Sonntag, 19. Mai 2013

Die weiche Seite des Barocks

Händel-Festspiel in der Region

Podger und Swiatkiewicz zeigen eine unbekannte Seite


Seit zehn Jahren gehen die Händel-Festspiele von Göttingen aus in die Region. Im Rahmen des diesjährigen Festivals gastierte am Samstag Rachel Podger bei den Kreuzgangkonzerten im Kloster Walkenried mit Werken, die sonst so nicht auf dem Spielplan stehen und von den Moll-Tonarten dominiert werden. Begleitet wurde die Violinistin vom polnischen Cembalo-Spieler Marcin Swiatkiewicz.
Seit der Gründung des presigekrönten Palladium Ensemble hat sich Rachel Podger ganz dem Barock verschrieben.  Die authentische Darstelung dieser Epoche war imer das Ziel. Deswegen hat die intensive Beschäftigung mit der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts eine Tiefe hervorgebracht, die bei anderen Musiker nur schwer zu finden ist.


An diesem Abend blieben viele Stühle leer, zum
Glück dieser hier dann doch nicht. Fotos: Kügler
Das macht das Duo Podger-Swiatkiewicz glich mit dem ersten Werk deutlich, Die Sonate in c-Moll von Johann Gerog Pisendel, ein fast vergessener Zeitgenosse und Weggefährte von Bach und Vivaldi. Das Anspiel im Adagio ist ungewohnt sanft, die Viola summt weich und klingt ungewohnt introviert, wie in sich selbst versunken. Mit klarer,schneller Spielweise zeigt Rachel Podger im Presto wieder die gewohnte Seite des Barocks.
Die ganze Facette dieser Epoche blättert Marcin Swiatkiewicz mit Bachs Chromatischer Fantasie und Fuge auf. Das Stück für ein Solo-Cembalo wird zu den bedeutestenden Werk gezählt und ist in der Köthener Umbruchszeit entstanden. Mit einer Toccatto zum Auftakt geht es im Abwärts- und Aufwärtsläufen durch alle Tonarten, die ergänzt werden durch weit schreitende Akkorde. Die Spielfreude von Marcin Swiatkiewicz wird ergänzt durch die scheinbar mühelose Bewältigung der musikalischen Herausforderungen in diesem Meisterwerk, dem der Mann aus Katowice mit der Setzung von Pausen Gewicht und eigene Interpretationen verleiht.
Mit der Sonate in D-Dur in Georg Friedrich Händel beweist das Duo, dass es auch der opulenten Seite des Barocks ungewohnte, weiche Aspekte abgewinnen kann. Zur Pause ist dieses zarte Band zwischen Werk, Künstler und Publikum geknüpft.
Rachel Podger und Marcin Swiatkiewicz bekamen
viel Applaus und ein paar Blumen.
In der Sonate in a-Moll von Pisendel gewinnt die melancholische Seite dieser Epoche die Oberhand. Wieder ist die Solo-Geige in sich selbst versunken, auf sich selbst zurückgeworfen. Abgelöst wird deutsche Nachdenklichkeit von italienischer Lebensfreude in Vivaldis Sonate in c-Moll. Als Zeichen seiner Hochachtung hat der Meister aus Vendig seinen Stück den Untertitel "fatto per il Maestro Pisendel" gegeben. Das zweite Allegro entlässt das Publikum nach einen nachdenklichen Abend doch frohgemut. In der Zugaben zeigen sich Rachel Podger und Marcin Swiatkiewicz überraschend verspielt, geradezu kindisch. Auch den Künstlern ist die Freude über diesen gelungenen Auftritt anzusehen, der ein volles Auditorium verdient hätte.

