Dienstag, 17. Oktober 2017

Nur bedingt tauglich

Das DT belebt Brechts Puntila und dessen Knecht Matti

In einer Friede-Freude-Eierkuchen-Ära unbequeme Fragen zu stellen, die Wohlfühl-Politik mit dem Thema Macht und Herrschaft zu kontern, ist grundsätzlich löblich. Das war der Ansatz von Christoph Mehler. Doch seine Inszenierung von "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Deutschen Theater in Göttingen erfüllt die selbst gesteckten Ziele nur zum Teil. Was ein Kommentar zur Zeit sein könnte, gerät über weite Strecken zur historisierenden Schaustellung.

Als das Licht angeht, geht der Blick ins Leere. Die Bühne ist komplett abgeräumt und es das Bühnenhaus ist nackt. In der Ferne baut sich der Chor auf und eine Stimme schüttelreimt den Anfang. Hier ist die Aufführung Brechtischer als Original. Die zahlreichen Nebenrollen hat Christoph Mehler in einem Chor zusammengefasst, der in vielen Stücken Brechts eine große, kommentierende und reflektierende Rolle spielt.

Noch ist der Herr bei Sinnen und bestimmt nicht
nüchtern.  Foto: Georg Pauly
Doch der Puntila-Chor hat eher den Charakter der manipulierbaren und gesichtslosen Masse. Und er ist das Werkzeug der Mächtigen, nicht zu übersehen  bei der Vertreibung des Attachées. Zumindest die Besetzung hätte dem Autor wohl gefallen. Alle 18 Chormitglieder sind Laiendarsteller.

Die Reduzierung auf die vier Personen Gutsherr, Tochter, Attaché und Chauffeur ermöglicht zwar die Konzentration auf die vier Handlungsträger, nimmt aber viele Reflexionsmöglichkeiten. Die Inszenierung gerät fast zur One-Man-Show und zum Monolog. Nur an wenigen Stellen wie der Badehaus-Szene oder der Prüfung der Eva wird die Dominanz der Titelfigur gebrochen.

Verbunden ist diese Reduzierung auch mit Brüchen im Erzählstrang. Manchmal holpert es deutlich,  der Kontext geht verloren und nicht nur das Publikum wirkt orientierungslos. Hier sollte dramaturgisch noch einmal feinjustiert werden.

Auf jeden Fall ist der Herr Puntila Gabriel von Berlepsch auf den Leib geschrieben. Er hat eine diebische Freude an dieser Rolle und gehört damit zu den Höhepunkten in dieser Aufführung. Sein Puntila ist angelegt irgendwo zwischen Nosferatu und Charles Montgomery Burns. Richtig, der Chef von Homer Simpson.

Da sind sie alle schön versammelt.
Foto: Georg Pauly
Leider ist dies die einzige Anleihe an die Jetztzeit. Optisch steckt der Rest der Inszenierung irgendwo zwischen Klassizismus und 1940er Jahre fest. Mehr Mut zur Aktualität hätte der Aufführung durchaus gut getan.

Volker Muthmann  bekommt in der Rolle des Matti nur wenig Gelegenheiten, sein Potential auszuschöpfen. Leider gerät seine große Szene, die Examierung der Eva, zu einer Orgie häuslicher Gewalt. Die kommt unmotiviert daher und liefert doch die prägnanteste Aussage diese Inszenierung. Macht basiert auf Gewalt und wer beherrscht wird, der möchte auch mal unterdrücken und sei es mit Gewalt.

Dieses System ist so allgegenwärtig und umfassend, dass man sich dem nicht entziehen kann. Deswegen bleibt Matti in dieser Inszenierung entgegen der Vorlage seinem Herren treu und verharrt im Kreislauf aus Suff, Herrschaft und Gewalt.

Die einzige Figur, zu der das Publikum eine emotionale Bindung entwickelt ist Puntilas Tochter Eva. Doch man möchte fast schon Mitleid mit Dorothée Neff in dieser Rolle haben. Schnell mutiert sie von der verzogenen Nervensäge zur echten Person und damit zur Verfügungsmasse ihres Vaters. Der reicht sie herum wie einen Strauß weißer Rosen. Letztendlich ist sie das Opfer männlicher Gewalt und ist damit die große Verliererin. Aber Neff macht diesen Prozess glaubwürdig und erfahrbar.

Bei aller Sympathie für den Versuch, die Frage nach Herrschaft mal wieder zu stellen, bleibt in dieser Inszenierung ein durchwachsener Gesamteindruck und das Gefühl, dass hier irgendwann mal der Faden verloren ging.








DT Göttingen #1: Der Spielplan
DT Göttingen #2: Die Inszenierung

Brecht #1: Leben im Exil
Brecht #2: Das Stück







Montag, 16. Oktober 2017

Eine Reise zurück in die Gegenwart

Philippe Djian liest beim Göttinger Literaturherbst

Einen Roman mit einer Vergewaltigung zu beginnen, so etwas traut sich nur Philippe Djian. Am Sonntag stellte er bei Göttinger Literaturherbst seinen Roman "Oh ..". Mit seiner Reise zurück in die Gegenwart beweist er, dass er immer noch zu den Autoren gehört, die wirklich etwas zu sagen haben.

