Sonntag, 7. Januar 2018

Wahrlich ein Monumentalwerk

Die Bibel als Drama im Theater Nordhausen

Das Theater Rudolstadt zeigt die Bibel und das ist schon Ben Hur für die Bühne. Mit 225 Minuten liegt das aberwitzige Unternehmen sogar noch 3 Minuten über den Filmklassiker von 1959. Aber keine Angst, diese Inszenierung ist alles andere als aufgewärmtes Sandalenkino. Regisseur Alejandro Quintana schafft es, antike Hintergründe und Zusammenhänge deutlich zu machen, die zum Teil heute noch wirken. Dabei macht er es dem Publikum und dem Ensemble nicht immer einfach.

Der Einstieg ist noch leicht verdaulich. Das Licht wird eingerichtet. Der Ton vorbereitet. Ein paar Männer gehen kreuz und quer über die Bühne. Für sie ist die Erschaffung quasi wie eine Theaterprobe. Diese Szene hat noch einen gewissen Witz.

Es ist ein aberwitziges Unterfangen, die Bibel auf die Bühne zu bringen bringen. Der Autor Niklas Rådström bewältigt dieses Monument indem er das Buch in 41 Szenen zerlegt, die er für wegweisend und andauernd hält. Eine Glaubens- und Geschichtsrevues. Das Theater Rudolstadt ist mit der deutschsprachigen Erstaufführung durchaus ein Risiko eingegangen.

Am Anfang war die Erkenntnis, dann kam der
Sündenfall.           Alle Fotos: Theater Rudolstadt
Die Inszenierung von Alejandro Quintana beeindruckt zuerst durch Superlative für mittelthüringische Verhältnisse. 20 Schauspielerinnen und Schauspieler bewältigen 114 Rollen. Einige haben sogar das Vorrecht, bleibende Punkte zu setzen.

114 Rolle und 41 Szenen ist natürlich auch eine Herausforderung an das Bühnenbild. Mit Reduktion ermöglicht es Mathias Werner, sich auf das wesentliche zu konzentrieren und die Worte wirken zu lassen und Text hat dieses Drama jede Menge zu bieten, manchmal gar zu viel. Es gibt durchaus Potential, dieses WErk zu straffen.

Wird der Sündenfall, das Naschen vom Bam der Erkenntnis noch zum kurzweiligen philosophischen Disput über den Zusammenhang von Erfahrung, Wissen und Gotteskonstrukt so bietet die Erschaffung von Mann und Frau noch Platz für theologische Abwägungen. Aber über weite Strecken schimmert doch der Konfirmandenunterricht durch. Da gibt es durchaus noch dramaturgisches Potential.

Auch wenn nicht jede einzelne Szene eine tragende Funktion hat, so bietet diese Inszenierung einen roten Faden. Der lautet vor allem Gewalt. Schonungslos geht Quintana mit den immer wiederkehrenden Themen Berufung, Auserwählt-Sein, Eroberung, Vertreibung und Vernichtung. Und dann ist dann immer wieder das Motiv der Flucht, des Heimat verlierens. Das geht bis heute so weiter.

Immer auf der Flucht. Foto: 
Dabei kommt dem jüdischen Volk durchaus ach die Rolle des Täters zu. Selbst Moses wird in seinem Zorn zum Massenmörder. Schon bald wird deutlich, dass Autor und Regisseur hier die Wurzeln für den Nahost-Konflikt sehen. Das ist nicht die einzige Stelle, an denen die Historie in Gegenwart und Zukunft weist. Die unheilvolle Verquickung von Religion und Politik wird immer wieder in den Vordergrund und damit in Frage gestellt.

Der Bund zwischen dem Gott und seinem Volk muss immer wieder erneuert und mit Blut besiegelt werden. Damit wird der Paradigmenwechsel mit dem Neuen Testamen umso tiefer. Dieser Zusammenhang zu verdeutlichen, dies ist die Leistung dieser Inszenierung.

In seiner schonungslosen Auseinandersetzung mit der Bibel geht Quintana dabei auch an die Grenzen des guten Geschmacks. Moses Abschied als monumentale Rede mit faschistoiden Anklängen zu inszenieren, das ist durchaus mutig. Oder geschmacklos.

Quo vadis, Theater? Wohl offensichtlich in viele Richtungen, denn in dieser experimentierfreudigen Inszenierung setzt Alejandro Quintana auf die Vielfalt modernen und zeitgemäßen Theaters. Sprechtheater reiht sich neben Ballett und Figurentheater und Pantomime. Das ist durchaus gelungen und überzeugt durch den Einfallsreichtum.

Den brennenden Busch bei der Berufung Moses in ein Radio zu verwandeln, das hat durchaus einen gewissen Witz. Auch mal die Tiere auf Noah Arche zu Wort kommen zu lassen, das hat was. Adam und Eva in einen ehelichen Disput zu verwickeln überzeugt, weil es über den Tag hinausweist. Die babylonische Gefangenschaft als Konsumwahn zu symbolisieren, das ist offene Gegenwartskritik.

Die Inszenierung hat einen eigenen Erzählrhythmus. Hektik wechselt sich ab mit lyrischen Momenten der Einhalt. Gewalttätigkeit wird mit Verzweifelung kontrastiert. Den Massenszenen stehen prägnante Solo-Auftritt gegenüber. Dazu gehört sicherlich der Monolog von Lots Frau. Ute Schmidt sorgt hier für die Momente des gebannten Zuhörens. Leider sind diese Augenblicke in dieser Aufführung selten. Das Ensemble bewegt sich oft an der oberen Grenze des stimmlich Möglichen.
So sieht Berufung aus: Der Empfänger brennt.

Die wiederkehrenden Auftritte von Adam und Eva sind die dramaturgische Klammer. Sie erinnern stets an den Urzustand des in die Welt geworfen. Sie verlieren sich, denken aneinander und finden sich auf unterschiedliche Weise neu. Anne Kies als Eva beziehungsweise als Frau und Johannes Geißer als Mann beziehungsweise Adam bleiben die prägende Kombination an diesem Abend.

Ansonsten hat Quintana die tragenden Rollen dem bewährten Personal überlassen. Markus Seidensticker darf als engelhafter Conferencier durch die Vorstellung führen. Gewalt und Witz meistert er gleichermaßen. Matthias Winde glänzt als Moses und Joachim Brunner als General. Verena Blankenburg kann als Elisabeth Akzente setzen. Hans Burkia präsentiert einen Noah, der ganz diesseitig ist und Spaß am Leben hat.