Die nächsten Kreuzgangkonzerte

Die Händel-Festspiele

Die Künstlerin bei wikipedia

Donnerstag, 16. Mai 2013

TfN: Shakespeare im Marx-Brothers-Modus gespielt




Wie ein Klassiker auf Speed

Das Theater für Niedersachsen destiliert aus Shakespeare die wesentliche Dinge heraus

Von den Marx Brothers ist nicht überliefert, ob sie sich jemals mit Shakespeare beschäftigt haben. Wenn sie es doch getan haben, dann hat es bestimmt genau so ausgesehen wie “Shakespeares sämtliche Werke, leicht gekürzt” in der Inszenierung des Theater für Niedersachsen (TfN). Die Premiere auf dem Hildesheimer Marktplatz zeigt eine atemlose Nummernrevue, schräg, schrill, schnell, manchmal am Rand der Geschmacklosigkeit, manchmal lehrreich, aber immer mit einen hohen Spaßfaktor für Publikum und Darsteller. Aber das darf es auch sein, denn Shakespeare war nun einmal so, wenn man zwischen den Zeilen lesen kann.
Dieter Wahlbuhl ist old school und kann
zwischen den Zeilen lesen. Fotos: Kügler
Der Anspruch lautet 38 Stücke, 154 Sonette, 1834 Rollen und 120 Stunden Aufführungszeit in ein Furiosum für drei Schauspieler und 70 Minuten Dauer zu komprimieren. Die Idee stammt von Daniel Singer, Adam Long und JHess Borgeson. Als “Reduced Shakespeare Company” hatten die Amerikaner 1987 das Ergebnis ihre jahrelangen Straßentheaterarbeit beim Edinburgh Festival Fringe vorgestellt und waren mit Lob überschüttet worden.
Das TfN  hat  das Stück aktualisiert und so fließt die deutsch-deutsche Vergangenheitsproblematik und die biologische Uhr empfangsbereiter Frauen ebenso ein wie der Migrationshintergrund des maximal pigmentierten Othellos. Denn 37 Werke können Moritz Nikolaus Koch, Dieter Wahlbuhl und Dennis Habermehl bringen, nur eben jenen Mohr von Venedig nicht, aus Gründen der political correctness. Aber die Julia, die darf an Amy Winehouse erinnern.
Romeo (Moritz Nikolaus Koch) ist schon tot, Julia (Dennis Habermehl, rechts) auch bald.
Damit ist “Shakespeares sämtliche Werke, leicht gekürzt” eben ein ein kompletter Rundumschlag, Schenkelklopfer, Augenzwinkern und Lehrstück in einem. Merke: alle Komödien das Altmeistern lassen sich auf ein Prinzip zurückführen und somit könnten alle 16  Lustspiele in einem Fünf-Akter zusammengefasst werden. Es funktioniert.
Gleiches gilt für die Königsdramen. Egal ob Heinrich, Richard, Lear, Johann oder Macbeth, alle sind sie nur Auswechselspieler in einem hochdramatischen Fußballspiel. Hier wird nicht mit feiner Klinge gefochten und gestorben, sondern eher mit der Keule und Inszenierung verlangt von den Schauspieler mehr Kondition als Darstellungskunst. Das auch nicht der Anspruch, denn hier geht es vor allem um Unterhaltung und Klamauk darf dabei nicht fehlen und Satire übrigens auch nicht. Vorkenntnisse behindern den Genuss dabei nicht. An diesem Abend darf jeder, das aus dem Menschheitserbe des Dichters das herauslesen, was er will
Das alles steckt beim Übervater des englischen Dramas drin. Diese Inszenierung destilliert es heraus, auch wenn der selbstgebrannte Theaterschnaps an manchen Stellen zu scharf schmeckt. Die Biografie des größten Dramatikers aller Zeiten mit der des vermeintlich Größten Führers aller Zeiten zu vermengen, dass ist dann doch schon sehr starker Tobak. Nicht alle im Publikum können aus verständlichen Gründen darüber lachen..
Fast alle bekommen sie ihr Fett weg: Peer Steinbrück, der institutionalisierte Kulturbetrieb und die Theater-Schickeria, die Shakespeares Symbolismus bisher strukturell als kontrastierenden Kontext zur prä-nietzschen Mythenbildung gesehen. Das ist einfach falsch. Es geht darum Spaß zu haben und den haben Shakespeare-Laien hier ebenso wie Shakespeare-Fans. Denn das Publikum ist fester Bestandteil der Aufführung, muss schon mal als Ich, Es und Über-Ich agieren, wenn Dennis Habermehl Subtext für die Rolle der schreienden Ophelia braucht.
Shakespeare wurde schon an den seltsamsten Orten gespielt, auf dem Mond, im Streichelzoo und nun eben auf dem Marktplatz von Hildesheim. Der ist an diesem Abend rappelvoll und damit funktioniert das Projekt des TfN. Mit dem Versuch, dieses Stück im mobilen Theater auf den Marktplätzen Niedersachsen aufzuführen, beschreitet das TfN kein Neuland. Solche Aufführungen waren im 16. und 17. Jahrhundert Gang und Gebe. In Anlehnung an eine Fußball-Hymne könnte die drei Löwen auf der Bühne und ihr dankbares Publikum “It's coming home, it's coming home, it's coming, theatre's coming home” singen. Nach 75 Minuten Schreien, Sterben, Schwören, Singen, Abhacken, Rächen, Grübeln, Ertrinken, Erdolchen und Vergiften ist der Rest Applaus.