Die zentrale Figur in einem vertüddelten Geflecht ist Michèle, eine Frau Mitte 50. Die Mitinhaberin einer Filmproduktionsfirma ist geschieden, Mutter eines Sohnes auf der Suche nach sich, hat ein Verhältnis mit Robert, dem Mann ihrer Geschäftspartnerin. Seit Jahrzehnten weigert sie sich, ihren Vater im Gefängnis zu besuchen, der einst ein solch ungeheuerliches Verbrechen begangen hat, dass Michèle und ihre Mutter lange Jahre nicht nur der sozialen Ächtung ausgeliefert waren, sondern auch im sozialen Koma lagen. In der Vorweihnachtszeit wird sie von ihrem Nachbarn vergewaltigt. Erst allmählich begreift sie, was passiert ist, und Schicht für Schicht schält sie Vergangenheit und Gegenwart frei.

Das ist die Ausgangslage in diesem Roman, der in Frankreich immerhin mit dem Prix Interallié belohnt wurde. Unter dem Namen "Elle" wurde das Werk mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle verfilmt, doch damit hat der Autor so seine Schwierigkeiten.

Die Filmpremiere liegt schon drei Jahre zurück, die Buchpremiere immerhin schon fünf und der Prix Interallié ist mitnichten eine Wald- und Wiesen-Auszeichnung. Die deutsche Erstausgabe kam seinerzeit fast geräuschlos in die Regale, die Taschenbuchausgabe folgte erst in diesem Jahr. Vielleicht liegt es daran, dass Autoren im deutschsprachigen Raum nur sehr schwer einer Schublade entfliehen können, in die sie einst gesteckt worden. Selbst dann klebt ihnen immer noch das Etikett auf der Stirn.

Das Dreigestirn: Der Autor, die Dozentin und die
Vorleserin. Foto: Kügler
Djian wird in Deutschland immer noch in die Ecke "Jugendlicher Überschwang und literarischer Roadmovie" gesteckt. Dabei liegt Zorg-Triologie schon dreißig Jahre und 25 andere Bücher zurück und außerdem geht der Mann auf die 70 zu. Damit ist er der letzte lebende Vertreter einer Generation, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts verwurzelt ist. Das Erbe der Beatniks hat er mit "Oh ..." aber in das 21. Jahrhundert hinübergetragen.

Die permanente Unterschätzung drückt auch die Unfähigkeit der Kritik aus, sich auch veränderte Situationen, auf veränderte Akteure einzustellen. Denn das alte Etikett passt nicht mehr auf diese Geschichte. Um es ganz einfach zu sagen: Djian ist gereift und öffnet sich und seinen Leserinnen und Leser neue Perspektiven. Da sollte sich auch die Kritik umstellen.

Es ist eine Mischung aus bewährt, erwartet und neu, die diese Lesung zur Überraschung macht. Sage und schreibe 17 Jahre ist Djians letztet Auftritt beim Göttinger Literaturherbst her. Doch der Mann hat deutlich gewonnen. Heißer Herbst war damals vor allem geprägt von den Verlustängsten eines alten Mannes.

"Oh .." ändert die Perspektive. Eine Frau wird zur Ich-Erzählerin. Fast schon revolutionär für einen Autor, der vielen als Dino-Saurier des Machotums gilt. Später wird Djian im Gespräch zugeben, dass er diese Perspektive bewusst gewählt habe, gerade weil sie lückenhaft bleiben muss. Als Mann könne er gar nicht wissen, was eine Vergewaltigung in allen Aspekten bedeutet.

Es entspinnt sich eine gewisse Parallelität an diesem Abend. So wird Michèle mit der häppchenweisen Verarbeitung der jüngsten Gewalterfahrung das Desaster ihrer Kindheit bewältigt, sorgt der Dialog zwischen Autor und Romanistin dafür, dass sich dem Publikum die vielfachen Ebenen von "Oh ..." häppchenweise erschließen.

Erst einen Text vortragen und dann darüber reden ist sicherlich für manche ein antiquiertes aber bestimmt kein überholtes Konzept. Selbst nicht bei Autoren, die sich einst um keine Konventionen kümmerten. Hier sorgt es dafür, dass man nicht von der Monstrosität der Geschichte überwältigt wird. Denn Michèle wird ein Verhältnis mit ihrem Peiniger eingehen.

Nein, ein Thriller sein dieses Buch nicht, betont Djian im Gespräch. Es sei eher ein Roman noir. Ja, das trifft es. Beim Lesen entstehen Bilder in schwarzweiß, die einem Film von Truffaut, Melville oder Goddard gleichen.  Was geblieben ist, ist diese lakonische Erzählweise, die reduzierte Sprache, die aber am besten geeignet ist, das darzustellen, was eine drastische Realität sein könnte.

Der Dichter hat wohl selbst
Ehrfurcht vor seinem Werk.

  Foto: Kügler
Dort, wo andere viele verbale Ranken um banale Dinge herumschmieden, lässt Djian mit wenigen Worte eine Szenerie entstehen, die man für wirklich hält und zwar bis in die verletzten Seelen seiner Protagonisten.

Der Djian-Sound ist immer noch geprägt von kurzen Sätzen, die manchmal bis ins Mark treffen und regelmäßig in ein Stakkato übergehen. Er ist ein Meister der Synkope, der Betonung außerhalb des Erwarteten. Das erzeugt die Spannung außerhalb der Geschichte.

