Donnerstag, 9. November 2017

Nur im Ansatz gelungen

Hohe Ansprüche: "1984" am Theater für Niedersachsen 

Big Data ist Big Brother. Unter diesem Leitsatz inszenierte Reiner Müller am Theater für Niedersachsen die Bühnenfassung von Orwells Klassiker "1984". Doch die Premiere am Sonnabend zeigte, dass die eigenen Ansprüche nur teil umgesetzt werden konnten. Der Aktualitätsanspruch fehlt über weite Strecken.Es bleibt die Darstellung eines totalitären Staatsapparates.

Die Anbindung sind die Jetztzeit sind ja da. Das Bühnenbild von Eva Humburg strotz nur so vor Computern und Bildschirmen. Bildschirme als Möbel, als Hocker, als Kletterhilfe, als Lebensinhalt. Die Blaumänner im Hoodie-Look mit modischen Sneakern verweisen auf Jetzt-Eben-Gerade. Das war es dann auch schon erst mal mit der Aktualität. Die Bezüge zu Big Data bleiben vorerst ein Versprechen, das nur zaghaft eingelöst wird.

Total fit und entspannt in die Hass-Woche.
Foto: TfN/Westhoff
Die Inszenierung von Reiner Müller ist eher die Entdeckung der Langsamkeit auf dem Datenhighway. Immer wieder sind dort Lücken im Textfluss, Pause reiht sich an Pause, Auftreten und Abtreten ist die einzige Bewegung und die Protagonisten stehen nur herum. Wenn Parsons zum wiederholten Male von den Heldentaten seines Sohnes berichtet, dann grüßt wenigstens das Murmeltier. Oder ist es der Total Recall?

Das ersten Aufeinandertreffen von Winston und Julia ist sogar noch einer überraschenden Lyrik geprägt. Fast möchte man mit dem Liebespaar träumen. Die junge Mutter an der Wäscheleine wird später noch einmal solch lyrische Momente erzeugen

Das ist völlig anders als erwartet. Es gibt dem Zuschauer aber die Zeit, seinen Assoziationen und Vergleichen freien Lauf zu lassen. Somit kann jeder seine Parallelen zwischen Orwells Neusprech und den aktuelle Sprachverzerrungen durch PC und Gute-Laune-Kultur ziehen.

Erst nach der Pause nimmt die Inszenierung an Fahrt auf und das Geschehen beschleunigt sich.  Müller und Humburg schaffen es bis dahin, erschreckende, eindringliche Bilder zu produzieren. Da ist die Erschießung vor laufender Kamera. Die Gefangenen mit Tüte auf dem Kopf rufen Erinnerungen an Abu Graib wach. Als das Kind mit dem Finger die Ränge und das Parkett abfährt und das Publikum warn "Big Brother is watching you", da stockt kurz der Atem.

Denunziantentum ist keine Altersfrage und man muss auch vor denen in Acht nehmen, die man bisher für unschuldig und schutzlos hielt. Das System der Bespitzelung kehr somit die Verhältnisse um.  Der Kleine und Schwache muss sich nur an den Großen Bruder hängen.

Gut herausgearbeitet sind auch die Gruppenprozesse in der Hass-Woche. Auf der Bühne geschieht dies analog, doch es wird klar, dass ähnliche Prozesse in der digitalen Welt tagtäglich so ablaufen. In der Gruppe ist der Einzelne viel leichter zu manipulieren.

Nach der Pause nimmt das Tempo zu. Das harte Regime wird immer wieder mit den Bildern der vermeintlichen Idylle in Charringtons Hinterhof kontrastiert. Die Vergangenheit wird zum Zukunftsentwurf weil die Gegenwart so grausig. Doch die Idylle ist inszeniert und bei Orwell steckt jede Menge Matrix drin.

Big Brother is watching you.
Foto: TfN/Westhoff
Was aber bleibt, das sind die schockierende Darstellung  der Folter und der erneute Anklang an die bilder aus Abu Graib.

Moritz Koch wirkt in der Rolle der Hauptfigur Winston seltsam gehemmt. Seine Gestik ist an diesem Abend steif, gleich gilt für die Sprache. Er ist nicht in der Lage, eine Beziehung zu den anderen Darstellern herzustellen. Das ist wohl Absicht, sollte als diese aber besser gekennzeichnet werden.

Martin Schwartengräber in der Rolle des Mitläufers Parsons wirkt da echter, echter als begeisteter Vater eines Jungdenuzianten und echter als Verratener und als Delinquent. Totalitäre Systeme zereißen auch Banden, die man für natürlich hielt. Der Eltern-Kind-Verhältnis wird umgekehrt.

 In der Rolle der Julia bringt Katharina Wilberg einen Hauch Menschlichkeit in das Stück ein. Sie macht glaubhaft, das Julia im Gegensatz zu Winston eher aus Eigeninteresse rebelliert. Den hehren Zielen Winstons setzt sie








TfN #1: Der Spielplan
TfN #2: Das Stück

Orwell #1: Soldat im spanischen Bürgerkrieg
Orwell #2: Das Buch
Orwell #3: Die Bühnenfassung



Dienstag, 24. Oktober 2017

Von Menschenfeinden und Hundehassern

"Die Hundegrenze" ist eine Dokumentation mit Theatermitteln

Eine Menschenleben zählte an der innerdeutschen Grenze nicht viel und ein Hundeleben schon gar nicht. Dies zu zeigen, das gelingt Christian Georg Fuchs in seiner Inszenierung von "Die Hundegrenze" auf beklemmende Weise. Am Sonntag war Premiere im Theater unterm Dach

Ausgangspunkt der Aufführung ist die gleichnamige Reportage von Marie-Luise Scherer. 1994 widmete sie sich im Spiegel auf beeindruckende Weise einem Kapitel der deutschen Trennung, das bis dahin weitestgehend vergessen war. Es ging um die sogenannten Trassenhunde, um jene Vierbeiner, die einst die Grenze bewachten. Angekettet und isoliert waren sie dem Wetter ausgeliefert. In einem unmenschlichen System standen die Tiere auf der untersten Stufe.

