dem Stückzettel: Rilke, Ringelnatz, Hesse und Erhardt. Da ist immer wieder der Rekurs auf die Schule und die Lehrerschaft und das Auditorium nickt dazu wissend. Publikum und Vortragender erarbeiten sich gemeinsam den Spaß an der Poesie zurück, den der Bildungsapparat ihnen genommen hat.
Wenn Ralf Bauer Hermann Hesse zitiert,
dann steht die Welt Kopf. 
Diese Mission gelingt, weil im Zusammenspiel von Ralf Bauer und Pat Fritz immer noch genug Spontanität und auch gegenseitige Wertschätzung steckt. Damit ist der Titel "Bauer in love" vielleicht zu kurz gegriffen. "Bauer in love with Fritz" wäre vielleicht. Auf jeden Fall nehmen die beiden ihre Zuhörer mit auf eine Reise in das Land des Verliebtseins. Der Treibstoff ist die Sehnsucht nach diesem besonderen Zauber auch im Alltag und deswegen kommen Bauer, Fritz und das Auditorium dort an, wo sie hin wollten. Dafür bedankt sich das Publikum mit so viel Applaus, dass Ralf Bauer und Pat Fritz ihren Zuhörerinnen noch einen Song auf den Heimweg mitgeben: "Miami Beach". Leider zeigt das Duo erst in dieser Zugabe, dass Liebe auch swingen kann, das Liebe auch Anlass für eine gelassene Freude sein kann.


Ralf Bauer bei wikipedia
Die offizielle Website Bauer.tv

Pat Fritz bei wikipedia
Die offizielle Website www.pat-fritz.de

Die Kreuzgangkonzerte

Dienstag, 7. Oktober 2014

Für alle ein Gewinn

Erich Sidler gelingt mit "Homo Empoathicus"

Bester hätte der Einstand kaum sein können. Mit "Homo Empathicus" von Rebekka Kricheldorf eröffnete Erich Sidler am Freitag die Spielzeit 2014/15 am Deutschen Theater in Göttingen. Mit dieser Uraufführung zeigte der neue Intendant am Deutschen Theater, dass zeitbezogenes Theater keine düstere Weltschmerz-Litanei sein muss, sondern auch bissig und hintersinnig daherkommen kann. Trotz einiger Längen fügen die Einzelteile zu einer Gesamtaussage zusammen.
In ihren neuestem Stück entwirft Rebekka Kricheldorf eine Insel der Glückseligen. Alles Negative, alles Diskriminierende, alles Ausgrenzend, alles Abgrenzende, alles Individuelle und alles Persönlich wurde aus der Sprache getilgt. Selbst natürliche Begriffe wie jung und alt werden ausgemerzt und durch Konstrukte ersetzt. Mit der Kontrolle über die Sprache haben die Bestimmenden auch die Herrschaft über die Köpfe erlangt.
Mo(2.v.r.) gehört zu den heimlichen Herrschern in
dieser befriedeten Gesellschaft. Foto: Th. Aurin
Trotz aller Gleichmacherei ist gibt es immer noch ein oben und ein unten, gibt es immer noch die Bestimmenden und die Bestimmten, gibt es immer noch Machtverhältnisse im Friede-Freude-Eierkuchen-Land. Nur wird Macht anders ausgeübt. Dies arbeiten Sidler und Kricheldorf sehr gut heraus.
Druck übt das Kollektiv auf das Individuum aus und Herrschaft kommt durch die Hintertür, mit einer wissenschaftlich verbrämten Argumentation, mit der Killerphrase "Es ist doch nur zu deinem Besten". Und über allem hängt der Zwang zur permanenten Besserung.
Karl Miller in der Rolle als Ernährungsberater treibt dieses Prinzip bis auf die diabolische Spitze. Nicht einmal mehr über das Privateste, Ernährung und Verdauung, darf der entprivatisierte Mensch bestimmen. Wer sich nicht so verhält, wird zwangstherapiert wie Chris. Benedikt Kauff wandelt als seditierter Teenagers immer am Rande des Nervenzusammenbruchs und wird der Rolle damit vollkommen gerecht.
Nicht das Kollektiv ist der Held, sondern die Besitzer der Weisheit, die neuen Helden einer eingeebneten Gesellschaft. Florian Eppinger spielt den Professor Möhring als Mastermind der Menschenfreunde souverän. Gabriel von Berlepsch interpretiert den Mo mit geschmeidigen Bewegungen als einen Michael Jackson der Coachingszene. Rebbecca Klingenberg macht als Dr. Oscho deutlich, das eine Psychologin, äh 'tschuldigung, eine Wegsprechende auch andere Wege hat, um Störungen glatt zu bügeln.
Der Wilde ist in die Welt der Empathischen einge-
derungen. Alle Fotos: Th. Aurin