 Die Bibel auf die Bühne zu bringen ist ein aberwitziges Unterfangen. Mit dieser Inszenierung haben das Theater Rudolstadt und der Regisseur Alejandro Quintana es gewagt. Es ist ihnen zum größten Teil mehr als gelungen. Es bleiben Gespräcjsbedarf und jede Menge eindrucksvolle Bilder.





Material #1: Sandalenkino

Theater Nordhausen #1: Das Stück
Theater Nordhausen #2: Der Spielplan


Theater Rudolstadt #1: Der Spielplan
Theater Rudolstadt #2: Das Stück

Der Autor #1: Niklas Rådström bei wikipedia

Freitag, 29. Dezember 2017

Wie eine Dusche für die Seele

Konzert mit vielen Genussmomenten:  Niniwe im Kreuzgang Walkenried

Es braucht ganz zwei Tage Arbeitswelt und Berufsverkehr, um einen aus der Tiefenentspannung der Festtag herauszutreten. Es braucht lediglich zwei Minuten niniwe, um wieder in dieses Paradies einzutreten. Bei ihrem Konzert am Donnerstag im Kloster Walkenried gaben die vier Vokalartistinnen dem Publikum jenen Zauber der weihnachtlichen Friedfertigkeit zurück.

Es war nicht "some procedure as every year". Statt Kaffeehausorchester oder Amarcord durften das Quartett aus Berlin erstmals die Spielzeit der Kreuzgangkonzerte beschließen. Es hat sich schlicht und einfach gelohnt. Ensemble und Programm passten zu Zeit und Ort. Die reduzierte Aufführung schuf den nötigen Raum für die Rückbesinnung.

Konzentration auf das Wesentliche, das ist das Konzept der vier Sängerinnen und der Arrangements von Winnie Brückner. Keine Lichtspiele und auf Showeinlagen muss man wohl bis zum Sankt Nimmerleinstag warten. Hier spricht die Musik für sich: Vier Stimmen in perfekter Abstimmung. Dafür gab es auch auf internationalen Bühnen zahlreiche Auszeichnungen.

Winnie Brückner (vorne) ist das Mastermind bei
niniwe.                          Fotos: Kügler
Mit zweimal Sopran und zweimal Alt scheint die Bandbreite eingeschränkt, doch auch dieser Schein trügt. Schließlich kann man einen Sopran mal so und mal so singen und wenn frau dann auch noch den Alt variiert, dann kommt da schon ein Menge bei herum. Die Einzelstimmen fließen in eine Gesamtstimme ein.

Kein Beatboxen, kein Barbershop, keine duub-duub --- duub-duub-Linien und auch keine imitierte Rhythm-Section. Niniwe setzen ganz auf Melodie und Harmonie. Damit gehen sie eine Symbiose mit dem Klanggewohnheiten des Kreuzgang ein. Das erzeugt diese wohltuende Innerlichkeit.

Auf dieser Basis kommen Sängerinnen und Publikum sehr gut durch den ersten Teil. Darin finden sich gregorianische Gesänge genau so wie europäische Volksweisen und Pop-Songs. Die Bearbeitungen durch Brückner lassen die Vielfalt in der Einheit bestehen.

Erst beim Bach-inspirierten "O Jesulein zart" zeigen die Damen, dass sie auch anders können. Jetzt zeichnet sich doch eine leichte  duub-duub --- duub-duub-Linie am Horizonte ab, locker und leicht klettert Hanna Schellmann gescatete Tonleitern hoch und runter. Bach verträgt doch jede Menge Jazz.

Auch beim schwedischen Staffansvisa wird es noch ein mal rhythmischer. Die Sängerinnen schaffen es sogar, die so typischen Drehleiern zu imitieren. Den Höhepunkt im ersten Teil setzt Winnie Brückner mit ihrem Solo beim Gloria in Cielo. Es schwingt sich an den Säulen des Kreuzgang empor und verhallt dort in luftiger Höhe ganz langsam im weiten Raum. Es war eine weise Entscheidung, auf Mikros und Verstärker zu verzichten.

Hier zeigt sich Einkehr und Innerlichkeit ohne Religiosität. Das kommt aus tiefster Seele und kann auf den theologischen Diskurs verzichten. Besser kann man einen "Augen-zu-und-einfach-genießen"-Teil wohl nicht besser beenden. Nach der Pause gibt es das Kontrastprogramm. Nun zeigen die Damen, warum sie unter dem Label Jazz firmieren.

Im zweiten Teil gab es nicht nur anderes Licht
sondern auch ein wenig Bewegung.      fotos: Kügler
Bei den Rhymes of an Hour swingt ordentlich. Es darf gescatet werden und jede der Damen kommt zu ihren Einsatz. Doch gleich kommt die überraschende mit den Beach Boys.Trotz Satzgesang in höchster Harmonie mach "'Til i die" deutlich, was bleibt, wenn der kalifornische Traum zu Ende ist.

Höchst komplex wird es beim Spinnin' Wheel. Lena Sundermeyer macht im Solo jede Volte mit, die Blood, Sweet & Tears hier einst schlugen. Bach verträgt Jazz, aber Grieg auch. Hanne Schellmann besingt Solveig's Sang lyrich, geradezu elfengleich. Doch das ist nur ein Täuschungsmanöver. Schon in der zweiten Strophe klettert sie wieder Tonleitern rauf und runter, während die Mitsängerinnen für den Rhythmusteppich sorgen.

Es ist Winnie Brückners Credo, dass es nicht darum geht, die Kriterien einer Musikgattung zu erfüllen, sondern viel darum, den Geist, die Aussage deutlich zu machen. Wenn Ausdruck auch noch auf Kunstfertigkeit trifft, dann bleiben keine Wünsche offen.

Es gibt Konzerte, danach kann man nicht nur den ärgsten Feinden sondern sogar den engsten Verwandten verzeihen. Manchmal auch den Kollegen. Dieses war so eins.