Die emotionslose und klare Sprache, die die Reportage prägt, verdeutlicht die Unmenschlichkeit, das Fehlen jeglicher Empathie. Fuchs orientiert sich an eben diesem Stil. Er über nimmt ganze Passagen aus der Reportage. Sein Vortrag und der Vortrag von Ronald Mernit ist ebenso emotionslos und vor allem bürokratisch kühl. Nur selten heben sie ihre Stimmen im Stakkato, um ein Detail zu betonen.

Schween findet Gefallen an dem Mischling Alf. 
Alle Fotos: TNLos!
Gerade dieser Bürokraten-Sprech und Kasernenhofton sind es, die einem die Kehl zuschnüren. Sie machen dieses Stück so bedrückend. Fuchs gelingt es, die Perfektion, mit der die Westgrenze der DDR gesichert war, in all ihrer Perversität darzustellen.  Dagegen ist das Bellen der Schauspieler, wenn sie in die Rolle der Hunde verfallen, nervenzertrümmernd. Eine eindringliche Darstellung der tierischen Not.

Die Inszenierung ist einer der seltenen Glücksfälle in denen ein Thema ohne Verlust oder Verzerrung  das Genre und die Darstellungsform wechsel. Der Sprechtext stammt durchweg von Marie-Luise Scherer. Christian Georg Fuchs ist es gelungen, die kalte Atmosphäre der Reportage adäquat einzufangen und umzusetzen. Kaltschnäuzigkeit sozusagen.

Schon das Bühnenbild spricht eine eindeutige Sprache und die Sache ist klar, noch bevor die beiden Darsteller die Studiobühne betreten. Ein langer Tresen trennt Zuschauerraum von der Spielfläche. Oben auf dem Tresen werden mit den Mitteln des Modellbaus die Grenzanlagen simuliert. Selbst der härteste aller Kritiker versteht den Bau sofort, obwohl er lange nach dem Fall der Mauer geboren wurde.

Das optische Gruseln kann man noch steigern. Christian Fuchs und Ronald Mernitz werden hier ein Modell jener Trassen installieren, an denen die Tausende von Hunde im Dienste der Grenzsicherung verkümmerten. Sie ersparen dem Publikum nichts. Manche Dinge sind so abstrus, dass sie gezeigt werden müssen weil die Vorstellungskraft allein nicht ausreicht. In diesem Detail kristallisiert  die ganze Monstrosität der Grenze.

Fuchs und Mernitz konzentrieren sich auf die wenige Personen. Damit gelingt es ihnen, das System von der Entstehung bis zum Ende darzustellen und zugleich verschärfen sie damit die Aussagen über die Perfektionierung. Wo es keine Menschlichkeit gibt, ist erst recht kein Platz für Tierliebe.

Moldt komponiert seine Sinfonie der Hundearten.
Foto: TNLos!
Sie zeigen die Pole, die sich diametral gegenüber stehen. Da ist der Veterinäringenieur Schween, dessen Aufgabe es ist, für den Nachschub an Hunden zu sorgen und sein Bedarf ist groß. Aber sein Netzwerk funktioniert.

Da ist der Züchter Pandosch, der mit Schween auch ein System an Gefälligkeiten unterhält.  zu sorgen. Da ist der Grenzaufklärer und Berufssoldat Moldt, der ab 1966 das System der Trassenhunde entwarf und die Bestückung mit unterschiedlichen Hundetypen als Form der Komposition sah. Dazu gesellt sich ein Formular, dass alle Eigenschaften der Hunde normiert. Selbst das Grauen folgt eine gewissen Ästhetik.

Dann gibt es noch den Grenzaufklärer Schoschies und Wilhelm Tews. Zwischen dem Berufssoldaten und dem Grenzbewohner entwickelt sich ein inniges Verhältnis und auch gegenseitige Abhängigkeiten. Für Tews kann Schoschies mal fünfe gerade sein lassen. Es menschelt.

Mit einfachen Mittel schaffen Fuchs und Mernitz es, ein komplexes Gefüge darzustellen. So dienen  zwei Schnapsgläser als Symbole der Verbrüderung und Pilze stehen für die gemeinsamen Schummeleien. Diese Momente der Humanität sind die literarischen Augenblicke der Inszenierung und kontrastieren gekonnt die Strenge des Apparates. Ausführlich stellen Fuchs und Mernitz das Elend der Hunde dar, die den Unbillen des Wetters, der winterlichen Kälte und der sommerlichen Hitze schuldlos ausgesetzt sind

Wenn Tews aus Schoschies trifft, dann menschelt es.
Foto: TNLos!
Emotionaler Gipfle ist die Katastrophe vom Lankower See. Linientreue verurteilt hier sieben Hunde zum Tod durch Ertrinken. Doch Schoschies setzt sein Leben aufs Spiel, um wenigstens einen von ihnen zu retten. Mit der Aussage "Menschlichkeit ist doch möglich gewesen" endet das Stück folgerichtig hier.

Der Anteil  des Figurentheaters ist geringer als angekündigt. Lediglich wenn die Hunde in den Fokus treten, bedienen sich Fuchs und Mernitz der Puppen und Masken. Das überrascht auf den ersten Blick, macht aber deutlich, dass Deutschland nicht durch eine Hundegrenze getrennt wurde. Menschen haben das Ding gebaut.