Das Deutsche Theater
Das Stück
Die Autorin Rebekka Kricheldorf
Der Intendant Erich Sidler








Sonntag, 28. September 2014

Rasante Reise durch die Gefühlswelt

Stefan Gwilidis und die NDR Bigband begeistern beim Auftritt in Herzberg

Prolog: Das Konzert der NDR Bigband mit Stefan Gwildis im Februar 2014 in Göttingen war ohne Umschweife das beste Konzert, das ich je erlebt habe. Es war einmalig, doch ich wollte dieses Glücksmoment noch einmal wiederholen. Als mir die Presseabteilung des NDR mitteilte, dass die Bigband und Gwildis im September nach Herzberg kommen würden, war mir klar: Da muss ich hin.

Als sich Stefan Gwildis, Jörg Achim Keller und die NDR Bigband Anfang 2013 trafen, um das Album “Das mit dem Glücklichsein” aufzunehmen, war dies ein Glücksfall für die deutsche Jazzszene. Dass sich diese Kombination am Freitagabend zum Konzert in der Aula des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums zusammenfand, entpuppte sich schnell als musikalischer Glücksfall für die Welfenstadt und die Jazzszene im Harz. Schon zur Pause bedankte sich das Publikum mit standing ovations.
Stefan Gwildis hat das besondere Gefühl.
Alle Fotos: tok
Seit dem Frühjahr 2013 sind die 18 Musiker des NDRs und der Soulsänger mit dem gemeinsamen Programm unterwegs. Zwischenzeitlich gab es eine Goldene Schallplatte und den Platz eins in den Download-Charts von Amazon für “Das mit dem Glücklichsein”. Im Rahmen der Niedersächsischen Musiktage sorgte die Sparkassenstiftung für den Auftritt in Herzberg, schließlich ist “Glück” in diesem Jahr das Thema der Konzertreihe.
Seit seinem Solo-Debüt 2003 mit der CD “Neues Spiel” gilt Stefan Gwildis als der deutsche Soulman. Der gebürtige Hamburger versteht es auf einmalige Weise, bekannten Songs neues Leben einzuhauchen. Er stellt den amerikanischen Originalen eigenständige deutsche Texte entgegen, interpretiert sie neu und zeigt damit neue Facetten an bekannten Material. So machte er einst aus dem Klassiker “Papa was a Rolling Stone” das Stasi-Bewältigungslied “Papa will hier nicht mehr wohnen”. Wie kaum ein anderer schafft es Gwildis mit Bildern komplexe Geschichten zu erzählen. Es sind verliebte Geschichte, traurige Geschichten, persönliche Geschichten. Die Songs erzählen von Freud und Leid, Eifersucht, Trennung und Schmerz und vom Neuanfang. Es sind Geschichten, die das gesamte Leben widerspiegeln und doch nicht im Selbstmitleid versinken. Zur Not hilft immer eine Runde tanzen über das Ärgste hinweg. Das ist Gwildis Botschaft. Deswegen liebt das Publikum den großen Jungen aus Hamburg und damit punkte er an diesem Abend auch in Herzberg.
Ingolf Burkhardt kommt erst spät zum Solo.
Doch den Anfang macht die NDR Bigband ohne den Sänger und zeigt gleich, wo es langgehen wird. Kraftvoll, druckvoll und temporeich steht zuerst Duke Ellingtons “Empty Ballroom Blues” auf dem Programm. Es soll das einzige Stück an diesem Abend bleiben, dass sich eindeutig dem Swing zuordnen lässt. Danach gibt es einen Streifzug durch alle Genres des Jazzs: Blues und Bebop mal in großer Besetzung und Cool Jazz bei den Trompeten Soli von Ingolf Burkhardt. Diese Vielfalt ist unter Jörg Achim Keller immer mehr zum Markenzeichen der NDR Bigband geworden. Er hat es geschafft, ein großes Ensemble zu einem großartigen Klangkörper mit ausgezeichneten Individualisten werden zu lassen. Rainer Tempel brachte am Freitagabend am Dirigentenpult übernommen eine neue Note in diese Musik-Cocktail.