Ein Satz und du bist mittendrin. Djian ist immer noch ein Magier des Start. Von Anfang an zieht er in den Bann oder eben nicht. Das sei auch seine Arbeitsweise. Wenn er anfange zu schreiben, dann sei dort eine Idee und der Rest komme später hinzu, erläutert der Autor. Wohl deswegen wirken Djian-Romane nicht durchkonstruiert sondern lebendig

Wie man auf diese Weise jedes Jahr einen Roman fertig kriegt, das Rezept verrät er aber nicht. Es drängt sich aber der Verdacht auf, dass Jüngere sich bei diesem Stil und dieser Arbeitsweise akuter Infarktgefahr ausliefert würden.

Aber eins verrät er noch, den Mut zur Lücke. Dabei geht nicht nur um das bereits erwähnte Eingeständnis des männlichen Unverständnis einer Vergewaltigung. Ganz bewusst lasse er Dinge aus, erzähle nicht alles bis zum Ende. In diese Lücken stößt dann die Fantasie des  Publikums vor. Djian nimmt seine Leser für voll und überlässt ihnen den letzten Schritt bei der Rezeption, anstatt alles vorzukauen. Dafür müssten die Erwachsenen ihm unendlich dankbar sein.

Denn er sei  nicht an Geschichten, nicht an Storys interessiert, die seien zweitrangig, erklärt der Meister. Entscheidend sei die Darstellung. Aus dem Rockstar des Literaturbetriebs ist der Erhabene, der Formverliebte geworden. Das kann man glauben, muss man aber nicht.  Auf jeden Fall ist der Franzose in diesem Jahr zum Ehrengast der Frankfurter Buchmesse geworden. Das wäre vor 30 Jahren undenkbar gewesen. Es wird nicht ganz klar, wer hier mehr an der Legendenbildung beteiligt ist. Literaturbetrieb als Integrationsmodell. Das enfant terrible ist  zum Monument geworden, aber nicht versteinert. Trotzdem gleitet der Abend gelegentlich in die Huldigung ab.

Um dies zu untermauern schiebt Djian hinterher, das der Kern von "Oh ..." nicht die Vergewaltigung sei sondern die Störung des Lebens, das invasive Ereignis und dessen Folgen. Die Kontrolle über das Leben zurückzugewinnen das stehe im Vordergrund. Wichtig für seine Figur der Michèle sei auch, ob man noch in der Lage sei etwas Verrücktes zu tun. Dabei gerate das Alter in den Hintergrund, bemüht er ein Stereotyp.

Je länger der Abend dauert, desto eloquenter wird Djian. Der angry old man mutiert  immer mehr zum geistreichen Plauderer. Das Publikum profitiert davon, denn es öffnen sich immer Tür zum Verständnis dieses Buches

Nach anderthalb Stunden bleiben keine Fragen mehr offen und in die Lücken, die dann doch bleiben, kann die Fantasie der Zuhörerinnen und Zuhörer stoßen. Auf jeden Fall bleibt die Erkenntnis, dass sich Djian neu erfunden hat und damit noch wertvoller ist als je zuvor.





Göttinger Literaturherbst #1: Das Programm

Philippe Djian #1: Die Biographie
Philippe Djian #2: Das Buch





Dienstag, 3. Oktober 2017

Ein leichtes Spiel für Jago

"Otello" am Theater Nordhausen zeigt Studie eines rasanten Verfalls

Zum 100. Geburtstag hat sich das Theater mit Verdis "Otello" mit einer Ausstattungsoper erster Güte selbst beschert. Die Inszenierung von Anette Leistenschneider pflegt die traditionelle Aufführungspraxis und erfreut die Freunde werkimmanenter Interpretationen. Unter der Leitung von Michael Helmrath zeigt das Loh-Orchester eine begeisternde Leistung, die alle Anforderungen übererfüllt.

Musikalisch packt Verdi in diesem Spätwerk alles aus. Die Arbeit an seine Wunschprojekt beginnt er 13 Jahre  nach der Uraufführung der Aida. Das liegt auch daran, dass Arrigo Boito ein Liebretto vorlegt, dass Shakespeares Werk noch einmal straffte. Konzeptionell bedeutet diese Oper für Verdi einen weiteren Schritt nach vorn. Mit Otello wendet sich der Komponist endgültig von der Nummernoper ab und legt ein Stück aus einem Guss vor, durchkomponiert von der ersten Note bis zum traurigen Ende

Die Ouvertüre ist klanggewaltig. Sie lässt einen gewaltigen Sturm über das Publikum hinwegbrausen, begleitet vom Chor. Das Loh-Orchester nutzt gleich die erste Chance, um die eigene Klasse unter der Leitung von Michael Helmrath unter Beweis zu stellen.

Orchester und Chor harmonieren hier wunderbar. Jeder lässt den anderen dem Raum, den er benötigt. Das war in Nordhausen nicht immer so und somit ist die neue Harmonie ein weiteres Indiz für die positive Entwicklung, die das Orchester unter Helmrath gemacht hat.

Das Gift der Verleumdung: Jago hat
Otello fest in der Hand. Foto: TNLos! 
Überhaupt kommt hat Verdi dem Chor in diesem Werk eine tragende Rolle zugeschrieben. Markus Popp ist es gelungen, Opernchor, Extrachor und Kinderchor zu einer Einheit zusammenzufügen und  somit eben jenen hohen Anforderungen mehr als gerecht zu werden.