Einzig mit der Altersempfehlung kann man hadern. Freigeben ist das Stück ab 14 Jahre, aber nicht jeder Teenager ist wohl in der Lage, das Gezeigte richtig einzuordnen. Aber Gekicher ist ein Indikator dafür, dass auch manch Erwachsene überfordert sind mit der Monstrosität des Gezeigten.





Theater Nordhausen #1: Der Spielplan
Theater Nordhausen #2: Das Stück

Material #1: Die Reportage im Spiegel

Partner #1: Studio 44 - Die Website
Partner #2: Grenzlandmuseum Eichsfeld





Sonntag, 22. Oktober 2017

Ballett mit viel Musical-Appeal

Premiere von Romeo und Julia am Theater Nordhausen

Was Tanztheater anbelangt, da ist Nordhausen derzeit der Hotspot in Thüringen und Mitteldeutschland. Das hat die Premiere von "Romeo und Julia" am Freitagabend mal wieder bewiesen. Ivan Alboresi legt eine Choreographie vor, die durch Vielfalt und Tiefe überzeugt. Das überraschend junge Publikum war begeistert, zu Recht.

Die Werk des Neo-Romantiker Prokofjew zwichnet sich durch eine umfangreiche Klangsprache und chromatische Wendungen aus. Ähnlich umfangreich ist die Formsprache und Ausdruckstiefe einer Alboresischen Choreographie. Damit passen die Musik des Russen und Nordhausens Ballettchef so gut zueinander.

Doch der Auftakt verläuft ohne Musik und ist deswegen so eindrucksvoll. Als Chor steht die  Tanzkompagnie auf der blanken Bühnen. Aus dem Off tönen Shakespeares Zeilen von überlassen. Ganz ohne Musik und zu dem Zeilen Shakespeares von den zwei Häusern, die einander im Hass zugewandt sind. Die Choreographie beginnt und die Tänzerinnen und Tänzer umschlingen einander und stoßen sich ab und umschlingen wieder einander.

Mercutio ist der Star der jungen Damen.
Alle Fotos: András Dobi
Die Themes sind damit gesetzt und die erste Marke ist auch gesetzt. Es wird klar, dass das Primat dem Tanz gehört und nicht der Musik.

Die Bühne wird dunkel und die Musik setzt ein. Als die Ouvertüre verklungen ist, ist die eben noch blanke Bühne völlig verwandelt. Drei Elemente simulieren eine norditalienische Piazza. Die Gebäudeteile umringen die Tanzfläche und wecken Assoziationen an eine Arena.

Die Clique der Montagues hat den Raum besetzt, das ist ihr Revier und das ist jugendliches Gehabe seit mehr als 400 Jahren. Das Shakespeare-Zitat zum Start war nur eine Fährte. Diese Inszenierung orientiert sich in weiten Teilen an der West Side Story orientiert. Ivan Alboresi macht da auch keinen Hehl raus.

Die Mischung von klassischen Elementen und Modern Dance ist ein Kennzeichen des Nordhäuser Ballettchef. Damit hat er sich und seiner Kompagnie eine enorme Formenvielfalt und Ausdrucksstärke erschlossen. Er ist schon auf dem Weg dahin, stilbildend zu wirken.

In dieser Choreographie geht er noch einen Schritt weit. Alboresi gibt eine deutliche Portion Jazz-Dance hinzu. Damit erweitert es den Ausdrucksraum noch einmal deutlich. Sein Romeo und seine Julia haben reichlich Musical-Appeal.

Diese Inszenierung versprüht jede Mengen Jugendlichkeit und auch pubertäres Gehabe. Der High Five gehört ebenso dazu wie testosterongeschwängerte Gockel und zu Tode betrübte Dauergrübler. Alboresi schafft es spielend und spielerisch nachzuweisen, dass das Romeo & Julia-Thema existenziell ist. Das menschliche Verhalten ist geblieben, nur die Umstände ändern sich.

Julia wird wie eine Trophäe zur Schau gestellt.
Alle Fotos: András Dobi
Das Spiel mit den Versatzstücken der Pop-Kultur ist überraschend und erfrischend. Zweimal wird der Kampf der Montagues und der Capulets verwandelt sich in eine Keiler aus dem Hause "Bud Spencer und Terence Hill". Auch die Damen wird hier ordentlich zulangen Unterbrochen wird die Hauerei von zwei Slow Motion-Sequenzen mit einer ordentlichen Portion Matrix. Großartig und das Publikum versteht die Verweise. Deswegen antwortet es immer wieder mit Szenen-Applaus. Das ist die Interaktivität des Liveerlebnis.

Zumal die Kostüme von Anja Schulz-Hentrich ganz der Jetzt-Zeit verhaftet sind und eine eindeutige Sprache sprechen. Damit liefert sie einen wichtigen Baustein in diesem gelungenen Gesamtkonzept.

Überhaupt greift Alboresi auf filmische Mittel zurück. Einzelne Szenen sind mit einem harten Schnitt getrennt. Keilerei - Cut - Maskenball. Der Vorhang hebt sich und es ist vorbei mit der West Side Story. Barocke Opulenz bestimmt das Bühnenbild. Mit jeder Menge Gold stellen die Capulets ihren Reichtum zur Schau. Zudem soll Töchterchen Julia mit Graf Paris verlobt werden.

Hier greift Alboresi verstärkt auf klassische Elemente zurück, um die Verkrustung des höfischen Lebens zu verdeutlichen. Viel Spitze und Hebefiguren und die Arme immer weit oben. In dem schwarz-goldenen Spektakel wirkt Julia wie ein Störkörper, wie eine Meteorit, der in diesem Planetensystem bald verglühen wird.