Sofort mit den ersten Tönen ist der einzigartige NDR-Sound dar: Kraftvoll, mit viel Druck und trotzdem rund. Selbst aus der geschlossenen Formation heraus kann man noch einzelne Instrumente identifizieren. Die NDR Bigband bezeichnet sich selbst als ein Kollektiv improvisierender Solisten. Was das heißt, zeigen Fiete Felsch und Stefan Lotterman mit ihren Soli am Altsaxofon und an der Posaune.
Vladislav Sendleski ist der Mann an den Tasten.
Wie Stefan Gwildis mit wenigen Worten komplexe Geschichte entwickeln kann, zeigt sich beim zweiten Song. Während das Original “Windmills of Your Mind” vom Kopf-Karussell bei Liebeskummer berichtet, haben Texter Michy Reincke und Gwildis die Geschichte weitergesponnen und erzählen vom Zusammentreffen der Enttäuschten, die sich nicht mehr binden können. Dem kargen Original hat Jörg Achim Keller der Bigband ein verspieltes Arrangement auf den Klangkörper geschrieben. Deswegen darf Gwildis auch mal in den Scat-Gesang verfallen. Mit dem Charme eines Mannes, der wohl nie erwachsen werden will, hat Stefan Gwildis Publikum in Herzberg im Griff. Der Funke springt gleich über und es entsteht sofort ein Wechselspiel zwischen Bühne und Auditorium. Die ausverkaufte Aula geht auf seine Spielchen ein. Sagt er “wow”, dann antworten seine Zuhörer mit einen “wow”. Einzigartig ist die ordentliche Portion Selbstironie, mit der er beim “Aaah” und “Ooh”-Spiel jongliert. Es ist aber auch diese besondere Stimme des Autodidakten Gwildis, die mitreißt. Mal im euphorischen Tenor, mal im traurigen Bariton trifft er immer den richtigen Ton. Mal erinnert er an Sinatra, mal überschlägt er sich wie Al Jarreau und klingt doch wie Gwildis. Er imitiert nicht, diese Vielfalt an Stilen ist eben das Vermächnis des Jazz.
Dazu trägt Stefan Gwildis den Soul bei. Der Gesang ist leidenschaftlich und emotional bis zum Exaltierten, aber immer authentisch. Da wirkt nichts aufgesetzt und deswegen mag das Publikum den Hamburger so sehr. Zwischen den euphorischen Songs wie dem Lehnlied oder dem Mondglanz nach Van Morrisons Moondance kommen auch die stillen Momente in “Das mit dem Glücklichsein”. Als Stefan Gwildis vom Selbstmord eines langjährigen Freunds erzählt, ist es schlagartig still im Saal. Auch die gesungene Geschichte seiner ersten Scheidung zwingt da Publikum zum Zuhören. Doch mit wenigen Worten holt er nach dem Song die Zuhörer wieder raus aus dem Tief. Selbst nach zwei Stunden gelungenes Entertainment hat das Publikum nicht genug. Mit standing ovations fordert es mehr und es darf kein Gwildis-Konzert ohne die Hymne “so süß, wie sie da liegt und schläft” zu Ende gehen. Jetzt lassen sich ogar Sparkassen-Vertreteraus der Reserve und den Sitzen locken. Alle singen minutenlang mit. Zur Beruhigung schicken Stefan Gwildis und die NDR Bigband das Publikum mit “Lassmich nicht allein heut’ Nacht”, ihrer Version von John Hiatts “Have a little Faith in me” auf den Heimweg. Am Ende des Abends bleibt ein beglücktes Publikum und eine hocherfreute Hausband des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums. Immerhin durfte Unisono schon am Nachmittag einen Workshop mit Bandleader Rainer Tempel veranstalten und mit “Sing, sing, sing” das Konzert eröffnen.