Wie schon an anderer Stelle mehrfach ausgeführt, dürfte auch dieses Stück nicht "Otello" heißen, sondern "Jago". Der Enttäuschte wird zum Intriganten, zum Strippenzieher und Lenker. Die Inszenierung von Anette Leistenschneider bleibt dieser Sichtweise treu und liefert damit ein feines Psychogramm des Perfiden und des Abhängigen. Es ist eine Studie darüber, wie schnell Hierarchien kippen können. Mit Krum Galabow hat sie dafür die passende Besetzung gefunden.

Der Bariton bietet eine erstaunliche Spannweite. Er beherrscht die leisen, schmeichelnden Passagen ebenso wie den Zorn in der "Credo in un Dio"-Arie. An Schluss des zweiten Aktes ist er die treibende Kraft im "Si, pel ciel marmoreo giuro!"-Arie.

Auch darstellerisch weiß Galabow als Jago zu überzeugen. So hat er Michael Austin in der Titelrolle einiges voraus. Dessen Mimik bewegt sich meist im Bereich zorniger junger Mann. In der Rolle es Otello hat Verdi den "tenore di grazia" mit dem "tenore di forza" und dem Spintotenor zusammengefasst. Leider legen Leistenschneider und Austin den Schwerpunkt aber eindeutig auf den Heldentenor. Das nimmt der Inszenierung einige Entwicklungsmöglichkeiten. Damit ist der dramaturgische Weg vorgezeichnet. Der seelische Verfall des einstigen Helden findet in wenigen Sekunden statt, in zu wenigen.

Eine echte Entdeckung dieser Inszenierung ist Kyounghan Seo in der Rolle des Cassio. Sein Tenor ist jugendlich und forciert und zeigt doch Lyrik an den Stellen, an denen sie erforderlich ist. Dazu kommt ein Spiel, das durchaus schon als ausgereift gelten kann.

Hätte Desdemona einst so gesungen, wie Zinzi Frohwein in dieser Aufführung, da wäre ihr das finstere Schicksal erspart geblieben. Wer beim "Piangea cantando nell'emma landa"-Solo nicht dahin schmilzt, der hat kein Herz und sollte mit Jago eine Selbsthifegruppe eröffnen.

Hier wird gleich gestorben.
Foto: TNLos!
Wie in der bisherigen Adaption lebt auch diese Inszenierung von Kontrast zwischen dem absoluten Bösem verkörpert in Jago und reinen Unschuld der Desdemona. Madonnenhaft gleitet Frohwein über die Bühne, allgegenwärtig steht die Figur am rechten Bühnenrand und für alle, die es immer noch nicht verstanden haben, lassen Verdi und Leistenschneider eine Mutter-Prozession über die Bühne ziehen.

Aber diese Aufführung eröffnet auch eine neue Perspektive. Der Konflikt zwischen dem tobsüchtigem Otello und seiner ahnungslosen Gattin ist ein Paradebeispiel häuslicher Gewalt. Leider  wird dieser Aspekt nicht gänzlich ausgearbeitet.

Die Kostüme von Anja Schulz-Hentrich tragen dazu bei. Wallende Gewänder wie man sie sich vor 100 Jahren für die aufkeimende Neuzeit vorgestellt. Die Männer in Leder gekleidet, die Dame des Hauses in Samt und Brokat. Fast könnte man denken, das Theater Nordhausen hat sich zum 100. Geburtstag eine Oper geschenkt, die man auch zur Eröffnung gern gesehen hätte.

Schade, etwas mehr Mut zur Jetztzeit hätte die Inszenierung aus dem Historismus geholfen. Aber auf jeden Fall bleibt eine Inszenierung, die mit Farbenpracht und eindrucksvollen Massenszenen die Freunde traditioneller Aufführungen mehr als zufrieden stellt.




Theater Nordhausen #1: Der Spielplan
Theater Nordhausen #2: Die Inszenierung


Verdi #1: Die Biografie
Verdi #2: Otello - Die Oper

Dienstag, 12. September 2017

Mehr als schöne Bilder

Ein Telemann-Ballett am Theater für Niedersachsen

Lauter Amateure und trotzdem ein ambitioniertes Tanzprojekt. Kann das klappen? Ja, das kann. Dies zeigt zumindest der Ballettabend "Kann man das tanzen?" des Theaterpädagogischen Zentrum Hildesheim am Theater für Niedersachsen.

250 Jahre ist Georg Philipp Telemann nun also schon tot. Das muss man irgendwie feiern. Also ist das Tanztheater zu Telemanns "Auferstehung und Himmelfahrt" der Hildesheimer Beitrag zum Gedenkjahr. Ohne seine Hildesheimer Erfahrungen und die Förderung vor Ort wäre Telemann wahrscheinlich nie Profi-Musiker geworden. Da entbehrt es nicht einer gewissen Spitzfindigkeit, ihm mit einem Amateurprojekt zu ehren.

Grundlage des Oratoriums "Auferstehung und Himmelfahrt Jesu" ist ein Libretto von Karl Wilhelm Ramler, das in die empfindsame Phase fällt. Durch Telemanns eigene Dramatik erfährt es eine deutliche Aufwertung, die durch filigrane Tonstrukturen kontrastiert und aufgebrochen wird. Nicht umsonst gilt er damit als musikalischer Maler. Weil er sich von den Vorgaben der Lehrmeister löste, ist er ein wichtiger Impulsgeber für die Barockmusik.
Doch, die können tanzen. Foto: Harald Kiesel

Mit den zahlreichen Rezitativen und Unterstreichungen und Wiederholungen schafft Telemann hier eindrucksvolle Stimmungen. Die Capella Principale unter der Leitung von Jochen M. Arnold schafft es, eben diese feinen Strukturen hörbar zu machen und eben auch jene ganze Vielfalt in diesem einen Werk zur Geltung zu bringen.