Großartig tanzt Konstantina Chatzistavrou die Ablehnung ihres Verlobten. Immere wieder taucht sie ab und entwindet  sich dem Zugriff des Prinzen und ihrer Mutter, um dann doch zu scheitern. Genauso beeindruckend tanzt hier Gabriela Finandi die Lady Capulet mit breitem Kreuz und dominanter Haltung. Mit welcher Beharrlichkeit sie die Tochter dem Prinzen zuführt, das liegt irgendwo zwischen Viehmarkt und Prostitution. Aus dem Kontrast zum höfischen Gehabe ergibt sich ein umfassendes Bild einer Gesellschaft, in der der Einzelne in ein festes Gefüge eingepasst wird.

Den Massenszenen im Musical-Manier stehen die intimen Pas de Deux-Szenen der Titelhelden gegenüber. Kraft und Dynamikt wir hier ersetzt durch Poesie und Leichtigkeit. Hier setzt Alboresi wieder auf die Klassik und  Konstantina Chatzistavrou und Joseph Caldo ergänzen sich wunderbar.

Momente voller Lyrik und Poesie. 
Alle Fotos: András Dobi
Der heimliche Star in diesem Abend ist aber Ruan Martin in der Rolle des Mercutio. Mit enormer Dynamik entwickelt er eine beeindruckende Bühnenpräsenz und beherrscht die Tanzfläche eindeutig. Das Konzept aus Klassik, Modern und Jazz setzt er in eindeutiger Weise. Deswegen gehört sein Taumeln in den Tod verlangt ein Höchstmaß an Körperbeherrschung und gehört zu den beeindruckensten Momenten eines an Höhepunkten reichen Abend.

Dieser Tod stellt einen deutlichen Cut dar. Die bisher so helle und optimistische Inszenierung ändert ihren Ton und wird von dunklen Bildern dominiert. Das Tempo nimmt deutlich zu und die schräge Ebene neigt noch einmal Richtung Abgrund. Mit den Totschlag des Tybalts verliert Romeo seine Unschuld und sein Ableben ist damit fast schon zwangsläufig.   

Die Bühnenbilder von Ronald Winter sind das optische Äquivalenz zur Formenvielfalt Alboresis. Der Wechsel zum Maskenball der Capulets sorgt für "Ooohh"-Momente, aber ansonsten sind die Änderungen nur minimal, aber deutlich. Mit wenigen Variationen erzeugt Winter deutliche Unterschiede im Eindruck. Großartig sind die Szenen, in denen das Bühnenbild selbst Teil der Choreographie wird.

Zwar steht der Abend eindeutig im Zeichen der Tänzerinnen und Tänzer, dennoch verschwindet das Loh-Orchester unter der Leitung von Henning Ehlert nicht hinter der Kompagnie. Das Ensemble schafft es, die vielen chromatischen Wendungen und überraschenden Klänge zu transportieren  und dabei doch transparent zu bleiben. Das Loh-Orchester macht sowohl die Lyrik der Julia als auch die Dominanz der Capulets in gleicher Weise erfahrbar.

Mit dieser Inszenierung ist Ivan Alboresi mal wieder ein großer Wurf gelungen. Er versteht es wunderbar, theoretische Überlegungen zur Wertigkeit unterschiedlicher Tanztraditionen in eine leichte und beeindruckende Choreographie umzusetzen. Unterstützt wird dies durch die vielen Bausteine, die ein geschlossenes Konzept ergeben ohne kopflastig zu sein.






Theater Nordhausen #1: Der Spielplan
Theater Nordhausen #2: Romeo und Julia als Ballett 2013

Sergej Prokofjew #1: Die Biographie
Sergei Prokofjew #2: Romeo und Julia

Enzyklopädie #1: Das Thema in anderen Auflösungen






Dienstag, 17. Oktober 2017

Nur bedingt tauglich

Das DT belebt Brechts Puntila und dessen Knecht Matti

In einer Friede-Freude-Eierkuchen-Ära unbequeme Fragen zu stellen, die Wohlfühl-Politik mit dem Thema Macht und Herrschaft zu kontern, ist grundsätzlich löblich. Das war der Ansatz von Christoph Mehler. Doch seine Inszenierung von "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Deutschen Theater in Göttingen erfüllt die selbst gesteckten Ziele nur zum Teil. Was ein Kommentar zur Zeit sein könnte, gerät über weite Strecken zur historisierenden Schaustellung.

Als das Licht angeht, geht der Blick ins Leere. Die Bühne ist komplett abgeräumt und es das Bühnenhaus ist nackt. In der Ferne baut sich der Chor auf und eine Stimme schüttelreimt den Anfang. Hier ist die Aufführung Brechtischer als Original. Die zahlreichen Nebenrollen hat Christoph Mehler in einem Chor zusammengefasst, der in vielen Stücken Brechts eine große, kommentierende und reflektierende Rolle spielt.

Noch ist der Herr bei Sinnen und bestimmt nicht
nüchtern.  Foto: Georg Pauly
Doch der Puntila-Chor hat eher den Charakter der manipulierbaren und gesichtslosen Masse. Und er ist das Werkzeug der Mächtigen, nicht zu übersehen  bei der Vertreibung des Attachées. Zumindest die Besetzung hätte dem Autor wohl gefallen. Alle 18 Chormitglieder sind Laiendarsteller.

Die Reduzierung auf die vier Personen Gutsherr, Tochter, Attaché und Chauffeur ermöglicht zwar die Konzentration auf die vier Handlungsträger, nimmt aber viele Reflexionsmöglichkeiten. Die Inszenierung gerät fast zur One-Man-Show und zum Monolog. Nur an wenigen Stellen wie der Badehaus-Szene oder der Prüfung der Eva wird die Dominanz der Titelfigur gebrochen. Aber der Beherrscher ist nicht mehr Elaborat einer sozialen Schicht und Ausstellungsstück eines gesellschaftlichen Umfeld sondern nur Produkt seiner selbst. Dadurch geht viel Brecht'sche Gesellschaftsanalyse verloren.