Die nächsten Aufführungen

19. September       Golsar, Marktplatz


Der Eintritt ist frei, nach alter Tradition geht ein Hut rum.

Das Stück

Anlässlich der Premiere in Hildesheim hatte der Fragensteller ein Interview mit dem Intendanten zu dieser Inszenierung geführt. 

Das Stück beim Extempore Sommertheater 2015 in Nordhausen

Sonntag, 12. Mai 2013

Händels Siroe als Daily Soap im Puppenhaus

Premiere der Festspieloper im DT Göttingen

Immo Karaman hebt “Siroe, Re di Persia” auf ein bürgerliches Niveau


Eigentlich weiß niermand so recht, warum die Legende um die Ränke am Hofe der Sassaniden zu den selten aufgeführten Werken Händels gehört. Dabei hat “Siroe, Re di Persia” allse zu bieten, was man von einer Oper erwartet. Auf jeden Fall nimmt man so keine fertigen Bilder mit in die Aufführung, wohl aber bleibende Eindrücke nach der Inszenierung in Göttingen. Die Regie Immo Karaman und das Bühnenbild  von Timo Dentler haben eine Festspieloper geschaffen, die lange nachwirkt und es in der Verarbeitung ihre ganze Tiefe offenbart.
Getragen wird die Inszenierung von einem glänzenden Festspielorchester. Unter der Leitung von Laurence Cummings zeigt es sich als dynamsicher Klangkörper, dessen Einzelteile und dessen Gesamtheit überzeugen, als gleichwertiger Partner zu den Sängern, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Getragen wird die Göttinger Inszenierung vor allem durch die klare und pointierte Stimme von Anna Dennis als Emira, den weichen Tönen von Aleksandra Zamojska als Laodice und Bettina Fritsche als stille, ballettänzelnde Dienerin. Als erste und letzte auf der Bühne und als Konstante ergibt diese neue Rolle die Klammer, wenn die Oper droht in eine Abfolge von Einzelschicksalen zu verfallen. Sie ist eins von Symbolen in eineer Inszenierung voller versteckter Zeichen.
Dies macht den Reiz der Göttinger Inszenierung aus. Hier muss man nicht mitdenken, aber man darf es und wenn man es macht, dann steigt sich der Erlebniswert deutlich.