Epilog: Auch nach einem guten halben Jahr, ist deutlich, dass diese Glückskombination so gut funktioniert, weil alle Beteiligten Spaß haben an dem, was sie machen, dass sie sich deswegen immer wieder zu Höchstleistungen beflügeln und das jedes Konzert einmalig ist.

Die Gwidis-Homepage
Die NDR Bigband

Das Konzert in Göttingen
Das Interview zum Konzer

Montag, 22. September 2014

Willkommen im Zauberwald

Die Zauberflöte überzeugt in allen Bereichen


Auch auf die Gefahr hin, in Phrasendrescherei zu verfallen. Diese Oper ist zauberhaft. Die Inszenierung am Theater für Niedersachsen überzeugt in allen Belangen und damit ist Volker Vogel ein großer Wurf geglückt. Es ist ihm und seinem Team gelungen, Mozarts beliebtestes Werk werkgetreu weiterzuentwickeln. Er greift alle Fäden und Motiven in diesem handlungsreichen Musiktheater auf und führt sie konsequent und facettenreich in die Jetztzeit vor, ohne den Geist des Stücks zu entkernen. Wer sich einen Abend lang verzaubern lassen will, der findet in der Zauberflöte des TfN genau die richtige Inszenierung.
Basis des Erfolg sind das großartige Bühnenbild und die fantasievollen Kostüme von Norbert Bellen, der mittlerweile zu den gefragtesten Bühnenbildnern Deutschlands gehört. Er nur schauen möchte, der erfreut sich an den prächtigen Bauten. Wer verstehen möchte, der sieht überall die Symbole der Freimaurer. Denn die Zauberflöte ist auch ein Werk über Erkenntnis und das ewige Spannungsverhältnis Vernunft, Weisheit und die menschliche Natur. Es geht auch um die Frage, ob die Menschen in der Lage sind, den Schleier der Unkenntnis zu lüften und zur Wahrheit vorzudringen.
Letztlich schafft es Papageno doch, die
bösen Geister zu vertreiben. Fotos: Quast
Diesen Schleier zeigt uns Bellen immer wieder, wenn die Rampe und die Hinterbühne optisch getrennt werden und der Hintergrund mal schemenhaft, mal unklar und drohend erscheint. Aber es ist auch ein Bühnenbild, das es schafft, die Pracht klassischer Werke in  das Hier und Jetzt zu transponieren. Der Zauberwald ist ein Zauberwald und bleibt ein Zauberwald und der Tempel der Erkenntnis hat eben doch Säulen.
Doch erst durch die Lichtführung kommt Bellens Konzept richtig zur Geltung. Einerseits herrscht Glanz und Klarheit, während andere Teile in der Dunkelheit verschwinden. Dann wechselt die Beleuchtung und die Bühne ist in voller Tiefe sichtbar. Doch schon im nächsten Augenblick ist das Publikum beim Solo ganz auf den Akteur im Spot konzentriert. Die strahlenden Helden kontrastieren mit der zwiespältigen Königin der Nacht im diffusen Schein, so malt man Charaktere mit Licht.
Dieses Konzept der vorsichtigen Transformation setzt Bellen bei den Kostümen fort. Natürlich  tritt Papageno im Vogelkostüm auf und die Tiere tragen Masken, die an allemanische Fastnacht erinnern. Doch der Rest des Ensemble ist opulent aber gegenwärtig gekleidet. Die Zauberflöte am TfN istzwar Ausstattungstheater, aber keins, das im Historismus ertrinkt.
Pamina und Tamino werden von Saratros(mitte) harten
Prüfungen unterzogen. Foto: Quast.
Auch auf die Gefahr hin, in Phrasendrescherei zu verfallen. Das beste Bühnenbild nützt nichts ohne Schauspieler und ohne Regie. Volker Vogel hat ein glückliches Händchen mit seiner Besetzung. Das Ensemble überzeugt mit Geschlossenheit, eine Schwachstelle kann man nicht ausmachen. Unter der vorsichtigen Regie scheinen alle zu großer Form aufzulaufen. Nur Konstantin Klironomos in der Rolle des Tamino  braucht bis zur 4. Szene im ersten Akt, bis er stimmlich in der Aufführung angekommen ist. Bis dahin singt zurückhaltend und wirkt wie ein Held mit angezogener Handbremse. Peter Kubik als Papageno und Antonia Radneva in der Rolle der Pamina singen so ein schönes Duett, dass man fast dahin schmilzt und den Wunsch hegt, das Libretto schnell mal umzuschreiben. Diese beiden Stimmen passen einfach zueinander und lassen dem Gegenüber auch genug Raum. Mit glasklarer Stimme und einer enormen Dynamik ist Martina Nawrath die Idealbesetzung für die energische und rachsüchtige Königin der Nacht.
Auch die heimlichen Stars sind an diesem Abend Mareike Bielenberg, Neele Kramer und Theresa Hoffmann als die drei Damen. Das ist ein Trio auf Augenhöhe, dass sich dort um den Jüngling streitet und somit der Inszenierung einen Einstieg verleiht, der besser nicht sein könnte. Auch die zurückhaltende Leitung von Werner Seitzer trägt seinen Teil zum überragenden Gesamteindruck bei. Hier übertönt niemand den anderen.
Aber es sind auch die kleinen, liebevollen Einfälle, die den verspielten Geist Mozarts aufnehmen und fortführen und diese Inszenierung damit so sehenswert machen, wie zum Beispiel die drei Knaben, die in der Gondel vom Himmel herabschweben. Oder die Sklaven, die unter dem Diktat des Glockenspiels ein Menuett tanzen und ballerinahaft abgehen. Volker Vogel beweist genug Selbstironie, für diese Oper, die gelegentlich mit Handlungssträngen und mit Erwartung überfrachtet wird



Spielplan am Theater für Niedersachsen
Die Zauberflöte

Der Regisseur VolkerVogel
Der Bühnenbildner Norbert Bellen




Freitag, 12. September 2014

Das geilste Konzert der Welt?