Verbunden ist diese Reduzierung auch mit Brüchen im Erzählstrang. Manchmal holpert es deutlich,  der Kontext geht verloren und nicht nur das Publikum wirkt orientierungslos. Hier sollte dramaturgisch noch einmal feinjustiert werden.

Auf jeden Fall ist der Herr Puntila Gabriel von Berlepsch auf den Leib geschrieben. Er hat eine diebische Freude an dieser Rolle und gehört damit zu den Höhepunkten in dieser Aufführung. Sein Puntila ist angelegt irgendwo zwischen Nosferatu und Charles Montgomery Burns. Richtig, der Chef von Homer Simpson.

Da sind sie alle schön versammelt.
Foto: Georg Pauly
Leider ist dies die einzige Anleihe an die Jetztzeit. Optisch steckt der Rest der Inszenierung irgendwo zwischen Klassizismus und 1940er Jahre fest. Mehr Mut zur Aktualität hätte der Aufführung durchaus gut getan.

Volker Muthmann  bekommt in der Rolle des Matti nur wenig Gelegenheiten, sein Potential auszuschöpfen. Leider gerät seine große Szene, die Examierung der Eva, zu einer Orgie häuslicher Gewalt. Die kommt unmotiviert daher und liefert doch die prägnanteste Aussage diese Inszenierung. Macht basiert auf Gewalt und wer beherrscht wird, der möchte auch mal unterdrücken und sei es mit Gewalt.

Dieses System ist so allgegenwärtig und umfassend, dass man sich dem nicht entziehen kann. Deswegen bleibt Matti in dieser Inszenierung entgegen der Vorlage seinem Herren treu und verharrt im Kreislauf aus Suff, Herrschaft und Gewalt.

Die einzige Figur, zu der das Publikum eine emotionale Bindung entwickelt ist Puntilas Tochter Eva. Doch man möchte fast schon Mitleid mit Dorothée Neff in dieser Rolle haben. Schnell mutiert sie von der verzogenen Nervensäge zur echten Person und damit zur Verfügungsmasse ihres Vaters. Der reicht sie herum wie einen Strauß weißer Rosen. Letztendlich ist sie das Opfer männlicher Gewalt und ist damit die große Verliererin. Aber Neff macht diesen Prozess glaubwürdig und erfahrbar.

Bei aller Sympathie für den Versuch, die Frage nach Herrschaft mal wieder zu stellen, bleibt in dieser Inszenierung ein durchwachsener Gesamteindruck und das Gefühl, dass hier irgendwann mal der Faden verloren ging.








DT Göttingen #1: Der Spielplan
DT Göttingen #2: Die Inszenierung

Brecht #1: Leben im Exil
Brecht #2: Das Stück







Montag, 16. Oktober 2017

Eine Reise zurück in die Gegenwart

Philippe Djian liest beim Göttinger Literaturherbst

Einen Roman mit einer Vergewaltigung zu beginnen, so etwas traut sich nur Philippe Djian. Am Sonntag stellte er bei Göttinger Literaturherbst seinen Roman "Oh ..". Mit seiner Reise zurück in die Gegenwart beweist er, dass er immer noch zu den Autoren gehört, die wirklich etwas zu sagen haben.

Die zentrale Figur in einem vertüddelten Geflecht ist Michèle, eine Frau Mitte 50. Die Mitinhaberin einer Filmproduktionsfirma ist geschieden, Mutter eines Sohnes auf der Suche nach sich, hat ein Verhältnis mit Robert, dem Mann ihrer Geschäftspartnerin. Seit Jahrzehnten weigert sie sich, ihren Vater im Gefängnis zu besuchen, der einst ein solch ungeheuerliches Verbrechen begangen hat, dass Michèle und ihre Mutter lange Jahre nicht nur der sozialen Ächtung ausgeliefert waren, sondern auch im sozialen Koma lagen. In der Vorweihnachtszeit wird sie von ihrem Nachbarn vergewaltigt. Erst allmählich begreift sie, was passiert ist, und Schicht für Schicht schält sie Vergangenheit und Gegenwart frei.

Das ist die Ausgangslage in diesem Roman, der in Frankreich immerhin mit dem Prix Interallié belohnt wurde. Unter dem Namen "Elle" wurde das Werk mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle verfilmt, doch damit hat der Autor so seine Schwierigkeiten.

Die Filmpremiere liegt schon drei Jahre zurück, die Buchpremiere immerhin schon fünf und der Prix Interallié ist mitnichten eine Wald- und Wiesen-Auszeichnung. Die deutsche Erstausgabe kam seinerzeit fast geräuschlos in die Regale, die Taschenbuchausgabe folgte erst in diesem Jahr. Vielleicht liegt es daran, dass Autoren im deutschsprachigen Raum nur sehr schwer einer Schublade entfliehen können, in die sie einst gesteckt worden. Selbst dann klebt ihnen immer noch das Etikett auf der Stirn.

Das Dreigestirn: Der Autor, die Dozentin und die
Vorleserin. Foto: Kügler
Djian wird in Deutschland immer noch in die Ecke "Jugendlicher Überschwang und literarischer Roadmovie" gesteckt. Dabei liegt Zorg-Triologie schon dreißig Jahre und 25 andere Bücher zurück und außerdem geht der Mann auf die 70 zu. Damit ist er der letzte lebende Vertreter einer Generation, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts verwurzelt ist. Das Erbe der Beatniks hat er mit "Oh ..." aber in das 21. Jahrhundert hinübergetragen.