Es stimmt etwas nicht im Hause Cosroe (2. v.l.)
Cosroe, König von Persien, hat Asbite, den König von Cambaja, erschlagen und dessen Verwandtschaft getötet. Einzig die Tochter Emira hat das Massaker überlebt, hat Rache geschworen und lebt nun unter falscher Identität am persischen Hof. Dumm nur, dass sie sich in Prinz Siroe verliebt hat. Cosroe ist müde und will nun die Nachfolge regeln. Favorit auf den Thron ist der erstgeborene Siroe, aber Bruder Medarse auch dorthin. Dann ist da noch Laodice, Schwester von General Arasse und Mätrese von Cosroe, aber unsterblich in Siroe verliebt.
Damit beginnt ein Geschichte von “Mädchen liebt Jüngling, der aber liebt eine andere”. Die Geschichte ist die von zwei Jungs, die nicht nur um die Krone, sondern vor allem um die Zuneigung des gemeinsamen Vaters kämpfen. Das sind alles Geschichten, die nicht nur an einem persischen Königshof des 6. Jahrhunderts stattfinden, sondern das ist Daily Soap.Damit ist es nur logisch, dass Karaman und Dentler die Oper nicht im einem Palast sondern im morbiden Charme eines englischen Landhaus des späten 20. Jahrhunderts. Die royalen Intrigen werden bürgerlich, das Fürstentreiben wird demokratisiert, Robe und  Hermelin werden gegen Frack und Lederjacke eingetauscht. Schließlich sind Liebe und Hass, Niedertracht und Ehre kein adliges Vorrecht mehr, sondern der Stoff, der die Daily Soaps befeuert.
Sieben Zimmer auf zwei Etagen, montiert auf einer Drehbühne, das Bühnenbild macht stutzig, eröffnet aber eine neue Dimension, wenn auf zwei Ebenen agiert wird. Durchsichtig wie ein Puppenhaus bekommt der Königsmord eine ordentliche Prise Ibsen. Dauernd in Rotation und immer wieder umdekoriert zeigen sich die Räume stets anders. Niemdan geht zweimal durch das selbe Zimmer, weil sie sich ständig verändern.
Auch die Protagonisten sind stets anders kostümiert, von der Festgarderobe der Siegesfeier über den Reiterdress des Brandstifter Medarse und den Lumpendress des gestürzten Götterliebling Siroe zurück zur Festgarderobe der Versöhnungsfeier. In jeder Szene anders gekleidet und meist im Monroe-Look wird Laodice zum Modepüppchen und damit zu geborenen Opfer. Vielleicht schiebt sie sich deswegen vorzugsweise mit dem Rücken an der Wand durch die Szenerie. Weich und zum Mitsterben schön legt Aleksandra Zamojska ihre Verzweiflung in die Arie der Laodice Wenn Laodice das Opfer ist, dann stellt Emira eindeutig den Kontrapunkt dar. Sehr genau setzt Anna Dennis den Hass der rachsüchtigen Tochter um, die doch auch an sich selbst zweifelt.
Siroe ist in Göttingen der gefallene Liebling
der Götter. Fotos: Theodoro da Silva
Doch irgendwie sie alle Protagonisten nur Opfer der Umstände, ihrer Prinzipien und einer im Nebel verschwindenden Moral. Irgendwann leidet jeder, wird von der Last der EReignisse an den Boden gedrückt, ob nun der gefallene Liebling Siroe, der zündelnde Medarse, der Dauerzweifler Cosroe oder eben Laodice. Im persönlichen Schmerz bleibt jeder allein. Nur Lisandro Abadie nimmt man den König, der just noch seinen Gegner und dessen Familie gemeuchelt hat, nicht so recht ab. Da fehlt die Dynamik, Königsmörder schlurfen nicht in Pantoffeln durch die Szenerie. Da präsentiert sich Ross Ramgobin in der Rolle des General Arasse als Mann der Tat mit einen dynamischen Bass. Kaum zu glauben, dass dieser junge Mann erst vor 4 Jahren mit dem Gesangsstudium begann. Also: Namen merken.
Nur eben jene schweigsam Figur der Dienerin trägt immer den internationalen Dress des Hauspersonals. Ihr gehört das erste Bild, ihr gehört das letzte Bild und ein wissendes Grinsen, wenn die Frage, ob nun Siroe, sein Bruder oder gar Arasse sich die Krone aufsetzt unbeantwortet bleibt. 