Niniwe #1: Die Website
Niniwe #2: Das Selbsterklär-Video bei youtube
Niniwe #3: Der Auftritt bei facebook


Kreuzgangkonzerte #1: Die Website
Kreuzgangkonzerte #2: Der Auftritt bei facebook







Sonntag, 10. Dezember 2017

Make Musical great again

Göttingen first: DT zeigt Uraufführung von Marilyn-Monroe-Musical 

Der Erfolg hat drei Säulen: Starke Darsteller, eine großartige Inszenierung und eine schonungslose politische Analyse. Das Musical "America first" überzeugt in allen Belangen. Die Uraufführung am Deutschen Theater Göttingen ist  nicht nur der Blick auf eine der Ikonen der Pop-Kultur. Es ist zugleich eine Abrechnung mit den USA und das auf äußerst unterhaltsame Weise. Das Libretto von Christoph Klimke verzichtet aber durchweg auf den Zeigefinger.

Eine Platinblondine hockt sich in einen knallroten Pullover. Dieses Bild gehört zum kollektiven Gedächtnis und jeder weiß, dass die Frau Marilyn Monroe sein muss. "America first" setzt im August 1962 ein. Seit der berühmten Fotosession mit Milton Greene sind sieben Jahre vergangen und aus der unbeschwerten Marilyn Monroe ist eine alternde Diva mit Depressionen geworden. Sie zitiert Shakespeares Ophelia und damit ist klar, dass hier bald gestorben wird.

Mit diesem Bild schafft Erich Sidler einen Einstieg, der zum einen die Fronten klärt, zum anderen durch die Anknüpfung an bekanntes Bildmaterial das Publikum bindet und gar mit ein bezieht. Schließlich projiziert  jeder aus der Altersklasse Ü 30. Im Erfolg wie im Scheitern ist sie wohl die Filmikone des 20. Jahrhunderts.

Kaum kommt eine Kamera ins Spiel, macht es bei Norma
Jean "Klick". Alle Fotos: Thomas Jauk
Als die Geister der vergangenen und zukünftigen Weihnacht tauchen Natasha Lydess und Gladys Pearl Baker aus. Die Schauspiel-Lehrerin soll sie auf die Theaterbühne bringen. Marilyn Monroe will um jeden Preis die Anerkennung als ernsthafte Künstlerin und der Umzug nach New York ist der offene Bruch mit dem kalifornischen Film-Business. Das Verhältnis zur ungeliebten Mutter möchte Norm Jean Baker endlich bereinigen.

Wie an der Kette aufgereiht tauchen in schneller Folge all jene Ikonen aus den USA der 50er und 60er Jahre auf. Doch  der Fokus liegt auf dem Verhältnis der Monroe zu den beiden Kennedy-Brüder John F. und Robert. Theater, das sich an historischen Geschehen abarbeitet, muss sich immer den Vergleich mit den vermeintlichen Tatsachen gefallen lassen. Fakt ist, dass Marilyn Monroe am Morgen des 5. August tot aufgefunden wird, mit einer riesigen Menge Beruhigungsmitteln im Blut. Eins machen Autor und Regisseur deutlich: Der Schlüssel zu den Geschehnissen liegt bei den Kennedys und in den politischen Verhältnissen zu den Zeiten des Kalten Kriegs

Eins macht die Inszenierung immer wieder deutlich. Norma Jean Baker war als Marilyn Monroe wohl die erste selbst geschaffene Marke im Filmbusiness, aber die Kontrolle über ihre Person entglitt ihr weil sie sich mit mächtigen Gegnern angelegt hat: Der öffentlichen Erwartung und die Politik. Damit wird das Psychogramm einer Gescheiterten erweitert um die Dekonstruktion der Legenden John F. Kennedy. Genüsslich und ohne Zeigefinger führen Klimke und Sidler vor, dass die Anzahl der  Leichen, die jener JFK im Keller hat, mehrere tausende beträgt. Die These, dass die Herrschaft der Trumps nur die logische Konsequenz ist, gewinnt im Laufe der Aufführung an Plausibilität. Noch nicht einmal "America first" ist eine Erfindung von Trump. Diese Parole galt schon immer. Das Kollektiv ist entscheidend, das Individuum muss sich dem unterordnen.

Ein Bühnenbild so einsam wie ein Gemälde von Edward
Hopper. Foto: Thomas Jauk
Sidler und Klimke pflegen eine deutliche Sprache. Die Euphemismen der Political Correctness sind nicht ihre Sache und das ist auch ganz gut so. Sie benennen die Zustände der amerikanischen Gesellschaft, der Politik und der Flimbranche klar und mit einem Zynismus, der an die Schmerzgrenz geht. Das ist Teil ihrer Demaskierungsstrategie.

Es ist konsequent, dass Sidler in einem Musical über einen Filmstar die Mittel des Films aufgreift. Die Szenen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wechseln sich in harten Schnitten ab. Rückblenden und Vorwegnahmen ermöglichen eine anachronistische Erzählweise. Vergangenheit und Zukunft spielen in die Gegenwart hinein.

Auf Realtheater folgen surrealistische Traumszenen, das Handeln auf der Bühne wird mit Video-Projektionen überblendet. Das gibt der Inszenierung Tempo und beschleunigt die Abfahrt auf der schiefen Ebene. Die Verwendung von zwei Schlafzimmer erinnert an die Technik des Split Screens, die eben in den 60-er Jahren entwickelt wurde. Die Bindung an einen Ort wird aufgehoben. Los Angeles und New York finden zugleich statt.

Der todgeweihten Diva stellt Sidler die junge Marilyn Monroe an diese Seite, um die unterschiedliche Zeitebenen zu parallelisieren, Damit setzt er auf der epischen Ebenen noch ein "Was wäre gewesen, wenn...".  Mit diesem Techniken hebt Sidler die Limitierung des Schauspiels auf.

Aber mit Freude widmet er sich den Insignien des klassischen Musicals. Sogar Choreographie kann  man mittlerweile am Deutschen Theater Göttingen. Mit diesen Mitteln baut Sidler frech und augenschmunzelnd Szenen aus MM-Filmen nach. Der Kontrast zum vergnügten und akrobatischen Show-Tanzen macht das Elend der Realität aber umso deutlicher.

Genauso großartig ist auch das Bühnenbild von Florian Barth. Es vereint die Insignien des Luxus und der Armut gleichermaßen. Die Beleuchtung entscheidet über Glanz oder Elend. Zwei kahle Wände, zwei Betten, ein Fenster, dazwischen jede Menge Leere. Es ist einsam wie ein Gemälde von Edward Hopper.