Die permanente Unterschätzung drückt auch die Unfähigkeit der Kritik aus, sich auch veränderte Situationen, auf veränderte Akteure einzustellen. Denn das alte Etikett passt nicht mehr auf diese Geschichte. Um es ganz einfach zu sagen: Djian ist gereift und öffnet sich und seinen Leserinnen und Leser neue Perspektiven. Da sollte sich auch die Kritik umstellen.

Es ist eine Mischung aus bewährt, erwartet und neu, die diese Lesung zur Überraschung macht. Sage und schreibe 17 Jahre ist Djians letztet Auftritt beim Göttinger Literaturherbst her. Doch der Mann hat deutlich gewonnen. Heißer Herbst war damals vor allem geprägt von den Verlustängsten eines alten Mannes.

"Oh .." ändert die Perspektive. Eine Frau wird zur Ich-Erzählerin. Fast schon revolutionär für einen Autor, der vielen als Dino-Saurier des Machotums gilt. Später wird Djian im Gespräch zugeben, dass er diese Perspektive bewusst gewählt habe, gerade weil sie lückenhaft bleiben muss. Als Mann könne er gar nicht wissen, was eine Vergewaltigung in allen Aspekten bedeutet.

Es entspinnt sich eine gewisse Parallelität an diesem Abend. So wird Michèle mit der häppchenweisen Verarbeitung der jüngsten Gewalterfahrung das Desaster ihrer Kindheit bewältigt, sorgt der Dialog zwischen Autor und Romanistin dafür, dass sich dem Publikum die vielfachen Ebenen von "Oh ..." häppchenweise erschließen.

Erst einen Text vortragen und dann darüber reden ist sicherlich für manche ein antiquiertes aber bestimmt kein überholtes Konzept. Selbst nicht bei Autoren, die sich einst um keine Konventionen kümmerten. Hier sorgt es dafür, dass man nicht von der Monstrosität der Geschichte überwältigt wird. Denn Michèle wird ein Verhältnis mit ihrem Peiniger eingehen.

Nein, ein Thriller sein dieses Buch nicht, betont Djian im Gespräch. Es sei eher ein Roman noir. Ja, das trifft es. Beim Lesen entstehen Bilder in schwarzweiß, die einem Film von Truffaut, Melville oder Goddard gleichen.  Was geblieben ist, ist diese lakonische Erzählweise, die reduzierte Sprache, die aber am besten geeignet ist, das darzustellen, was eine drastische Realität sein könnte.

Der Dichter hat wohl selbst
Ehrfurcht vor seinem Werk.

  Foto: Kügler
Dort, wo andere viele verbale Ranken um banale Dinge herumschmieden, lässt Djian mit wenigen Worte eine Szenerie entstehen, die man für wirklich hält und zwar bis in die verletzten Seelen seiner Protagonisten.

Der Djian-Sound ist immer noch geprägt von kurzen Sätzen, die manchmal bis ins Mark treffen und regelmäßig in ein Stakkato übergehen. Er ist ein Meister der Synkope, der Betonung außerhalb des Erwarteten. Das erzeugt die Spannung außerhalb der Geschichte.

Ein Satz und du bist mittendrin. Djian ist immer noch ein Magier des Start. Von Anfang an zieht er in den Bann oder eben nicht. Das sei auch seine Arbeitsweise. Wenn er anfange zu schreiben, dann sei dort eine Idee und der Rest komme später hinzu, erläutert der Autor. Wohl deswegen wirken Djian-Romane nicht durchkonstruiert sondern lebendig

Wie man auf diese Weise jedes Jahr einen Roman fertig kriegt, das Rezept verrät er aber nicht. Es drängt sich aber der Verdacht auf, dass Jüngere sich bei diesem Stil und dieser Arbeitsweise akuter Infarktgefahr ausliefert würden.

Aber eins verrät er noch, den Mut zur Lücke. Dabei geht nicht nur um das bereits erwähnte Eingeständnis des männlichen Unverständnis einer Vergewaltigung. Ganz bewusst lasse er Dinge aus, erzähle nicht alles bis zum Ende. In diese Lücken stößt dann die Fantasie des  Publikums vor. Djian nimmt seine Leser für voll und überlässt ihnen den letzten Schritt bei der Rezeption, anstatt alles vorzukauen. Dafür müssten die Erwachsenen ihm unendlich dankbar sein.

Denn er sei  nicht an Geschichten, nicht an Storys interessiert, die seien zweitrangig, erklärt der Meister. Entscheidend sei die Darstellung. Aus dem Rockstar des Literaturbetriebs ist der Erhabene, der Formverliebte geworden. Das kann man glauben, muss man aber nicht.  Auf jeden Fall ist der Franzose in diesem Jahr zum Ehrengast der Frankfurter Buchmesse geworden. Das wäre vor 30 Jahren undenkbar gewesen. Es wird nicht ganz klar, wer hier mehr an der Legendenbildung beteiligt ist. Literaturbetrieb als Integrationsmodell. Das enfant terrible ist  zum Monument geworden, aber nicht versteinert. Trotzdem gleitet der Abend gelegentlich in die Huldigung ab.

Um dies zu untermauern schiebt Djian hinterher, das der Kern von "Oh ..." nicht die Vergewaltigung sei sondern die Störung des Lebens, das invasive Ereignis und dessen Folgen. Die Kontrolle über das Leben zurückzugewinnen das stehe im Vordergrund. Wichtig für seine Figur der Michèle sei auch, ob man noch in der Lage sei etwas Verrücktes zu tun. Dabei gerate das Alter in den Hintergrund, bemüht er ein Stereotyp.