Jan Delay und Disko Nr. 1 eröffnen Soundcheck-Festival

Um in meiner Alters- und Gewichtsklasse 2.500 Kalorien vom Hüftgold loszuwerden, braucht es 2,5 Stunden auf dem Fahrrad, bei einem 30-er Schnitt wohl gemerkt. Bei Jan Delay und Disko Nr.1 schafft man es in der Hälfte der Zeit. Am Donnerstag macht der Chefstyler den Opener beim Soundcheck-Festival in Göttingen. Die 1.500 Zuschauer und ich, wir erlebten 75 Minuten Tempo, Party und Spaß. Besser kann man ein Festival nicht beginnen.
Jan Delay ist ein Magier. Alle
Fotos: Layda
Für sein aktuelles Album „Hammer & Michel“ musste sich Jan Delay Kritik und Spott gefallen lassen. Den Puristen ist das Werk zu rocklastig. Doch kann Jan Delay nicht erschüttert, deswegen hieß die Devise am Donnerstag: Volles Brett heißt die Devise in der ausverkauften Stadthalle. Noch bevor die Lichter angehen, hämmern die Gitarrenriffs von Wacken ins Publikum. Der Sound ist fett, die Bass-Drum wummert, die Snare scheppert, die Horn-Section macht Druck. Nur der Background-Chor hat anfangs Schwierigkeiten, durchzudringen. Die Beschallung liegt wohl an der Obergrenze dessen, was für das altehrwürdige Gebäude zulässig ist. Der Sänger betritt die Bühne, die Fans jubeln, die Party beginnt.
Jan Delay ist ein Magier. Vom ersten Augenblick an hat er die Zuhörer im Griff. Wenn der Meister sagt „Hüpft“, dann hüpft das Publikum. Wenn der Meister sagt „Still stehen“, dann steht das Publikum still. Diese Symbiose ist ein fester Bestandteil der Party und dafür bekommen die Fans auch 75 Minuten Hingabe und Extase geliefert. Die acht Musiker sind bestimmt nicht auf die Bühne gestiegen, um ihr Set abzuspulen. Die wollen auch spielen und dabei platzen sie fast vor Freude.
Jan Delay spielt mit dem Publikum und er spielt mit den Doppeldeutigkeiten. Mit Ironie erzählt er von den Herausforderungen des Großstadtlebens und seinen schrägen Helden. Wenn man den Text mal nicht versteht, macht es auch nichts. Die Musik spricht für sich.
Jan Delay und Disko Nr. 1 sind keine Combo, die ein perfektes Programm und eine durchgestylte Show liefern. Jan Delay und Disko Nr. 1 fluten die Stadthalle mit purer Energie und der Körper kann diesen Überschuss nur mit Bewegungsdrang abbauen. Die Füße können nicht stillstehen, der Arsch muss wackeln, die Arme zucken im Rhythmus, die Hände müssen klatschen. Deswegen können Männer meines Alters und meiner Gewichtsklasse locker 2.500 Kalorien vom Hüftgold abbauen in den 75 Minuten.
Natürlich steht das aktuelle Album im Vordergrund, aber die Show heißt immer noch Disko Nr. 1. Deswegen gibt es im kurzen Programm auch noch Nummer aus dem „Bahnhof Soul“ wie „Oh Johnny“ und auch „Mercedes Dance“. Jan Delay, dem Meister des deutschsprachigen Funk & Souls, gelingt an diesem Abend etwas, woran schon andere gescheitert sind. Er bringt schwarze Musik und harten Rock unter einen Hut und tanzbar bleibt es trotzdem. Vielleicht verstört dies die Puristen am meisten. Aber es war wohl keiner von ihnen an diesem Donnerstagabend in der Göttinger Stadthalle. Orthodoxie verträgt keine gute Laune. Weil es Dely ernst ist mit der Rockmusik, bringt er auch noch Stücke von Lennie Krawitz, den Beastie Boys und Blur. Die passen eben ins Konzept der bedingungslosen Party. Als „Sie kann nicht tanzen“ läuft, kocht die Stadthalle.
Diese drei können tanzen.
Die Band tanzt vor und wir, das Publikum, wir tanzen mit. Die Bläser hüpften wie zuletzt Jake und Elwood Blues und die Background-Vocals shoo-woow-dy-wappen wie einst die Supremes und das alles zu Rockgitarren. Und sie können das Tempo halten bis zur letzten Zugabe und das kann nur "Auf St. Pauli brennt noch Licht" sein. Was sonst?
Doch Vorkenntnisse sind an diesem Abend in der Stadthalle keine Voraussetzung für uneingeschränkten Konzertgenuss. Jan Delay und Disko Nr. 1 sind einfach der Hammer. Im nächsten Frühjahr kommen sie wieder nach Göttingen und dann geht die Party weiter. Er versprach am Donnerstagabend das geilste Konzert der Welt und wir, das Publikum, wir glauben ihm. Ich habe mein Ticket für den Hüftgold-Abbau schon.