Besonders die Streicher mit Miriam Risch und Constanze Winkelmann begeistern mit einem klaren Spiel. Gleiches gilt für Brian Berryman und Marion Schack an den Flöten. Aber das Ensemble überzeugt vor allem mit einer klaren Mannschaftsleistung.

Dagegen geraten die Solisten von Gli Scarlattisti leider manchmal in den Hintergrund. Gelegentlich fehlt es einfach an Volumen. Nur im Chor können sie durchgängig durchdringen.

Überraschend gut sind die vierzig Laientänzer. Die Choreographie ist eine Gemeinschaftsproduktion von Uta Engel, Judith Hölscher und Nicole Pohnert. Sie wissen die Fähigkeiten und Mittel ihrer Darsteller genau einzusetzen, denn von Amateuren kann man einfach keine passgenauen Pirouetten und Spitzentanz erwarten. Also verbleibt die Choreographie zumeist am Boden und baut auf die Ausdrucksmittel des Modern Dance. Gerade die Massenszenen sind ausdrucksstark und eindrucksvoll.

Der Heilige Geist wird ausgeschüttet.
Foto: H. Kieser 
Dennoch entstehen beeindruckende Bilder. Schon der Einstieg mit dem Zug der Zahllosen durch den Bühnennebel sorgt für das erste Staunen. Fast unbemerkt wird der leichnam Jesu Christi im Hintergrund über die Tanzfläche getragen. Man muss also durchaus auf die Details achten.

Überhaupt ist das Lichtdesign von Jörg Finger ein bestimmender Teil der Inszenierung. Er setzt nicht nur Punkte, sondern macht das Licht sogar zum Handlungsträger.  Tänzer und Licht treten mehrfach in einen Dialog, so bei der Ausschüttung des heiligen Geistes.

Ohne Solisten baut die Choreographie vor allem auf die Mannschaftsleistung und gemeinsam hinterlässt das Ensemble bleibende Eindrücke. Dabei setzten sie auf eine verständliche Sprache und nachvollziehbare Aussagen. Der Reiz dieser Choreographie liegt in der Konzentration auf die einfachen Mittel. Das wird besonders nach Arie 4 und der Öffnung des Grabes deutlich.

Was aber so einfach erscheint, ist bis ins Detail durchdacht. Mit ihrer Ausstattung und dem Kostümwechsel unterstreicht Anne-Katrin Gendolla den Wandel von der tieftraurigen Grablegung an Ostern zur optimistischen Zusammenkunft der elf überlebenden Jünger zu Pfingsten.

Auch wenn es ein Abend der Smartphones und mitfilmenden Verwandten war, haben sich alle Beteiligten den tobenden Applaus verdient.




Darsteller #1: Das TPZ Hildesheim
Darsteller #2: Das Projekt

Gastgeber #1: Das Theater für Niedersachsen

Der Komponist #1: Georg Philipp Telemann bei wikipedia
Der Komponist #2: Die Zeit in Zellerfeld und in Hildesheim


 



Dienstag, 29. August 2017

Einfach kolossales Theater

Das Théâtre La Licorne überwältigt mit Spartacus

Dieses Stück sprengt alle Ketten. Mit "Spartacus" zeigte das Théatre La Licorne ein Werk, dass die Grenzen zwischen den Genres aufhebt. Es ist ein wenig Oper, ein wenig Pantomime und auch Figurentheater. Aber vor allem ist es ein Stück, das optisch und inhaltlich überwältigt und Bilder produziert, die in Erinnerung bleiben.

Ausgangspunkt ist eine historisches Ereignis. Im Jahre 73. v. Chr. führt der Gladiator Spartacus einen Aufstand von Sklaven an, der die späte römische Republik an den Rand ihrer Existenz bringt. Schließlich findet diese Revolte auch unter den verarmten Freien seine Anhänger und wendet sich so gegen das System. Doch nach taktischen Fehlern und nach Verrat siegt zum Schluss die römische Übermacht.

Erzählt wird diese Geschichte der Hoffnung und des Scheitern in sieben Szenen, die monumental sind und voller Anspielungen und voller Symbolik stecken. die aber doch auch eine eigen Lyrik, Komik  und Poesie zeigen. Seit 28 Jahren beschäftigt sich die Kompagnie mit Figurentheater und mit Objekttheater. Es scheint, als sei "Spartacus" zum einen der Extrakt der Erfahrungen. Zum anderen ist es ein klares Konzept voller bezaubernder und überzeugender Ideen und Einfälle.

Dies beginnt mit der Spielstätte, die das Ensemble selbst mitbringt. Gespielt wird in einer Miniaturversion des Kolosseums. Links und rechts der Portale finden etwa 150 Zuschauer auf Holzbänken in drei Reihen Platz. Die Enge steigert die Intensität des Spiels. Niemand kann sich dem Treiben entziehen und phasenweise wird das Publikum Teil der Darstellung.

Riesig groß trifft auf winzig klein.
Foto: Théâtre La Licorne
Wie einer römischen Arena  üblich, ist der Boden mit Sand bedeckt. Im Laufe der Aufführung wird er mit reichlich Theaterblut getränkt. Senator Crassus betritt den Portikus und die Spiel können beginnen. Er singt das Lied vom Glanz Roms und zum Ausruf  "panem et circenses" wirf er Brot ins Publikums. Nicht jeder im engen Rund versteht dies.

