Dienstag, 9. April 2013

Sex wird überbewertet


Eine Premiere aus dem Milieu


Rotlicht ist Dokumentationstheater und die werkgruppe2 bringt mit ihrer neuen Produktion ein wenig Licht in das Halbdunkel der Prostitution. Grundlage der Eigenproduktion sind Interviews mit Sexarbeiterinnen, die Mitrabeiterinnen der  werkgruppe2 im letzten Jahr geführt haben. Der Einblick in diese Welt, die zur Hälfte eben auch kleinbürgerliche Welt ist, gelingt entspannt und locker und ohne den Missionseifer einer Alice Schwarzer, ohne den moralischen Stinkefinger eine Alice Frohnert und auch ohne die schräge Lyrik und Romantik einer Domenica Niehoff. Die werkgruppe2 hilft, Klischees und Vorbehalte zu überwinden, dafür bedankt sich das Publikum zum Schluss mit stehenden Applaus. Damit ist Rotlicht auch Therapietheater.

Drei Musikerinnen betreten die Bühne und bringen im Ambient-Sound dem Publikum den Slogan des Abends nahe: Ruf mich an! Das bleibt im Kopf und für die Umsetzung wird gesorgt. Schon im Foyer ist die Aufforderung zu lesen: Handys anlassen. Eine Laufschrift gibt die Kontaktdaten von Dienstleisterinnen und Etablissements in Göttingen bekannt. Merke, Prostitution ist überall, nicht nur im Hinterhof.

Sieht aus wie Herbertstraße mit Musik. Foto: DT Göttingen
Das Licht geht an und gibt den Blick frei auf eine Herbertstraße-Optik. Hinter fünf Schaufenstern wird die Ware feilgeboten. Ruf an mich! ist immer noch die Aufforderung ans Plenum.Das Publikum soll kein Zuschauer bleiben, darf nicht unbeteiligt sein, sondern muss Freier werden oder wenigstens Stichwortgeber für die neun Lebenswege. Damit wird Rotlicht auch zum Mitmachtheater.

Ob nun Anna, Katharina, Barbara oder Gerda. Das Telefon klingelt, ein paar falsche Komplimente werden gewechselt und die Hure verlässt das Aquarium, tritt auf die Bühne, wendet sich ans Publikum, das Licht wird intimer und die Hure erzählt aus ihrem Leben, von ihrer Arbeit. Damit ist Rotlicht auch Talkshowtheater.

Was in den neun Bericht drinsteckt, hat das Potential, Vorbehalte und  Klischees über Bord zu werfen. Prostitution ist eine moderne Dienstleistung und Sexualität wird überschätzt und man muss trennen zwischen Sex und Liebe. Hure ist kein Schimpfwort, sondern ein Kampfbegriff. Das Machtverhältnis zwischen Hure und Freier ist nicht schwarz-weiß sonder ambivalent. Soweit die positivie Seite, aber es gibt auch die andere: Zuhälter, Gewalt und Not. Von beiden Seiten erzählen die neun Huren unprätentios, ehrlich und ohne Pathos. Das Publikum quittiert manches mit Kichern. Darum ist Rotlicht Entkrampfungstheater

Doch dann fragt Sveta: “Warum geht Frau auf Straße?” Neunzig Prozent tun es aus Not und im Theater kann man die Stille hören, als Sveta erzählt, wie sie und ihre Kinder in Bulgarien fast verhungert wären. Das ist wahrscheinlich der intensivste Moment in den 2 Stunden 15 Minuten.

Hinter jeder Hure in Deutschland stecke eine eigen Biografien. die Produktion vermittelt den Eindruck, als wolle sie alle einfangen, als wolle sie alle Spielarten der Prostitution zeigen. Doch das Konzept “Frau hinter Scheibe, Anruf, Frau auf Bühne und dann Monolog”, die theatralische Missionarsstellung an diesem Abend, kann den Anspruch nur bedingt tragen, Abnutzungen beim Dialog mit dem Publikum werden schnell deutlich. Interaktion zwischen den Schauspielerinnen und den Akteurinnen und den Musikerinnen findet nicht statt. Jede stricht für sich allein? Der Huren-Talk wird zur Dauerberieselung. Erst der Doppelauftritt von Ana und Elena, den rumänischen Zwangsprostituierten druchbricht das Schema F. Doch der Anspruch bleibt und damit ist Rotlicht auch Bekehrungstheater.

Doch am Ende bleibt eine ungewöhnliche Inszenierung, die ohne Verkrampfung und auf eigene Art und Weise Einsichten in die Realität bietet und die verstehen hilft, die eine neue Sicht bietet auf ein Milieu, das sonst von Moralin durchtränkt ist. Dafür hat Rotlicht Applaus verdient.

Die nächsten Vorstellungen

Das Stück in der Selbstdarstellung


Selbes Haus, ähnliches Thema, andere Sicht: Das Fräulein Pollinger