Marilyn Monroe hat viele Liebhaber aber keinen
Gefährten. 
Als musikalischer Leiter präsentieren Michael Frei and his Marvelous Mates jede Menge Swing. Eine Musikrichtung, die ja wie die Monroe Anfang der 60-er Jahre die besten Zeiten hinter sich hatte. Zweimal wird die Vorgabe durchbrochen. Kurz vor der Pause besingen Roman Majewski und Angelika Fornell ahnungsvoll den "River of no return". Der Hit aus dem Erfolgsjahren der Monroe kontrastiert hervorragende mit dem anschließenden Monolog der Einsamkeit. Fornell hat hier einen ihre eindrucksvollsten Momenten.

Der zweite Akt wird mit Bebop eingeläutet, hektisch und atemlos. Als der Vorhang sich hebt, entspinnt sich ein alptraumhaftes Kesseltreiben gegen die Monroe. Von hier aus gibt es keinen Return in ein vermeintliches Glück. Musikauswahl als Mittel der Dramatik. Elton Johns "Goodbye Norma Jean" ist nur der Soundtrack zum Leichenbeschau und enttäuscht mit einer gewissen Zwangsläufigkeit.

Ohne Frage ruft Angelika Fornell in dieser Aufführung ihr gesamtes Potential ab. Hoffnung, Liebe, Verzweifelung, Trotz und Depression. Sie bringt alles gleichermaßen auf die die Bühne. Gekonnt ahmt sie die Gestik der der Monroe nach, diese ständig jungmädchenhaft abgespreizten und verwinkelten Arme. Damit ist Fornell einer der Gründe, warum diese Inszenierung durchweg gelungen ist.

Mit der Stimme nährt sie immer wieder die Hoffnung der Monroe auf die Anerkennung als ernsthafte Schauspielerin anerkannt und zu werden. Genauso deutlich macht sie, warum dieses Ansinnen zum Scheitern verurteil war. In 29 abendfüllenden Filmen hat sie mitgewirkt und zehnmal die Hauptrolle gespielt. Aber nur mit "Misfits" ist ihre Filmkunst gelungen, doch der Film kam 10 Jahre zu früh für das Publikum und zu spät für die Monroe. Im Grunde hat sie sich selbst gespielt und das war gar nicht gut.

Es waren immer zwei zugleich: Norma
Jean Baker und Marilyn Monroe.

Foto: Jauk
Moritz Schulze als First Lady Jackie Kennedy ist ihr ebenbürtig und Widerpart zugleich. Er gibt jenem schmerzhaften Zynismus die passende Stimme und mit seiner Gestik verleiht er der Überheblichkeit des Etablissement die nötige Präsenz, die die Grenze zur Karikatur überschritten hat.

Das Aufeinandertreffen der Monroe und der Präsidentengattin auf dem Straßenstrich von Los Angeles hat eine nicht zu übersehende Aussage: Eigentlich prostituieren sie sich beide, nur die eine macht es erfolgreicher. Gleich wird die Kennedy ins Bett von Aristoteles Onassis springen. Die von Bettina Latscha stilecht mit Pillbox und Hermes-Tasche drapierten Background-Jackies machen deutlich, dass jene Jackie nicht nur modisch viel Nachahmerinnen hat.

Für die skurrilen Momente ist Volker Muthmann in der Rolle des Ralp Greenson zuständig. Mit einem wissenden Schmunzeln macht er deutlich, dass der Psychiater als an der Grenze des Pathologischen steht. Die eindrucksvollste Gesangseinlage liefert aber Katharina Müller mit voller und kraftvoller Stimme.

Bei allem harten Realismus und schmerzenden Zynismus endet die Inszenierung dann doch lyrisch. Gaia Vogel als Norma Jean Baker und Volker Muthmann als ihre Jugendliebe André de Dienes lassen noch einmal einen "Was wäre eigentlich gewesen, wenn ..."-Moment aufleben. Damit ist der Abschiedsschmerz aber nur noch größer.




Deutsches Theater #1: Der Spielplan
Deutsches Theater #2: Das Stück

Material #1: Autor Christoph Klimke bei wikipedia
Material #2: Marilyn Monroe bei wikipedia













Sonntag, 3. Dezember 2017

Ich wollt wie Eurydike singen

Barocke Opernpracht: Telemanns Orpheus am TfN

Still und leise ginge das Telemann-Jahr zu Ende, gäbe es nicht das Theater für Niedersachsen. Dort stellte man sich dem Wagnis "Orpheus oder die Beständigkeit der Liebe". Die selten gespielte Oper zeigt in der Inszenierung von Sigrid T'Hooft barocke Opernpracht mit hohen Unterhaltungswert. Am Samstag war Premiere am TfN.

Die Regisseurin Sigrid T'Hooft hat sich einen Ruf als Spezialistin für historische Aufführungspraxis gemacht. Ihre Inszenierungen wandeln dabei auf dem schmalen Grat zwischen angewandter Musikwissenschaft und opulenter Unterhaltung. Mit Imeneo bei den Händel-Festspielen in Göttingen konnte das niedersächsische Publikum 2016 zum ersten Mal einen Blick auf ihr Konzept werfen. Ihr Orpheus am Theater für Niedersachsen (TfN) ist Bestätigung und Ausbau zugleich.

Opulenz an allen Orten. Diese Inszenierung ist ein Fest für Augen und Ohren, das vor allem erst einmal unterhalten möchte. Musik, Schauspiel, Gesang, Ballett und Bühnenbild verschmelzen zu einem mächtigen Gesamtwerk. Manch Unerfahrenem droht Atemstillstand unter der Last der Eindrücke. Die Ooooh-Momente reihen sich aneinander.

Um es vorweg zunehmen: Zum guten Schluss erlebt
Orasia ein böse Ende. Foto: TfN
Puristen mag es sauer aufstoßen, dass der Gesang hier nur einer vor fünf gleichberechtigen Teilen ist, aber dieses Konzept eines Gesamtkunstwerkes entspricht nun einmal barocker Lebensauffassung.  Dabei zeugen einige Element aber durchaus von ein wenig Selbstironie. Hier gilt die alte Erkenntnis: Wer die Zeichen deuten kann, der hat mehr davon.

Dann geht es über die reine Unterhaltung hinaus. Deutlich wird dies an der Handstellung. Was auf den ersten Blick gespreizt und affektiert wird, entspricht ganz einfach barocker Aufführungspraxis.