Bisher konventiolles Schauspiel betreten nun die Wagenlenker die Szenerie und führen ein neues Element ein: Die Figuren. Sie schieben Blechmodelle von Streitwagen vor sich. Es quietscht und rappel und dreht sich doch. Überhaupt ist die Optik dieser Inszenierung vom Eisen bestimmt, dem Werkstoff, auf dem das römische Imperium gebaut wurde.

Das erste "Oh" gibt es beim Kampf des Gladiators gegen den Löwen. Der Kämpfer ist eine winzige Figur, hinter dem Löwen stecken zwei Darsteller. Es schleppert und klirrt und trotz des spröden Material entwickelet sich ein rasantes Spiel. Der  Gladiator fällt und steht wieder auf. Er kämpft um sein Leben, dabei es ist von Anfang an klar, dass er nicht gewinnen kann. Da können noch so viele Daumen im Publikum nach oben gehen, Crassus hat entschieden, dass der Mann sterben muss.

Spartacus muss gegen den Elefanten kämpfen und das technische Erstaunen darüber, welche Dimensionen und welche Beweglichkeit in solch einer Figur stecken kann, wird von der Verzauberung über die Ausdrucksstärke dieser Mischung begleitet. Damit kann das Ensemble sogar komische Momente erzeugen. Dazu sicherlich Szene zwei, als die Senatoren in der Therme die Geschäfte des Staates untereinander aushandeln. Dabei die Kompagnie kann auch Momente tiefer Verzweifelung darstellen, als das Heer der Sklaven dem Hungertod ausgeliefert scheint. Das Publikum ist einen Wechselbad aus Lachen,. Mitleid, Staunen und Erstarren ausgesetzt. Unberührt bleibt niemand.

Auf alle Fälle ist jeder Moment ein Moment voller Bilder, die beeindrucken und bleiben. Es ist auch ein Spiel mit Symbolen, die gedeutet werden müssen. Immer wieder tauchen Vögel in unterschiedlichen Gestalten auf. Sie stehen für Hoffnung, römischen Aberglauben, aber auch für das römische Herr. Wer die Zeichen lesen kann, hat mehr davon. Man muss es aber auch nicht.

Die Syrer ziehen ihre Schiffe zurück, damit ist die
Niederlage besiegelt. Foto: Théâtre La Licorne
Und dann sind da Hunderte von Füßen, die für die zahllosen Sklaven stehen. Als Spartacus sie auf einem breiten Band durch die Arena in die Freiheit führt, herrscht Schweigen im Rund. Betretenes Schweigen herrscht, als der römische Feldherr nach der Spartacus'  Niederlage diese Füße im blutgetränkten Sand entsorgt und die Überlebenden die Überreste entsorgen müssen, um den Siegern den Weg zu bereiten.

Die Inszenierung verzichtet weitestgehend auf das gesprochene oder gesungene Wort und dort wo es zur Geltung kommt, ist es französisch, logisch. Für die Aufführung in Northeim wurden deutschsprachige Sprengsel eingestreut. Darauf hätte man verzichten können, denn die Darstellung ist so eindeutig und eindrucksvoll, dass man sie auch im Original verstünde.Jede Szene wirkt, weil sie reduziert und damit wirken lässt. Was fehlt, dass darf sich das Publikum dazudenken

Es ist diese Mischung aus einfachsten Mitteln, Symbolen und ausgereifter Technik, die so archaisch erscheint, die dieses Werk so eindrucksvoll macht. Schließlich geht es ja um etwas ganz archaische Dinge: Die Freiheit und die Würde des Menschen und der Kampf gegen Unterdrückung. Damit ist es kein Historienstück, sondern eine Inszenierung, die immer aktuell bleiben wird. Als Crassus sich im Gehen an das Publikum und fragt, ob hier noch ein Spartacus anwesend sei, schwillt der Kloß im Hals blitzartig an.





Theatre La Licorne #1: Die offizielle Website
Theatre La Licorne #2: Spartacus - das Stück

Theater der Nacht #1: Die offizielle Website

wikipedia #1: Spartacus - die Biographie
wikipedia #2: Der Aufstand




Montag, 14. August 2017

Musik einfach fantastisch

Staatsorchester Braunschweig verzaubert das Theaternatur-Festival



Ein Sinfonieorchester auf der Waldbühne in Benneckenstein. Kann das funktionieren, kann das überhaupt klingen? Ja, das kann und am Sonntag hat es wunderbar funktioniert und zauberhaft geklungen. Mit dem Konzert „Hexenwerke“ verzauberte das Staatsorchester Braunschweig das Publikum beim Theaternatur-Festival. Alle widrigen Umständen zum Trotz.

Die bestanden einzig im Wetter. Zum Konzertbeginn waren die Temperaturen derart in den Keller gerauscht, dass das Ensemble um die wertvollen Instrumente fürchtete. Deswegen wurde das Programm umgestellt und gekürzt. Das Wetter war wohl auch für den überschaubaren Zuspruch verantwortlich. Um eine Floskel zu bemühen: Jeder, der nicht da war, hat was verpasst.

Die technische Frage zuerst: Im Klangbild gab es keine Abstriche. Ganz im Gegenteil. Auf der Naturbühne unter dem Blätterdach gibt es nichts, was mitschwingt, verstärkt oder ablenkt. Es ist ein puristischer und klarer Klang, der das Publikum von Anfang an in den Bann zog.