Die nächsten Aufführungen sind am 14., 15., 19. und 20. Mai im DT Göttingen. Am 19. Mai folgt das Public Viewing der Festspieloper in der Lokhalle bei freiem Eintritt. Am 20. Mai gibt es im Rahmen des "Händel 4 Kids!" den Siroe als Familienversion in der Stadthalle Göttingen.

Die Internationalen Händel-Festspiele


Die Oper

Samstag, 11. Mai 2013

Karasek: Ein Schnaps wäre besser gewesen

                  


Hellmuth Karasek über Vorlesende und Zuhörende, Heino-Schokolade und Kräuterschnaps.


Kritiker sind auch Jäger und dieser Gesprächspartner fehlte mir noch auf meiner Interviewliste, schließlich ist er ja die humorvolle Seite der Kritik . Als  ich die Ankündigung bekam 'Hellmuth Karasek liest im Theater Nordhausen', da machte ich mich auf  die Fährte. Ich musste der Presseabteilung bei Rowohlt auch mehrfach auflauern, aber weil Karasek nun einmal der Kritiker mit Humor ist, darum steckte ich nicht auf.

Wie zu lesen ist, hat es ja geklaptt. Es war schön, zu merken, dass sich solch ein berühmter Mensch auch Zeit nimmt für den kleinen Lokalreporter und der auch ernst nimmt. Das Frage-Antwort-Spiel wurde schnell zu einem Gespräch. Karasek erzählt auch zwei Witze, von denen nur einer wiedergegeben ist, weil der andere nur über das gesprochene Wort funktioniert.

Herr Karasek, seit Jahren sind Sie auf Reise und lesen aus ihren Büchern. Nun lesen Sie aus ihrem Buch über ihre Erlebnisse auf Lesereisen. Welche Stufe kommt als nächstes?



Hellmuth Karasek erzählt gern auch mal
einen Witz über Dresden. Foto: Verlag
Nein, es gibt keine weitere Stufe. Aber ich erkläre auch in „Auf Reise“, warum ich mal ein Buch über Lesereisen schreiben wollte. Da ist dieses Kapitel mit meiner ersten Lesung in Emden, die damals ausfiel und dann war da noch das Rentnerpaar, das zu dieser Lesung wollte und dass ich Jahre später bei einer Lesung in Reutlingen wiedertraf.



Muss man ein Reisebuch geschrieben haben, um als kompletter Schriftsteller zu gelten?



Nein, ich denke nicht und solche Überlegungen liegen mir auch fern. Der Vorschlag kam vom Verlag und ich habe ihn freudig aufgegriffen.



Sehen Sie Lesungen als Belastung oder als Bereicherung?



Ich freue mich sehr auf den engen Kontakt mit dem Publikum. Beim Schreiben ist man ja meist allein. Wenn das Buch auf dem Markt ist, dann hat man die Kritiker im Nacken. Ich bekomme auch Leserbriefe, aber die sind selten positiv. Da steht meist drin, wo ich ein Komma vergessen habe oder ähnliches. Deswegen ist es schön, wenn ich meine Leser persönlich treffen kann.



Kann man den Graben zwischen Vorleser und Zuhörer überwinden?



Aber sicher doch. Diesem Graben gibt es ja nur, wenn ich auf der Bühne sitze. Wenn die Lesung zum Beispiel in einer Buchhandlung stattfindet, dann gibt es den Graben nicht, dann begegne ich meinem Publikum wortwörtlich auf Augenhöhe. Ich bin kein Schauspieler, ich bin auf die Reaktion im Publikum angewiesen. Ich muss mein Zuhörer sehen können, deswegen bestehe ich darauf, dass es auch im Saal hell ist.



In ihrem Buch schreiben Sie viel über den Augenkontakt. Warum?