"Orpheus oder die Beständigkeit der Liebe" zählt zu Telemanns Werken, in denen sich schon einige Elemente der Klassik ankündigen. Ausdruck und Liebreiz stehen in weiten Passagen vor der Regelhaftigkeit barocker Tonsetzkunst. Mit den Arien in Italienisch und Französisch erweist er den Zeitgenossen Händel und du Boulay die Referenz und macht keinen Hehl daraus, dass er sich von ihnen hat anregen lassen.

Die TfN-Philharmonie unter der Leitung von Florian Ziemen schafft ein fein gewirktes Klangbild, mit transparenten Strukturen werden die melodische Vielfalt Telemanns hörbar und erlebbar. Gerade in den pastoralen Passagen, wenn Telemann Volksmusik und bäuerliche Tänze aufgreift, Gerade die vom Wahl-Hildesheimer so geschätzten Holzbläser und vor allem die Flöten in jeglicher Form kommen hier voll zur Geltung.

Meike Hartmann hat trotz Verschleierung einen
glockenklaren Sopran. Foto: TfN
Ergänzt wird dies mit der Verschmelzung italienischer, französischer und deutscher Traditionen zu einem gesamteuropäischen Werk. Diesem gesamten Reichtum setzt die TfN-Philharmonie in klingende Münze um. Im ersten Akt führt Ziemen das Orchester sichtbar mit großen Gesten, doch länger die Aufführung dauert, desto zurückhaltender wird sein Dirigat. Das entspricht dem Geist dieses lyrischen Werkes.

Lyrisch ist vor allem Peter Kubik in der Titelrolle. Selten baut er seine Stimme zum vollen Volumen aus. Aber so erzeugt er einen Strom von Tönen die zwischen lieblich und klagend changiert. Das ist der treffende Ton für die "Gern allein"-Arie des ersten Aktes.

Erst im Duett mit Meike Hartmann als Eurydike legt er die Beschränkung ab und nutzt sein Potential. Überhaupt verzaubert Hartmann mit einem lyrischen Sopran. Er klingt klar und rund und ohne Spitzen. So setzt sie die weichen Töne und gehört damit zu den tragenden Sängern in dieser Aufführung.

Naturgemäß ist Siri Karoline Thornhill der Gegenentwurf. In der Rolle der Königin Orasia traf sie Körperlichkeit in das Spiel bringen und beweist unter den weiblichen Rollen die größte Präsenz auf der Bühne. Die dreifach Belastung aus Intrigantin, enttäuschter Liebhaberin und Rachegöttin bewältigt sie eindrucksvoll.

Ein überraschenden Höhepunkt setzt Levente György als Pluto. Der Bass entlockte dem Herrscher der Unterwelt durchaus humoristische Momente und kann in seinem kurzen Auftritt nicht nur überzeugen sondern auch gefallen.

Mit Levente György als Pluto hat die Unterwelt
auch heitere Momente. Fotos: TfN
Achim Falkenhausen hat ganze Arbeit geleistet. Der Chor fügt sich nathlos ein in den Klang der Solisten. Das Ensemble versteht es sogar an einigen Stellen Dynamik in die zurückhaltende Inszenierung zu bringen und somit die Handlung voranzutreiben.

Kostüme und Bühnenbild sind ein Fest der Opulenz. Sie schwelgen in barocker Pracht und Farbenvielfalt. Da kommt das Auge des minimalistisch geschulten Zuschauers oftmals gar nicht. Stephan Dietrich hat sich sehr stark an den historischen Vorbildern orientiert. Trotzdem sind auch hier ironische Zitate versteckt wenn sich der Marmor als angepinsteltes Holz entpuppt, von dem auch noch der Putz abblättert. Die Kreaturen der Unterwelt erinnern ein wenig an Hyeronimus Bosch und sorgen doch für die heiteren Augenblicken in finsterer Umgebung.

Wie  schon in der Imeneo-Inszenierung in Göttingen kann der Versuch, an einigen Stellen mit Kerzen zu arbeiten, nicht überzeugen weil er nicht sichtbar wird. Die Original-Beleuchtung wird vom Kunstlicht überblendet.

Das Konzept  von Sigird T'Hooft zu originalgetreuen Aufführungen schließt offensichtlich ein dramaturgische Bearbeitung aus. Sie setzt das Werk 1:1 um. Damit stellt sich die Sehgewohnheiten des 18. Jahrhunderts über die des 21. Jahrhunderts. Die veränderten Bedingungen der Rezeption nicht zu berücksichtigen, das ist durch ein Aussage. Leider sorgt es aber auch dafür, dass die Inszenierungen mit den Soli des Eurimedes aus heutiger Sicht einige Längen aufzuweisen hat. Sie sind reine Statusmeldungen und tragen nicht zur Entwicklung der Handlung bei. Vielleicht sind auch der Zugriff auf die Social Media-Welt?

"Orpheus oder die Beständigkeit der Liebe" war ein mutiger Schritt, der sich gelohnt hat. Diese  Inszenierung eines fast verschwundenen Werkes orientiert an der historischen Aufführungspraxis stellt nicht nur ein Gesamtkunstwerk vor. Es erfüllt auch die selten bediente Sehnsucht nach Unterhaltung in barocker Hülle und Fülle.   





eine erste Kostprobe.
stätigun


Theater für Niedersachsen #1: Der Spielplan
Theater für Niedersachsen #2: Die Inszenierung

Telemann #1: Die Biografie bei wikipedia
Telemann #2: Orpheus in der englischsprachigen wikipedia
Telemann #3: Das Libretto bei operone.de
Telemann #4: Die antike Sage

Sigrid T'Hooft #1: Die Biografie bei wikipedia
Sigrid T'Hooft #2: Das Schaffen bei corpo barocco
Sigrid T'Hooft #3: Imeneo bei den Göttinger Hände-Ffestspielen 2016



0

Montag, 27. November 2017

Aus Freude am Verbrechen und am Spiel

Zwei wie Bonnie und Clyde im hoftheater

Das nennt mal wohl "Wie auf dem Leib" geschrieben. Im hoftheater läuft die Gaunerkomödie "Zwei wie Bonnie und Clyde" und nicht nur Petra Döring-Menzel und Dieter Menzel haben offensichtlich viel Spaß.  Die Inszenierung von Jürgen Kramer überzeugt durch die gelungene Mischung aus Slapstick, Wortwitz und feine Beobachtung. So entwickelt sich rasantes Spiel auf engsten Raum.