Leider war das Gast-Musiker-Verhältnis fast 1:1.
Fotos: Kügler
Anders als angekündigt macht die „Fantastische Sinfonie“ von Berlioz den Auftakt. Bevor die Temperaturen eine Aufführung endgültig verhindert, will das Ensemble das Hauptwerk des Abends vollendet haben.

Die "Symphonique fantastiue" ist ein revolutionäres Werk, dass an der Schwelle zwischen Romantik und Programm-Musik steht. Der Romantik bleibt es mit seinen traumhaften Themen verhaftet, in die Programm-Musik gehört die durchgängige Geschichte, die der Komponist hier erzählt.

Mit diesem Werk hat Hector Berlioz nicht nur das Leitthema in die Musik eingeführt. Immer wieder taucht die "Idée fixe",  hier als die Geliebte, in zahlreichen Variationen auf, bis sie verzerrt in einem gigantischen Finale im Wahn zerfällt. Der Traum ist ausgeträumt und am Ende bleibt eine schale Tanzweise.

Berlioz hat auch den Klangraum des Orchesters erweitert und das Ensemble zum Akteur gemacht. Der Klarinettist wird die Bühne verlassen, um den Dialog der Hirten sichtbar zu machen. Vier Pauken kündigen das Unheil an, Glockenspiele symbolisieren das kalte Metall des Fallbeils. Mitte des 19. Jahrhunderts war dies eine Revolution. Der Franzose nimmt vieles vorweg, was man leichtfertig Richard Wagner zuschreibt.

Ein Ensemble muss schon ein gesundes Selbstbewusstsein mit sich bringen, um sich der Herausforderung „Fantastische Sinfonie“ zu stellen. Das Werk stellt höchste technische Anforderungen an die Musiker, vor allem an die Streicher. Tempi-Wechsel reihen sich aneinander und erfordern auch schnelles Umschalten im Spiel.

Streicher und Bläser befinden sich im ständigen Dialog. Für die Laien kommen die Übergänge plötzlich, immer wieder tun sich neue Perspektiven auf. Alles klappt brillant. Dirigent Christopher Hein hält das Tempo hoch und trotzdem überfährt er das Publikum nicht. Alles bleibt transparent und erhörbar.

Die Dunkelheit verwandelte die Waldbühne in einen
mystischen Ort.
Es ist geht nicht nur um Technik. Trotz der erdrückenden Thematik und des monumentalen Finales ist Sinfonie ein Werk, dass von einem filigranen Klangbild geprägt ist. Die Dominanz der Streicher ist gebrochen und andere kommen auch zu ihrem Recht. Mit immer wieder überraschender Instrumentierung öffnet Berlioz Klangräume, die es zuvor nicht gegeben hat.

Diese Durchmischen der musikalischen Farben erledigt das Staatsorchester mit meisterlicher Hand. Es scheint, was ob jeder Ton, und sei er noch so klein, zur Geltung kommt. Dies wird mit Applaus nach jedem Satz reichlich belohnt. Natürlich gibt es viel Beifall zur Pause.

Damit hatte das Publikum das Ensemble wohl weich geklopft. Denn trotz weiterhin fallender Temperaturen spielte es noch die Ouvertüre zum Freischütz, wohl der deutschesten aller Opern. Das Staatsorchester Braunschweig setzte seine Meisterleistung aus dynamischen Spiel und transparenten Klangbild fort.

Vielleicht war diese Reihenfolge sogar die bessere Variante. Denn die mythengeladenen Musik von Weber ging nur eine Symbiose mit der Nacht, die die Waldbühne in Dunkelheit tauschte. Das Scheinwerferlicht formte das Blätterdach zur Höhle und die Lichtinstallationen im Wald erweiterten die Spielfläche optisch. So entstand ein audio-visuelles Gesamtwerk, das durch auch den Titel "Hexenwerk" verdient hat.

Unabhängig von der Musik machte sich die Fantasie eines jeden Zuhörer allein auf die Reise. Geplant oder nicht, ergaben sich Bilder, die in Erinnerung bleiben werden. Geplant oder nicht, aber zum Träumen und Nachdenken anregen, das ist kulturelle Höchstleistung.


Damit das Publikum aber mit dunklen Gedanken den Heimweg durch den finsteren Forst antreten musste, gab es spontan als Zugabe von einen Strauß-Walzer oben drauf. Soviel Abweichung muss sein.    







Theaternatur-Festival #1: Die offizielle Website
Theaternatur-Festival #2: Der Auftritt bei facebook



Staatsorchester #1: Die offizielle Website
Staatsorchester #2: Der Eintrag bei wikipedia
Staatsorchester #3: Die Braunschweiger im Kloster Walkenried








Dienstag, 8. August 2017

Eine ziemlich genaue Studie



Liebetruth inszeniert eine beklemmende Hexenjagd

Dem Status des Geheimtipps ist das Theaternatur-Festival in Benneckenstein längst entwachsen. Jetzt setzt Leiter Janek Liebetruth noch eins drauf. Mit "Hexenjagd" von Arthur Miller legt er als Regisseur eine großartige Inszenierung vor. Ihm gelingt es zum Kern der Massenhysterie vorzudringen. Wenn es so weiter geht, dann wird das Festival auf der Waldbühne bald zum Pflichttermin für zeitgenössisches Theater.