Das komplette Konzert in der NDR-Mediathek

Die offizielle Delay-Website





Donnerstag, 21. August 2014

Dienstag, 19. August 2014

Eine faszinierende Klangfülle

Pepe Romero schließt Welttournee in Walkenried ab

Seinen 70. Geburtstag feierte Pepe Romero mit einer Welttournee. Die Konzertreise um die Welt schloss er am Sonntag mit seinem Gastspiel im Kloster Walkenried ab. Mit nur einem Instrument füllte der weltbeste Gitarrist zwei Stunden lang den Kreuzgang mit Noten, Staunen und Harmonie. Am Ende ließ er ein begeistertes Publikum zurück.
Der Abend stand unter dem Titel "Viva Espana" und  bot durchweg spanische Gitarrenliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts (Romero zur Stückauswahl).
Zum Beginn war auch der letzte Platz
besetzt. Alle Fotos: tok
Selbst verständlich lag der Fokus auf  der andalusischen Heimat des Meisters. Doch den Auftakt macht die Leyenda aus der Suite espanola von Isaac Albéniz. Ohne Vorrede, ohne Einleitung erklingen die sieben, acht, neun schnellen Läufe und ein Instrument füllt die gotischen Bögen bis unter die Decke mit Wohlklang. Der musikalische Lobgesang auf die Strände Asturiens sind den Publikum nicht zuletzt durch das Werbefernsehen bekannt. Doch Romero spielt anders, klarer, akzentuierter doch doch flüssiger als alle anderen seines Faches. Jeder einzelnen Ton kommt zu seinem Recht, ist treffend gesetzt, bietet dem Zuhörer das erwartete Vergnügen. Das Werk von Albéniz wird sichtbar mit den Ohren und erfährt doch eine einmalige Transparenz. Der Verzicht auf das orchestrale Beiwerk und die Konzentration auf die Gitarre legt das ursprüngliche Werk frei. Über Romeros exaktes Spiel sind bereits Bände geschrieben worden, an diesem Abend wirkt es leicht und locker. Die Töne tanzen geradezu wie die Wellen an den berühmten Stränden Asturiens. Die Musik perlt. Ein einziges Instrument schafft es, diesen riesigen Raum im Kloster Walkenried mit Wohlklang und Wohlgefühl zu füllen. Unglaublich.
Dieses Konzept setzt Romero im "Capriche Àrabe" von Francisco Tarrega fort. Die leichten und luftigen Klängen entführen das Publikum in einen sonnigen Nachmittag in den Süden Spaniens, wenn die große Hitze durch einen leichten Hauch vom Meer vertrieben wird und die Menschen ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Das Lied wirkt grazil und luftig wie die Bauten der Mauren.
Die "Sonata a la Espanola" von Joaquin Rodrigo wird durch einen ganz anderen Tonfall bestimmt. Im Allegro Assai schreitet die Gitarre gravitätisch daher, will auch im Adagio vom Stolzieren nicht lassen, bevor sie im abschließenden Bolero  fast davon rennt.
Die "Fantasia Sevillana" von Joaquín Turina kehrt zum Geist des Abends zurück. Leicht, luftig, perlende Klänge. Pepe Romero hat seine Noten zu geschlagen, spielt nicht mehr vom Blatt. Denn die Musik ist in ihm drin und will nur hinaus. Schnell, aber geordnet, jede Note nach der anderen. Vielleicht liegt hier ein Grund für seine Extraklasse. Pepe Romero besitzt das tiefere Verständnis, er durchschaut die Literatur gründlicher als andere, versteht die innere Logik der Werke und kann deswegen die Stücke weiter entwickeln.
Bereits nach 35 Minuten ist das erste Set gespielt und das Publikum dankt für die Kurzweil schon zur Pause mit überschwänglichen Applaus. Bisher hat Pepe Romero noch nicht ein einziges Wort gesagt, bis hier hat er nur sein Instrument sprechen lassen. Angekündigt ist er als Grandseigneur der Gitarre. Doch wie er so auf der Bühne steht, wirkt er eher wie ein kleiner Junge, der sich darüber freut, dass er mit seiner Musik den anderen soviel Freude bereitet hat. Es ist ein ganz besonderes Wechselspiel zwischen Künstler und Publikum.
Pepe Romero musste sein Frau erst noch
zum Auftritt überreden. 
Es scheint, als hätte sich der Meister warm gespielt, als sei er warm geworden mit dem Publikum, als hätte er seine Schüchternheit überwunden. Er spricht. Romero erläutert die "Aires de la Mancha" von Federico M. Torroba. Diese drehen sich um eine Begegnung, die Don Quichote auf der Sierra Moreno macht und dann erzählen Romero Finger auf der Gitarre die verworrene Geschichte von Liebe, Enttäuschung und Entsagung, von himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, von neuen Hoffen und von der Unfähigkeit zueinander zu finden. So schön kann Leiden sein, wenn es mit diesen perlenden Tönen und dieser einmaligen und exakten Spielweise vorgetragen wird.
Mit der "Atardecer en Grana" begibt sich das Publikum auf einen Spaziergang durch Granada. Mit diesem Werk hat Pepe Romero einst die Eindrücke eines Besuchs in der Alhambra verarbeitet. Sein Werk ist geprägt vom Staunen über die architektonischen Leistungen der Mauren. Die drei anschließenden Lieder von Agustin Castellón sind eine Liebeserklärung an das Leben und vor allem an die Freude, Besonders bei der "Fiesta en Jerez" lässt Romero die Noten gerade zu tanzen. Das ist Viva Espana!
Ein Werk seines Vaters Celedonio Romero schließt nach mehr als 70 Minuten das zweite Set ab. Kaum spielt Pepe Romero ein paar Noten der "Noche en Málaga" schon antworten aus dem hinteren Kreuzgang ein paar Kastagnetten. Romeros Frau schreitet im Flamengo-Kostüm Tänzerin durch die Reihen auf die Bühne. Es ensteht ein Dialog zwischen Musiker und Tänzerin. Die Saiten und die Hölzer spielen auf höchsten Niveau ein Spiel von Nähe und Ferne, von Ranrücken und Abrücken, von Begehren und doch nicht bekommen, ein Spiel von gleich berechtigten Partnern und die Romeros lassen ihr Publikum daran teilen, auch an ihrem Glück. Wie er im Interview erklärt, war der gemeinsame Auftritt ein spontaner Entschluss. Trotzdem war es ein Hochgenuss.
Der Rest ist nur noch Applaus und Vorfreude auf das Konzert im September 2015, dann wieder als Quartett "Los Romeros".