Eigentlich sind Manni und seine Rosa alles andere als ein erfolgreiches Gangsterpaar. Er überambitioniert, sie ein wenig vertrottelt. Diese Kombination funktioniert seit Laurel und Hardy und ist immer ein Garant für Fehlschläge und deswegen für Lacher.

Gerade haben sie vermeintlich einen großen Coup gelandet. Schicht für Schicht legen Rosa und Manni Patzer um Patzer frei, bis der der große Traum vom sorglosen Leben geplatzt ist. Damit ist der Streit vorprogrammiert. Das Publikum ist ihnen dabei immer einen Schritt voraus und darin besteht der besondere Reiz dieser Art von Komödien. Der Lacher ist immer eine halbe Sekunde vor dem Gag da. Schließlich bereitet es einen eine diebische Freude, anderem beim Zanken zuzusehen.

Aber die Professionalität, die Petra Döring-Menzel und Dienter Menzel dabei an den Tag legen, ist schon bewundernswert. Da wirkt nichts albern, die Aufführung bleibt beruhigend weit vom Klamauk weg. Die Stimmen passen zur Mimik, die Mimik zu den Gesten und die wiederum zur Stimme. Weil die Andeutungen deutlich werden, deswegen sind die Lacher eben schon eine halbe Sekunde vor dem Gag da.

Zum Anfang ist Rosa unten und Manni obenauf.
Foto: B. Menzel
Zum einen sind die beiden die Experten für Beziehungskrisen. Das haben sie schon mit der Zimmerschlacht gezeigt. Zum anderen verfügen sie durchaus über reichlich komödiantisches Talent. Erstes wird schon beim Streit in der Rücken-an-Rücken-Szene im ersten Akt deutlich. Im verbalen Ping-Pong-Verfahren werfen sie sich über die Schulter die Schuldzuweisungen zu. Das ist nicht nur urkomisch sondern auch realitätsnah. Auch nicht-kriminelle Pärchen dürften sich hier wieder erkennen.

Es ist ist ein komödiantisches Talent, dass sich am Wortwitz und den Haarspaltereien eines Loriots orientiert. Obwohl im kriminelle Milieu angesiedelt verzichtet die Inszenierung von Jürgen Kramer auch Zoten. Trotzdem bleiben die die Wortgefechte so lebensnah, dass das Publikum aus der eigenen Erfahrung mitsprechen könnte.

Das Paar-Gefüge ist denkbar einfach: Er der oberschlaue Kleinstadtganove, sie die leicht trottelige Nervensäge. Zusammen sehen sie sich als die Fortführung von Bonnie und Clyde, jenem legendären Verbrecherduo, dass einst die ganzen USA in angst und Schrecken und Faszination versetzte.

Doch mit Kleinigkeiten lässt Rosa seine hochfliegenden Träume immer wieder am Boden zerschellen. Mit vielen Lachern wird so Gangster Manni dekonstruiert ohne dass das Publikum solch einen Begriff wie Dekonstruktion verstehen müsste. Die Eugen und die Olsen-Bande lassen grüßen.

Alles was es zu sehen bekommt, ist eine zwerchfellerschütternde Generalprobe eines Banküberfalls. Manni schreitet voran zur Tat und Rosa ihm hinterher. Es ist klar, dass das nicht gut gehen, dass etwas dazwischen kommen muss. Es ist nur die Frage, was wird es denn dieses Mal sein wird. Das Murmeltier grüsst hier gleich mehrmals täglich und darin liegt der Erfindungsreichtum dieser Inszenierung. Dieser Reichtum verträgt durchaus ein mehr als zweistündige Aufführung.

Aber selbst dort, wo die Inszenierung auf bekannte Versatzstücke baut, wirkt sie frisch und rasant.  Szenen wie das Schuhkarton-Verwechsel-Spiel hat man schon dutzendfach gesehen. Trotzdem fiebert das Publikum mit und fragt sich, wo der Karton mit Geld zum guten Schluss landen wird. Auf jeden Fall nicht dort, wo Manni ihn gern hätte.

Petra Döring-Menzel spielt nicht die Rosa, sie ist es. Da mag man fast glauben. Auf jeden Fall gibt sie diesere Figur jede Menge Unbedarftheit und kleinmädchenhaften Charme. Für die Geduld mit Manni bewundert man sie und fragt sich, wo hier die Grenze zwischen Naivität und Berechnung liegt. Auf alle Fälle gönnt man ihr den Triumph zum Schluss, denn manchmal muss auch Dummheit belohnt werden.

Erst zum Schluss zeigt Manni sein wahren Gesicht.
Foto: B. Menzel
Dieter Menzel ist großartig in der Rolle des Manni. Das Spiel mit der Stimme und die Gestik dazu liegt weit über dem, was man an solch einer Bühne erwartet. Er ist auch für die Akrobatik zuständig und gibt der Inszenierung eine Menge Tempo. Sein Slapstick zum Auftakt beim Erkunden des Verstecks verbindet die Elemente der Pantomime mit dem Moonwalk Michael Jacksons und den Verrenkung eines John Cleese.

Menzel macht den Kleinganoven zum Kleinbürger, der sich deutlich und immer wieder überhebt mit dem, was er sich so vornimmt. Auch wenn er die Pose des Napoleon übt, der große Coup ist mehr als eine Nummer zu groß für ihn. Da ändern auch Planungen im Generalstabs-Gehabe nichts.

Die Nichtigkeit seiner Person kehrt er in Überheblichkeit Rosa gegenüber um. Da werden Assoziationen zu "Ekel Alfred" und "Dusselige Kuh Else" geweckt. Deswegen hat man auch kein Mitleid, als Manni sein Waterloo erlebt.

Das Bühnenbild von Benjamin Menzel ist einfach und überzeugend. Es verzichtet auf Schnörkel und spricht eine eindeutige Sprache. Mit seinen Anregungen denkt sich auch der Komödienbesucher die fehlenden Teile dazu.