Je länger der Abend dauert, desto eloquenter wird Djian. Der angry old man mutiert  immer mehr zum geistreichen Plauderer. Das Publikum profitiert davon, denn es öffnen sich immer Tür zum Verständnis dieses Buches

Nach anderthalb Stunden bleiben keine Fragen mehr offen und in die Lücken, die dann doch bleiben, kann die Fantasie der Zuhörerinnen und Zuhörer stoßen. Auf jeden Fall bleibt die Erkenntnis, dass sich Djian neu erfunden hat und damit noch wertvoller ist als je zuvor.





Göttinger Literaturherbst #1: Das Programm

Philippe Djian #1: Die Biographie
Philippe Djian #2: Das Buch





Dienstag, 3. Oktober 2017

Ein leichtes Spiel für Jago

"Otello" am Theater Nordhausen zeigt Studie eines rasanten Verfalls

Zum 100. Geburtstag hat sich das Theater mit Verdis "Otello" mit einer Ausstattungsoper erster Güte selbst beschert. Die Inszenierung von Anette Leistenschneider pflegt die traditionelle Aufführungspraxis und erfreut die Freunde werkimmanenter Interpretationen. Unter der Leitung von Michael Helmrath zeigt das Loh-Orchester eine begeisternde Leistung, die alle Anforderungen übererfüllt.

Musikalisch packt Verdi in diesem Spätwerk alles aus. Die Arbeit an seine Wunschprojekt beginnt er 13 Jahre  nach der Uraufführung der Aida. Das liegt auch daran, dass Arrigo Boito ein Liebretto vorlegt, dass Shakespeares Werk noch einmal straffte. Konzeptionell bedeutet diese Oper für Verdi einen weiteren Schritt nach vorn. Mit Otello wendet sich der Komponist endgültig von der Nummernoper ab und legt ein Stück aus einem Guss vor, durchkomponiert von der ersten Note bis zum traurigen Ende

Die Ouvertüre ist klanggewaltig. Sie lässt einen gewaltigen Sturm über das Publikum hinwegbrausen, begleitet vom Chor. Das Loh-Orchester nutzt gleich die erste Chance, um die eigene Klasse unter der Leitung von Michael Helmrath unter Beweis zu stellen.

Orchester und Chor harmonieren hier wunderbar. Jeder lässt den anderen dem Raum, den er benötigt. Das war in Nordhausen nicht immer so und somit ist die neue Harmonie ein weiteres Indiz für die positive Entwicklung, die das Orchester unter Helmrath gemacht hat.

Das Gift der Verleumdung: Jago hat
Otello fest in der Hand. Foto: TNLos! 
Überhaupt kommt hat Verdi dem Chor in diesem Werk eine tragende Rolle zugeschrieben. Markus Popp ist es gelungen, Opernchor, Extrachor und Kinderchor zu einer Einheit zusammenzufügen und  somit eben jenen hohen Anforderungen mehr als gerecht zu werden.

Wie schon an anderer Stelle mehrfach ausgeführt, dürfte auch dieses Stück nicht "Otello" heißen, sondern "Jago". Der Enttäuschte wird zum Intriganten, zum Strippenzieher und Lenker. Die Inszenierung von Anette Leistenschneider bleibt dieser Sichtweise treu und liefert damit ein feines Psychogramm des Perfiden und des Abhängigen. Es ist eine Studie darüber, wie schnell Hierarchien kippen können. Mit Krum Galabow hat sie dafür die passende Besetzung gefunden.

Der Bariton bietet eine erstaunliche Spannweite. Er beherrscht die leisen, schmeichelnden Passagen ebenso wie den Zorn in der "Credo in un Dio"-Arie. An Schluss des zweiten Aktes ist er die treibende Kraft im "Si, pel ciel marmoreo giuro!"-Arie.

Auch darstellerisch weiß Galabow als Jago zu überzeugen. So hat er Michael Austin in der Titelrolle einiges voraus. Dessen Mimik bewegt sich meist im Bereich zorniger junger Mann. In der Rolle es Otello hat Verdi den "tenore di grazia" mit dem "tenore di forza" und dem Spintotenor zusammengefasst. Leider legen Leistenschneider und Austin den Schwerpunkt aber eindeutig auf den Heldentenor. Das nimmt der Inszenierung einige Entwicklungsmöglichkeiten. Damit ist der dramaturgische Weg vorgezeichnet. Der seelische Verfall des einstigen Helden findet in wenigen Sekunden statt, in zu wenigen.

Eine echte Entdeckung dieser Inszenierung ist Kyounghan Seo in der Rolle des Cassio. Sein Tenor ist jugendlich und forciert und zeigt doch Lyrik an den Stellen, an denen sie erforderlich ist. Dazu kommt ein Spiel, das durchaus schon als ausgereift gelten kann.

Hätte Desdemona einst so gesungen, wie Zinzi Frohwein in dieser Aufführung, da wäre ihr das finstere Schicksal erspart geblieben. Wer beim "Piangea cantando nell'emma landa"-Solo nicht dahin schmilzt, der hat kein Herz und sollte mit Jago eine Selbsthifegruppe eröffnen.

Hier wird gleich gestorben.
Foto: TNLos!
Wie in der bisherigen Adaption lebt auch diese Inszenierung von Kontrast zwischen dem absoluten Bösem verkörpert in Jago und reinen Unschuld der Desdemona. Madonnenhaft gleitet Frohwein über die Bühne, allgegenwärtig steht die Figur am rechten Bühnenrand und für alle, die es immer noch nicht verstanden haben, lassen Verdi und Leistenschneider eine Mutter-Prozession über die Bühne ziehen.

Aber diese Aufführung eröffnet auch eine neue Perspektive. Der Konflikt zwischen dem tobsüchtigem Otello und seiner ahnungslosen Gattin ist ein Paradebeispiel häuslicher Gewalt. Leider  wird dieser Aspekt nicht gänzlich ausgearbeitet.