Das Interview zur Tournee und zum Konzert

Das Interview 2013
Pepe Romero im Kreuzgangkonzert 2013

Die Website von Pepe Romero
Pepe Romero bei Wikipedia

Die Kreuzgangkonzerte

Samstag, 16. August 2014

Wo wohnt eigentlich das Herz?

Wiederaufnahme von "Maria, ihm schmeckt's nicht"


Im Tiefsten seines Herzens ist der Clown eigentlich todtraurig. Schwer wird es nur, wenn der Clown nicht weiß, wo sein Herz eigentlich ist und deswegen einen anderen zum neuen Clown machen will. Das man solch ein vertrackte Geschichte mit viel Spaß und Freude erzählen kann, haben Christian Doll und Heiko Lippmann schon bei den Domfestspielen 2013 mit ihrer Vertonung des Bestsellers "Maria, ihm schmeckt's nicht" gezeigt. Die Premiere am Mittwoch brachte den Beweis, dass diese Eigenproduktion in diesem Jahr mehr als eine zweite Chance verdient hat. Auch in der Wiederaufnahme ist das Musical eine schnelle und schräge Revue, die die schweren Fragen des Lebens mit einer eigenen Art des ars vivendi beantwortet. Und es ist der Abend von Hans-Jörg Frey und von Tabea Scholz.
Jan liebt Sara und Sara liebt Jan und eigentlich wollen sie nur ihre Eltern in Krefeld besuchen. Doch die Geschichte bekommt eine Eigendynamik. Jan hält um Saras Hand an und ihr italienischer Vater will sein Ja-Wort nur geben, wenn der zukünftige Schwiegersohn zuvor die komplette Familie in Campobasso kennengelernt hat. Damit beginnt ein Parforceritt durch deutsch-italienische Unterschiede, dem Aufeinandertreffen zweier Kulturen und durch Missverständnisse, durch die Küche Italiens und durch das Seelenleben derer, die nicht so recht wissen, wo sie eigentlich zu Hause sind, wie die Rolle aussieht, die man ihnen zugedacht hat und welchen Platz sie einnehmen dürfen, nicht nur im Restaurant, auch im Leben der anderen.
Sara, Jan und Antonio steht am Beginn einer Reise,
die sie zu sich führen wird. Foto: Hillebrecht
Mit ihrem Musical zu Jan Weilers Bestseller ist Heiko Lippmann, Max Merker und Christian Doll das Kunststück gelungen, einen schwierigen Stoff einem breiten Publikum mundgerecht zu servieren. Die Dialog sind knapp und rasant und manchmal überbieten sich die Sprechenden wie ein Screw-Ball-Komödie. Ob Tarantella, Rock'n'Roll, Schlager, Blues oder Pop-Ballade, das Musical findet in jeder Situation den passenden Ton. Schrilles Outfit und die Musik versprühen gelegentlich die Charme von "O sole mio" und anderen Italien-Schlagerfilmchen der 60-er Jahre. Das erstaunliche: Es macht Spaßt, denn ein bißchen Klischee kann nicht wirklich schaden. Ob nun Polizist oder Carabinieri, Scherze über Uniformierte gehören erst recht in Italien zum Lebensgefühl. Zwei Uniformierte auf einer Vespa, das ist wie Arlecchino und Peppino auf zwei Rädern, es darf gelacht werden.