Es korrespondiert gut mit dem Licht, das eine tragende Rolle in dieser Aufführung spielt. Sofern es die beengten Verhältnisse es zu lassen, teilt das Licht die Bühne in unterschiedliche Zonen auf und wird selbst zum Handlungsträger. Das beginnt gleich in der ersten Szene mit dem Wanken durch das Dunkel und Rosas anschließendem Lichtflecken-Tanz

Zum lockeren Spiel mit den Versatzstücken der Pop-Kultur gehört auch die Musik. Sie entstammt der goldenen Rififi-Ära der 60-er Jahre und rundet das gelungene Gesamtbild stimmig ab.





Material #1: Das hoftheater bei Facebook
Material #2: Der Spielplan im hoftrheater
Material #3: Die Zimmerschlacht im hoftheater

Material #5: Die Vita von Jürgen Kramer

Material #6: Bonnie & Clyde, das Original





Donnerstag, 9. November 2017

Nur im Ansatz gelungen

Hohe Ansprüche: "1984" am Theater für Niedersachsen 

Big Data ist Big Brother. Unter diesem Leitsatz inszenierte Reiner Müller am Theater für Niedersachsen die Bühnenfassung von Orwells Klassiker "1984". Doch die Premiere am Sonnabend zeigte, dass die eigenen Ansprüche nur teil umgesetzt werden konnten. Der Aktualitätsanspruch fehlt über weite Strecken.Es bleibt die Darstellung eines totalitären Staatsapparates.

Die Anbindung sind die Jetztzeit sind ja da. Das Bühnenbild von Eva Humburg strotz nur so vor Computern und Bildschirmen. Bildschirme als Möbel, als Hocker, als Kletterhilfe, als Lebensinhalt. Die Blaumänner im Hoodie-Look mit modischen Sneakern verweisen auf Jetzt-Eben-Gerade. Das war es dann auch schon erst mal mit der Aktualität. Die Bezüge zu Big Data bleiben vorerst ein Versprechen, das nur zaghaft eingelöst wird.

Total fit und entspannt in die Hass-Woche.
Foto: TfN/Westhoff
Die Inszenierung von Reiner Müller ist eher die Entdeckung der Langsamkeit auf dem Datenhighway. Immer wieder sind dort Lücken im Textfluss, Pause reiht sich an Pause, Auftreten und Abtreten ist die einzige Bewegung und die Protagonisten stehen nur herum. Wenn Parsons zum wiederholten Male von den Heldentaten seines Sohnes berichtet, dann grüßt wenigstens das Murmeltier. Oder ist es der Total Recall?

Das ersten Aufeinandertreffen von Winston und Julia ist sogar noch einer überraschenden Lyrik geprägt. Fast möchte man mit dem Liebespaar träumen. Die junge Mutter an der Wäscheleine wird später noch einmal solch lyrische Momente erzeugen

Das ist völlig anders als erwartet. Es gibt dem Zuschauer aber die Zeit, seinen Assoziationen und Vergleichen freien Lauf zu lassen. Somit kann jeder seine Parallelen zwischen Orwells Neusprech und den aktuelle Sprachverzerrungen durch PC und Gute-Laune-Kultur ziehen.

Erst nach der Pause nimmt die Inszenierung an Fahrt auf und das Geschehen beschleunigt sich.  Müller und Humburg schaffen es bis dahin, erschreckende, eindringliche Bilder zu produzieren. Da ist die Erschießung vor laufender Kamera. Die Gefangenen mit Tüte auf dem Kopf rufen Erinnerungen an Abu Graib wach. Als das Kind mit dem Finger die Ränge und das Parkett abfährt und das Publikum warn "Big Brother is watching you", da stockt kurz der Atem.

Denunziantentum ist keine Altersfrage und man muss auch vor denen in Acht nehmen, die man bisher für unschuldig und schutzlos hielt. Das System der Bespitzelung kehr somit die Verhältnisse um.  Der Kleine und Schwache muss sich nur an den Großen Bruder hängen.

Gut herausgearbeitet sind auch die Gruppenprozesse in der Hass-Woche. Auf der Bühne geschieht dies analog, doch es wird klar, dass ähnliche Prozesse in der digitalen Welt tagtäglich so ablaufen. In der Gruppe ist der Einzelne viel leichter zu manipulieren.

Nach der Pause nimmt das Tempo zu. Das harte Regime wird immer wieder mit den Bildern der vermeintlichen Idylle in Charringtons Hinterhof kontrastiert. Die Vergangenheit wird zum Zukunftsentwurf weil die Gegenwart so grausig. Doch die Idylle ist inszeniert und bei Orwell steckt jede Menge Matrix drin.

Big Brother is watching you.
Foto: TfN/Westhoff
Was aber bleibt, das sind die schockierende Darstellung  der Folter und der erneute Anklang an die bilder aus Abu Graib.

Moritz Koch wirkt in der Rolle der Hauptfigur Winston seltsam gehemmt. Seine Gestik ist an diesem Abend steif, gleich gilt für die Sprache. Er ist nicht in der Lage, eine Beziehung zu den anderen Darstellern herzustellen. Das ist wohl Absicht, sollte als diese aber besser gekennzeichnet werden.

Martin Schwartengräber in der Rolle des Mitläufers Parsons wirkt da echter, echter als begeisteter Vater eines Jungdenuzianten und echter als Verratener und als Delinquent. Totalitäre Systeme zereißen auch Banden, die man für natürlich hielt. Der Eltern-Kind-Verhältnis wird umgekehrt.

 In der Rolle der Julia bringt Katharina Wilberg einen Hauch Menschlichkeit in das Stück ein. Sie macht glaubhaft, das Julia im Gegensatz zu Winston eher aus Eigeninteresse rebelliert. Den hehren Zielen Winstons setzt sie








TfN #1: Der Spielplan
TfN #2: Das Stück

Orwell #1: Soldat im spanischen Bürgerkrieg
Orwell #2: Das Buch
Orwell #3: Die Bühnenfassung



Dienstag, 24. Oktober 2017

Von Menschenfeinden und Hundehassern

"Die Hundegrenze" ist eine Dokumentation mit Theatermitteln

Eine Menschenleben zählte an der innerdeutschen Grenze nicht viel und ein Hundeleben schon gar nicht. Dies zu zeigen, das gelingt Christian Georg Fuchs in seiner Inszenierung von "Die Hundegrenze" auf beklemmende Weise. Am Sonntag war Premiere im Theater unterm Dach

Ausgangspunkt der Aufführung ist die gleichnamige Reportage von Marie-Luise Scherer. 1994 widmete sie sich im Spiegel auf beeindruckende Weise einem Kapitel der deutschen Trennung, das bis dahin weitestgehend vergessen war. Es ging um die sogenannten Trassenhunde, um jene Vierbeiner, die einst die Grenze bewachten. Angekettet und isoliert waren sie dem Wetter ausgeliefert. In einem unmenschlichen System standen die Tiere auf der untersten Stufe.