Die Kostüme von Anja Schulz-Hentrich tragen dazu bei. Wallende Gewänder wie man sie sich vor 100 Jahren für die aufkeimende Neuzeit vorgestellt. Die Männer in Leder gekleidet, die Dame des Hauses in Samt und Brokat. Fast könnte man denken, das Theater Nordhausen hat sich zum 100. Geburtstag eine Oper geschenkt, die man auch zur Eröffnung gern gesehen hätte.

Schade, etwas mehr Mut zur Jetztzeit hätte die Inszenierung aus dem Historismus geholfen. Aber auf jeden Fall bleibt eine Inszenierung, die mit Farbenpracht und eindrucksvollen Massenszenen die Freunde traditioneller Aufführungen mehr als zufrieden stellt.




Theater Nordhausen #1: Der Spielplan
Theater Nordhausen #2: Die Inszenierung


Verdi #1: Die Biografie
Verdi #2: Otello - Die Oper

Dienstag, 12. September 2017

Mehr als schöne Bilder

Ein Telemann-Ballett am Theater für Niedersachsen

Lauter Amateure und trotzdem ein ambitioniertes Tanzprojekt. Kann das klappen? Ja, das kann. Dies zeigt zumindest der Ballettabend "Kann man das tanzen?" des Theaterpädagogischen Zentrum Hildesheim am Theater für Niedersachsen.

250 Jahre ist Georg Philipp Telemann nun also schon tot. Das muss man irgendwie feiern. Also ist das Tanztheater zu Telemanns "Auferstehung und Himmelfahrt" der Hildesheimer Beitrag zum Gedenkjahr. Ohne seine Hildesheimer Erfahrungen und die Förderung vor Ort wäre Telemann wahrscheinlich nie Profi-Musiker geworden. Da entbehrt es nicht einer gewissen Spitzfindigkeit, ihm mit einem Amateurprojekt zu ehren.

Grundlage des Oratoriums "Auferstehung und Himmelfahrt Jesu" ist ein Libretto von Karl Wilhelm Ramler, das in die empfindsame Phase fällt. Durch Telemanns eigene Dramatik erfährt es eine deutliche Aufwertung, die durch filigrane Tonstrukturen kontrastiert und aufgebrochen wird. Nicht umsonst gilt er damit als musikalischer Maler. Weil er sich von den Vorgaben der Lehrmeister löste, ist er ein wichtiger Impulsgeber für die Barockmusik.
Doch, die können tanzen. Foto: Harald Kiesel

Mit den zahlreichen Rezitativen und Unterstreichungen und Wiederholungen schafft Telemann hier eindrucksvolle Stimmungen. Die Capella Principale unter der Leitung von Jochen M. Arnold schafft es, eben diese feinen Strukturen hörbar zu machen und eben auch jene ganze Vielfalt in diesem einen Werk zur Geltung zu bringen.

Besonders die Streicher mit Miriam Risch und Constanze Winkelmann begeistern mit einem klaren Spiel. Gleiches gilt für Brian Berryman und Marion Schack an den Flöten. Aber das Ensemble überzeugt vor allem mit einer klaren Mannschaftsleistung.

Dagegen geraten die Solisten von Gli Scarlattisti leider manchmal in den Hintergrund. Gelegentlich fehlt es einfach an Volumen. Nur im Chor können sie durchgängig durchdringen.

Überraschend gut sind die vierzig Laientänzer. Die Choreographie ist eine Gemeinschaftsproduktion von Uta Engel, Judith Hölscher und Nicole Pohnert. Sie wissen die Fähigkeiten und Mittel ihrer Darsteller genau einzusetzen, denn von Amateuren kann man einfach keine passgenauen Pirouetten und Spitzentanz erwarten. Also verbleibt die Choreographie zumeist am Boden und baut auf die Ausdrucksmittel des Modern Dance. Gerade die Massenszenen sind ausdrucksstark und eindrucksvoll.

Der Heilige Geist wird ausgeschüttet.
Foto: H. Kieser 
Dennoch entstehen beeindruckende Bilder. Schon der Einstieg mit dem Zug der Zahllosen durch den Bühnennebel sorgt für das erste Staunen. Fast unbemerkt wird der leichnam Jesu Christi im Hintergrund über die Tanzfläche getragen. Man muss also durchaus auf die Details achten.

Überhaupt ist das Lichtdesign von Jörg Finger ein bestimmender Teil der Inszenierung. Er setzt nicht nur Punkte, sondern macht das Licht sogar zum Handlungsträger.  Tänzer und Licht treten mehrfach in einen Dialog, so bei der Ausschüttung des heiligen Geistes.

Ohne Solisten baut die Choreographie vor allem auf die Mannschaftsleistung und gemeinsam hinterlässt das Ensemble bleibende Eindrücke. Dabei setzten sie auf eine verständliche Sprache und nachvollziehbare Aussagen. Der Reiz dieser Choreographie liegt in der Konzentration auf die einfachen Mittel. Das wird besonders nach Arie 4 und der Öffnung des Grabes deutlich.

Was aber so einfach erscheint, ist bis ins Detail durchdacht. Mit ihrer Ausstattung und dem Kostümwechsel unterstreicht Anne-Katrin Gendolla den Wandel von der tieftraurigen Grablegung an Ostern zur optimistischen Zusammenkunft der elf überlebenden Jünger zu Pfingsten.

Auch wenn es ein Abend der Smartphones und mitfilmenden Verwandten war, haben sich alle Beteiligten den tobenden Applaus verdient.




Darsteller #1: Das TPZ Hildesheim
Darsteller #2: Das Projekt

Gastgeber #1: Das Theater für Niedersachsen

Der Komponist #1: Georg Philipp Telemann bei wikipedia
Der Komponist #2: Die Zeit in Zellerfeld und in Hildesheim