Geschickt gelöst ist auch die Frage der Zeitebene, denn erzählt wird aus der Retrospektive. Alles beginnt mit einem großen Fest bei den Marcipanes in Campobasso, dann kommt der Rückschritt nach Krefeld, wo alles begann. Immer wieder eingewoben sind aber Rückblenden in die Lebensgeschichte von Antonio und Ursula Marcipanes. Dann zeigt die Regie, was ein gute Lichtführung für eine Aufführung bedeutet.Nur zwei Spots erhellen die Bühne, das Jetzt verschwindet im sparsamen Licht und im Fokus der Scheinwerfer erzählen und ertanzen Johannes Kiesler als junger Antonio und Franziska Schuster als junge Ursula vom Leben mit den Vorurteilen den Gastarbeitern gegenüber in der Bundesrepublik. Das sind die Momente der kalkulierten Stille und damit ist die Gandersheimer Produktion näher dran an der Vorlage als vielleicht der Film.
Der alte Antonio und sein Freund Daniele blicken
zurück auf den jungen Antonio. Foto: Hillebrecht
Überzeugend ist auch der Einfall von Cornelia Brey mit dem Topf roter Geranien. Mehr Retro in Blumenform geht gar nicht. Der Blumentopf taucht immer wieder markant und leuchtend auf, muss herhalten, wenn es um Gefühle geht und begleitet die komplette Aufführung bis zum Happy End als Bindeglied. Schön, wenn sich das Konzept einer Inszenierung auch in solchen Details wiederfindet.
Aber es ist vor allem der Abend von Hans-Jörg Frey in der Rolle des gealterten Antonios. Er schafft es, alle Schichten dieser komplexen Person mit einer außergewöhnlichen Biografie freizulegen und dem Publikum den Spaß an dieser Rolle zu vermitteln. Antonio Marcipane hat sich entschieden, den Clown zu spielen, weil er die Rollen, die man ihm zugedacht hat, nicht passen. Überall ist er ein Außenseiter, selbst in Campobasso als Sohn eines sizilianischen Tagelöhners Publikum mit Spaß an dieser Rolle. Dabei gibt Frey ein sehr persönliches Portrait ab. Er verzichtet auf Transzendenz und große Gesten und sagt klar: Das Rezept dieses einzigartigen Antonio Marcipanes gegen die Widrigkeiten des Lebens, das ist der Humor.
Die andere starke Person in dieser Inszenierung ist Tabea Scholz als Sara Marcipane. Erst geht sie frisch verliebt über die Bühne, freut sich kindlich über das Wiedersehen mit ihrer Familie in Italien und bewältigt doch die Krisen, als Cousin Marco ihr dezutlich macht, das Erinnerung doch täuschen können und als sich der Frust im "Alles läuft nach Plan"-Blues entlädt, lässt sie zur wütenden Gestik und Mimik auch noch große Stimme hören.
Sara (rechts) weiß, dass jetzt die Zeit zum
Handeln ist. Foto: Hillebrecht
Die Klischees der ewig kochenden und singenden Italienern funktionieren  nur so gut,weil Ulf Schmitt als Jan eine so gut kontrastierende Grundlage liefert. Gefangen in seiner Biografie und in seinem strukturierten Leben scheint der Deutsche an sich permanent überfordert mit italienischer Lebensart und Herzlichkeit. Hängende Schultern,  tappsige Schritte und nur Zuschauer im Leben, Ulf Schmitt gibt dieser Überforderung eine Kontur. Aber schön, dass er zum finalen Happy End dieses enge Korsett ablegen darf.
Die andere starke Klischee-Rolle bleibt für Christine Dorner übrig. Genauso haben wir uns immer eine italienische Großmutter, die Nonna,vorgestellt. Ein wenig verbittert über das harte Leben, immer granteln, doch mit einem großen und gutmütigen Herzen ausgestattet. Aber schön, dass sie nach der Liebestrank-Grappa-Zechtour aus eben dieser Rolle fallen darf.

Ende gut, alles gut? Ende gut -Inszenierung gut.

Das Stück
Der Spielplan

Die Buchvorlage