Die emotionslose und klare Sprache, die die Reportage prägt, verdeutlicht die Unmenschlichkeit, das Fehlen jeglicher Empathie. Fuchs orientiert sich an eben diesem Stil. Er über nimmt ganze Passagen aus der Reportage. Sein Vortrag und der Vortrag von Ronald Mernit ist ebenso emotionslos und vor allem bürokratisch kühl. Nur selten heben sie ihre Stimmen im Stakkato, um ein Detail zu betonen.

Schween findet Gefallen an dem Mischling Alf. 
Alle Fotos: TNLos!
Gerade dieser Bürokraten-Sprech und Kasernenhofton sind es, die einem die Kehl zuschnüren. Sie machen dieses Stück so bedrückend. Fuchs gelingt es, die Perfektion, mit der die Westgrenze der DDR gesichert war, in all ihrer Perversität darzustellen.  Dagegen ist das Bellen der Schauspieler, wenn sie in die Rolle der Hunde verfallen, nervenzertrümmernd. Eine eindringliche Darstellung der tierischen Not.

Die Inszenierung ist einer der seltenen Glücksfälle in denen ein Thema ohne Verlust oder Verzerrung  das Genre und die Darstellungsform wechsel. Der Sprechtext stammt durchweg von Marie-Luise Scherer. Christian Georg Fuchs ist es gelungen, die kalte Atmosphäre der Reportage adäquat einzufangen und umzusetzen. Kaltschnäuzigkeit sozusagen.

Schon das Bühnenbild spricht eine eindeutige Sprache und die Sache ist klar, noch bevor die beiden Darsteller die Studiobühne betreten. Ein langer Tresen trennt Zuschauerraum von der Spielfläche. Oben auf dem Tresen werden mit den Mitteln des Modellbaus die Grenzanlagen simuliert. Selbst der härteste aller Kritiker versteht den Bau sofort, obwohl er lange nach dem Fall der Mauer geboren wurde.

Das optische Gruseln kann man noch steigern. Christian Fuchs und Ronald Mernitz werden hier ein Modell jener Trassen installieren, an denen die Tausende von Hunde im Dienste der Grenzsicherung verkümmerten. Sie ersparen dem Publikum nichts. Manche Dinge sind so abstrus, dass sie gezeigt werden müssen weil die Vorstellungskraft allein nicht ausreicht. In diesem Detail kristallisiert  die ganze Monstrosität der Grenze.

Fuchs und Mernitz konzentrieren sich auf die wenige Personen. Damit gelingt es ihnen, das System von der Entstehung bis zum Ende darzustellen und zugleich verschärfen sie damit die Aussagen über die Perfektionierung. Wo es keine Menschlichkeit gibt, ist erst recht kein Platz für Tierliebe.

Moldt komponiert seine Sinfonie der Hundearten.
Foto: TNLos!
Sie zeigen die Pole, die sich diametral gegenüber stehen. Da ist der Veterinäringenieur Schween, dessen Aufgabe es ist, für den Nachschub an Hunden zu sorgen und sein Bedarf ist groß. Aber sein Netzwerk funktioniert.

Da ist der Züchter Pandosch, der mit Schween auch ein System an Gefälligkeiten unterhält.  zu sorgen. Da ist der Grenzaufklärer und Berufssoldat Moldt, der ab 1966 das System der Trassenhunde entwarf und die Bestückung mit unterschiedlichen Hundetypen als Form der Komposition sah. Dazu gesellt sich ein Formular, dass alle Eigenschaften der Hunde normiert. Selbst das Grauen folgt eine gewissen Ästhetik.

Dann gibt es noch den Grenzaufklärer Schoschies und Wilhelm Tews. Zwischen dem Berufssoldaten und dem Grenzbewohner entwickelt sich ein inniges Verhältnis und auch gegenseitige Abhängigkeiten. Für Tews kann Schoschies mal fünfe gerade sein lassen. Es menschelt.

Mit einfachen Mittel schaffen Fuchs und Mernitz es, ein komplexes Gefüge darzustellen. So dienen  zwei Schnapsgläser als Symbole der Verbrüderung und Pilze stehen für die gemeinsamen Schummeleien. Diese Momente der Humanität sind die literarischen Augenblicke der Inszenierung und kontrastieren gekonnt die Strenge des Apparates. Ausführlich stellen Fuchs und Mernitz das Elend der Hunde dar, die den Unbillen des Wetters, der winterlichen Kälte und der sommerlichen Hitze schuldlos ausgesetzt sind

Wenn Tews aus Schoschies trifft, dann menschelt es.
Foto: TNLos!
Emotionaler Gipfle ist die Katastrophe vom Lankower See. Linientreue verurteilt hier sieben Hunde zum Tod durch Ertrinken. Doch Schoschies setzt sein Leben aufs Spiel, um wenigstens einen von ihnen zu retten. Mit der Aussage "Menschlichkeit ist doch möglich gewesen" endet das Stück folgerichtig hier.

Der Anteil  des Figurentheaters ist geringer als angekündigt. Lediglich wenn die Hunde in den Fokus treten, bedienen sich Fuchs und Mernitz der Puppen und Masken. Das überrascht auf den ersten Blick, macht aber deutlich, dass Deutschland nicht durch eine Hundegrenze getrennt wurde. Menschen haben das Ding gebaut.

Einzig mit der Altersempfehlung kann man hadern. Freigeben ist das Stück ab 14 Jahre, aber nicht jeder Teenager ist wohl in der Lage, das Gezeigte richtig einzuordnen. Aber Gekicher ist ein Indikator dafür, dass auch manch Erwachsene überfordert sind mit der Monstrosität des Gezeigten.





Theater Nordhausen #1: Der Spielplan
Theater Nordhausen #2: Das Stück

Material #1: Die Reportage im Spiegel

Partner #1: Studio 44 - Die Website
Partner #2: Grenzlandmuseum Eichsfeld

Radio Enno #1: O-Ton, Interview und Besprechung