Miller veröffentlichte sein Werk über eine Massenhysterie in Neuengland 1692 im Jahre 1953. Damals wütete in den USA der Ausschuss für unamerikanische Untriebe unter dem Senator Joseph McCarthy. Künstler, Intellektuelle und Gewerkschafter standen unter dem Generalverdacht, Propaganda für die kommunistische Partei zu betreiben. Viele angeklagte wanderten ins Gefängnis, selbst Größen wie Charlie Chaplin wurden aus dem Land getrieben.

Mit "Hexenjagd" übte Miller deutliche Kritik an der Zeit. Die Parallelen zu jenen berüchtigten Prozessen im puritanischen Neuengland des 17. Jahrhunderts  waren offensichtlich. Neid und Missgunst und eine Verleumdung reichten aus, um unbescholtene Menschen auf das Schafott zu bringen und Familien ins Elend zu stürzen.

Liebetruths Inszenierung macht deutlich, dass es die Zeit nicht die Rolle spielt. Es braucht nur eines Klimas der Verunsicherung und der Angst, um Dinge in Gang zu setzen, die schnell außer Kontrolle geraten. Ob nun 17., 20. oder 21. Jahrhundert, die Mechanismen sind die gleichen. Goethes Weisheit von den Geistern, die man rief, drängt sich auf.

Nathaniel ist eine begnadeter
Einschmeichler. Fotos: Schabert
Personifiziert ist dieser Kontrollverlust in der Rolle von John Hale. Vom Hexenverfolger wandelt sich der Pastor zum Bremser, doch der Zug ist schon zu schnell, um noch gestoppt zu werden. MIt ihm scheitert der gesunde Menschenverstand und die christliche Barmherzigkeit.

Treffend verkörpert wird Hale von Gerrit Neuhaus. Letztes Jahr noch als Wüterich in Schillers Räubern unterwegs, setzt er in dieser Aufführung vor allem die leisen Töne. Mit zurückhaltenden Gesten, schmalen Körper und gezielter Sprache sorgt er für die Achtsamkeitsmomente in dieser Inszenierung. Jedes Wort ist wohl gesetzt und wichtig.

Überhaupt ist diese Inszenierung Sprechtheater im besten Sinne. Liebetruth legt den Schwerpunkt auf das gesprochene Wort und verzichtet auf Aktionismus. Selbst in den dramatischen Szenen erspart er dem Publikum überflüssige Hektik. Damit setzt sich diese Inszenierung einen Kontrapunkt zu den hyperaktiven Räubern des Vorjahres.

Überhaupt zeigt sich Liebetruth als Meister der Raumaufteilung. Jeder steht dort, wo er oder sie hinzugehören scheint. Die Darsteller gliedern den großen leeren Raum, sie schaffen Übersicht und Fronten und positionieren sich wie die Figuren eines Schachspiels.

In diesem Spiel kommt John Proctor die Rolle des weißen Königs zu. Wertefest und linientreu wird er von Philip Wilhelmi auf die Bühne gebracht. Die selbstbewusste Haltung mit raumgreifenden Gesten wird im Laufe der Aufführung immer kleiner und der Zusammenbruch in der vorletzten Szene macht seine Niederlage um so deutlicher. Nur die feste Stimme steht noch für die Überzeugung.

In der Rolle das Nathaniel Williams ist Karl Schaper Gegenpol und Widerpart. Mit dem Austausch der Abigail durch eben jenen Nathaniel zieht Liebetruth ein zusätzliche dramatischen Ebene ein. Die homoerotische Beziehung zwischen Proctor und Williams verleiht dem Stück wieder jene Brisanz, die es einst in den prüden 50-er Jahren hat. Zudem wird das Dilemma, vor dem Proctor steht, noch umso größer und seine Beichte echter. Doch dieser Befreiungsschlag geht ins Leere.

Aber der junge Mann ist alles andere als ein Sympathieträger und Schaper kann dies bestens umsetzen. Unsteter Blick, eingezogene Schulter und eine Stimme stets an der Grenze zur Hysterie zeigen die Anspannung des Intriganten, der weiß, dass er Falsches tut aber nicht anders kann.
Die Beziehung von John Proctor und Nathaniel
Williams ist nicht konfliktfrei. Fotos: Schabert

Das Bühnenbild von Hannes Hartmann wirkt auf den ersten Blick recht reduziert: Ein grau-braune Spielfläche, die mit einen weißen Keil asymmetrisch geteilt ist. Darauf lediglich ein paar orange Plastikstühlen, ein Tisch und ein Schreibtischsessel. Wer diesen besetzt, der ist im Besitz der Macht, hat das Heft des Handelns in der Hand.

Die Rückwand dient als Projektionsfläche für Twitter-Kommentare und Fake-News. Das Internet ist vom Vorreiter der Aufklärung in den 1990-er Jahren zur Hetzmaschine der 2010-er Jahre geworden. Liebetruth macht die Motive und Mechanismen der Verleumdung deutlich und zeigt, dass die Postmoderne noch perfidere Mittel als die Vergangenheit.

Diese Rückwand trägt wesentlich zur Dramatisierung bei. Nach dem ersten Akt rückt sie nach vorne, verengt den Spielraum deutlich und sorgt für Beklemmung. Gleiches gilt für den Schluss des zweiten Aktes, es wird noch enger. Als Ende der Aufführung die Situation außer Kontrolle gerät, steht die Rückwand der Rampe und schubst Darsteller und Requisiten in den Abgrund. Einfach ein starkes Bild.








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