Ja, am Blick der Zuhörer kann man die Stimmung, die Reaktionen am leichtesten erkennen, deswegen suche ich ja aktiv diesen Kontakt. Man kann auch ein wenig in die Menschen hinein schauen.
Auch der Kontakt beim Signieren nach der Lesung gehört für mich dazu, da kommen die Leute an und wir können miteinander witzeln. Anders beim Kollegen Reich-Ranicki. Der kann nicht mehr auf Lesereisen gehen, weil er nicht mehr signieren kann.



Wenn man soviel und solange unterwegs ist, erfährt man dann  etwas über die Landstriche, die man bereist?



Mir ist durch meine Lesereise wieder bewusst geworden, wie unterschiedlich die Regionen in Deutschland und ihrer Bewohner sind. So habe ich neulich in Dresden einen ganzen Abend über Dialekte und über Witzen gemacht. Dort konnte ich über Jahre den Wiederaufbau der Frauenkirche beobachten. Die kannte ich aus meiner Jugend nur als Ruine.
Bei diesem Witz-Abend in den Dresden hat mir ein Zuhörer zum Beispiel einen Witz erzählt, wie man sich die drei größten Städte in Sachsen merken kann. So  ich mal erzählen? Kommt ein Glatzköpfiger zum Friseur, der setzt ihn auf den Stuhl, 'Dresden so oder Dresden so, es Leipzig eins, Chemnitz nix.'

Schön, ich kannte bisher nur den unanständigen Witz über Dresden.
 
Ja, ich auch. Dann habe ich noch gelernt, dass es in der Gegend um Bautzen viele Ort mit Kerasek-Bezug gibt. So berichtet man mir von einem Räuberhauptmann Karasek, der wohl auch aus Böhmen ausgewandert war. Ich kannte den herren vorher nicht und als man nicht fragte, ob ich mit ihm verwandt sei, sagte ich:'Ja, in etwa so wie ich mit Adam und Eva verwandt bin'. Ach, und dann gibt es dort in der Gegend noch einen Karasek-Wein, ein Rotwein, aber der schmeckt ganz scheußlich.



Aber in ihrem Vorwort zitieren Sie doch Gottfried Benn und die Leere auf der Reise. 



Es kommt darauf an, was man sich von der Reise verspricht. Schauen Sie, Goethe hat aus seiner Italienreise sehr viel gezogen, weil er sich nichts versprochen hat. ER war leer als er gefahren ist und kam mit vielen neuen Dingen zurück.
Aber ich habe die Leere auf Reisen oft genug gelebt, wenn man nach der Lesung in einem sterilen Hotelzimmer sitzt, nicht weiß, was man machen soll und morgens beim Frühstück weiß man nicht einmal, in welcher Stadt man ist.
Ich kann mich da an ein furchtbares Erlebnis in Bad Münstereifel erinnert, dem Wohnort von Heino. Abends saß ich in einem Hotel über der Stadt und alles, was es auf dem Zimmer gab, war eine Tafel Heino-Schokolade. Aus Ratlosigkeit habe ich die Tafel in mich hineingestopft und dann hatte ich Bauchschmerzen und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Da wäre ein Schnaps besser gewesen. In Wolfenbüttel habe ich mal einen Jägermeister bekommen, das war sehr wohltuend.


Da könnten Sie in Nordhausen mit seinen beiden Brennereien ja Glück haben.



Was gibt es denn dort? Einen Kräuterschnaps oder einen Kümmel?



Lassen Sie sich überraschen. Haben Sie ihre Zuhörerin 'Barbara am Abhang' je wieder getroffen?



Leider nein, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.



Vermissen Sie das Literarische Quartett?



Nein, ebenso wenig wie die SKL-Show.



Ich danke Ihnen für das Gespräch. 


Das Buch

Der Autor

Weil ich nicht so recht weiß, ob Karasek noch Kultur ist oder schon Zeitgeschichte, gibt es diesees Interview auch in meinem anderen Blog.